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DICHTUNG & COWBOY


Aufsatz
  Cowboylyrik
Ulf Stolterfoht und der Lyrikkurs des Literaturinstituts Leipzig präsentieren Cowboylyrik
roughbook 3
Urs Engeler Editor
Basel/Weil am Rhein 2009

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Revolverheld

Der traditionelle Cowboy trägt Stetson. Seine Füsse stecken in robusten Stiefeln aus Rindsleder. Damit die Stiefel unter die Hosenbeine passen – das Schuhwerk soll staubfrei bleiben –, dürfen die Hosen nicht zu eng geschnitten sein, boot cut. Nur protzige Cowboys zeigen ihre Stiefel! Die Hosen: Jeans oder Wolle, mit angenähten Ledertaschen am Hintern. Der traditionelle Cowboy sitzt täglich mehr als zehn Stunden im Sattel. Sein Pferd trägt ihn Richtung Norden, von Texas, New Mexico oder Californien aus zu den Weidegründen. Andere Reiseziele sind die Umschlagplätze von Abilene, Hays oder die berühmt gewordene Dodge City. Von dort wird das Vieh in die Schlachthöfe der grossen nördlichen Städte transportiert, nach Chicago oder Kansas City. Auf dem Ober­körper trägt der Cow­boy eine Weste, darun­ter ein mit einer Schleife, bolo tie, geschlossenes Hemd. Erreicht der Cowboy seinen Bestimmungsort, am Ende des Trails, wird Lohn ausgeteilt, steigt er ab zu Badehäusern, Saloons oder Bordellen. Das ist der eigentliche Lohn für ein Leben voller Mühen und Gefahren, denn es kann vorkommen, dass der Cowboy sein Ziel nicht erreicht. Der Westen ist buch­stäblich wild! Eine Kugel kann ihn ebensogut treffen wie ein Pfeil. Indianer, Banditen und konkurrierende Viehzüchter können dafür sorgen, dass der Cowboy auf der Strecke bleibt. Und selbst dann, wenn er allen Hindernissen getrotzt hat, können am Ende eine üble Pokerpartie mit Schusswechsel oder – nach einem verkaterten Morgen in einem San Francisco-Bett mit einer Bardame erwacht – Steckbrief und Strick auf ihn warten.
  Das ist der Cowboy, wie er aus Filmen und Groschenheften bekannt ist. Das Leben der wirklichen Cowboys mag weniger illuster und weitaus be­schwer­licher gewesen sein, gefähr­licher sowieso. In den letzten Jahr­zehnten hat der Cowboy sich über Wasser gehalten. Mal ist er in Jim Jarmusch-Filmen als Asphaltjockey aufgetaucht, mal als Öl-Baron in P.T. Andersons „There Will Be Blood“.
  Doch heute reitet der Cowboy in den Krieg. Was hier nicht das Thema wird.

Ambitioniertere Cowboys verlassen sich nicht auf Schusswaffe, Lasso und Pferd allein. Sie schliessen sich mit Poeten zusammen, mit Ichs und spre­chenden Pferden und einer Bardame namens Lil, so wie es Ed Dorns „Gunslinger“ (1968 begonnen, abgeschlossen 1972) getan hat und begeben sich auf die psychedelische Suche nach einem Typen namens Hughes: „Howard, I asked/ The very same“. Die Cowboy-Lyrik, gewissermassen als Lifestyle-Steno­gramm des Cowboys oder als Epos von Aufstieg und Unter­gang verstanden, wurde von Dorns Pop-Art-Poem ver­gleichs­weise spät zur vollen Blüte gebracht. In den Fünfzigern hatte Charles Olson, Dorns Lehrer am Black Mountain College, die Landkarte in einem ihm gewid­meten Text bereits vorgezeichnet. Wesentlich für A Bibliography on America, so Olson, sei nicht wie gut man Bescheid wisse in den Gebieten Politik, Ökonomie oder Soziolo­gie, sondern die wie man dieses Wissen umzu­setzen verstehe in eine Erzählung von Amerika. Dorn schloss daraus, dass ein Ge­schichts­text die Wissengebiete – und noch die entfernteste Quelle – gleich­berechtigt neben­einan­der stellen müsse, um über den Wegfall von Hierarchie so nah wie möglich an den Mythos heran­zureichen.
  Das ist der Westen, freilich schon als Final Frontier, als Utopie gedacht. Während Dorn den Gunslinger mit seinem zusammen­gewürfel­ten Haufen kreuz und quer durch diesen Westen scheucht, wird bald klar, dass die eigentliche Geographie des Unternehmens das kollektive Unter­bewusste ist, verwirrend und verschlungen. Die eigentliche Route auf der Suche nach jenem mysteriösen Finanzgenie Hughes führt durch eine Welt der in Masse produzierten Geschichten. Ob Hughes gefunden wird oder nicht spielt dabei keine Rolle mehr. Denn die Reise der Gunslinger-Bande würde schliesslich enden wo sie angefangen hat: im Kreislauf aus Werbung und Warenverkehr: „you can be sold/ you can be told/ by that name leave, or come/ you become, in short/ a reference“. Mit Olsons Augen den Westen betrach­tend macht Dorn Quantität und Hetero­genität zum Massstab seines Gedichts: Kalauer neben Reflexionen, Werbung und Theorie­resten und Zitaten von Alltagssprache. All das scheint in „Gunslinger“ miteinander zu kommu­ni­zieren, sich zu widerlegen oder zu ergänzen. In den Worten Marjorie Perloffs, die ein Vorwort zur ersten voll­ständigen Ausgabe des Poems geschrieben hat, markiert Gunslinger den Wechsel vom monologischen Gedicht zum dialogischen „Parapoem“, das seinen Zusammen­halt durch eine Art Referenz-Guerilla­taktik garantiert, indem es Chaos zum Ordnungs­prinzip erklärt. Oder, in den Worten von Claude Levis-Strauss, dem sprechenden Pferd in „Gunslinger“, das auf einen Einwurf von I reagiert:
  „You mean, I encouraged/ there is no difference/ between appearance and – / „Reality?“ he broke in/ I never “mean“, remember,/ that's a mortal sin/ and Difference I have no sense of./ That might be your sin/ and additionally – / don't add, that's my stick,/ the Horse said smiling.“ (Gunslinger S.31)
  Der Clou am Cowboygedicht dürfte daher sein, dass es durch seine Mythenarbeit neben seine medialen und wirt­schaftlichen Bedingungen auch das damit verbundene Gesellschafts­konzept zum Vorschein bringt. Die Geographie des Westens wäre also echte Fiktion, aus der niemand herauskäme und in der jede Form von Widerstand sinnlos erschiene, da jede Art von Gegensatz im Konsum sublimierbar bleibt. In jedem Fall darf man den Cowboy als ein Abbild des amerikanischen Traums verstehen, als Kulturheroen und Gründerhelden, was ihn für Neubewertungen und Umschreibungen nicht zuletzt begehrt macht.




Das schöne Beispiel einer solchen Neubewertung wäre eine Gedicht-Sequenz des amerikanischen Dichters Jack Spicer (1925-1965), in der Billy The Kid zu einer Schwulen-Ikone wird und die den Cowboy in seinen zwei möglichen Gestalten auftreten lässt, als Outlaw und als Mobb: „Let us take out a frontier – a poem somebody could hide in with a sheriff's posse after him – a thousand miles of it if it is necessary for him to go a thousend miles – a poem with no hard corners, no houses to get lost in, no underwebbing of customary magic, no New York Jew salesman of amethyst pajamas, only a place where Billy The Kid can hide when he shoots people.“ Lange bevor die Bandbreite des Cowboy um andere Männlichkeitsbilder erweitert wurde, in einer scheinbaren Vorwegnahme des Films “Brokeback Mountain“, darf man diese 1955 geschriebene Sequenz für sehr mutig halten. Ein Gedicht mit ähnlicher Stossrichtung finde ich in Monika Rincks 2004 erschienenem Debüt „Verzückte Distanzen“. Die unter Männlichkeitsvorstellungen verschüttete, demolierte sensible Seite des Mannes Marke Marlboro findet sich hier in dem Gedicht „cowboyhandwerk“, das eine alle Fertigkeiten und Talente des Mannes aufzählende Selbstbetrachtung schliesst, indem es den Macho in die Herzgegend knufft:

„doch manchmal gibt es diese nächte in den bergen,
wo mir das messer von der hand geht, wie etwas,
das ich in diesem leben nicht mehr brauchen kann.
wo, wenn das laue feuer glutlos müpfelt mein herz
mir auf die größe eines vogelmuskels schrumpft.
dann sind alle tiere um mich rum verschieden,
und auch die mosse leblos hart. dann bin ich wie ein
cowboy so sensibel, ein sensibler cowboyapparat.“


So können dem Cowboy neue, vielschichtigere Wesenszüge entlockt werden, erweisen sich John Waynes, Cartwrights und Old Shatterhands als krisenanfällige Identitätssucher und kann die Figur des stets am Rande des Abgeknalltwerdens lebenden Cowboys zur Sinnfigur der Vergeblichkeit des Dichtens werden, wie es bei dem Siegener Dichter Crauss heisst: „und wenn ich jeden tag ein lied schrieb dauerte/ mein hiersein doch nur eine ewigkeit:// die aufge­reihten zettel hinter dem tresen/ sinnlos eine schnur durch jedes angesengte loch.“





Die Cowboys aus Leipzig

Vor wenigen Wochen nun ist im Verlag Urs Engeler, in der Reihe roughbook eine erste deutschsprachige Lyrikanthologie zum Thema erschienen. Unter dem Titel „Cowboylyrik: Ulf Stolterfoht und der Lyrikkurs des Literaturinstituts Leipzig präsentieren Cowboylyrik“ hat der Lyrik-Knappe Stolterfoht (mit Tabakstummel und Koteletten) rund drei Duzend Gedichte von 17 Studenten versammelt. Frisch aus den Reservaten und Backwaters sind sie nach Leipzig gekommen, in eine der wenigen, wenn nicht die deutsche Schule für Cowboys & Girls und nehmen hier in ihren ersten Stiefeln schon einmal Platz. Wie der üppige Titel schon andeutet, das roughbook ist eine Art Revue (inklusive Raus­schmeisser). Das macht auch der Blick ins Inhalts­verzeichnis deutlich: Nacheinander treten die Cowboys & Girls auf mit Balladen, Cowboy-Selbst­bild­nissen, Anleitungen und Geschichten aus dem Wilden Westen. Einige der „kugel­sicheren Lese­knaller“ (Stolterfoht) erzählen vom Wunsch, Cowboy zu sein. Mög­licher­weise ist damit etwas anderes gemeint und die verschiedenen Antworten auf die Frage, was einen Cowboy ausmacht, lassen sich poetolo­gisch verstehen. Mir fällt auf (und ich vermute), dass vielen der Dichte­rinnen und Dichter des Lyrikkurses das Thema fremd gewesen sein muss. Freilich scheint dadurch die Beschäf­tigung in ein freieres Spiel mit den formalen Mitteln und Möglich­keiten gemündet zu sein. Verblüffend, wie lebendig die meisten dieser Gedichte wirken, wie spielend leicht der Wilde Westen hier geschildert wird. Einigen der besten Gedichte im Buch gelingt es darüber hinaus, über den thematischen Einschnitt eine Tür in das heutige Deutsch­land zu öffnen, was zu politischen Gedichten führt.
  Denn Cowboy-Sein, so scheint es, erfordert eine bestimmte Haltung und Sprache, die sich mehr oder weniger schädlich auf das Subjekt des Satzes auswirken kann. Die mit dem Cowboy-Sein oder dem Wunsch danach verbundenen Neben­wirkungen treten beispielsweise in Gedichten von Michael Spyra und Tobias Amslinger deutlich hervor. So versucht in Spyras Gedicht ein „immigrant cowboy“ einen Job zu bekommen, indem er sich Vorstellungen anpasst, die in etwa dem entsprechen, was ein turbo­kapita­listischer Rancher von seinem Arbeitnehmer verlangen würde: „me quiet as you please_not only money need_me realy/ like that work with cow_like hat and chucks and boots_like cowboyshirt_all fine please give me job_i do all good“. Hier wird Cowboy-Sein zum Zwang sich einer Ideologie zu unterwerfen und zum holpernden Versuch sich ihrer Sprache anzupassen. In der Fremdsprache wird aus dem Satz-Subjekt eine demolierte Identität, die sich einem fremden Idiom unterwerfen muss, um dabei ihren Wortschatz zu verlieren.
  Viele haben keine Sprache. Und auch in Tobias Amslingers „cowboy sein“ lassen sich Symptome einer Mangel­atmosphäre entdecken, der sich heutzutage nicht wenige jobbende oder arbeitslose oder studierende Cowboys ausgesetzt sehen. In einer Art Anti-Idylle ist der Cowboy hier schon zu den Gegenständen und Handlungen seines Alltags geworden. „cowboy sein hut und/ auf der. langen weiten bundes­strasse…“ herrschen Gras und Rind, ist der Hut zum Namensteil eines Pizza-Liefer­services herunter­gekommen. Zeigte sich bei dem „immigrant cowboy“ die Deformation eines Bewusst­seins, das einer fremden Sprache ausgesetzt wird, sind bei Amslinger schon den einheimischen Cowboys die Zungen verkümmert. Die Engführung „hut sein“ lässt darauf schliessen, dass von einem Subjekt bereits nicht mehr gesprochen werden kann, eher schon von einem Satzglied, das zu einem Teil seiner materiellen Umstände geworden ist, letzthin zu einem Rindvieh: „wir wurden nicht satt. wir/ waren cowboys. so kauten wir hin.“
  Ein drittes ins Thema fallendes Gedicht von Bertram Reinecke führt auf einen anderen Pfad. Reineckes auf den ersten Blick unpoli­tische Montage „Wunsch, Cowboy zu werden“ ist irritierend und kann den Leser im Dunkeln tappen lassen. Wie eine Suchmaschine ordnet der Text Stellen aus der Literatur­geschichte nach einem unbe­kannten Plan an. Reinecke legt Wert darauf, dass nicht vergessen wird, es handele sich hier um geordnetes Material. Die an beide Texte von „Wunsch, Cowboy zu werden“ ange­schlossenen Auf­listungen der zitierten Autoren lassen denn auch jede Art der Inter­pretation frag­würdig wirken. Möglicher­weise handelt es sich hier um ein Schreiben mit Kulissen, das deren Austausch­barkeit und Unver­läss­lichkeit demon­strieren soll. Ähnlich arbeiten die beiden Selbst­bildnisse von Claudia Gülzow im Anschluss an Reineckes Text durch die Veränderung von Wortgruppen, die mal einen an­orienta­lisier­ten mal einen Western-Hinter­grund evozieren. So verstanden würde das Gedicht zu einer Art Duchamp-Objekt, das letztlich jeden am Text angesetzen Diskurs desavouiert. Das wäre eine Poetik der Hinter­treibung lyrischer Illusion, die vielleicht nicht neu ist, durch Reinecke aber stark zur Geltung kommt und angesichts der dauernden Hoch­konjunktur linearer Dichtung notwendig erscheint. Irgendwo zwischen Cowboy und Indianer liegt Reineckes „…erklährt Zeno“, das alte ethno­logische Quellen sprudeln lässt. Hier wird vom Fremden, „dem Mohr“ und Indianer erzählt, wie europäische Blicke ihn irrwitzig beäugten. Reinecke dreht den Spiess um, indem er den Quelltext zum Gegen­stand einer anthro­pologischen Poetik macht. So wird die Quelle, die den Wilden mit dem Blick des 17. Jahr­hunderts betrachtet, plötzlich selbst, mit all ihren Vorurteilen und Skurrli­täten zu einem Dokument, das wiederum wir mit unseren Augen betrachten; etwas Fremdes, eine ver­schlüsselte Botschaft, die in unser Sprach und Bezugs­system rück­übersetzt werden muss.



Etwas Vergleichbares hat in den 90ern die Dichterin Rosmarie Waldrop in ihrem Buch „A Key Into The Languages Of America“ gemacht – auf Deutsch 2004 bei Engeler als „Ein Schlüssel zur Sprache Amerikas“. Darin werden ganze Textpassagen aus einer Art Anleitung zum Verständnis der amerikanischen Ureinwohner zitiert, dem Buch selben Namens des Predigers und Kolonien­gründers Roger Williams. Die Kapitel in Waldrops Buch durchlaufen drei Stadien, in deren Folge das Material mehr und mehr verändert wird, um schliesslich zur assoziativen Bestandsaufnahme des Amerikas Stand 90er-Jahre zu werden und zu einer Anleitung dafür.



Möglicherweise erinnert sie oder er sich indessen an eine Zeit, da Indianer die Prärie der neuen Bundesländer durchstreiften und der Westen hinter einem Vorhang verborgen lag. Es ist auffällig, dass die Dichterinnen und Dichter mit DDR-Herkunft sich diesem anderen Cowboy mehr widmen, als ihre aus Westdeutschland stammenden Kollegen. „You Are On Indian Land“ heisst eine sehr schöne Gedichtsequenz der in Mecklenburg geborenen Kerstin Preiwuss. Dort wird die jüngere deutsche Geschichte alternativ als Ahnengalerie verschiedener Indianer-Vereine beschrieben: der Kulturgruppe Indianistik „Old Manitou“, des Jugend­clubs für anti­imperialis­tische Solidarität Indianer, der Rising Sun aus Gera und vielen anderen. Während Preiwuss Gedicht die Genealogie dieser Indianerstämme entwickelt und prominente Häupt­lings­gestalten vorüber­ziehen lässt, wird zunehmend deutlich, dass der Indianer von „You Are On Indian Land“ sich in die Larve ostdeutscher Befindlich­keiten verwandelt hat. Dabei nutzt dieser Bericht zur Lage der „Native Nations“ eine Methode, der viele im Buch versammelte Gedichte ihre Stärke verdanken. Indem Preiwuss Häuptlinge wie Powderface, Siksikà aus Dresden oder Hartmut in einer Art Ge­schichts­klitte­rung auftreten lässt – möglicher­weise mit ihren Wünschen Cowboy zu sein – zeigt sie den ostdeutschen Indianer als Opfer einer Koloni­sation, die Steakhäuser und Saloons und Reservate aus dem Boden stampft, während Industrie­gelände zu Brachen werden, auf denen Bisons weiden. Hier wie überall wo das Buch mit dem Hutträger Folkore und Kitsch neu in den Blick rückt, gewinnt es an Fahrt. Dabei lässt sich in den besten Fällen eine Struktur ausmachen, die zeigt, was Folklore und Kitsch an Geschichte speichern, letztlich sogar wie Menschen sich und anderen ihre Geschichte erzählen, sie verklären oder verknappen. Freilich kann der Begriff des Mythos auch überstrapaziert werden, sind doch Cowboy und Indianer bereits Muster an Klischee. Beide Typen laden jedoch dazu ein, sich über die heurigen Geschichts­verdre­hungen Gedanken zu machen. Wo sie nämlich in Filmen, Groschen­romanen, Comics oder wie hier in Gedichten auftauchen, erweist sich, dass Tradition keine fixe Grösse ist; sie multipliziert sich um jeden zusätzlichen Eintrag.
  Geschichts­klitterungen erster Güte liefert Konstantin Ames in seinen drei Gedichten, die den Cowboy in die Jahre um die Macht­ergreifung der National­sozialisten versetzen. „eckklecks am saallong“ oder „Jesuscowboy“ verwandeln den Westen auf den ersten Blick in einen Resonanz­raum konservativer, kapitalis­tischer und brutaler Ideen. Doch wäre damit zuwenig gesagt. Ames Gedichte breiten eine Vielzahl an Zusammen­hängen aus, was die Lektüre erschwert, aber umso gewinn­brin­gender macht. Das hat Methode und will sich einer simplen Kategori­sierbarkeit und Hand­barmachung entziehen. Nützlich­keit ist das Letzte, was diese Gedichte anstreben. Über den Weg der Metonymie scheint sich da ein wütender Schwall Bahn zu brechen, voll Hybris, der alles mitreisst, was sich an Resten aus Archiven und Suchmaschinen zusammensetzen lässt, Seme und Morpheme inklusive. Ames mischt eine Vielzahl von Subtexten, ohne dass deren Kon­texte argu­mentativ auf­einander­prallen würden. Das verhindert Morali­sierungen, wie man sie üblicher­weise dieses historische Umfeld betreffend vor­finden mag. Und das erzeugt eine schwindel­erre­gende Refe­renz­dichte.
„der einzige&sein eigentum gegenseitige hilfe
das fucktor der beladenen und „ballastexistenzen“ geschimpft.
wer war '34 gegenpapst in rom? in schweden, in der schweiz
bist' als roma schomma' sterilisiert worden noch  
      33 jahre nach '32.
vom calvinismus, man halte davon was man will, muss man
doch sagen, dass er scheiße ist. erfolgreich beten
Malthus, der gedanke tröste mich, Darwin und Thus Spoke
hast DU high noon erwischt DU bist der tod und gut
ist das, denn wer mag schon ewig mögen?!ch
Will wills nicht“

Wenn Moral, dann im Ton dieser hitzigen Gedichte. „Jesuscowboy“ bei­spiels­weise ist eine Brandrede, die das „fucktor der beladenen und ballastexistenzen geschimpft“ in die Welt ruft, jedoch das Schicksal jener sogenannten Ballast­existenzen (d.h. unter dem Stichwort „Vernichtung durch Arbeit“ im Nazi-Jargon: Juden, Roma, Asoziale) mit Resten der Biographie des brasilianischen Filmemachers Alberto Cavalcanti koppelt. Dessen Film „Thus Spoke“ dokumentiert die Geschichte und den Weg zum noch jungen Staat Israel. Das Gedicht, in dem es auch um eine menschen­verachtende Rassen­ideologie geht, schneidet also die Geschichte einer Besied­lung oder Landnahme ehemaliger Opfer hinein. Auch schieben sich Anspie­lungen an andere Besied­lungen und Terri­torial­konflikte dazwischen, etwa über die Erwähnung des spanischen National­epos „Der Cid“ oder den Verweis auf Glaubens­kämpfe und religiös motivierte Fluchten. Man würde vielleicht einwenden, dass der thematische Bezug zur Nazi-Zeit, wie ihn bereits Dichter wie Thomas Kling oder Marcel Beyer bemüht haben, plakativ geworden ist. Und möglicherweise fühlt man sich auch an Thomas Brasch erinnert – der hatte in einem Fernseh­interview einmal dreist behauptet, die bundes­deutsche Ent­sprechung des Westerns sei der Film über das Dritte Reich. Ames Gedichte bleiben dem gegenüber resistent. So wütend sie auch wirken – denn ihnen ist doch eine Ethik einge­schrieben – so wenig lassen sie sich auf eine Hierarchie ein, an der sich ein Diskurs hochschaukeln könnte. Und so lässt sich die Frage aus „eckklecks am saallong“, die bereits rethorisch gestellt worden ist, mit ja beantworten: „wie ist's mit auf ochsen er­rit­tenen gedanken haben die auch wert, superhomo“. Sie lässt sich gleich­zeitig für das gesamte Buch beantworten.

Abspann

Wenn es die Pferde sind, auf denen der Cowboy reitet oder die Rinder, die die Wägen ziehen, auf denen der Cowboy von einem verschlafenen Ort zum anderen gelangt und der Cowboy Lyriker ist, muss das Gedicht Pferd oder ein Rind sein. Und die Pferde und Rinder stehen im Buch, das eine Koppel ist. Die Koppel ist offen und die Pferde und Rinder ziehen davon und mit ihnen, auf ihren Rücken und auf den Kutschböcken die Leipziger Dichter. So long, möchte man ihnen in den Sonnenuntergang nachrufen. „Yippie-Yah-Yeah-Yippie-Yah-Yoh!“


Cast
Cowboylyrik: Ulf Stolterfoht und der Lyrikkurs des Literaturinstituts Leipzig präsentieren Cowboylyrik, roughbook 3. Urs Engeler Editor, Basel/Weil 2009

Edward Dorn
Gunslinger. Duke University Press, Durham and London 1989
Way More West. Penguin Books, London 2006

Charles Olson
Collected Prose. Berkeley and Los Angeles: University of California Press 1997

Jack Spicer
My Vocabulary Did This To Me. Collected Poems. Wesleyan University Press, 2008

Monika Rinck
Verzückte Distanzen. Zu Klampen 2004 (vergriffen)

Crauss
Crausstrophobie. Lyrikedition 2000, München 2001

Rosmarie Waldrop
Ein Schlüssel zur Sprache Amerikas. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2004
Norbert Lange    11.12.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Norbert Lange
Lyrik