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Die Welt als Welt-All und Welt-Markt

Dem russischen Dichter Gennadij Ajgi zum 75. Geburtstag

Gennadij Ajgi
Selected poems   Gennadij Ajgi
Selected poems, 1954-94
Northwestern Univ Pr, 1997

Gennadij Ajgi bei lyrikline.org


Sein Name, zwei Silben. Als ich ihn zum ersten Mal hörte, war das aus dem Mund eines seiner deutschen Übersetzer. Karl Dedecius, viele Jahre Chef des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, war zu einem Vortrag nach Dresden gekommen, und ich sollte ihn vom Flughafen abholen. Im Auto und später beim Bier sprachen wir viel über Poesie, die Polnische natürlich, aber die Russische war ihm genauso nah. Dann fiel ein Name, dessen Klang schon dazu führte, daß ich mir kurz darauf ein Buch dieses Dichters kaufte: Ajgi. Dedecius hatte ihn, wenn ich mich nicht täusche als erster, ins Deutsche übersetzt; etwas pathetisch könnte man auch sagen: er hatte Ajgi für uns „entdeckt“. Bei Suhrkamp erschien 1971 die erste kleine, von ihm besorgte Auswahl mit Gedichten des tschuwaschischen Lyrikers, Titel: Beginn der Lichtung.
Gennadij Ajgi wurde vor ziemlich genau 75 Jahren in Schaimursino / Tschuwaschien als Gennadi Nikolajewitsch Lissin geboren und nahm später den Namen Ajgi an, der soviel bedeutet wie „der dort“, „derselbe“. Er schrieb seine Gedichte zunächst auf Tschuwa­schisch, bis Pasternak ihm um 1960 herum riet, das Russische zu benutzen. Dabei blieb es dann auch, und bis heute wird Ajgi häufig zu den russischen Dichtern gezählt, obwohl er doch der ethnischen Minderheit der Tschuwaschen entstammt.
Gennadij Ajgi
Gennadij Ajgi
Aus Feldern Rußland
Gedichte. Prosa
Suhrkamp 2002
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Man kann diesen Dichter ohne seine Landschaft nicht verstehen. „Es gibt ozeanische Kulturen, meine Kultur hingegen, die russische, ist eine Wald- und Feld-Kultur“, hat er in einem Interview gesagt. Ajgis Poesie kommt aus den Räumen. Schon der Anordnung vieler seiner Texte auf der Buchseite mutet etwas Geographisches an: die Zeilen­längen sind sehr unterschiedlich, es gibt viele Gedanken­striche, Gedanken-Strich-Wörter und Auslassungspunkte bei ihm, es gibt stockende rhytmische Bewegungen, die an Zanzotto erinnern, es gibt in Anführungszeichen gesetzte Wörter.
Vom Klassizismus seines Freundes Pasternak ist Ajgi meilenweit entfernt. Er ist ein schwieriger Dichter, zu dem man mit etwas Mühe leicht Zugang findet – wenn man es aufgibt, einem Sinn dieser Gedichte hinterherzurennen und stattdessen ihrem Klang folgt, ihrer Melodie. Ajgi selbst hat geschrieben: „Hinhören – statt zu reden“.
Ajgi ist in seiner eigenen Kultur erst spät angekommen. Das lag nicht an ihm.
1958, kurz vor seinem Diplom, wurde er aus dem Moskauer Literaturinstitut hinausgeworfen und aus dem Komsomol ausgeschlossen: wegen „Unter­grabung des Fundaments des Sozialistischen Realismus“, wie das damals und in der Sowjetunion hieß. Ajgi meinte dazu später lakonisch, er sei "auf die Inquisitoren schon gefasst" gewesen. Schließlich konnte er weder in seine Heimat noch ans Institut zurück. Er schlief in dieser Zeit vorm Postamt und auf Bahnhöfen. Er hatte drei Kinder und kein Geld. Es gäbe aber, so Ajgi, einen Stolz, an dem man festhalten müsse: „Heute sind wir alle sehr still geworden, wir schweigen, und dieses Schweigen ist ein Kompromiß.“
1964 wurde über den Dichter ein Publikationsverbot verhängt, das 25 Jahre bestand. Unter solchen Umständen muß es ihm gefreut haben, daß wenigstens im westlichen Ausland sein Werk immer begeisterter auf­genom­men wurde, er 1972 den Lyrik­preis der Académie francaise, 1993 den Petrarca-Preis erhielt.
Über unsere Zeit hat er sich kurz vor seinem Tod in einem langen Gespräch, das den Titel Poesie und Schweigen trägt, geäußert. Als Kind habe er Gänse gehütet: „Hundert Gänse, die sich in hundert verschiedene Richtungen bewegen! Dieser Gänse­zustand kennzeichnet jetzt auch unsere Kultur. Ein Verlust der Orientierung.“
Eines der schönsten Bücher von Gennadij Ajgi heißt Veronikas Heft (Insel-Verlag, 1993). Er nannte es sein „glücklichstes Buch“. Veronika ist, nach fünf Jungen, Ajgis sechstes Kind. Ajgi schrieb diese Gedichte für seine Tochter auf der Straße, er schob den Kinderwagen und schrieb auf kleine Zettel: „hochrote / rosen – dem menschlein / vor augen: / tag – sei ein kreis: o – schmetterling: / tritt ein – um zu markieren / den moment: / mit weiss“ (erneut: dich wiegen).
Es ist ein Buch der Erinnerung an Kindheit. Radikal auf seine Weise. „Wir haben die Welt-als-All unwahr­scheinlich eingeengt, haben sie verwandelt in einen kleinen Welt-Markt“, sagt Ajgi in seinem Vorwort zu dem wunder­schön mit Zeichnungen von Simon Morris aus­gestat­tetem Bändchen.
Man kann bei Gennadi Ajgi dem Weltall und der Welt-als-All mit frischem Sinn begegnen. Neben den schon erwähnten Ausgaben gibt es in der „edition per procura“ in Wien zwei Bände Ausgewählte Werke (Heraus­gegeben von Felix Philipp Ingold).
Am 21. Februar 2006 ist Ajgi in einem Krankenhaus in Moskau gestorben. Unter lyrikline.org kann man die Stimme des mehrfach für den Literatur­nobelpreis vorge­schlagenen Dichters hören.

© Volker Sielaff / Dresdner Neuesten Nachrichten

Volker Sielaff     21.08.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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