poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Salvatore Niffoi
Die barfüßige Witwe

Archaische Glut des Lebens
  Kritik
  Salvatore Niffoi
Die barfüßige Witwe
Roman
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2011
202 Seiten, 18,90 Euro

Das Buch bei Amazon  externer Link



Es sei vorweg­genommen: Dieser Roman beglückt in jeglicher Hinsicht, ob in The­matik, Erzähl­kons­truktion, Stil oder Sprache, auch ist die Über­setzung schlicht­weg als grandios zu bezeichnen. Bereits in seinem bisher einzigen auf Deutsch über­setzten Roman „Die Legende von Redenta Tiria“ (2007) wurde die soziale Eigen­gesetz­lich­keit des sardischen Lebens – drastischer noch als in Michela Murgias atmo­sphärisch ähnlichem Roman „Accabadora“ (Wagenbach, 2010) – eindrucks­voll dargebracht. Im aktuel­len Buch spannt sich das Inselportrait vom Beginn des 20. Jahr­hunderts bis zu den 1980er Jahren, ehe Berlusconi Teile der Küsten kommer­zialisierte und porno­graphisierte.

Einen Teil des Archaismus macht bereits das Sardische selbst aus, ist es doch jene Minder­heiten­sprache Italiens, welche – neben spanischen Einflüssen – noch die stärksten Relikte aus dem Lateinischen aufweist. Auch daher war es eine kluge Entscheidung, die expres­siven Dialoge und Einschübe von Deskriptionen ver­stär­kenden Laut­malereien – Niffois Besonder­heiten – im Original zu belassen und ihnen Übersetzungen nebst Glossar zur Seite zu stellen. Diese Original­sequenzen und des Autors expres­sionis­tisch kontrastharter Duktus sowie seine äußerst bild- und meta­phern­reiche Sprache machen den Sog des Romans aus, die Spannung wird durch ein bereits in den ersten Sätzen geschil­dertes, schockie­rendes Ereignis erzeugt: Mintonia Savuccu wäscht den abgeschlach­teten Leichnam ihres Mannes Micheddu. Von den 20 Kapiteln gehören zwei Itriedda Murisca, die restlichen ihrer Tante Mintonia. Der Kniff dabei: 17 Kapitel entstammen im Original­ton dem Heft Mintonias, die es Mitte der Achtziger Jahre kurz vor ihrem Tod aus Capo San Diego, Argentinien, ihrer es nun lesenden Nichte schickte – aus dem Leser wird also ein Mitleser. Dieses autobio­graphische, ein Leben zwischen zwei Weltkriegen schildernde Notizbuch verfasste Mintonia rund fünf Jahrzehnte zuvor, als sie von ihrem Racheopfer schwanger auf ihre Überfahrt ins argen­tinische Exil wartete. Die Flucht war notwendig geworden, da sie den Mord an ihrem Mann vergalt.

1915 im Dorf Laranei der Provinz Noroddile als eines von elf Kindern einer bettelarmen Bauern- und Tagelöhner­familie geboren, durchlebt Mintonia ihre Kindheit in einem Haus mit kaputtem Dach und Stall im Erdgeschoß. Die Kinder essen Pferdeeppich, Affodill, Klatschmohn und Lattich, rauchen Clematis-Stengel und ziehen Nattern die Haut ab, gegen den Hunger trinken die Erwachsenen illegal erzeugten Branntwein. Mintonia, die frechste und stärkste Tochter von Naredda und Baglione, bringt sich als einzige in der Verwandtschaft Lesen und Schreiben bei und lernt gar das verpönte, weil sich nur für Reiche geziemende Italienisch. Bereits mit zehn Jahren vergöttert und küsst sie den drei Jahre älteren, bärenstarken Micheddu aus dem Nachbardorf Taculè, der kurze Zeit später erstmals verhaftet wird, da er Mussolini verhöhnte. Nach der Absol­vierung der sechsten Grund­schul­klasse, was hierorts einem Univer­sitäts­abschluss gleich­kommt, soll das Mädchen – um es von Micheddu los­zueisen – in ein Klosterinternat geschickt werden, doch zieht es zu ihrem Verlobten, der sich mit einer Schafs­herde selbständig machte, auf dessen Erbhof in Taculè. Hier glauben die Menschen an einen mit Naturmythen ange­reicherten Katho­lizis­mus und haben mit 20 Jahren bereits all ihre Emotionen aufgebraucht, während das junge Paar sowohl die Kirche als auch Staatsmacht verabscheut und offen in Gefühlen schwelgt. Der kriegs­ver­sehrte Anarchist Imbece hilft Mintonia erwachsen zu werden, sie ihm wiederum, jung zu bleiben. Als er 1935 ob seines Alkohol- und Tabak­miss­brauchs stirbt, vermacht er ihr 500 Bücher von Balzac, Zola, Tolstoi, Grazia Deledda etc., woraufhin sie umso mehr liest und schreibt. Im selben Jahr heiratet das Paar, doch bereits wenige Monate hernach muss Micheddu, dem die Faschisten zwei Überfälle und den Mord am Bürger­meister anhängen wollen, fliehen. Ihren Sohn Daliu zeugen sie bereits in einem Versteck, seinen Vater wird er niemals kennen lernen, denn Micheddus Leben als unter­getauchter Rebell wird bis zu seiner Ermordung 1938 dauern.

„Die Moderne wird als Krankheit betrachtet“ (155), konstatiert Mintonia, deren geerbte Bibliothek die Miliz verbrennt, während – wie bereits in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg – viele Dorfbewohner nach Australien, Argentinien oder Frankreich emigrieren. Niffoi zeigt sehr deutlich, dass sich das Beharren auf Eigen­ständigkeit von sturer Rück­ständigkeit und Geis­tes­feind­lich­keit unterscheidet, regional­gesell­schaft­liches Gruppen­bewusst­sein von folklo­ris­tischem Pro­vin­zialis­mus: „Man bräuchte für jeden von uns eine Enzyklo­pädie, denn wir sind merkwürdige Menschen in einem merkwürdigen Land.“ (110) Egalisierende (und gleich­zeitig elimi­snierende) Regime haben in solchen Regionen, die im Spannungs­feld zwischen Inklusion und Exklusion gewachsen sind, nur soziale Oberflächen begradigen, die hier auch emotional archaische Mentalität jedoch nicht ein­ebnen können. Itriedda Murisca, uneheliche Tochter von Mintonias Bruder Pascale und der Matratzen­näherin Martina, stellt denn auch 1985, nach der Lektüre des Heftes ihrer Tante samt deren Blut­rache­geständnis, fest, dass sich in den letzten Jahr­zehnten in Laranei und Taculè nichts geändert hat: Man heiratet wegen Weideland und Vieh, Geld und Häusern, die Sitten und Gebräuche haben sich erhalten, Gefühle ohne Schmerzen sind hier fade.

Salvatore Niffois expressiver Post­natura­lismus konser­viert Traditionen, ohne sie gegen Fortschritt und Verän­derungen abzuschließen. Seine Meisterschaft liegt in der Empathie aufseiten der Menschen wie auch der Natur und deren Wechsel­wir­kungen – in einem Regiona­lismus im besten Sinne, wie ihn Cesare Pavese oder William Faulkner beherrschten.

Salvatore Niffoi wurde 1950 in Orani, Sardinien, geboren, wo er nach Jahrzehnten als Lehrer heute als freier Schriftsteller lebt. Nachdem er seine ersten fünf Romane bei italienischen Kleinverlagen publiziert hatte, wechselte er mit „Die Legende von Redenta Tiria“ (2005, dt. 2007) zum renommierten Verlagshaus Adelphi. Für „Die barfüßige Witwe“ wurde er 2006 mit dem Premio Campiello ausgezeichnet, seither erschienen weitere sechs Bücher.


Roland Steiner  16.05.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Roland Steiner
Prosa
Lyrik
Gespräch
Portrait