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Josef Haslinger

Im Gespräch mit Mario Osterland
»Heute ist das Geschäft knallhart geworden«
  Literatur und Förderung
 

»Eins ist wahr: Dass es Lieb­lings­autoren bei Preis- und Stipen­dien­ver­gaben gibt, ist unüber­seh­bar.«
Josef Haslinger in poet nr. 14



Gespräch in poet nr. 14   externer Link
Josef Haslinger wurde 1955 in Zwettl, Nieder­öster­reich, geboren. Er studierte Philo­sophie, Germa­nistik und Theater­wissen­schaft und war nach der Promo­tion als frei­beruflicher Schrift­steller tätig und mehrere Jahre Mitherausgeber der Lite­ra­tur­zeit­schrift wespennest. Seit 1996 lehrt er als Professor für Lite­rarische Ästhe­tik am Deut­schen Lite­ratur­insti­tut Leipzig. Aus­zeich­nungen unter anderem: 2000 Literatur­preis der Stadt Wien, 2001 Preis der LiteraTour Nord, 2000 Ehrenpreis des öster­reichi­schen Buch­handels, 2010 Mainzer Stadt­schreiber, 2011 Rheingau Literatur Preis. Verschie­dene Romane, Erzäh­lungen und Novellen, darunter Opernball (1995), Das Vater­spiel (2000) sowie zuletzt Jáchymov (2011, S. Fischer Verlag).


Mario Osterland: Lieber Josef Haslinger, als wir die Inter­view­anfragen für poet nr. 14 ver­sendet haben, mussten wir fest­stellen, dass viele Autoren das Thema Lite­ratur­förderung scheuen.
Josef Haslinger: Das verstehe ich überhaupt nicht. Warum sollte man das Thema scheuen? Die Literaturförderung stellt einen wichtigen Teil des Ein­kommens. Gäbe es die Förderung nicht, würde die Zahl der Autoren ganz schnell zusammen­schrumpfen.
M. Osterland: Wie sieht denn für Sie als Autor die optimale Literatur­förde­rung aus?
J. Haslinger: Ich glaube es muss eine Vielfalt an Förderung geben und die gibt es ja auch. Wir reden hier schon auf sehr hohem Niveau. Es gibt zwar immer wieder viele Klagen, aber es gibt kaum Länder, in denen es so viele Literatur­preise und Stipendien gibt wie in den deutsch­sprachigen Ländern. Am besten sind wohl die Schweizer dran. Dort gibt es Förderungen von jedem Kanton, jeder Stadt und jeder Gemeinde, sodass jeder Autor vom System mehrfach erfasst ist. In Deutsch­land hält sich der Staat, im Gegensatz zu Öster­reich, sehr zurück. Öster­reich ist da zentra­listi­scher. Es gibt zwar unter­schied­liche Staf­felungen nach Jugend, Arriviert­heit oder Gattungen, aber alles sehr zentral verwal­tet und auf Bundes­ebene. In Deutsch­land sind dafür die regionalen Strukturen stärker entwickelt. Es gibt im Gegensatz zu Öster­reich eine Menge Stiftungen und Aufent­halts­stipendien.
M. Osterland: Inwieweit fördert es wirklich das eigene Schreiben, wenn man erst einmal einen Stipendien­aufent­halt bekommen hat?
J. Haslinger: Meine Stipendien­aufent­halte waren immer sehr fruchtbar. Ich habe tatsächlich viel gearbeitet. Bei meinem dreimonatigen Aufenthalt auf Schloss Wiepersdorf habe ich fast täglich ge­schrieben. Es ist schon ganz gut, wenn man aus der üblichen Umgebung, in der man steckt, herauskommt. Es kommt natürlich auf die persönlichen Umstän­de an. Aber es ist ja häufig so, dass ein Autor in einer Beziehung lebt und Kinder hat, sodass die Arbeitszeit doch recht eingeschränkt ist. Mit einem Stipendium ist man aber voll versorgt, geht vielleicht dreimal täglich was essen und der Rest ist Arbeitszeit. Je länger der Aufenthalt jedoch dauert, desto eher stellen sich neue Einschränkungen ein. Man lernt dann etwa das lokale Wirtshaus kennen oder dergleichen. Aber eigentlich ist ein Stipendium schon eine gute Sache, um sich den Freiraum für die Arbeit an einem Projekt zu schaffen. Mir hat das immer sehr gut getan.
In der letzten Phase meiner Arbeit am Roman Opernball hatte ich eine Einladung zum International Writing Program in Iowa City. Damals habe ich enorm viel gearbeitet und es war auch ungemein bereichernd, weil bei diesem Programm Schriftsteller aus der ganzen Welt zu­sammen­kommen. Wobei die Arbeitszeit unter dieser Art von socializing auch wieder leiden kann. Aber man hatte eben mit der ganzen Welt zu tun, ohne sich vom Fleck zu bewegen.
M. Osterland: Das heißt, es gibt neben der materiellen Absicherung auch einen ideellen Mehrwert von Stipendien?
J. Haslinger: Das kommt drauf an, inwieweit man das zulässt. Die anderen Autoren können einen auch enorm ablenken. Da ist dann eine ge­wisse Selbstdisziplin gefragt. Aber es gibt ja auch Stipendien, bei denen man auf sich allein gestellt ist, zum Beispiel als Stadt­schreiber in Mainz. Ich hatte dort eine Wohnung im Dachgeschoss des Guten­berg­museums, mitten im Stadtzentrum. Dort kann man sehr gut leben und das Geld, das man bekommt, ist auch in Ordnung. Hinzu kommt, dass Mainz eine Stadt ist, die den Stadt­schreiber sehr schätzt. Die Insti­tu­tionen kümmern sich um einen, man wird ständig eingeladen und die Schulen wollen, dass man Lesun­gen macht. Also man lernt da sehr viele Men­schen kennen, ist aber nicht auto­matisch abgelenkt durch andere Autoren. Man kann das gut regulieren, wann man sich zum Arbeiten zurück­zieht. Ohne Selbstdisziplin geht es, wie gesagt, nicht.
M. Osterland: Lassen Sie uns noch kurz bei den jüngeren Auszeich­nungen bleiben. Sie haben erwähnt, dass Sie 2010 Mainzer Stadt­schreiber waren. Hinzu kam 2011 der Rheingau Literatur­preis. Inwiefern haben Sie diese Auszeich­nungen in Ihrem Schreiben konkret unterstützt?
J. Haslinger: Naja, mit so etwas wie dem Rheingau Literaturpreis rechnet man nicht. Umso schöner ist es, wenn zusätzlich etwas Geld reinkommt. Aber Preise kann man nicht kalkulieren. Das ist ein erfreuliches Zubrot, was mein Schreiben nicht konkret beeinflusst. Zumal die Mul­tipli­katoren bezüglich Wirkung und Aufmerksamkeit auch nicht so enorm sind. Dazu muss man schon den Büchnerpreis oder den Deutschen Buchpreis bekommen. Das sind Preise mit großer Strahl­kraft, die sich dann auch in den Verkaufszahlen niederschlägt. Beim Rheingau Literatur­preis ist das nicht unbedingt der Fall. Aber es ist dennoch ein sehr erfreulicher Preis, weil es zusätzlich zum Preis­geld 111 Flaschen Rheingau Riesling gibt. Darüber habe ich mich sehr gefreut.
  Der Posten des Mainzer Stadt­schreibers ist hingegen etwas ganz anderes. Man hat ihn ein ganzes Jahr inne und kann selbst bestimmen, wie oft man vor Ort ist und wie stark man sich am kulturellen Leben der Stadt beteiligt. Im Gegen­satz zu so manchem Vorgänger war ich sehr oft in Mainz. Das war sehr angenehm, weil man ständig zu Premieren und dergleichen eingeladen wird. Da habe ich meist die Kultur­dezer­nentin begleitet und habe natürlich unzählige Menschen kennengelernt.
  Zum Beispiel wollte das Stadttheater unbedingt ein Stück inszenieren. Das habe ich dann mit einem österreichischen Regisseur gemacht, der gerade am Theater engagiert war. Dafür sind wir mit einem Aufnahmegerät durch die Stadt gezogen, haben Gespräche geführt und Beobach­tungen kommentiert. Aus dem Material haben wir eine Art Kommentar zu Mainz und seiner Geschichte, auch in Ver­bindung mit Österreich, gemacht.
  Zudem ist man vom ZDF eingeladen, als Stadtschreiber einen Dokumentar­film zu drehen. Ich habe das gern genutzt und einen Film über das Wiener Lokal Nachtasyl gemacht. Das ist bis heute ein tsche­chi­sches Kulturzentrum, dass von Flüchtlingen der Charta 77-Bewegung gegründet und ein Zufluchtsort für tsche­chos­lowa­kische Dissidenten wurde. Und so kam es, dass ich ein Interview mit Václav Havel und vielen anderen Protagonisten dieser Bewegung führte. Und manche dieser Leute sind richtige Freunde geworden. Also, das alles kann sich aus einem Posten wie dem des Stadt­schreibers in Mainz ergeben, aber dazu muss man auch die Offenheit haben.
M. Osterland: Gehen wir von der Gegenwart zurück zum Beginn ihrer Laufbahn. Wenn Sie heute zurückdenken, was, glauben Sie, hat Sie am meisten gefördert auf dem Weg zum Schriftsteller?
J. Haslinger: Das war die Literaturzeitschrift wespennest. Wobei man sich natürlich erst einmal fragen muss, ab wann man eigentlich Schrift­steller ist. Schwer zu sagen. In den Fokus rückt das Ganze natür­lich, wenn man zu ver­öffent­lichen beginnt. Dann bekommt der Wunsch Schrift­steller zu werden eine ernsthafte Dimension. Die Mitarbeit bei wespennest war eine gute Möglichkeit eigene Texte zu veröffentlichen. Aber das Umfeld und die Redaktion haben mich natürlich geprägt, weil wir viel über Texte gesprochen haben. Im Grunde war das meine Schreib­schule. Kollegen, die schon etwas weiter waren, haben meine Texte redigiert. Ich habe alle meine Texte in dieser Zeit dort vorgezeigt und die wurden dann, natürlich neben Texten von anderen, besprochen. Das war für mich die ent­scheidende Unterstützung. Hinzukommt, dass wir die gesamte Infrastruktur der Zeit­schrift selbst erhalten mussten. Wir bekamen ja kein Geld dafür. Dadurch war das alles eine sehr kolle­giale Arbeit und es ergab sich ein Freundes­kreis, der mich sehr geformt hat, auch was Themen und Art des Schrei­bens angeht. So bin ich auch in eine ästhe­tische Haltung reinge­wachsen. wespennest war ja eher realis#-tisch und links­politisch orien­tiert, während die manuskripte in Graz eher experi­mentell eingestellt waren. Heute ist man da aber offener.

...

M. Osterland: Nun sind Sie seit 1996 Professor am Deutschen Literatur­insti­tut in Leipzig (DLL). Inwieweit fühlen Sie sich in dieser Tätigkeit selbst als Förderer der Literatur?
J. Haslinger: Wir sind natürlich Förderer. Der ganze Sinn unserer Tätigkeit besteht darin, dass hier Absol­venten heraus­kommen, die in der Lage sind, lite­rarisch auf sich aufmerk­sam zu machen und ein gewis­ses Know-how als Schrift­steller haben. Wenn das nicht der Fall wäre, hätten wir eine falsche Ent­schei­dung getroffen, indem wir sie aufgenommen haben. Natürlich kann man das nie hundert­prozentig wissen und es gibt auch Autoren, die es nicht schaffen und von denen man literarisch nie wieder hört. Die müssen sich dann etwas anderes suchen und das ist dann auch okay. Blöd ist es, wenn sie sich nichts anderes suchen und den Traum vom Schrift­steller aufrecht erhal­ten, aus dem aber letztendlich nichts wird. Es kann sein, dass wir mitunter falsche Träume in manchen Stu­denten befördern, aber das ist einer der Gründe, warum wir uns die Auswahl der Bewerber hier nicht leicht machen. Es gibt immer wieder ein falsches Bild, als ob wir aus Unbegabten Schrift­steller machen könnten. Das geht natürlich nicht. Wir können hier nur eine Form von Hilfe­stellung leisten und Ent­wicklungen intensivieren.
M. Osterland: Wir haben vorhin schon kurz über den frühen Ruhm junger Schriftsteller gesprochen. Versuchen Sie hier am DLL die Studenten ein stückweit auf den Literatur­betrieb vorzu­bereiten? Geht das überhaupt?
J. Haslinger: Das ist das, was wir am wenigsten tun. Es gibt alle zwei Jahre ein Seminar von Claudius Nießen, in dem solche Dinge zur Sprache kommen. Aber das passiert sozusagen einmal in der Studenten­karriere. Alles andere läuft informell in Gesprächen. Wenn man in Leipzig studiert, kommt man früher oder später in Kontakt mit der Lite­ratur­zeitschrift EDIT, man geht zu Lesungen, wird auf den MDR-Lite­ratur­wett­bewerb aufmerksam und wächst allmäh­lich in ein Netzwerk rein. Zudem gibt es selbstorganisierte Lesungen von Studenten mit denen man selbst auf sich auf­merksam macht. Dann gibt es die Möglich­keiten der Bewerbung zum Open Mike oder zum Klagenfurter Wettbewerb. Aber das sind Dinge, die die Studie­renden selbst ent­scheiden. Natürlich ist es gut, wenn Claudius Nießen den Studie­renden einmal einen Verlags­vertrag zeigt und Ihnen sagt, worauf es ankommt. Aber ansons­ten geht es nur ums Schreiben und das auch nicht gerade markt­orientiert. Bei uns kann man nicht lernen, wie man einen Krimi, Horror oder Science Fiction schreibt. Ganz einfach, weil es hier niemanden gibt, der das kann.
M. Osterland: Wenn Sie an die Förderung des creative writing im deutsch­sprachi­gen Raum denken, was glauben Sie, hat sich da in den letzten Jahren verändert?
J. Haslinger: Das entwickelt sich langsam. Nicht nur im deutsch­sprachigen, sondern im gesamten europäischen Raum gab es eine große Skepsis gegenüber creative writing. In den USA gibt es das seit den 1930er Jahren auf Univer­sitäts­niveau. Das gehört einfach dazu. In Europa waren wir mit dem DLL zunächst auf einsamer Flur. Als wir uns 2005 zum ersten internationalen creative writing-Kongress trafen, gab es in Europa schon 23 Ein­richtungen. Also, da sind schon ein paar neue Ins­titu­tionen dazu gekommen. Vor ein paar Monaten war ich in Paris, dort wird ein neues Insti­tut gegründet, das mit Le Havre und Toulouse zusammen­arbeitet.
  Dabei hat sich Frankreich als Land der litera­rischen Genies lange Zeit geweigert creative writing zu unterrichten. Man kann natürlich fragen, warum das so ist. Und da denke ich wiederum, dass durch die Profes­siona­lisierung und Kommer­ziali­sierung des litera­rischen Betriebs die selbstverwalteten Infra­strukturen der Autoren weniger geworden sind. Die Weiter­gabe des Know-hows müssen jetzt andere über­nehmen. Darum wächst der Bedarf an creative writing-Einrich­tungen immer mehr. Sollte sich daraus eine Art Kon­kurrenz­situation zwischen den Insti­tuten ergeben, kann das die ganze Sache nur beleben. Auch an den Schulen wird creative writing eine immer größere Rolle einnehmen. Aber die Lehrer brauchen natürlich erst einmal eine ent­sprechende Aus­bildung. Wo bekommen sie die? Also ich gehe davon aus, dass sich da in Zukunft noch einiges entwickeln wird.
M. Osterland: Aber solche Entwicklungen muss man sich natürlich etwas kosten lassen.
J. Haslinger: Ja, natürlich. Aber ich denke, dass das gut investiertes Geld ist. Die Entwicklung von Sprache und Ausdruck hat in hohem Maße etwas mit Persön­lich­keits­entwicklung zu tun. Insti­tu­tionen wie das DLL, die gezielt Schriftsteller weiter­ent­wickeln, werden da immer mehr oder weniger die Aus­nahme bleiben. Ich glaube aber, dass die Ausbildung eines litera­rischen Selbst als Aus­drucks­form im weiteren Sinne für gebildete Menschen zunehmen wird. Ständig ist man gezwungen, am Computer, am Handy irgendetwas zu schreiben. Früher haben die Menschen einmal einen Brief geschrieben und das war es dann wieder für lange Zeit. Heute schreiben sie ständig etwas. Der sprachliche Ausdruck als Visiten­karte einer eigenen Per­sönlich­keit wird eine immer größere Rolle spielen.
M. Osterland: Lieber Josef Haslinger, vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

 

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