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Clemens J. Setz
Söhne und Planeten

Kuben der Angst

Clemens J. Setz | Söhne und Planeten
Clemens J. Setz
Söhne und Planeten
Roman
Residenz Verlag 2007

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„Nichts bleibt für lange Zeit unversehrt.“ Sagt René Templ, als Schriftsteller gestrenger Logiker, als Vater des achtjährigen lungen­kranken Kevin ein Verantwortungs-Scheusal und seiner umziehwilligen Frau Jacqueline feige flüchtender Fremdgeher. Auch gegenüber Natalie fühlt er sich – zu einer Handpuppe mit monströsem Kopf – schrumpfen, wie er und jeder baut sie „einen soliden Kubus um sich und legt ein paar Kommunikationskanäle zu den anderen. Mehr gibt es nicht.“ Am Landhausabschiedsfest eines alten Dichters lernte er Karl Senegger kennen, der ihn beauftragte, das Manuskript seines im Freitod geschiedenen Sohnes Victor zu lektorieren. Diese Hinterlassenschaft zirkuliert nun zwischen Senegger, Templ und einem Verleger, wie sie in Victors Person durch Clemens J. Setz' für den „aspekte“-Literatur­preis 2007 nominierten Roman beleuchtet, vernichtet, hochgehalten wird.

Das über vier Novellen sich aufspannende Planetensystem aus Söhnen, selbsthypnotischen Literaten und Vätern (und malträtierten Müttern) fügt sich erst gegen Buchende hin zu einer Gesamtheit vulgo Roman, wo es heißt, dass Victor demnächst ein Buch mit vier zusammenhängenden Novellen veröffentlichen werde. Da hat sich (oder ist?) – wie wir aus verschiedenen Perspektiven peu a peu und quer jede Erzählchronologie erfahren – der angstbesetzte Jungautor nach einem heftigen Streit mit seinem krankhaft eifersüchtigen Vater aus dem Fenster gestürzt und ist seinen Kopf­verletzungen erlegen. „Es ist wahrscheinlich eine Folge der veruntreuten Jugend, wenn man selbst allmählich zur kritischen Rahmenhandlung einer Reihe unbedeutender Ereignisse wird“, lässt ihn („V.S.“) Setz in einem der Kapitel eröffnenden Kursivzitate konstatieren. Templ, vierundzwanzigjähriger Sohn eines sinnestumben Gewaltfantasten und eitler Jungstern einer im Swimmingpool weltabschätzig und altersmüde dozierenden Versexperten- und Mentorenpartie, fürchtet wie Victors asthmatischer jüngerer Bruder und die ehemaligen Freunde Jan und Thomas dessen Begräbnis. So besuchen sie sich, reichen zumeist textliche Reliquien des Verstorbenen weiter und entwirrend betrauernd einen Menschen, der sich in ihnen festzusetzen wusste – nicht zuletzt in der nunmehr in einer betreuten Wohnung ohne Sohn irrlichternden Künstlerin und Verlobten Victors, Nina.

Diese von zärtlicher Empathie und Sanftmut getragenen, je kurzen Begegnungen sind es, die im Bündeln psychischer Verletztheit eine emotionale Kohärenz zwischen den geometrisch gefassten vier Erzählungen erzeugen, in denen Setz sich vor Zuneigungsgefühlen an ihre literarischen und musikalischen Leitsterne (Canetti, Nabokov, Steve Reich, Schubert etc.) bindende, früh verhärmte Intellektuelle seziert, die in eindringlich geschilderten Pool-Szenen zwischen Jugendneid und Alterserotik changierend in krude Philosophien fliehen, während die Spätadoleszenten ihren Gefühlsrückstau gegebenenfalls in Oralfickszenen stumpf inszenieren. Die Kinder im Roman staffiert Setz (selbst-)ironisch mit altersinadäquaten Zügen aus, die zwangsweise jedem eine Vaterrolle oktroyieren. Mit seinen literarischen Identitäten spielt der auktoriale Erzähler, mengt ihnen überreifes Wissen und bisweilen hypertrophe Werthaltungen bei – Mütter sind dann „Balsam der Kultur“, Sinn „die männliche Leidenschaft“ –, lässt sie im Rollentausch Bildungs- und Religionsdiskurse praktizieren, die vielen Autoren in Geschwätzigkeit absackten.

Der nachhallende Debütroman des jungen Grazer Autors Clemens J. Setz überzeugt in seinem strengen Formgefüge als eine darin variationsreiche Komposition aus dem Zitatengesang eines zwischen erotischer Trug und Systemerhaltungsimpotenz irrenden Bildungsbürgertums, kühler bis poetischer Philosophie und herbem Vätergemahnen.
Clemens J. Setz, geboren 1982 in Graz, studiert seit 2001 Mathematik und Germanistik und veröffentlichte in Literaturzeitschriften (u. a. manuskripte) und Anthologien. Sein Roman Söhne und Planeten ist seine erste eigenständige Buchveröffentlichung und wurde für den aspekte-Literaturpreis 2007 nominiert.
Der Autor beim Residenz Verlag

Roland Steiner   02.01.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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