POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 
Sprache als phantastische Tarnkappe

María Cecilia Barbetta im Gespräch mit Carola Gruber
Maria Cecilia Barbetta

© Fischerverlag, Foto: Sven Paustian

  Das Gespräch mit
María Cecilia Barbetta
ist abgedruckt in
poet nr. 8.
 
María Cecilia Barbetta wurde 1972 in Buenos Aires geboren, wo sie eine deutsch-argen­tinische Schule besuchte und Deutsch als Fremd­sprache studierte.

1996 kam sie mit einem DAAD-Stipendium nach Deutschland und promovierte zur Poetik des Neo-Phantastischen. 2008 erschien ihr Debüt­roman „Änderungs­schneiderei Los Milagros“ (S. Fischer), für den sie verschiedene Aus­zeichnungen erhielt, unter anderem das Arbeits­stipendium des Berliner Senats, das Alfred-Döblin-Stipendium, den Aspekte-Lite­ratur­preis sowie den Adelbert-von-Chamisso-Förder­preis.

Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, literarische Texte auf Spanisch zu schreiben, antwortet Barbetta mit einem Wort: »Nein«.

Carola Gruber: Liebe Cecilia, eine kleine biografische Frage zum Einstieg: Stimmt es, dass Sie eine argentinisch-deutsche Schule besucht haben? In welchem Alter haben Sie Deutsch gelernt?

María Cecilia Barbetta: Ja, das stimmt. Ich habe sogar einen deutsch-argentinischen Kindergarten besucht, obwohl meine Eltern kein Deutsch können und meine Vorfahren nicht aus Deutschland, sondern aus Italien und dem Libanon stammen. Im Jahre 1995 kam ich für vier Monate und mit Hilfe eines Stipendiums des Goethe-Instituts zum aller ersten Mal nach Deutschland, nachdem ich in Buenos Aires ein Deutsch-als-Fremdsprache-Studium absolviert und Unterrichtserfahrung gesammelt hatte. Heute erscheint mir die Tatsache, dass ich in Argentinien eine Lehrerausbildung für DaF gemacht und Deutsch unterrichtet habe, ohne jemals in Deutschland gewesen zu sein, ziemlich komisch, aber das liegt vermutlich in der Natur der Dinge: Deutschland war zu weit weg, und es war schwer, die nötigen Mittel aufzutreiben, um eine so teure Reise zu machen.
  Was meine Sprachkenntnisse betrifft, fällt mir nicht leicht, genau auszumachen, wann oder wo ich was gelernt habe, denn es ist ein nicht endender Prozess. Ich vermute, im Kindergarten habe ich mich an den Klang der Sprache gewöhnt, in der Schule die ersten grammatikalischen Strukturen verinnerlicht. Das gesamte Spektrum der deutschen Sprache wurde mir aber erst im Rahmen der Lehrerausbildung bewusst. Damals war ich noch der Ansicht, als Fremdsprachler könne man mit dem nötigen Fleiß (den ich ja aufbrachte) die Vollkommenheit im Umgang mit der fremden Sprache erreichen, was völliger Quatsch ist. Ich habe dennoch Jahre lang fest daran geglaubt, so dass ich nur unglücklich und von mir enttäuscht werden konnte.

C. Gruber: Seit 1996 leben Sie in Deutschland, haben hier promoviert und einen Roman auf Deutsch geschrieben. Welche Sprache benutzen Sie heute häufiger: das Deutsche oder das Spanische?

M. C. Barbetta: Das kann ich nicht sagen. Das Schreiben von literarischen Texten geschieht ausschließlich auf Deutsch. Das Reden mit Freunden, die Spanisch können und hier leben, funktioniert – ohne dass wir ein Wort darüber verlieren – in einer sehr persönlichen Sprache, die ohne erkenn­bares System deutsche und spanische Wörter miteinander kombiniert und häufig erfundene Begriffe miteinbezieht; das sind meistens deutsche Wörter mit angehängter spanischer Endung. Den meisten Spaß habe ich, wenn ich argentinische Redewendungen wortwörtlich ins Deutsche übersetze, denn dadurch werden sie dadaistisch. Ich habe eine ganze Weile solche Formulierungen gesammelt, aufgeschrieben und sie meiner deutschen Freundin, die Spanisch kann, am Telefon vorgelesen, damit sie sie errät.

C. Gruber: In welcher Sprache fühlen Sie sich sicherer?

María Cecilia Barbetta | Änderungsschneiderei Los Milagros
María Cecilia Barbetta
Änderungsschneiderei Los Milagros
Roman
S. Fischer 2008

Das Buch bei Amazon  externer Link

M. C. Barbetta: Ihre Frage ist vielschichtig. Auf Spanisch mache ich natürlich keine oder kaum Grammatikfehler. Wenn ich mich in meiner Muttersprache ausdrücke, brauche ich mir keine Gedanken über grammati­kalische Strukturen zu machen, denn sie sitzen einfach. Im Umgang mit der spani­schen Recht­schrei­bung bin ich mir aber mittler­weile nicht mehr so sicher, weil ich das meiste auf Deutsch lese. Deutsch wiederum ist ganz klar die Fremdsprache, das heißt, zum Schreiben auf Deutsch gehören für mich das Nach­schlagen, das Umschreiben, das Anders­sagen­müssen, wenn der »richtige« Ausdruck fehlt, und der fehlt oft. Das aber führt dazu, dass ich mittels der deutschen Sprache einen anderen Zugang zu den zu beschrei­benden Dingen gewinne; unmittelbar damit verknüpft ist das Reflek­tieren über den Schreibprozess und die Sprache, was im Spanischen völlig entfällt … Dass es bei der angelernten Sprache, bei ihrer Grammatik, eine Logik gibt, die ich verstehe und nach­vollziehen kann, führt paradoxer­weise dazu, dass mir nicht die Mutter­sprache, sondern die Fremd­sprache ein gewisses Gefühl von Sicherheit vermittelt, welches auf keinen Fall mit einem selbst­verständ­lichen, geschweige denn selbst­bewussten Umgang mit der Sprache zu verwechseln ist.
  Auf der anderen Seite hat dieses Gefühl von Sicher­heit, von dem ich rede, vor allem damit zu tun, dass ich die Fremdsprache als Schutz­sprache einsetze, sie ist für mich eine Art (phantastische) Tarnkappe, dank derer ich mich schreibend in Bereiche hineintraue, die ich sonst nie betreten würde. Das gilt in erster Linie für Buenos Aires, die Stadt, in der ich aufgewachsen und vierundzwanzig Jahre meines Lebens verbracht habe. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass ich in der Änderungsschneiderei Los Milagros in der Lage bin, die argentinische Welt Revue passieren zu lassen, gerade weil ich sie durch das Sieb beziehungsweise den Filter der Fremdsprache sehe. Ich muss es so machen. Es geht nicht anders, denn das Resultat ist feiner, ich meine, verdaulicher, es liegt mir nicht mehr so schwer im Magen; auf dem Siebboden – zwischen den Zeilen – bleiben die Körner, das, was ich nicht aussprechen kann, vielleicht aufgrund meiner Unzulänglichkeiten im Hinblick auf die Fremdsprache, vielleicht weil es mir sonst zu sehr wehtun würde.

C. Gruber: Unterscheidet sich Ihr (emotionaler) Zugang zum Deutschen von dem zum Spanischen? Teilen Sie die Erfahrung von Mehrsprachigen, dass den verschiedenen Sprachen auch unterschiedliche Lebensbereiche und -phasen entsprechen?

M. C. Barbetta: Natürlich ist der emotionale Zugang ein anderer; das ist das, was ich gerade zu beschreiben versucht habe. Man spürt durchaus Bereiche auf, die voneinander getrennt bleiben. Mir passiert es oft, dass ich, wenn ich in Buenos Aires bin, nicht mehr in der Lage bin, Bücher auf Deutsch zu lesen, und in Berlin kann ich mich nur schwer auf Bücher einlassen, deren Sprache Spanisch ist. Auf der anderen Seite aber verabscheue ich Demarkationslinien; in der Literatur verwische ich sie mit Leichtigkeit und mache sie unkenntlich, aus der Überzeugung heraus, dass das Leben – wenn es richtig pulsiert – voller Ambi­valenzen ist. Und schauen Sie: Ich bezeichne die deutsche Sprache gerne als meine Schutzsprache, obwohl sie zur gleichen Zeit die Sprache ist, die mich ununterbrochen auf Trab hält und mir Fallen stellt.
  Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In meinem Debütroman gibt es eine Stelle, die ich besonders mag; in einem inneren Monolog erinnert sich Mariana, die Protagonistin, an ihre große Liebe. Da heißt es: »Wenn du mich nicht hältst, falle ich, hörst du?« Der nächste Satz lautet: »Immer und immer wieder auf dich rein.« Diese Zeilen sind es, die ebenfalls meine Beziehung zur deutschen, fremden, mir immer wieder ent­glei­tenden Sprache charak­teri­sieren. Der Stadt Buenos Aires und den argentinischen Figuren in der Änderungsschneiderei nähere ich mich an, indem ich meiner Muttersprache sozusagen den Rücken kehre und »fremdgehe«. Ein Leben lang wird mich mit der deutschen Sprache eine glücklich-unglückliche Liebesgeschichte verbinden, denn auch ich falle immer und immer wieder auf sie rein. Nach so vielen Jahren aber habe ich eins dazugelernt: In der Bewegung des Fallens wird man sich der eigenen Freiheit bewusst.

C. Gruber: Wann hatten Sie zum ersten Mal – vielleicht auch nur ganz flüchtig – die Idee, dass Sie einmal einen Roman oder überhaupt literarisch schreiben wollen?

M. C. Barbetta: Als ich im Sommer 2005 zum ersten Mal im Leben vor der Arbeitslosigkeit stand und in Berlin den Aufsteller einer türkischen Än­derungsschneiderei entdeckte, auf dem ich »Änderung von Damen« las. Der Bindestrich fehlte (zum Glück fehlte der Bindestrich!), darunter hieß es weiter: »Kinder- und Herrenbekleidung«.

C. Gruber: Wussten Sie zu dem Zeitpunkt bereits, in welcher Sprache Sie schreiben wollen würden?

M. C. Barbetta: Das stand außer Frage. Wenn schreiben, dann auf Deutsch.

C. Gruber: Der Schauplatz Ihres Romans Änderungsschneiderei Los Milagros ist das Buenos Aires des 80er, 90er Jahre. Sie selbst kennen die Stadt aus dieser Zeit – und kehren mit dem Roman in die Welt von damals zurück. Allerdings unternehmen Sie diese Rückkehr in einer Sprache, die nicht nur Ihnen, sondern auch dem Ort fremd ist. Inwiefern hatte dieser Sprachwechsel einen Einfluss auf die Erinnerung, auf die Erzählbarkeit des Ortes und der Geschichte?

M. C. Barbetta: Die Änderungsschneiderei ist nur in dieser Sprache möglich, will sagen, für mich als Autorin erzählbar. Im Laufe der Zeit habe ich immer mehr den Eindruck, dass ich auf der Suche nach Stimmigkeit bin. Mit der Änderungsschneiderei habe ich mir einen Kosmos geschaffen, in dem sowohl das Argentinische als auch das Deutsche seinen Platz und seine Berechtigung haben. Sie bereichern sich gegenseitig wie bei mir im echten Leben.

C. Gruber: Bedeutet der Sprachwechsel zwangsläufig auch eine stärkere Verfremdung? Inwiefern macht sich der Roman diese Verfremdung zu­nutze?

M. C. Barbetta: Der Sprachwechsel ist überhaupt die Chance, mich Argentinien wieder anzunähern, und zwar vorsichtig, aus einer gewissen Distanz, die ich für gesund halte, da sie zugleich eine spielerische Leichtigkeit mittransportiert, die nach meinem Empfinden die deutsche Sprache ausmacht.

C. Gruber: Haben Sie auch einmal überlegt, den Roman auf Spanisch zu schreiben?

M. C. Barbetta: Wieso sollte ich auf Spanisch schreiben wollen, wenn ich mich vor Jahren schon für die deutsche Sprache entschieden hatte? Das, was ich partout nicht wusste, war, dass die Änderungsschneiderei keine Kurzgeschichte oder Erzählung werden würde, sondern ein Roman.

C. Gruber: Ihr Roman zeigt eine seltene sprachliche Sicherheit und Spiellust: Er spielt mit Redewendungen, Filmtiteln, Liedgut, Wortähnlich­keiten wie »Sicherheitsnadel«/»Sicherheitsnetz« und umgangssprachlichen Wendungen. Er verbindet miteinander, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört, und schafft neue, oft sprachlich begründete Nähen und Parallelen. Das erfordert eine sehr weitläufige und detaillierte Kenntnis der Sprache. Ich stelle es mir besonders schwierig vor, solche Wortspiele in einer Fremdsprache zu finden. Oder ist es dort gerade leichter, weil Sie als Nicht-Muttersprachlerin eine gewisse Distanz haben und die Eigentümlich­keiten einer Sprache deutlicher wahrnehmen?

M. C. Barbetta: Nach Wortspielen suche ich nicht. Sie bieten sich beim Schreiben an, treiben häufig das Erzählte voran, eröffnen neue Perspek­tiven, laden dazu ein, bei der Lektüre innezuhalten. Bei mir ist es allerdings nicht nur ein Innehalten, sondern ein Staunen über diese skurrilen Verwandtschaftsbeziehungen, welche den Wörtern selber entstammen, es sind also Verwandtschaftsbeziehungen, die nicht ich erfinde, sondern die da sind und darauf warten, aufgespürt zu werden. Um dieses Bild ein bisschen weiterzutreiben: Ich bin nur das Trüffelschwein.

C. Gruber: In einem Interview haben Sie einmal gesagt, für Sie sei »die Fremdsprache zur Leidenschaft« geworden. Die Wörter in der Fremd­sprache seien »wie Dinge«, mit denen sich spielen lasse. Ist die Fremd­sprache für Sie ein Ort besonderer (literarischer) Freiheit?

M. C. Barbetta: Das stimmt. Deutsche Wörter charakterisieren sich in erster Linie durch ihre Stofflichkeit, durch ihre Plastizität und Materialität. Das macht ihre Sinnlichkeit aus. Ich kann nicht anders, als die Fremdwörter vor meinem inneren Auge als Dinge zu sehen. Erst in einem zweiten Schritt kann ich von ihnen abstrahieren, sie anders einsetzen. Die Leidenschaft rührt wahrscheinlich zum größten Teil daher, dass deutsche Begriffe selten eindimensional sind, das heißt, ein Flügel ist ein Flügel ist ein Flügel (also ein Klavier, ein Körperteil bei einem Vogel oder Insekt und der Seitenbau eines Gebäudes). Um dieses Phänomen zu kennzeichnen, dachte sich der französische Schriftsteller Alfred Jarry die wunderschöne Bezeichnung »Ideenpolyeder« aus, man könnte sich aber auch Wörter als Kaleidoskope vorstellen. Ein Linguist würde ganz nüchtern von Polysemien oder Homonymen sprechen wollen, ein Kind wiederum von Teekesselchen.
  Spätestens an dieser Stelle verstehen Sie, dass das Ganze großen Spaß machen kann. Ich glaube, dass Fremdsprachler häufig der Welt mit kindlichen Augen begegnen. Da kommt es her: die Entdeckerfreude, das Innehalten, der Respekt, das Staunen über eine andere Seite der Wirklich­keit.

C. Gruber: In Interviews haben Sie mehrfach die „Lust an der Fremdsprache“ als einen Aspekt des Schreibprozesses an Ihrem Roman hervorgehoben. Würden Sie soweit gehen zu sagen, dass Sie ohne diese Lust den Roman nicht geschrieben hätten?

M. C. Barbetta: Am Anfang des Prozesses stand nicht die Lust im Vordergrund, sondern die Arbeitslosigkeit und mit ihr unmittelbar verbunden eine große Unsicherheit, die meine berufliche Zukunft betraf. Heute bin ich für die damalige Erschütterung dankbar; ich glaube, es war Dostojewski, der sagte, der Kummer schaffe die Poesie …
  Heutzutage gestehe ich mir ein, dass die andere Seite dieser Arbeitslosigkeit die Chance war, den Schritt zum Schreiben hin zu wagen, ohne viel aufs Spiel setzen zu müssen. Während ich mich damals um etliche Arbeitsstellen bewarb und auf Rückmeldung wartete, schrieb ich an den ersten Kapiteln der Änderungsschneiderei – geplagt natürlich vom schlechten Gewissen, weil ich dachte, das darf ich mir nicht erlauben. Was für ein Geschenk war es zu spüren, dass Traurigkeit und Kummer sich peu à peu, im Laufe des Schreibens nämlich, in Glück verwandeln ließen!

C. Gruber: Für Ihren Roman Änderungsschneiderei Los Milagros haben Sie 2008 den aspekte-Literaturpreis bekommen. Dieses Jahr haben Sie den Wortspiele-Preis von Bayern 2 und den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis erhalten. Wie erklären Sie sich den großen Anklang, den Ihre Texte in Deutschland finden? Haben Ihre Texte – nicht nur thematische, sondern auch sprachliche – Aspekte, die in der aktuellen deutschsprachigen Literatur selten sind?

M. C. Barbetta: Die Preise bekam ich ausschließlich für die Änderungs­schneiderei. Die vielen Texte, von denen Sie sprechen, gibt es nicht. Es gibt außer dem Roman ein paar Essays und Erzählungen, mehr nicht. Ich bin der Meinung, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur spätestens seit den 1990er Jahren derart vielfältig und plural geworden ist wie ihre Autoren, Leser und Auszeichnungen. Es gibt unzählige literarische Stimmen und Geschmäcker. Nichts mehr ist selten, aber es ist klar, ich bin sehr glücklich darüber und dankbar dafür, in der kurzen Zeit so viel Annerkennung erhalten zu haben.

C. Gruber: In der Änderungsschneiderei Los Milagros trifft der Alltag der Näherinnen auf Fantastisches, das so nur in der Literatur möglich ist, zum Beispiel die ganz unwahrscheinlichen Parallelen zwischen den Figuren Mariana und Analía. Die Jury des aspekte-Literaturpreises fühlte sich durch Ihren Roman »an den Fabulierreichtum der lateinamerikanischen Literatur« erinnert – und attestierte Ihnen, darin die »großen Themen der Weltliteratur« abzuhandeln. Wie wichtig ist für Sie die literarische Tradition Latein­amerikas, insbesondere die des fantastischen Realismus?

M. C. Barbetta: Ich bin mit dieser Tradition groß geworden. Ich kenne ihre Prämissen, und ich glaube gerne daran, dass es etwas gibt, das unsere Realität, so wie wir sie definieren, übersteigert, ich folge der Linie eines Julio Cortázars, der ein verlorengegangenes Gespür für das Außergewöhnliche heraufbeschwört, wonach das Mysterium wieder Bestandteil der Realität werden kann.
  Aber wissen Sie, wo diese Ikone der argentinischen Literatur begraben liegt? In Paris! Cortázar verließ seine Heimat in den 1950er Jahren und kehrte nur gelegentlich zurück. Und Jorge Luis Borges? Er liegt in Genf begraben.
  Viele der großen Schriftsteller Argentiniers fühlten sich der ästhetischen Avantgarde verbunden und empfanden Europa ebenso gut als ihr Zuhause. Bedenken Sie, dass Argentinien ein Einwanderungsland ist und fast alles über Europa kam: die Sprache, die Religion … Zugespitzt ausge­drückt: Die phantastische Literatur meines Landes ist eine à la Kafka. Der magische Realismus dagegen entstammt einer etwas anderen Tradition, und zwar ist er eher in lateinamerikanischen Ländern wie Mexiko, Guatemala oder Perú zu Hause, in denen dem indianischen Erbe eine bedeutende Rolle als Hochkultur zukommt; im Gegensatz hierzu existierten in der Pampa des Río de la Plata zwar wilde Stämme, die aber bereits früh vernichtet wurden.

C. Gruber: Wie ist es mit der deutschen Tradition? Zum Beispiel erinnern das Spiel mit der Materialität von Sprache, der bewusste Einsatz der Typo­grafie zum Präsentieren von Erzähltem sowie das Erzählen von Gleich­zeitigem auch an Texte Alfred Döblins. Hat diese Art von Literatur für Sie und Ihr Schreiben eine Rolle gespielt?

M. C. Barbetta: Ehrlich gesagt, habe ich mir Döblin und den Alexanderplatz erst 2007, während eines Stipendiumsaufenthalts in Wewelsfleth, vorge­nommen. Ich war ja letztens im Alfred-Döblin-Haus untergebracht, das einst Günter Grass gehörte und mittlerweile von der Akademie der Künste Berlin verwaltet wird. Ich war beglückt bei der Lektüre der Ermordung einer Butterblume. Da werden – wie in der Änderungsschneiderei auch – am Anfang Schritte gezählt, das fand ich eine schöne Koinzidenz.
  Aber viel prägender für mich waren Franz Kafka und E.T.A. Hoffmann, die Sprache Goethes, Schillers, Thomas Manns, es bleibt jedoch selbstver­ständlich weder bei den lateinamerikanischen noch bei den deutschsprachi­gen Autoren.
  Wichtig ist die Linie eines Italo Calvino oder eines Alfred Jarry, Autoren, die ich nicht im Original, sondern auf Deutsch las, dazu kommen die Oulipisten, die Pataphysiker, aber auch so viele andere – mit von der Partie: eine Palette bildender Künstler wie Marcel Duchamp, Sophie Calle oder Francis Alÿs. Sie haben einen Zugang zur Realität und ein Verständnis von dem, was Kunst im weitesten Sinne des Wortes sein kann, das ich sehr bewundere.

C. Gruber: In welcher literarischen Tradition fühlen Sie sich mehr beheimatet, welche literarische Tradition hatte den größeren Einfluss auf Ihr Schreiben?

M. C. Barbetta: Ich antworte Ihnen mit einer Analogie: Nicht die Flügel und nicht der Körper eines Pferdes machen die Quintessenz eines Pegasus aus; das Besondere bei diesem Mischwesen ist einzig und allein in jener Stelle zu suchen, an der die Wurzeln der Flügel und die Schulter des Tieres ineinanderfließen.

C. Gruber: Haben Sie eigene Texte bereits einmal vom Spanischen ins Deutsche übersetzt oder umgekehrt?

M. C. Barbetta: Nein, nie auf den Gedanken gekommen. Als ich arbeitslos war, habe ich für die Organisatoren der Documenta Künstlertexte übersetzt, vom Spanischen ins Deutsche und umgekehrt. Ersteres fiel mir deutlich leichter.

C. Gruber: Wie eng verfolgen Sie die Übersetzung Ihres Romans ins Spanische mit? Haben Sie bereits Teile der Übersetzung gelesen bzw. werden Sie die Übersetzung vor Erscheinen kritisch gegenlesen?

M. C. Barbetta: Ich wollte auf keinen Fall meinen Roman selber übersetzen, denn das hieße, ihn auf Spanisch neu zu schreiben, das könnte ich nicht, und außerdem wäre es Wahnsinn, denn die ganzen Sprachspiele entstammen der deutschen und nicht der spanischen Sprache, aber klar, die Übersetzung prüfend gegenlesen, das werde ich wohl tun müssen.

C. Gruber: Welche (schriftstellerischen) Pläne haben Sie: Möchten Sie weiterhin in Deutsch schreiben oder könnten Sie sich vorstellen, auch einmal zu ihrer Muttersprache schreibend zurückzukehren? Inwiefern hängen Schreibort und Schreibsprache zusammen?

M. C. Barbetta: Das ist es ja! Wir haben den Kern des Paradoxon wieder getroffen! Glauben Sie mir: Indem ich deutsch schreibe, mache ich nichts anderes als zum Eigenen – dem argentinischen Spanisch -zurückzukehren.

C. Gruber: Herzlichen Dank für das Interview!
 
Wie erleben Schriftsteller anderer Länder die deutsche Sprache und Literatur? Gibt es den kosmo­poli­tischen Autor oder wird angesichts einer alles nivellierenden Globa­lisie­rung das Regionale in der Literatur wichtiger? Der poet (Ausgabe 8) hat Autoren zum Thema Sprache und Heimat befragt: Ilija Trojanow, María Cecilia Barbetta, Luo Lingyuan, Jan Faktor, You-Il Kang.
poet nr. 8
literaturmagazin
poetenladen, Leipzig 2010
portofrei lieferbar
Inhalt
poet-Website
   
Carola Gruber   07.05.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Carola Gruber
Prosa
Gespräch