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Junge Lyrik – zur Kasse bitte!

Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt mit Gebühr

Leonce-und-Lena-Preis Darmstadt
Dieses Blatt soll dem hessischen Lande die Wahrheit melden, aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt, ja sogar der, welcher die Wahrheit liest, wird durch meineidige Richter vielleicht gestraft.
Georg Büchner: Der Hessische Landbote, Darmstadt 1834

Die Kultur- und Wissenschaftsstadt Darmstadt hat sich etwas Zeitgemäßes einfallen lassen. Seit 1968 findet hier der wichtigste Wettbewerb für Nachwuchslyriker statt, benannt nach Leonce und Lena, den Titelgestalten im Lustspiel des revolutionären Dichters und Darmstädter Gymnasiasten Georg Büchner. Alle zwei Jahre darf ein viel versprechendes Talent 8000 Euro mit nach Hause nehmen; hinzu kommen kleinere Förderpreise. Das ist gute und nicht einmal teure Werbung für die Stadt. Junges Publikum reist an und die Presse in Deutschland berichtet – das alles für eine Summe, für die weder ein Werbespot noch eine Anzeigenserie in überregionalen Zeitungen zu haben wäre. Darmstadt ist dank der jungen Lyrik in aller Munde. Eine moderne, eine junge, eine kulturliebende und lyrikfördernde Stadt! Darmstadt eben!

Weil man Nachwuchsförderung jedoch nicht mehr als Investition, sondern als Einnahmequelle begreift, lautet die neue Devise der fortschrittlichen Kommune: Lyriker finanzieren ihren Preis selbst. „Die Bewerbung ist mit einer Bearbeitungsgebühr von 20 Euro verbunden“, liest der junge Autor und staunt oder staunt auch nicht. Schließlich gibt es auch Studiengebühren. Warum nicht auch Lyrik- und Wettbewerbsgebühren und warum eigentlich keine Lyrikwettbewerbsbearbeitungsgebühren? Schließlich bearbeitet die Verwaltung der Stadt die Wettbewerbsunterlagen und nicht die Schriftsteller die Gedichte.

20 Euro sollte der wahre Poet ohne Geheul locker machen, damit das Vorlektorat seine Gedichte anliest. Darmstadts Verwaltung ist bedeutend und bei tausend Teilnehmern unterstützen Deutschlands Lyriker die Behörde mit immerhin 20.000 Euro. Eine schöne Geste. Die Lyriker zahlen, Juroren entscheiden und die Stadt gibt das Geld, das sie zuvor mit dem Gebührenrechen eingezogen hat, gebündelt als Preis zurück. Dabei bleiben noch ein paar tausend Euro über, selbst wenn man alle Preisgelder abrechnet. Leonce-und-Lena-Lotto eben.

Man hätte andere Einsparmaßnahmen erwägen können. Mehr und mehr Wettbewerbe funktionieren heute per elektronischer Post, denn kein junger Literat ist ohne Email-Adresse. Das spart Porto- und Verwaltungskosten. Aber ist es nicht schöner, sich vorzustellen, wie Sekretärinnen mit gezückten Brieföffnern in der Darmstädter Verwaltung ausharren, um aus jedem Kuvert Gedichtpacken in dreifacher Ausfertigung plus Meldekarte zu schlitzen? 20 Euro sind für dieses Lustspiel wirklich nicht zuviel! Meine lieben Lyriker! Meine lieben Lyrikwettbewerbsunterlagenbearbeiter! Die Entgegennahme von Manuskript-Ladungen, das emsige Kuvert-Aufschlitzen und das beflissene Absagebriefe-Verschicken muss eine Art Darmstädter Papierfetischismus sein. Stellen wir uns lieber nicht vor, wie nach dem Wettbewerb zehntausende Gedichte der Vernichtung zugeführt werden. Zurückgesendet werden sie nicht. Warum auch, die Lyriker haben sie auf der Festplatte.

Wer immer noch Bedenken hat angesichts hoher Bearbeitungsgebühren sollte folgenden Passus genauer lesen: „Nach Eingang der Unterlagen erhält jeder Bewerber eine Kurzrechnung des Kassen- und Steueramtes der Wissenschaftsstadt Darmstadt.“ Die Darmstädter Lyrikrechnung ist also weder hoch noch niedrig, sondern einfach nur kurz. Das muss mit dem bearbeiteten Produkt zusammenhängen, das ja auch kurz ist. Verdichtet eben.

Mit seiner neuen Lyrikgebühr steigt Darmstadt in die Gilde jener Förderer auf, die jungen Autoren kräftig unter die Arme und in die Tasche greifen. Ist es nicht beschämend für einen jungen Lyriker, zahlen zu müssen, um eben das, was ihm wohl am wichtigsten ist, sein Schreiben, anderen Menschen und einer Jury vorstellen zu dürfen? Georg Büchner hätte den Leonce-und-Lena-Preis boykottiert. Wenn es Finanznot ist, die Darmstadt begierig macht, wäre es ehrlicher gewesen, Preise und Jurygelder zu halbieren. Abhalten wird man durch Gebühren nicht die Untalentierten, sondern allenfalls jene, die skeptisch und sensibilisiert sind und es als zweifelhaft empfinden, für ihre Lyrik Gebühren zahlen zu müssen.

Protest muss man in der Büchnerstadt indessen nicht fürchten: Ein Dichter, der sich Hoffnung auf den Preis macht, wird sich nicht lauthals beklagen. Mithin wird das Darmstädter Gebührenbeispiel Schule machen. Was der mutigste Literat der Stadt einst anprangerte, hat offenbar seit je nur sein Gesicht, nie sein Wesen gewandelt. Dazu gehört die pensionssatte Bürokratie. Darmstadt eben!

Ausschreibungstext zum Leonce-und-Lena-Preis
Preisträger 2007 (Christian Schloyer)

© 16.05.2006  Andreas Heidtmann            Print

Andreas Heidtmann
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