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Flann O'Brien
Der dritte Polizist

Handelt es sich um ein Fahrrad?
Flann O’Briens Dauerschleife des Absurden
Kritik
Flann O'Brien | Der dritte Polizist   Flann O'Brien
Der dritte Polizist
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
272 Seiten, gebunden
Kein & Aber 2006

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Ein junger Mann begeht einen Raubmord, um Geld für ein wissen­schaft­liches Projekt zu beschaffen. In einem güns­tigen Augenblick versteckt sein Komplize John Divney die Beute vor ihm. Nur um die Spuren zu verwischen, versteht sich. Als die beiden Jahre später ihr Diebesgut holen wollen, haut Divney seinen Freund übers Ohr. Im Haus des einstigen Opfers Phillip Mathers soll sich das Objekt der Begierde befinden, eine schwarze Box. Doch als der junge Mann sie öffnet, wird Mathers Haus zum Kaninchen­bau, dessen schmale Gänge ihn in ein absurdes Wunderland bringen.

Als der Protagonist, der die gesamte Erzählung über namenlos bleibt, sich hierin wieder findet, bemerkt er sofort den Verlust der Box. Es erscheint ihm nur selbstverständlich die örtliche Polizeiwache aufzusuchen und einen Diebstahl zu melden. Auf die Unterstützung der Polizei kann er jedoch nur bedingt hoffen, denn die zwei Wachmänner des örtlichen Reviers haben andere Sorgen. Ein Atom­austausch zwischen Mensch und Fahrrad sorgt dafür, dass immer mehr Drahtesel menschliche Eigen­schaften bekommen und sogar Verbrechen begehen. Im Umkehr­schluss ist es vielen passionier­ten Radfahrern nicht mehr möglich, ohne fremde Hilfe ihr Gleich­gewicht zu halten. So ist es nicht verwunderlich, dass beispielsweise der alte Michael Gilhaney stets an einer Wand lehnt, um nicht umzukippen. Schließlich ist er schon „fast zur Hälfte ein Fahrrad“. Doch das ist bei weitem nur eine Sonder­barkeit in der neuen Welt.

Als schließlich ein Mordfall gemeldet wird, rückt der Erzähler für die Beamten doch noch ins Zentrum des Interesses, da er als möglicher Täter gilt. Auf der Flucht vor der drohenden Exekution wird selbst­ver­ständlich ein Fahrrad zu seinem zuverlässigsten Helfer. Als der junge Mann schließlich auf den dritten Polizisten trifft, muss er einsehen, dass es keinen Ausweg aus seiner Situation gibt. Das Spiel beginnt von vorn.

Flann O'Brien, dessen bürgerlicher Name Brian O'Nolan ist, wurde schon zu Lebzeiten durch bissige Satiren und unkon­ventionelle Geschichten bekannt. Heute gilt er als einer der bedeu­tendsten Schrift­steller Irlands. Hierzulande ist sein Werk allerdings nur wenig bekannt. Dabei lohnt es sich die unge­wöhnlichen Bücher des Iren wiederzuentdecken, welche am Beginn einer Literatur stehen, die einmal als „postmodern“ bezeichnet werden sollte.

Bereits 1940 schrieb O'Brien seinen zweiten Roman Der dritte Polizist, welcher jedoch erst 1967 posthum ver­öffent­licht wurde. Sein Verleger lehnte das Buch bei Fertigstellung als „zu fantas­tisch“ ab. Mögen die Bedenken aus damaliger Sicht auch nachvollziehbar sein, so ist „fantastisch“ nicht das treffende Wort. Mit Der dritte Polizist stellt O'Brien vielmehr die Grund­festen dessen in Frage, was gemeinhin als „normal“ bezeichnet wird. Vor allem unter dem Eindruck der modernen Physik, welche die Relativität von Zeit und Raum entdeckte, entwickelt der Autor ein groteskes Spiel mit der Wirklichkeit bís zum Rande des Erzählbaren. Der Autor antwortete seinem Verleger sinngemäß, dass in einer Zeit der Quanten­physik absurde Literatur die einzig adäquate sei.

Dementsprechend ironisch gestaltet sich der Roman, welcher eine raffinierte Mischung aus litera­rischer und wissenschaftlicher Prosa darstellt. Vor allem die Versatzstücke aus dem Werk eines gewissen de Selby, welche in einer Art cut up-Technik in den Text montiert werden, gilt es zu beachten. De Selby ist eine von O'Brien erfundene Figur, die als dubiose wissen­schaft­liche Referenz in mehreren seiner Bücher auftritt. Seine Theorien aber bleiben trotz seiten­langer Fußnoten unver­ständlich. Dass der Erzähler des Romans Geld benötigt, um ausge­rechnet einen Werk­index von de Selbys Schriften zu editieren, ist blanke Ironie. Zugleich muss diese Tatsache auch als satirische Reflexion des akade­mischen Betriebes verstanden werden, da nie wirklich geklärt wird, welcher Wissenschaft de Selby genau nachgeht.

Der dritte Polizist ist ein irrwitziger Trip, der in rasantem Tempo all das auf den Kopf stellt, was in der empirisch erfahr­baren Welt sicher zu sein scheint. Dabei schuf O'Brien jedoch keines­falls einen Science-Fiction-oder Fantasy-Roman. Mit subtilem Sprachwitz, der von Harry Rowohlt glänzend ins Deutsche übersetzt wurde, und bissiger Wissenschaftskritik interpretiert der Ire die Welt als Dauerschleife des Absurden, der man möglicherweise nicht einmal durch den Tod entkommen kann. Denn was kann nach Einstein, Schrödinger und Heisenberg noch als sicher gelten?
Mario Osterland    30.09.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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