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Natan Zach
Verlorener Kontinent

Halt suchend oder Repulsion

Erstmals ist eine Auswahl von Werken des wichtigsten israelischen Dichters, Natan Zach, auf Deutsch erschienen

  Kritik
  Natan Zach
Verlorener Kontinent:
Gedichte
Aus dem Hebräischen
von Ehud Alexander Avner
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag
Berlin 2013, 87 Seiten, 19,95 Euro

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»Turgenjew schläft.« Ließe man diesen banalen Satz beim Nachmittagstee des Dichters Natan Zach in ein zufälliges Schweigen fallen, könnte es geschehen, daß schon am Abend ein sehr bitterer Turgenjew-Song im Radio ertönt. Der Israeli ist Gele­genheits­dichter und präsentiert Alltags­erlebnisse, gewichtige wie unschein­bare, die zumeist einer Logik folgen: Desillusionierung. Einzig aus diesem Grund scheint Zach zu schreiben: Sei vorbe­reitet, seßhaft gewordener Flüchtling. Weißt du denn, ob dein Hier Wurzeln hat? »Vielleicht fahre ich hier weg, wenn all das nicht meins ist«, heißt einer seiner Trotzverse.

In seiner Dichtung gibt es »leere Koffer«, einen »leeren Jesus« und Menschen, die wie Atome durch die Leere schlingern, Halt suchend oder Repulsion, so wie er selbst eines Tages nach England ging, um erst zehn Jahre später zurückzukehren. Promoviert. Aber zum Bleiben? »Der Mann, der kam, ist der Mann, der ging.«

Orte, Distanzen und dann die Ortsvernichtung. Die Schließung des Orienthauses in Ost­jerusalem, der Zentrale der PLO, provozierte 2001 eine Agitprop-Ballade, die lakonisch bis belehrend daherkommt, dann immer mehr in ein Fieber fällt, um sich am Ende im Schüttel­frost einer Paradoxie zu über­schlagen: »Was geht dich der Osten denn an, / während wir im Westen untergehen.«

Und schließlich die »Uferstadt am Meeresrand«, Haifa: »Dort ist das Meer, von der Stadt behördlich genehmigt: / Abfallort, gewelltes Rinnsal, dessen Wasser an die Wand schlägt, / deren Häute zerlöchert sind, zerfressen vom gierigen Salz.« Eine Elegie auf die Selbst­zerstörung mit weiter­führenden Fragen: »Dies alles könnte ich noch ertragen, wenn das Verderben eine / Stimme hätte / und hier und da einen Sinn.«

Nicht von ungefähr steht diese Elegie am Schluß des Bandes »Verlorener Kontinent«, mit dem nun erstmals Gedichte von Zach auf Deutsch erschienen sind. Die Auswahl hat er selbst besorgt. Sie läuft hinaus auf eine Selbst­bezich­tigung: Ich war beteiligt am Aufbau dieser hedo­nistischen Ordnung West, begnügte mich in meiner Jugend mit der Egotrip-Ethik, um »eine winzige Wahrheit im Herz der ungewollten Lüge« zu verbreiten. Und die größere, die verborgene?

»Kinderschwermut«, eine Wortschöpfung, wie sie nur dem Gemüt eines Emi­granten­kindes ent­schlüpfen kann, resultierend aus dem Drama des Aus­ge­setzt­seins. Das ist er, Natan Zach, der 1930 als Harry Seitelbach in Berlin geboren wurde und jetzt so und nicht anders schreibt. Die Familie rettete sich nach den Nürn­berger Rasse­gesetzen nach Palästina. Zach lernte das moderne Hebräisch, studierte u.a. bei dem eben­falls aus Nazi­deutsch­land ausge­bür­gerten Martin Buber an der Jeru­salemer Universität, lernte dort das alte Hebräisch. Er spricht sieben Sprachen, was er so kommen­tiert: »Wer sieben Sprachen spricht, ist kein Genie, sondern ein Flücht­ling.« Zach übersetzte die Emi­granten Lasker-Schüler, Celan und Brecht sowie Ginsberg und Frisch. Zusammen mit dem paläs­tinen­sischen Dichter Rashid Hussein über­setzte er arabische Volks­lieder. Er gilt als die wichtigste Stimme der israelischen Dichtung, übersetzt in zwei Dutzend Sprachen.

Mit 22 wurde er Kopf der Dichtergruppe »Likrat« (Richtung), der auch Jehuda Amichai, geboren 1924 in Würzburg als Ludwig Pfeuffer, Gershon Sheked, geboren 1929 im öster­reichi­schen Galizien als Gerhard Mandel, und Benjamin Harshav, geboren 1928 in Vilnius als Benjamin Hrushowski, angehörten. Die Gruppe brach mit der strengen Formen­sprache der zionistisch ausgerichteten Kollegen, mit jedweder Form von Apologie, und verstand sich politisch wie poeto­logisch als frei, herr­schaftsfrei.

Halt geben im leeren Raum die Liebe und der Streit. Erstere ist in Zachs Versen oft nur Schreck­sekunde, mehr Mög­lich­keit als Liebe selbst, blitz­artig auf­fahren­des Licht. In dem Gedicht »Diese ganze Ver­schwendung« flackert es auf: »noch heute Nacht / muß ich weg davon, / von dieser ganzen Ver­schwendung. / / Ich hab auf dich gewartet. / Diese ganze Ver­schwendung. Gewartet und gewartet. / Und noch heute Nacht / warte ich nicht mehr.«

Der ganze Warengesellschafts­auswurf, die tote Masse von Dingen, hat nichts zu tun mit der Energie der Liebe. »Tina strickt ein Brautkleid für ihre Hochzeit«, und am liebs­ten würde sie mit der Strick­nadel »alle Bräutigame der Welt / und all die zum Brautsein Bestimmten« durchlöchern »wie ein Sieb«. Weil die Liebe fehlt.

Die Auflehnung, Grundlage des Streits, kann Privatem gelten oder einem Kon­tinent, Europa bei­spiels­weise als einem »Ort, der Licht ent­behrt, / an den man gerne wieder­kehrt. Ihr wißt doch, wie / sich solche Worte reimen.« Am Ende des Titel­gedichts erscheint das sattsam bekannte Augen-zu-und-weiter-so als eine unerhörte Provo­kation: »… und Wasser deckt / heimlich alles zu, und der Sand noch wie vor Jahren weich und / man gewöhnt sich dran, / und gut ists, so am Strand zu liegen und nicht zu erwachen.«

Erschienen in: Junge Welt. Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Antonín Dick   22.11.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 

 
Antonín Dick
Lyrik/Prosa
Essay