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Es gibt keinen Tod

All das Innerste, Verborgenste: Vor 100 Jahren wurde der jiddische Dichter Abraham Sutzkever geboren

  Über Abraham Sutzkever
 


Es war die Liebe zu einer Zwölfjährigen, die den angehenden Dichter von Grund auf um­pflügte. Sie ging auf eine jiddisch­sprachige Schule, er mit 15 auf ein polnisch­sprachiges Gymnasium. Das heutige Vilnius war ein Zentrum der jiddischen Sprache und Kultur. Jeder dritte Ein­wohner hatte jüdische Wurzeln. Nach der Schule arbeitete Frejdke in der biblio­graphi­schen Abtei­lung des Jiddischen Wissen­schaft­lichen Insti­tuts, und unter ihrem Einfluß machte sich Abrascha, wie sie ihn nannte, mit den Werken der klas­sischen und zeit­genös­sischen jiddischen Dichtung vertraut, die er später an der Universität systematisch studieren sollte. Frejdke bedeutet »Freude«, Abraham »Vater vieler«.

Durch Frejdke Levitan lernte Abraham Sutzkever den Direktor des Instituts Max Weinreich kennen, der ihn mit den wider­strei­tenden Strömungen der jiddischen Avantgarde bekannt­machte. Da gab es »Di chaliastre« (Die Bande), die von romanti­sie­render Städtllyrik Abschied nahm, um den deutschen Expressionisten mit ihrer Groß­stadt­realis­tik nach­zueifern. Zum nicht­natu­ralis­tischen Schöpfungs­akt eines bilder­trunkenen Subjekts wurde das Dichten von den über Europa und Amerika verstreuten »Inzichistn« (Introspektivisten) erklärt. Die links­gerichtete Gruppe »Jung Wilne« (Junges Wilna) faßte Dichtung als politischen Auftrag auf. Ihr schloß Sutzkever sich an, bemühte sich jedenfalls darum. Sein Freund Shmerke Katsherginski sollte rückblickend sagen: »Es war für Sutzkever nicht leicht, in unsere junge Autorenfamilie aufge­nommen zu werden. Deshalb nicht leicht, weil er uns fremd war. Genauer gesagt: sein Werk war uns fremd. Unser Auge war an ausgetretene Wege gewöhnt«.

Es war wohl eine zufällige Begegnung mit Joseph Roth, die den heute vor hundet Jahren bei Vilnius geborenen Sutzkever rettete. Roth konnte in Warschau dafür sorgen, daß sich der polnische PEN-Klub des Talents annahm und 1937 dessen erste Gedichtsammlung »Lider« (Gedichte) veröffent­lichte. In der zweiten Strophe aus dem 1934 geschriebenen »Nocturne« ver­zeichnet das lyrische Ich »mit eigenem Blut/ auf dem Schiefer der Nacht,/daß ich hier liege, auf einem Schober Heu, einsam,/und sehe: Über meinem Kopf/steigt wie eine Harfe empor/ein halber Mond,/und es spielt darauf jemand/mit kalten und blutigen Fingern«.

In Abgrenzung zur Lyrik der klassischen Moderne des Westens entwickelte Sutzkever eine der alter­nativen Moderne des Ostens. »Das progressive Menschen­pack« von Marx sollte mit dieser Dichtung jene Revolution initiieren, in deren Verlauf eine im »universellen Austausch erzeugte Univer­salität der Bedürfnisse, Fähig­keiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen« alltäglich würde. In der Dichtkunst hatte Arthur Rimbaud das multiple Dasein des Individuums erprobt: »Ich – das ist ein anderer.« Was aber ist die Invariante, die in diesem univer­sellen Austausch von Fähig#-keiten und Bedürf­nissen Bestand haben wird?

Sutzkever beantworte diese Frage im Rückgriff auf außer­gewöhn­liche Erfah­rungen: »Ich – das ist die Kind­heit«. Er hatte die Symbo­listen studiert, auch Rimbaud. Der hatte seine Kindheit gehaßt. Sutzkever hingegen entdeckte die Fluß­land­schaft am Irtysch in Sibirien, wohin seine Familie im Ersten Weltkrieg ver­bracht worden war, als Ort des ekstati­schen Aufbruchs. Voll kindlicher Dank­barkeit berauschte er sich am ungebär­digen Leben der Altein­gesessenen und meinte später: »Jeder Mensch, aber besonders ein Schrift­steller, hat in seinem Leben und Schaffen seine Sehnsucht, seine Phantasie. Meine Phantasie ist Sibirien. Ich glaube, daß ich dort schon zum Schrift­steller wurde, obwohl ich damals noch keine Gedichte geschrieben habe.«

Am 1. September 1939 überrollten Panzer die polnische Grenze, alles »Un­deut­sche« niederwalzend. »Bleiben wird nur einer, ein Poet«, schleuderte Sutzkever dem entgegen, »ein wilder Shakespeare, der voll Kraft und Eigensinn Gesang ertönen läßt: / ›Mein Geist, mein Ariel, bring mir das neue Schicksal, das mein Blut verlangt, / und spei sie aus, zurück, die toten Städte!‹«

Eigensinn? Das Wort ist mit Kindheit aufgeladen. Im Wilna des Dichters mit solcher Einfüh­lungs­kraft ließen die Deutschen ein Getto für die Juden errichten, aber das war kein Getto, das war ein Schlachthaus, in dem man Menschen nackt durch die Straßen jagte, ihnen lebendigen Leibs die Augen ausstach, die Glied­maßen abhackte, heiße Nadeln durch Zungen und Geschlechts­organe trieb, die Gesichts­haut abzog, die Kinder miß­brauchte und alle oben­drein mit Worten und Schein­exekutionen verhöhnte, bevor man sie ab­schlachtete, fast jeden, 60000 Menschen. Sutzkever wurde zum Chronisten des Wilnaer Infernos. Nicht aus höherer Berufung zur Zeugen­schaft, wie ihm nachträglich untergeschoben wurde, sondern wegen eines Pakts, den ein Engel der Dichtung mit ihm geschlos­sen hatte: »Du hast es in der Hand. Wird dein Gesang mich begeistern, werde ich dich beschützen mit flammendem Schwert, falls nicht – sollst du dich nicht beklagen«.

So dichtete er um sein Leben. »Wer läuft durch die tote Stadt mit schlagenden Flügeln/wie ein Vögelchen mit dem Messerschnitt im Hals,/losgerissen/aus den blutigen Händen des Schlächters?« fragt das Gedicht »Drei Rosen«, und man sieht »einen Menschen, klein wie ein Fingerhut/und größer als jeder. / Ohne Kleidung, / nackt wie der Wind./Seine Haut aus blauem gewellten Glas/ist durchsichtig/und macht – wie erschreckend, es zu glauben – / all das Innerste, Verborgene sichtbar:/Eine Schar von Gefühlen, alle in Ketten gefesselt / wie Verbrecher, / und über ihnen eine purpurrote Nagaika, / Jedes einzelne Gefühl / beißt das andere in die Gurgel: / Du bist schuld, du. / Und schreit auf Jiddisch«.

Und die Hölle in uns? Schmerzhafter als jede Nagaika-Peitsche: »Mutter, ich bin krank! / Meine Seele ist krätzig / und vielleicht noch schlimmer:/verrückt, aussätzig, / und der Balsam von deinem Munde/ein zu heiliger Trank, / als daß ich ihn begehr / für meine unheil­bare Wunde.«

Im Dezember 1941 brachte Frejdke, inzwischen mit Abrascha verheiratet, im Krankenhaus ein Kind zur Welt. In den Wehen umklam­merte eine Hand seine Höllen­dich­tungen. Von einem Büttel mit Totenkopf an der Mütze sofort vergiftet, wurde das Neu­geborene in die ver­schneite Blut­grube geworfen. Ver­zweifelt träumend sucht der Vater in einem Gedicht für das erkaltende Kind einen Zufluchtsort und übergibt es schließ­lich dem behü­tenden Schnee der sibirischen Kindheit. Es gibt keinen Tod, es sei denn, man anerkennt die SS.

Später bekannte Sutzkever, nie wieder Gedichte wie in dieser Zeit geschrieben zu haben, in der er im Getto die Fareinigten Partisaner Organisatzije (FPO) mit aufbaute. Mitte September 1943 brachen er, Frejdke und Katsher­ginski als bewaffnete Kämpfer der FPO aus dem Getto aus, um sich sowjetischen Parti­sanen anzuschließen. Sie kämpften in der Woroschilow-Brigade. Gedichte von Sutzkever drangen nach Moskau, erregten Aufsehen bei öffent­lichen Vorträgen. Im März 1944 ließ der Vorsitzende des Jüdischen Anti­faschis­tischen Komitees, Ilja Ehrenburg, Sutzkever und dessen Frau per Geheimflug über die Frontlinie nach Moskau bringen. Dort schrieb Sutzkever den Augen­zeugen­bericht »Wilner Getto 1941 bis 1944« nieder. Im Februar 1946 trat er als Zeuge des sowjetischen Anklä­gers beim Nürnberger Kriegs­verbrecher­prozeß auf.

Im September 1947 emigrierte das Paar mit der zweijährigen Tochter Rina (Gesang) ins spätere Israel. In Tel Aviv wurde die zweite Tochter Mire geboren (benannt nach einer Gettolehrerin, die die ihr anver­trauten Kinder in den Tod begleitet hatte). Sutzkever gründete eine »Zeitschrift für Literatur und gesell­schaftliche Pro­bleme«, Di goldene kejt, veröffentlichte Lyrik- und Prosabände, sein Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt. Er starb 2010, acht Jahre nach seiner Frau und lange nach Katsherginski, der nach Argen­tinien emigriert und dort schon 1954 bei einem Flug­zeug­absturz ums Leben gekommen war.

Zuerst erschienen in: (c) junge Welt | 2013

Antonín Dick    16.07.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 

 
Antonín Dick
Lyrik/Prosa
Essay