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7 Zu den Kolumnen
Düne rauf, Düne runter

Christiane Geldmacher durchkämmt Usedoms Buchhandlungen nach Thomas Bernhard

Ende Dezember 2005 schrieb ich: Wenn nichts Bahnbrechendes mehr passiert, dann war die Wiederentdeckung des Jahres Arno Schmidt. Natürlich, wenn man so etwas schreibt, ist es innerhalb von 24 Stunden Makulatur. Just am nächsten Morgen geriet mir Thomas Bernhards Wittgensteins Neffe in die Finger. Nicht dass Thomas Bernhard damit Arno Schmidt den Wiederentdeckungs-Bären des Jahres 2005 abgenommen hätte, aber er bekam den Zweiten zu Verteilenden. Ich muss das Buch vor 18 Jahren schon einmal gelesen haben, so steht es im Buchdeckel. Sommer 1988. Erinnern kann ich mich allerdings nicht daran. Einerseits ist das beunruhigend – ein Gedächtnis wie ein Sieb! – andererseits praktisch. Kaum hat man sein Bücherregal durch, kann man wieder von vorn anfangen. Alle zehn Jahre erscheint einem ein Buch völlig neu. Marcel Reich-Ranicki sagte von Wittgensteins Neffe, dass Thomas Bernhard nie menschenfreundlicher und zärtlicher geschrieben hätte. Das stimmt. Man begreift erst gar nicht, wieso er ganz Österreich gegen sich aufgebracht hat. Aber dann doch. Er muss alle aufgebracht haben, denn er beschönigt nichts. Seine Hassliste ist lang: Österreich, Wien, die Natur, das Salzkammergut, Bad Reichenhall, die Hochgebirgsstumpfheit, Literatur-Preisverleihungen. 1972 erhielt er den Grillparzerpreis. Bernhard wusste das zu würdigen und kaufte sich vor der Preisverleihung noch einen neuen Anzug. Doch keiner der Anwesenden erkannte ihn, keiner nahm ihn in Empfang. Zusammen mit seinem Lebensmenschen Hedwig Stavianicek und Paul Wittgenstein suchte er sich die einzig freien Plätze in der Mitte des Saales. Endlich wurde herumgeschaut, wo die Hauptperson des Abends sei, und als man Bernhard an einem unerreichbaren Platz fand, unterstellte man ihm, er mache das extra. Das Publikum stand auf Bernhards Hassliste, gerade wegen der Ignoranz. Er hasste zurück. Bei einer anderen Preisverleihung recherchierten die Preisverleiher, dass er ein Holländer sei und gute Abenteuerromane schreibe. Mich erinnert Thomas Bernhard übrigens an Heathcliff aus Wuthering Heights von Emily Brontë. Eine Grundzärtlichkeit ist da, eine Grundliebe, aber er wird dauernd enttäuscht und gerät in eine irrsinnige Wut. Er erzählt, wie er einmal Bruno Ganz, den größte(n) Schauspieler, den die Schweiz je hervorgebracht hat, für ein Stück im Burgtheater haben wollte, dessen Engagement aber verhindert wurde, aus Existenzneid, aus künstlerischer Todesangst, aus Feigheit. Bruno Ganz kam nicht und Bernhard musste zusehen, wie die Rolle gegen seinen Willen anders besetzt und vom Ensemble niedergespielt wurde. „Ich habe das Wiener Kaffeehaus immer gehasst“, schreibt der Ich-Erzähler in Wittgensteins Neffe, „und bin immer wieder in das von mir gehasste Wiener Kaffeehaus heineingegangen, habe es tagtäglich aufgesucht, denn ich habe, obwohl ich das Wiener Kaffehaus immer gehasst habe, und gerade weil ich es immer gehasst habe, in Wien immer an der Kaffeehaus­auf­such­krankheit gelitten, denn es hat sich herausgestellt, dass diese Kaffeehaus­auf­such­krankheit die unheilbarste aller meiner Krankheiten ist.“ Bernhard ist nur glücklich zwischen den Orten, schreibt er, er ist der allerglücklichste Abfahrer, aber der allerunglücklichste Ankommer; ein Unruhiger, zeitlebens gezeichnet von einer Lungenkrankheit, die ihn auch in ein Sanatorium auf der Baumgärtnerhöhe verschlägt. Der Zufall will es, dass er da auch seinen Freund Paul Wittgenstein trifft, den Neffen des berühmten Ludwig Wittgenstein, der nebenan in der Irrenanstalt Am Steinhof untergebracht ist.Thomas Bernhard: Der Untergeher Grotesk, grotesk, sagt Wittgenstein zu Bernhard, als sie auf einer Parkbank nebeneinander sitzen, der eine in der Verrücktenkleidung, der andere in der Lungen­krankenkleidung. Bernhard beschreibt in Wittgensteins Neffe das lange Sterben dieses ihm wichtigsten Freundes und er beschreibt auch, wie er sich am Schluss von ihm zurückzieht, aus Angst vor dem Tod. Er will ihn nicht mehr sehen, er hält ihn nicht mehr aus, er beobachtet ihn versteckt in der Innenstadt. Er will ihn als Lebenden in Erinnerung behalten. Bernhard ist kein Held, der sich zusammenreißt und den einsam Sterbenden pflegt. Man klappt das Buch zu und denkt. „So ist es. Er hat recht. Gut, dass er es so geschrieben hat und nicht anders. Keiner, der sich das Leben schön­schreibt.“ Einmal sitzt er auf dem Land – das Land hasst er auch, es saugt und pumpt den Geistesmenschen aus und richtet ihn sinnlos zugrunde, behauptet er – und macht sich auf die Suche nach der Neuen Zürcher Zeitung. Er fährt nach Salzburg, nach Bad Reichenhall, noch mal 50 Kilometer weiter und noch mal 20 Kilometer: keine Zeitung. Insgesamt wird er 350 Kilometer fahren für das Nichtfinden der NZZ, alles miserable Drecksorte, die diese Zeitung nicht haben. Kaum dass ich das bei ihm gelesen hatte, wollte ich unbedingt an Bernhard dranbleiben, war aber auf Usedom. Ohne Bernhardbuch. Ich hatte eine Reihe Bücher dabei, aber es musste jetzt Bernhard sein, kein anderes Buch. Es war der magische Thomas-Bernhard-Moment in meinem Leben, jetzt alles von ihm lesen. Und so fuhr ich dünerauf und dünerunter auf Usedom auf der Suche nach Thomas Bernhard. Nichts. Ich war in Ahlbeck, in Heringsdorf, in Bansin. Auch in Zinnowitz und in Anklam. Schließlich hatte ich Glück bezie­hungs­weise eine Eingebung: Ein Buch von Thomas Bernhard wurde in der Bibliothek der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht – Der Untergeher. Und schon hatte ich es in der Hand. Fabelhaft, ich las es in einem Atemzug. Dass diese Kolumne übrigens in einem einzigen Absatz verfasst ist, ist dem Buch Bernhards geschuldet, dass ebenfalls keinen einzigen Absatz hat, weder Wittgensteins Neffe noch Der Untergeher.

© 16.01.2006  Christiane Geldmacher          Print

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