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Independence oder
Europas widerspenstige Dichter


  Essay

William Shakespeare – Arthur Rimbaud – Jakob van Hoddis
 


„Ich starrte auf das Schiff. Es lag ein Stück vom Qual entfernt, grell beleuchtet, im Tejo. Obschon ich schon seit einer Woche in Lissabon war, hatte ich mich noch immer nicht an das sorglose Licht dieser Stadt gewöhnt. In den Ländern, aus denen ich kam, lagen die Städte nachts schwarz da wie Kohlengruben, und eine Laterne in der Dunkelheit war gefährlicher als die Pest im Mittelalter. Ich kam aus dem Europa des zwanzigsten Jahrhunderts.“1 Diese Sätze aus dem Jahre 1940 stammen von einem Emigranten, der sich auf der Flucht vor den Deutschen, den Nazis, befand, von dem Romancier Erich Maria Remarque. Es sind die ersten Sätze aus seiner dramatischen Fluchterzählung „Die lange Nacht von Lissabon“. Seine Schwester hatte es nicht geschafft. Der Präsident des Volksgerichtshofes Roland Freißler klagte die „Wehrkraftzersetzerin“ im Jahre 1943 wegen Hochverrat an. Sie hatte es gewagt, den nahen Untergang des Dritten Reiches vorauszusagen. Während der Gerichtsverhandlung ließ der Präsident die Sau raus: „Ihr Bruder ist uns entwischt. Sie aber werden uns nicht entwischen.“ Ihre Voraussage kostete sie das Leben.
  Fünfzig Jahre nach der Flucht des Schriftsteller-Emigranten aus dem von den Deutschen besetzten Europa zogen die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition – Amerikaner, Russen, Briten und Franzosen – aus dem befreiten Deutschland ab. Haben sie etwa das Licht der Aufklärung mitgenommen? Die Bundesrepublik Deutschland hat innerhalb eines Zeitraums von nur fünfundzwanzig Jahren das Kunststück fertiggebracht, aus den drei wichtigsten europäischen Partnern des Euroraumes – Russland, Türkei und Großbritannien – irreversible Deutschlandskeptiker zu machen. Schon ätzen und rempeln vorpreschende Deutsche aus den Reihen der EU-Eliten gegen den einstigen Befreier Großbritannien, weil die britische Volksabstimmung vom 23. Juni 2016 gegen Europa aussagte. Dieser Tag wird nun, wie viele Briten es vorgeschlagen haben, als Independence Day in die Geschichte eingehen, aber hoffentlich als Hoffnung gebender, für alle Beteiligten, für die Briten wie für die Kontinentaleuropäer.
  Der EU-Energiekommissar Günther Oettinger bezichtigt Großbritannien des Hochverrats an Europa. Ach Ötti, armer Geplagter du, mit deinem nicht mehr therapierbaren Brechstangenenglisch! Die Briten lieben Europa, aber sie suchen es nicht, jedenfalls nicht um jeden Preis und schon gar nicht, was die Lebensform anbetrifft, ein Oettinger-Europa, auch wenn der Herr über Wärme und Licht uns sehr nützlich ist, weil er unseren Energiebedarf exakt zu berechnen versteht. Die Insel ist ein ewig im Ärmelkanal vor Anker liegendes Flaggschiff. Es wartet. Formt die Moderne mit im Strom der Geschichte. Die Bewohner der Insel beobachten sehr genau, was da auf der anderen Seite vorgeht, verarbeiten es gründlich, mehr spontan als mit der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit, die aber ebenfalls sehr zu schätzen ist, britisch eben, aus ein paar Einzelbefunden können die Inselbewohner sofort einen Satz mit einer Generalaussage zaubern. Sie lernen, geben weiter, prüfen, lassen prüfen. Und sie horchen mit höchster Aufmerksamkeit auf die geheimnisvollen Signale, die von den Landmassen, die vor ihnen liegen, ständig zu ihnen dringen, mit der Hingabe vorurteilsfreier Kinder. Kein Dichter oder Dramatiker hat dies uns je umfassender und tiefer vorgeführt als William Shakespeare. Fast die Hälfte seiner Dramen spielt gar nicht auf der Insel, wie man gemeinhin annimmt, sondern auf dem Festland, in Nordfrankreich, in den Ardennen, in Tschechien, auf dem westlichen Balkan, in Helsingör, in Wien, in Navarra, in Athen, in Padua, in Verona, in Mailand, in Messina, in Rom usw. usf. Und etliche davon sind überdies moderne Flüchtlingsdramen, Aufschreie purer Verzweiflung, und deshalb so subversiv. Mit dem menschenfreundlichen Humor von Schiffsleuten geht Shakespeare hier vor. Möglichst viele unbeantwortbare Fragen sollen ins Publikum geworfen werden, bevor sie ungehört im Wasser landen. Es geht ihm um Rettung von Menschenleben, um Empathie, um Solidarität.
  Aber dieser Riese an Beobachtungs- und Denkkraft ist den Kontinentaleuropäern auch auf die Schliche gekommen, er erinnert uns böse an die immer wieder beschämende Wunde Europas, an Afrika. Das ist die Schmach Europas, die schwere Schuld Europas. Beispielsweise ist da die Figur eines Farbigen, einer, der im europäischen Machtzentrum agiert, im frühmittelalterlichen Rom. Die Bibel nimmt der Stückeschreiber sich da zum Vorbild. Da ist Moses. Ein Fremder ist ihm beigegeben geworden, ein Ägypter. Er heißt Aaron. Aaron bedeutet der Erleuchtete. Hier greift der Dichter zu. Der Farbige wird zum Durchschauer der europäischen Politik. Und gleich seinem Urbild lässt sich der shakespearesche Aaron von den Oberen nicht nur anwenden, sondern beginnt, sie anzuwenden. Konflikte entstehen, und es kommt zu schweren Verwirrungen und Verwicklungen, die obendrein mit Toden enden. Seine Chefin, die Kaiserin, bekommt ein Kind von ihm. Das ist verboten. Das Kind ist farbig, also muss es weg. Tötet es, befiehlt die Chefin. Aaron verweigert die Befehlsausführung, rückt sein Herzblut nicht raus, im Gegenteil, rettet es und wird im Zuge der Rettungsaktion zum erbitterten Hasser der Angehörigen der weißen Machtelite:

„Ihr blutdürstigen Buben schalen Geistes,
Weißkalkige Wände, bunte Bierhauszeichen,
Kohlschwarz gilt mehr als jede andre Farbe;
Denn alle Wasserflut im weiten Meer
Wäscht nicht des Schwanes schwarze Füße weiß,
Obschon er stündlich sie im Meere spült.
Sag du der Kaiserin, ich sei alt genug,
Was mein zu schützen, trag sie's wie sie mag!“2

Dieser hochaktuelle Bericht aus dem Zentrum der Macht eines europäischen Staatensystems trägt den Titel „Titus Andronicus.“ Auf den hiesigen Bühnen wird er kaum noch aufgeführt. Europa ist aufgeklärt, humanistisch, auf dem Weg zur Vereinigung.
 Die europäische Wirtschaft wird von den Gliedern des Staatenbundes auf der Grundlage ihrer gemeinsamen und nationalen Interessen nach einheitlicher Planung gestaltet werden. Das Ziel soll sein, sowohl den materiellen Wohlstand wie die soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit in den einzelnen Staaten zu erhöhen, die europäische Wirtschaft unter Entwicklung der Hilfsquellen und Arbeitsmöglichkeiten Europas vor Krisen und vor von außen kommender wirtschaftlicher Bedrohung zu schützen, sowie den europäischen Völkern den Zugang zu einem gerechten Anteil an den wirtschaftlichen Gütern der Welt zu schaffen“, heißt es in einem der unzähligen Dokumente zur Gemeinschaft.
  Oh, pardon, hier hat sich ein kleiner Zitierfehler eingeschlichen. Der Originaltext lautet vielmehr so:
 Die europäische Wirtschaft wird von den Gliedern des Staatenbundes auf der Grundlage ihrer gemeinsamen und nationalen Interessen nach einheitlicher Planung gestaltet werden. Das Ziel soll sein, sowohl den materiellen Wohlstand wie die soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit in den einzelnen Staaten zu erhöhen, die europäische Wirtschaft unter Entwicklung der Hilfsquellen und Arbeitsmöglichkeiten Europas und seines afrikanischen Ergänzungsraumes vor Krisen und vor von außen kommender wirtschaftlicher Bedrohung zu schützen, sowie den europäischen Völkern den Zugang zu einem gerechten Anteil an den wirtschaftlichen Gütern der Welt zu schaffen.“3
  Dieser EU-Entwurf stammt nicht aus dem Jahre 2016, sondern aus dem Jahre 1943. Nach der Befreiung fand man ihn in einer Schublade vom Auswärtigen Amt des ausgehauchten Großdeutschen Reiches. Die heutige politische Klasse Deutschlands, und nicht nur die, das sei hier ausdrücklich betont, möge sich an diesem verräterischen Begriff vom afrikanischen Ergänzungsraum messen lassen. Brüderlich-schwesterliche Solidarität mit Afrika ist jetzt gefragt, nicht merkantil ausgeklügelte Entwicklungshilfe.
  Vor etlichen Jahren hat ein jüdischer Historiker herausgefunden, dass Brüssel, d.h. Gesellschaften des belgischen Staates, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts über fünf Millionen Kongolesen hinschlachten ließ. Mittlerweile geht die Forschung von einer Zahl zwischen acht bis zehn Millionen aus. Wir, die wir auf diesem vollgefressenen Kontinent mit gutem Gewissen gut wohnen, können doch nur noch geben, oder? Jede Fortsetzung der moralischen Degeneration wäre unser Tod, erst der moralische, dann der physische. Wir fühlen sie doch alle irgendwie, nicht wahr, diese schleichende Degeneration, in der Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten, wie wir miteinander umgehen, eine Degeneration, die angeblich mit der materiellen Armut beginnt und mit der geistigen endet, wo es doch in Wahrheit genau umgekehrt ist. Wir überkleistern unsere Existenz mit einer Sprachmischung aus heruntergekommenem Materialismus und Wellnessheilsversprechen.
  Reden über Europa heißt doch heute, nach dem jahrhundertelangen Gewaltmarsch der Ausplünderung, vor allem Reden über Afrika. Nicht danach, nicht nach dem Motto ›erst reden wir über Europa, dann über Afrika‹, nein, gleichzeitig, zeitgleich, synchron, das reaktionäre weiße Wellness-Gesabbel Worthülse für Worthülse endlich zum Schweigen bringend. Ein rebellisches Wirrwarrsprech ist hier offenbar zunächst gefragt! Mit Trommeln und mit Tröten! Das wäre der wahre, von uns noch gar nicht entdeckte Kern jener Independence, die viele Leute des im Ärmelkanalkanal ankernden Schiffes am 23. Juni 2016 forderten, als sie ihren Austritt aus der Union erklärt und damit für gesamteuropäischen Wirrwarr gesorgt haben.
  Und was nun – nach dem jahrhundertelangen Gewaltmarsch? Kommt, lasst uns dies in Ruhe durchrechnen, lasst uns klug vorgehen, hört man die Stimmen der Herrschenden. Gewaltmarsch minus Gewalt macht unterm Strich Weitermarschieren. Also weitermarschieren, Leute, klar, aber von nun an bitte mit Bedacht, mit Verständnis, mit Toleranz, mit Anstand, mit Menschlichkeit.

Keine Leidenschaften mehr, nicht auffällig werden, raunen uns die Herrschenden zu. Sachliches Handeln ist angesagt, Zweckrationalität, Abwägung, Maß! errschenden zu- Rationaslitzäz! die Herrschendrdi Unsere unkontrollierten Leidenschaften müssen ab jetzt unterdrückt werden, ist das klar? Wir können unsere Natur, unsere Gewalt, nicht mehr einfach aus uns raus- und frei floaten lassen, ohne besänftigende Humanität, ohne Regeln, selbst wenn diese unbekannten, gefährlichen Naturkräfte noch so sehr in uns wuchern und krachen und blühen und uns das Gefühl einer uranfänglichen Schönheit vermitteln! Zähmung ist angesagt, Zurichtung, Erziehung, Organisation des Lebenslaufs, Architektur der Seele! Reiht euch ein in die vorwärtsdrängenden Regimenter der zielführend Handelnden! Deformiert euch, wenn ihr weiterkommen wollt! Ihr dürft dann auch genießen, versprochen! Hingehockt, auch wenn euch die Knochen noch so sehr wehtun, auf unsere gigantischen Warenhaufen und gelitten und genossen und in die Ferne geschaut und geträumt und mit Behagen gerechnet! Das ist der neue Marsch! Der mit Weitblick! Mit dem Gefühl satten Besitzerstolzes! Aber wohin? Wohin soll das führen? fragen die anderen Rauner, all die unterdrückten Stimmen, die der Dichter, der Kinder, der Ausgeflippten, die der Schatten der Toten, die immer noch nicht aufgegeben haben zu leben! Kommt, schnell weg hier! Lasst uns ausbrechen aus dieser neuen Qual, die nur eine Gegenqual ist gegen die vorher zugefügte, die auch nur wieder auf Gewalt gegen andere beruht, auf Unterdrückung, auf Auspowerung, nur dass wir vielleicht eine Idee besser dran sind als die anderen, weil wir komfortabler sterben! Runter von diesen lächerlichen Warenhaufen! Zurück! Zurück zur Natur! Lasst uns die anderen suchen, all die Verschwundenen, die Versklavten, die Getöteten, unsere Brüder und Schwestern! Von denen wir aus Angst vor uns selber plötzlich abgelassen haben! Afrika! Seine Meere! Sein Ursprüngliches! Seine Tiefen! Rauf auf das alte Raubschiff! Raus aus Europa! Die See durchwühlen! Uns selbst, um uns wieder spüren zu können, denn unsere Seelen sind von diesen gigantischen Warenhaufen schwer getroffen! Wieder sagen dürfen, wenn ich gefragt werde, woher ich komme, ich komme aus meiner Befreiung! Zurück auf das Schiff, das alte Raubschiff! Aber zu einem neuen umgebaut! Zu einem Schiff der Leidenschaften! Zu all den Ursprünglichkeiten und Unabhängigkeiten, die das Leben für uns bereithält! Für uns und für unsere Brüder und Schwestern, für alle Menschenbrüder! Das verlorengegangene, sich verstecken wollende, erhebende, gebende und wundervolle Leben:

„Ich pfiff auf die mühsam geborgene Ladung und Last,
flämisches Korn und britische Wolle,
zerschnitt den Gefangenen die Fesseln aus Bast
und stieß mich schnell ab von der armseligen Scholle.

Ich ließ mich zehn Nächte lang willenlos hetzen,
vom grünen Gebrüll der Wogen umknallt,
Rasend vorübergedrehte Inselfetzen
kochten die Brandung herauf zu Lawinen geballt.“4

Aus „Le bateau ivre“ stammt dieses Zitat, aus einer achtundzwanzigstrophigen Ballade des Dichters Arthur Rimbaud, zu deutsch „Das trunkene Schiff“. Aber dieses Aufbruchsgedicht ist nichts Individuelles, es basiert auf einem kollektiven Aufbruch der Arbeiterinnen und Arbeiter von Paris, die sich 1871 gegen die Herrschenden erhoben hatten.
  Unmittelbar nach der Niederschlagung der Pariser Kommune durch preußische Truppen schrieb Rimbaud es nieder. Er war selbst aktiver Teilnehmer. Noch während des Aufstands arbeitete er einen Entwurf zu einer kommunistischen Verfassung der Gesellschaft aus und forderte die Diskussion. Noch nicht einmal siebzehn war er zu diesem Zeitpunkt. Später flüchtete er nach London, verkehrte dort in den Kreisen emigrierter Kommunarden. Dann schiffte er sich mit einem Schiff nach Afrika ein, begab sich real auf die Flucht aus Europa. Der deutsch-jüdische Dichter Paul Zech trug später diese Ballade und die anderen inzwischen gedruckten poetischen Zeugnisse des Europaflüchtlings nach Deutschland und begann mit dem Übersetzen. Das war im Jahre 1920. Seine sorgfältige Übersetzungstätigkeit konnte er jedoch erst in seinem argentinischen Exil, im Jahre 1944, vollenden.

Und Europa?

Rimbaud sagt es uns doch klar und deutlich, lest! Man schaue sich nur die Schlussstrophe seines Fluchtabenteuers an:

„Es gibt in Europa nur eines noch, das mich erschüttert:
der Tümpel, auf dem in der Abendglut
ein Knabe mit seinem Schiffchen herumspielt und frohgemut
den Hunger vergisst und die Fischkinder füttert “5

In der Realität gibt es keine Befreiung von Europa, nicht wahr? Sie bleibt geträumt und erhofft. Aber warum ist das so? Bleib stehen und denke nach! Fehlt die Liebe?

„Es haben die Mütter uns viel zu klein
in dieses Leben hinausgeboren.“6

Ein Jahr vor der Niederschrift des Ribbentrop-EU-Entwurfs wurde in einem NS-Massenvernichtungslager im besetzten Polen ein deutscher Dichter liquidiert, ein Jude, Jakob van Hoddis. Er war ein Seher, der in einer Vision die moralische Degeneration Europas mit dem afrikanischen Ergänzungsraum kollidieren ließ – ein Aufeinanderprallen von zwei Kontinentalschollen mit vollster Wucht! In den poetischen Klängen meint man auch etwas von der süßen Lebenspraxis des Geigers und Frontoffiziers Joachim von Ribbentrop, des Reichsaußenministers von 1943, zu vernehmen, der den Begriff vom afrikanischen Ergänzungsraum vermutlich kreierte, ganz zart, denn da schwingt auf alle Fälle so etwas Perverses mit. „Karthago“ heißt die Europa-Vision des jungen Hoddis. Hier ist sie:

„Der eherne Stier speit Flammen. Durchs offene Tempeldach
Blitzern die Strahlen der Sonne.
Männer mit offenen Armen beten.
Einer verschwand in dem krachenden dampfenden ehernen Maul –
Knabenmänner, die zum Tanz sich drehten.

Wo die bewaffneten Kähne die ewig bewegliche See durchschnitten.
Tage des Opfers und menschenmordender Bitten.
Wo die beschnittenen Priester mit sanft gleitenden Schritten
In den Winkeln der Gärten mit Frauen kosen
Als Weib mit dem Weibe.
Und es zittern und klirren die Goldgeschmeide
Am heiligen Leibe.

Tage der purpurnen Sonnenstrahlen.
Tage der Glut in der steinernen Stadt.
Über der blau donnernden Flut unermüdlicher Meere
Droht dir der Tod.
Hoch am Himmel steht der Komet bluteiternd und rot,
Ein Schwert, das die Leiber verzehrt,
Ein Drache der Wut.
Blut bedeutet das träumende Licht in den Straßen,
Vernichtung und Blut.
Umsonst heult der eherne Stier mit feurigem Schlunde,
Eure Töchter und Söhne verbrennt ihr im grässlichen Feuer vergebens.
Horch, es klingt der gläserne Tod durch die wüste Stunde.
Und es erstarrt im Mittagswunder der Traum und die Kraft eures Lebens.“7

Das im Ärmelkanal ankernde Flaggschiff der Moderne mit dem nach dem Nein zur Europäischen Union bange umherschauenden Volk des William Shakespeare auf dem jetzt mächtig brüchig gewordenen Deck, der wilde Ausbruchsversuch des Dichter-Revolutionärs Arthur Rimbaud aus dem Desaster Europa, der von biblischen Bildern umgetriebene deutsch-jüdische Dichter Jakob van Hoddis, der die überlieferten Apokalypsen als aktuelle Verwirklichungen deutete – ach Europa, so lasse dich endlich von deinen Dichtern an die Hand nehmen, von deinen wahren Kindern, den übriggebliebenen Unabhängigen, die noch eine Stimme haben, es darf nicht zu spät sein.



1Erich Maria Remarque: Die lange Nacht von Lissabon, Berlin Ost 1976, Seite 5
2 William Shakespeare: Dramatische Werke, ins Deutsche übersetzt von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck, Berlin 1872, Band 9, Seite 179
3 Entwurf des Auswärtigen Amtes vom 9. September 1943 zum Problem eines europäischen Staatenbundes, in: Reinhard Kühnl (Hrsg.): Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 1975, Seite 337
4 Arthur Rimbaud: Dichtungen, ins Deutsche übertragen von Paul Zech, München 1963, Seite 64
5 Ebenda, Seite 65
6 Ebenda, Seite 64
7 Jakob van Hoddis: Gedichte, Frankfurt am Main 1990, Seite 55

Antonín Dick    13.07.2016    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 

 
Antonín Dick
Lyrik/Prosa
Essay