POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 
Roland Steiner

(Curcios) Schnittkunde

Noch ruft nach ihm jenes andere, aus unberuhigten Körperteilen vermutlich. In dieser wie ferne Kinderspiele am Meer einigenden Luft tauchen Glasschälchen auf, Miniaturkelche aus Helle, in hellem Blau vielleicht, aus dem Erdsteg eine Versuchung nach nie erfolgter Suche. Er hat fremde weiße Haare auf den Schädeldachnarben kleben, darüber und seitlich noch mit sehnensembryonalen Schwingen gesäumte Federn, keinen Festkörper in sich. Lose Häppchen Luft isst er mit nassem Käse wie Freude mit Leere. Unter den Zehenballen heizt ein unbekannter Kies, vor 32 Jahren blutbefleckte Körner auf vorbestimmter Fläche. Er stottert tollweiß die ersten Ws von Fragen an den gestauten Strom, der noch als wirrer Bach ihm die Dürre nicht bekämpft. Wasser, sagt er, Wasser wollte es. Von seinen Haarwellen zeichnet ein körniger Luftschwall unbetanzte Haut und ein Ω.

Das Messer ist schräg hinter dem Kopf angesetzt worden und hat die ganze Seite längs und das mit schwarzen Fettstiften abgegrenzte Feld aufgeschnitten, der Rücken ist entlang des Grates von den Wirbeln gehoben, der Rumpf gewendet und von den Innereien geschnitten worden, Blutzuläufe sind mit einem flachen Messer von den Organen getrennt, deren Quellwolken zerstoben, alle Abnormitäten sind aus dem Fleisch gezupft und der Saum ist abgetrennt worden, die stecknadelkopfgroßen Samenkörper geröstet und hernach in einem Mörser zerstoßen. Während der so von ihm konzipierten, gänzlich anders ausgeführten Operation, zu der er sie, die anderer Ausrichtung und Meinung, im Leben eingerichtet waren, umstimmen musste, haben sie getönt in schrillem Diskant. Und er hatte drei Sessel fixiert, deren Sitz- und Lehnflächen, von Bananenblattgeflechten überspannt, aus sonnensaftigem Hartplastik waren, und wie deren gebogene Armstütz­gestänge aus himmeltief weißen Ellen ihn fixierten. Sie waren unbesetzt. Zwischen den im Nicht-Eifer verschworenen Operateuren standen fein gerasterte gläserne Trennscheiben, über ihnen ragte ein glaswandiges Mitteldeck, darüber Seriensterne. Er übergab sich dem transitlosen Gewölbe und entzog sich. Ich habe immer ohne Körper gespielt, dachte er, endlich ohne Resultat, Moralbewusstseinsschienen.
Nach der Operation begann er Raum zu suchen. Er fragte als erste einen Trupp Holzschläger, dann vermummt visitierende Gegenschläger, Schwarz­fäller, suchte eine Forstverwaltung auf und deren Holz­verarbeitungs­betrieb. Besorgte sich Grundbucheintrag, erwarb allernötigstes Wissen und hölzerne Schimären einer Neugeburt. Den fünfstelligen Betrag ließ er von dem darauf habelosen Konto abbuchen, welches er vor der Operation eröffnet und vor dem späteren Gebrauch mit dem unbedingten Minimalerlag gefüllt hatte. Das Unbescholtenheitszeugnis und seine Personalurkunde enthielten ein fremdes Photo, simpel über das einzige Lichtbild geklebt, welches an Stirn und Schläfen andeutete, wie er gewesen war.
Das Haus ist nicht schwer, sicher entwächst es, dachte er, den weiter­führenden, Restkörper in Erde zwängenden Raum zu finden ist schwierig, dachte, zu entwachsen auch er. 28 mm massive Blockbohlen, nichtbrennbar. Sockelmaß 291 x 291 cm, Außenmaß 308 x 308 cm, Höhe 251 cm, Grundfläche 8,47 qm, Fußboden 19 mm Massivholz, Dach­eindeckung Bitumenpappe. Doppelflügeltür 151 x 183 cm, Dreh- und Kippfenster aus Glas mit aufgesetzten Sprossen. Wandklemmfilz nichtbrennbar, Wärmedämmung 0,040 W/mK, Schalldämmung RW = 54 dB. Nichts fehlt, dachte er, die Abwesenheiten sind verschwunden, an einen Flug gefangen. In seiner Habe befanden sich Rationen Gedörrtes, Geselchtes, Gebranntes, leere Flaschen hatte er gefunden, Fleisch gestohlen und das Gas dem Krankenhaus abgeschöpft. Er war ohne Sprache gekommen, und die Symbole waren tot.

Was hieß ihn schon an? Nichts Verwundetes, Augenverdrehendes, nichts, das Hand anlegen konnte, oder Waffen stemmend propagieren. Und dann kommt ihm Luft, herrschaftsweiche, bunt streuseelige Luft. Er wird kirre momentan, ist versucht, Stand zu beweisen, den Greifarm zu erinnern, zu entdecken, der berührte, was lag oder sich bewegte, und mied, was direkt sprach. Was heißt Schweigen, fragt er den rauen Sand. Doch die Lufthäppchen bahnen sich bereits immobile Räume und zeichnen Konturen an, wie Risse in Figuren. Trotz missglückter Operation erinnert er sich, erinnert sich als den Chirurgen, an die Röntgenbilderwelt, einzelne Gliederblöcke von Angeschossenen, das Hallen der Walther-Kugeln in der Blechwanne, an seine nächtlichen Trugfratzen, die in den Straßen und Stützpunkten der Provinz. An die Arme in Melkfett, deren fette Arme auf eine Million Ameisen gelegt worden waren, die mit Arnika porös gerieben gerösteten Jungziegen ähnelten. Vor der Operation hatte er sich ihrer Fähigkeit zu reagieren vergewissert – agiert und gesprochen wird sie letztmalig vor dem Attentat haben, sagte wattiert der Kollege mit dem christdemokratischen Herz. Kavernen waren erzeugt worden, es wurde gedrängt, geklammert, geöffnet, er sah die Myriaden Risse in der Substanz, nach der walzenförmigen Ausstülpung kam die Aussackung, nach Irritation die schlauchförmige Schwere und endlich, nachdem alles befreit worden war, die konservative Karenz. Ein Heizfaden pumpte luftleere Weißglut, schien ihm, Hernie, unterhalb der Schnitte ein zyanoptischer Übertritt wässriger, schwach bluthaltiger Flüssigkeit aus den Gefäßen in aufsteigende Bläschen. Aus der Brigadenstütze und Kolonnenvorhut und Strategin ist ein Ekel und Angst erregender Testfall geworden, dann ist die Patientin Quantität gewesen. Er war ein Strich über ihrer Beuge, sagte jemand, ihre Arme trugen einen gebraten präparierten, rosafreien Schimmer. Jetzt kein Feuer, keine vor ihm und gegen ihn schreienden Maskierten, Alice ist gestorben, kein Tränengasgewitter, Flehen, du musst sie retten, keine Asche aus Gewehrmündungen, Verratsgeschütze, Lügen. Er blieb ohne Schnitte, stumm, geborsten hinter seiner fugenlosen Stirn. In den zwei splitternd eingedellten rechteckigen Rabatten vor dem Haus steckten blinde Schlitze mit Nachrichten und Kugeln der obligaten P38, und aus den zwei Rechtecken seiner Schläfen hingen tote Hautlappen, die, verlacht von dieser Luft, jetzt abfallen.
Waschen und sauber halten, An- und Auskleiden, Vor- und Zubereiten und Aufnehmen der Nahrung, Trinken, Besorgungen im Wald, Ausscheiden. Mehr ist nicht, dachte er, es gibt keine Konsequenzen. Vor den Erkundungen befeuchtet er das Nackte, hängt das Denken auf, während des Gehens befeuchten ihn Waldschwaden, hernach ist er nass, ein wenig klamm, doch schwindelfrei. Das Haus war gut, der Raum wird tiefer, mehr nicht. Aus der Inventarskammer hat er eine Schädelsense, Schenkelsägen und Wühl­besteck besorgt für Gras- und Erd- und Holzarbeiten, Hacken und Harken, bestimmend kämpfen. Der Durchbruch ist schmal, ob es je finster war, seine Brust wird nicht eng. Unermüdlich gräbt er, enthemmt wie ein loser Karabiner lässt er sich fallen, drängt in die Tiefe, das Kreuz, Mara, das Ω. Einmal schrie er, zu Beginn. Adaptierte den Schrei ohne Ende und brach ein in die Grabsuche. Stieß auf Maras weiße Perücke, die Federn ihrer Kindheit, klebte sie auf sein drittes Auge, das Amulett ließ er liegen. Da hörte er ihre Gitarre, die ohne Schmauchspuren klang, keine Wunden wachsen, nur Enthebendes. Es ist noch nie so gewesen, dachte er – ich bin jetzt nie.

 

Roland Steiner   03.01.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen empfehlen

Roland Steiner
Prosa
Lyrik
Gespräch
Portrait