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Alexej Parschtschikow
Erdöl

Material – metareal
  Kritik
  Alexej Parschtschikow
Erdöl
Gedichte
Übersetzung: Hendrik Jackson
kookbooks 2011
EUR 19,90

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Erdöl ist ein Reizwort. Wenn es auf einem Gedichtband zusammen mit „Russisch – Deutsch“ und dem Lyriker Alexej Parschtschikow auftaucht, der in der Mitte seines Namens diese geheimnissvollen zwei SCHs trägt, die man sonst nur aus roter Krautsuppe – Borschtsch – kennt, fragt man sich, ob das nicht etwas zuviel ist. Zuviel des großen Russ­land, auf das man gerade nach den Duma-Wahlen arg­wöh­nisch blickt und zuviel Gewicht – geistern doch täglich Streits um die Ölpreise und Parolen von Öl und Krieg durch die Medien. Blättert man die ersten Seiten durch, trifft man auf den Zyklus mit dem nicht weniger gewichtigen Titel Geld und im Klappentext findet man heraus, dass der 2009 in Köln verstorbene Lyriker einer Strömung mit der sperrigen Bezeichnung „Metarealismus“ zugerechnet wird, die in den 80er Jahren während der Perestroika entstand. – Das ist ziemlich viel auf einmal. Und es lohnt sich!

Dem Übersetzer Hendrik Jackson gelingt es, den Gedichten im Deutschen von der ersten Zeile, die mit Nachtzug endet, einen Zug zu geben, der einen mitzieht. Aber es geht im Titelgedicht eben nicht nur um Öl, sondern vor allem auch um Erde, zu der es hinab geht; paradoxerweise aber auch hinauf:

Du hältst ihn für ein einen Tunnel, fühlst die geschichteten Moleküle ganz dicht, im Flug
jetzt hoch hin an einer Baggerschaufel, die dich über aufgeworfenes Erdreich trägt.

Und da ist man schon ziemlich nah an dem, was Meta­realis­mus meint: Es ist die Annäherung an die Wirklich­keit, die Realität in ganz konkreten Dingen und von dort zur Meta­ebene der Dinge. Meta, das ist vor allem auch die Metapher, das wie zwischen den Dingen und die Metamor­phose, in der sie sich entpuppen – vielleicht als etwas anderes, auf jeden Fall aber als sie selbst. Steht am Anfang des Bandes das Erdöl, stehen am Ende Kommen­tare zu den Texten, die vom Übersetzer ediert wurden und vor allem aus dem Mail­verkehr mit dem Autor stammen. Aber auch Anmerkungen, die um konkrete über­setze­rische Probleme kreisen. Der Autor erzählt in diesen Anmerkungs­fragmenten, woher seine Gedichte kommen, was an ihrem Anfang stand und erstaun­licher­weise sind das wirklich ganz einfache Erfah­rungen und Ent­deckungen von Gegen­ständen und Material. Aber: „Es geht dabei nicht darum, das Gedicht auf etwas Reales zurück­zuführen, sondern eine Basis zu schaf­fen, um von dort leichter, den Luft­schiffen gleich, aufzusteigen, in die Sphäre, wo die meta­realis­tische Verwandt­schaft aller Bilder aufleuchtet, oder, wem dies Bild besser gefällt, hinabzusteigen zu den geheimen Verbindungs­linien zwischen den Wort­archipelen.“ schreibt der Übersetzer Hendrik Jackson treffend im Nachwort.

Diesen Bewegungen folgt der Leser und vollzieht sie damit selbst:

Du stehst auf einem Bein, schließt deine Sandalette,
ich sehe einen Strauch: erst Ölbaum, dann Feld aus Magneten,
und sehe die Umlaufbahn der Dinge, vorsichtig verkettet –
wer die Pupille bewegt, entzaubert die Echse, wie durch Gebete.

Das ist auch immer ein Dialog zwischen dem ima­ginierten Autor, oder Text, den Dingen und dem Leser: Aus dem wackeligen Stand tut sich etwas auf und in dem weichen Rhythmus des Textes schmiegt man sich den Dingen an, die vor einem ihre Figuren vollziehen: „Von der Molluske zur Kuh, von der Idee zum Gegen­stand ...“, heißt es im Gedicht Minusschiff.

Im Zyklus Geld, der aus dem übergeordneten Zyklus Formen der Intuition stammt, geht es genau um die Möglichkeit dieser Annäherung:

Uns ist die Intuition zu eigen, dieses Überfließen
aus sich heraus, in einer Art Astral-
form, die verbrennt, doch ohne Spuren von Indizien.

Das ist durchaus körper­lich und ebenso magisch. Doch es ist kein magisch eso­teri­sches Aufladen der Dinge, sondern ein magisches Aufsuchen, das die Gedichte mit ihren Bewegungen voll­ziehen. Geld ist vielleicht magisch, aber körper­lich? Nein. – Und das macht die Spannung in der Text­auswahl aus: auf der einen Seite Erdöl, „das entfesselte Reale“ und auf der anderen Geld, „ein Nichts, das leicht entflammt“.

In den Kapiteln nach Erdöl nimmt die Dichte an Reizwörtern wie Öl und Geld ab: „Dann zappelt König Fisch im Sand“ und diese mäandernde Bewegung führt durch das Kapitel Bestiarium, in dem neben Katern, Bären und Tölen auch Granit auftaucht. Diese Texte sind sehr konkret und auch, wenn sie weniger stark sind als die abstrakten, bieten sie ein gutes Gegengewicht zum Geld-Zyklus. Im Kapitel Landschaften zeigt sich, was das für ein Raum ist, durch den der imaginierte Autor sich bewegt: Titel wie Flucht 2, Minus­schiff und Erdbeben in der Bucht Zet deuten darauf hin, dass weder die Landschaft noch das Subjekt in ihr zum Stillstand kommen. Richtung und Ziel dieser Bewegungen scheinen oft nicht richtig klar zu sein. Konse­quenter­weise streben sie aber im Sinne des Metarealismus eine Über­schreitung an: Ich „konzentrierte mich – und schritt hinüber, verschwand ...“ Das mag vielleicht gestelzt, ja bisweilen sogar pathe­tisch klingen, doch nimmt man dem Autor seine Ernst­haftigkeit aufgrund der Leichtheit ab, in der öfters ein feiner Humor und manchmal eine leise Ironie anklingen: „Das Minusschiff ging auf Grund wie Raki in der Flasche.“ heißt es zwei Verse vor dem Verschwinden.

Im letzten Kapitel Geschichtliche Schlaufen ist das Verfahren noch einmal auf bestimmte Momente gemünzt, die aber wie das abstrakte Geld in einer Spannung zum Konkreten stehen. Aus einer Schach­partie wird eine Schlacht zwischen Eis- und Ölkönig und das lyrische Ich hält natürlich zum Eiskönig, denn „Seine Wellen­länge geht bis auf den Grund der Welt.“ Aber auch bei diesen Schach­spielern gibt es einen Moment, in dem das Verfah­ren beinahe ad absurdum geführt wird und ein Humor auf den Plan tritt, der die metarealen Verbindungen noch glaub­würdiger macht:

Schach – weißer Schacht, in dem du abwärtssaust.
Aufs schwarze Quadrat plumpst eine Fledermaus.

Dieser Gedichtband wird seinem Anspruch gerecht, seinen Autor dem deutschen Publikum vorzu­stellen und gleich­zeitig ein Stück Lite­ratur­geschichte zu präsen­tieren. Diese Lite­ratur­geschichte wird in den Über­setzungen Hendrik Jacksons lebendig und macht Freude. Und schließlich ist da auch tatsäch­lich etwas Russisches in den Texten, das durchaus auch mit dem deut­schen, romanti­schen Russland-Bild von langen Bahn­reisen korres­pondiert. – Russisch­kenner werden viel von der Zwei­sprachigkeit haben und bisweilen auch Abwei­chungen vom Ori­ginal feststellen. Die Genauig­keit von Hendrik Jacksons Über­setzungen liegt im Flow, der einen förmlich durch die Texte treibt. Und wer kein Russisch kann: Warum sollte man sich nicht über den über­schau­baren Umfang freuen und die Gelegen­heit nutzen auf Tuch­fühlung mit dem Kyril­lischen zu gehen. Das Ganze präsentiert sich in der üblichen, opulenten Aus­stattung des Kookbooks-Verlags. Viel Spaß damit!


Alexej Parscht­schi­kow wurde 1954 in der Ukraine geboren, studierte in Moskau am Gorki Literatur­institut und in Stanford Lite­ratur. Seine Gedichte er­schie­nen erst ab 1989 mit „Formen der Intuition“ in eigenen Bänden und er wird der Strömung der Meta­realis­ten zuge­rechnet. Begeg­nungen mit der ameri­kanischen Lite­ratur machte er vor allem durch die Beschäf­tigung mit- und durch Über­setzungen von Lyrikern der „L-A-N-G-U-A-G-E school“. Für sein Schaffen erhielt er 1985 den renom­mierten Andrej-Bely-Preis und 2005 den russischen Ehrenpreis „Literatur­legende“. Alexej Parsch­tschikow starb 2009 in Köln, wo er seit 1997 gelebt hatte.

Von Hendrik Jackson erschien zuletzt 2006 der Lyrikband Dunkelströme. Er übersetzte Marina Zwetajewa und kürzlich einige Zyklen des russischen Lyrikers Dmitrij Golynko.



Tillmann Severin     20.12.2011     Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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