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LYRIK-KONFERENZ   13

„Vielleicht hilft es uns“, schrieb Dieter M. Gräf in seiner Eröffnungsmail an Alessandro De Francesco, „wenn wir uns über post-poésie Gedanken machen, klarer zu sehen, wo wir derzeit stehen?“ Beide Dichter beschäftigen sich mit Entgrenzungen, mit anderen Medien, und haben in einer Korrespondenz für den poetenladen ihr Verständnis von zeit­genössischer Dichtung vorgebracht und weiter entwickelt. Nun werden sich weitere Dichter und Lyrikexperten äußern.
Jürgen Brôcan
 
 
Jürgen Brôcan, Jahrgang 1965, studierte Germanistik und Euro­päische Ethno­logie in Göttingen und lebt nunmehr in Dort­mund. Als Dichter veröffent­lichte er zuletzt Ortskenntnis. Gedichte 1996-2006 (Lyrikedition 2000, München 2008) und als Heraus­geber die soeben im Poeten­laden erschienene Antho­logie Umkreisungen. 25 Auskünfte zum Gedicht.

Als Kritker schreibt er vorwiegend für die Neue Zürcher Zeitung über inter­nationale Poesie, und seine Über­setzungen aus dem Franzö­sischen (Char, Schehadé) und Englischen (Jeffers, Everson, Moore, Sobin, Wilbur, Hoskoté) sind vielfältig. Insbe­sondere seine Über­tragung der Gras­blätter von Walt Whitman (Hanser, Mün­chen 2009) wird sehr beachtet.


Dreizehntes Statement | Jürgen Brôcan

– „daß wir können sicher schreiben, was zu schreiben würdig ist“

Wer vermessen will, wo das Gedicht steht, denkt am besten zunächst über seine Dimensionalität nach.

Die Dimensionen des Papiers, seine variable Höhe und Breite, ermöglichen ein (ebenso variables) Arrangement von Worten. Dieser mate­ri­ellen Struktur entsteigt eine dritte Dimen­sion, zu der Bilder, Metaphern, die Imagina­tion des Autors wie des Lesers gehören. Ihr Hinein­reichen in die Realität. Ihr Berühren, ihre Tuch­fühlung mit der Realität. Das Wo des Standorts schließt als vierte, als Zeit-Dimension auch die Verankerung – oder zumindest Verbindung – mit der Gegenwart ein. Denn für das Gedicht, eine unter vielen Möglichkeiten menschlicher Äußerung, gilt meiner Ansicht nach das gleiche wie für die Kommunikation: Es kann nicht nicht reagieren, selbst in der Verweigerung dessen, was gerade aktuell oder en vogue ist. Gemeinsam mit seinem Urheber steckt das Gedicht in der Zwangsjacke seiner sechs oder sieben Jahrzehnte, eng umschlossen – umströmt – von kultu­rellen und sozialen Tatsachen, von viru­lenten Themen und be­stimm­ten, bestim­menden Kon­nota­tionen.

Aber wo steht das Gedicht? Und steht es? Und ist dieses Wo auch der Ort des Gedichts?

Nüchtern gesehen bedeutet das Präfix „post-“, auf das gerne bei Stand­ort­benennungen zurück­gegrif­fen wird, nichts als eine zeit­liche Einordnung: Eine Sache liegt auf einem Zeitstrahl hinter einer anderen Sache. Das Präfix kann jedoch auch, wenn ideolo­gisch-pro­gramma­tische Schubfächer aufgezogen und Etiket­tie­rungen angeklebt werden, eine Abgrenzung, eine Verab­schie­dung ad acta und zuletzt eine längst überfällige Über­windung meinen. Ich zweifle nicht daran, daß viele Formen und Inhalte des Gedichts überholt sind, aber der Begriff „post-“, der sich ja auf ein Neues hin öffnet und aus der Position des Neuen heraus betrachtet, summiert entweder dreist die Diversi­tät der Stile oder geht von nur einer füh­renden Stil­richtung aus. In beiden Fällen würde „post-“, so oder so, etwas als nicht mehr zeit­gemäß definieren. Weil ich jedoch bezweifle, daß alle etablierten Formen ausgereizt sind, bin ich bei solcher Wortwahl stets ein wenig skeptisch.

In dem Präfix „post-“ schwingt für mich eine gewisse Ratlosigkeit mit, eine Verlegenheit, wie die Gegenwart und das gegenwärtige Schreiben zu definieren seien. Mir scheint, daß dieses sicherlich notwendige Verorten sich heute vor allem an Begriff­lichkeiten orientiert, nicht an Inhalten. Begrifflichkeiten wie bei­spiels­weise post-poésie implizieren nach meinem Ver­ständnis eine normative Verbindlichkeit: Das Gedicht, will es ernst­genommen werden, müsse sich an einem aktuellen Diskurs orientieren. Natürlich befindet sich das Gedicht bereits per se in einem histo­rischen, kulturellen, sozialen, ästhetischen Kontext – umfaßt das Selbst­verständnis des Gedichts auch seine Beziehung zu – und aus diesem Grunde quält mich immer die Frage, warum ein Stil mehr wahr­genommen wird als ein anderer Stil von gleicher Qualität. Je länger ich über bestimmte Begriff­lich­keiten nachdenke, desto faden­scheiniger kommen sie mir vor. Was meinte avant­gardistisch? was heißt expe­ri­men­tell? was bedeutet traditionell? Diese Begriff­lich­keiten – weil sie restriktiv verwendet werden – beschneiden das, was ich als Freiheit des Gedichts empfinde.

Als Leser ziehe ich unbedingt die Plura­lität der Stimmen vor. Das aufgefaltete Papier, das aufgeschlagene Buch: sie entfalten sich zur Stil-Vielfalt. Hier mag auffallen, daß ich mich metaphorisch noch immer auf das Buch als das wichtigste Medium für das Gedicht berufe. Das hängt mit meiner persön­lichen Rezeptions-Vorliebe zusammen: der solitäre Leser, der die visuelle Gestalt des Gedichts wie ein Gemälde genießt und die gelesenen Worte in sich Stimme werden läßt, Rhythmus und Sinn. Ich meine, das Gedicht soll seinem inneren Gesetz gehorchen, einer Art ästhe­tischer Gravitation, verflochten in einen RAUM-ZEIT-METATEXT, in dem Kate­gorien und Klassi­fizerungen allenfalls sekundär sind.

Wenn ich sage: Das Gedicht ist eine Echolotung der Realität bzw. Gegenwart, dann bediene ich mich einer Metapher, die sicherlich nicht den neusten technologischen Standard repräsentiert. Und doch diente dieses Prinzip den Fleder­mäusen seit Jahrtausenden der Orien­tierung – man erinnere sich an Richard Wilburs treffliches Gedicht MIND. Natürlich, die Sprache ist dürftig im Hinblick auf Vermittlung des gesamten Spektrums der Realität(en), trotzdem scheint es mir ein wenig wider­sprüchlich, auf diese Tatsache mit Wörtern zu reagieren. Die Eloquenz, mit der oft die Sprache bezweifelt und dekon­struiert wird, ist erstaunlich. Mich dagegen interessiert sie mehr als ein – wie auch immer klap­periges und wackeliges – Instrumen­tarium, um uns über die Welt zu informieren. Wer behauptet, die Deskription (freilich ästhetisch aufbereitet, nicht als ungenieß­bare Rohmasse) sei unreflektiert, banal, der hat die Lust am Sehen und Welterleben, Welterspüren verloren.

Was die Poesie heute von der mancher früheren Zeiten unterscheidet, ist ihre Möglich­keit und Not­wendig­keit, sich keinem Sujet zu verschließen. Aber hieße das nicht manchmal, Gold zu machen aus Scheiße? Ja, tat­sächlich: das Gedicht ist eine Alch­emisten­küche. Ich kann mir heute sogar die luxuriöse Freiheit gestatten, das Lob­preisen zu bevorzugen. Nicht die Augen zu verschließen vor dem Müll, der Zerstörung, der Häßlichkeit, nicht die Ohren zu verstopfen vor dem Jammern und Schreien, sondern sie im Gegenteil weit aufzusperren – und sich dann zu entscheiden, die klägliche Schönheit aufzulesen. Um ihret­willen zu schreiben. Das Gedicht kann seiner Heutigkeit nicht entkommen.

Können wir denn schreiben, was uns wert und würdig erscheint, wie es das titelgebende Zitat von Heinrich Albrecht, aus Anlaß des Endes des Dreißig­jährigen Krieges, jubelnd verkündet? Schreiben können – ist nicht bloß innere Disposition, Einge­stimmtheit in/auf einen bestimmten Augenblick und Gegenstand. Schreiben können – ist auch eine zivi­lisa­to­rische Er­rungen­schaft, die nicht in allen Welt­teilen selbst­verständlich ist. Manchmal ist sie dieserlanden ein allzu selbst­verständ­liches Gut geworden, auf dem sich der Autor, arrogant und selbst­vernarrt über allerhand Spitz­findig­keiten medi­tie­rend, ausruht. Die Debatten um die Lyrik – soweit ich sie verfolge – kreisen öfter um formale Aspekte als um inhalt­liche, ich stelle mir dagegen, zugegeben idealerweise, ein Gedicht vor, bei dem zur Ästhetik und Reflexion inhalt­liche Dring­lich­keit tritt wie ein in den Bauch gerammtes Messer.

„Das Gedicht“, im Singular. Ein Hilfs­begriff hier, zur groben Orientierung. Und (so wollte ich im ersten Ideen­anflug ergänzen) zur Abgrenzung von Börsen­berichten oder Koch­rezepten – Doch das wäre grundlegend falsch. Das Gedicht meint: die Dichtung, in ihrer Plura­lität, und die soll permeabel sein, sich in alle Rich­tungen öffnen, sich sämtlicher zur Verfügung ste­hen­den Medien und Möglich­keiten bedienen. Um Wirklichkeit in und zur Sprache zu bringen, um Gedichte durch Wirklich­keit und Wirklichkeit durch Gedichte zu wechselseitiger Teilnahme zu bewegen: „Reziproke Schöp­fung“ (Pattiann Rogers). Ich glaube aber im Umkehr­schluß nicht, daß anything goes. Ich meine vielmehr, die Diskussion über den Zustand der Dichtung heute müßte nicht nur handwerklich-struk­turelle Aspekte erwägen, sondern auch ein Instrumen­tarium entwickeln, das das Un­wesent­liche vom Wesentlichen trennt.

Das Gedicht, als Individuum, in Kommuni­kation zu anderen Individuen. – Aber wo befindet sich das Gedicht heute in Deutschland?

Ein ketzerischer Gedanke sei zum Schluß gewagt: Wie wir es für zivilisiert halten, Gewalt nicht mit Gewalt zu beantworten, so sollte es für ästhetisch gelten, die Banalität der abzu­bil­denden Welt nicht allein salopp oder ironisch wieder­zugeben oder zu doku­mentieren. Die Poesie des Zwanzigsten Jahr­hunderts hat mit gutem Recht und unge­stillter Neugier viele neue Möglich­keiten und Formen erschlossen. Sind alle haltbar? Ihre Überwindung – hin zu einer post-Banalität – das wäre, meiner Ansicht nach, zumindest eine Über­legung wert. Dem Gedicht in Deutsch­land fehlt manchmal Weite, Raum, wie man ihn beispiels­weise in ameri­kanischen Gedichten findet, es ist quasi eine Klein­staaterei in Wörtern, mit der Provinz­hauptstadt des eigenen Kopfes.

Jürgen Brôcan   08.12.2009      Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht      Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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