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Münchner Reden zur Poesie
Herausgegeben von Holger Pils und Frieder von Ammon
Publikationen im Lyrik Kabinett München
Redaktion im poetenladen: Walter Fabian Schmid

Ulf Stolterfoht
Wurlitzer Jukebox Lyric FL – über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte


Walter Fabian Schmid zu Ulf Stolterfohts Poesierede
Auf der Suche nach dem Kick

In seiner Rede vom 11. November 2015 tritt Ulf Stolterfoht konse­quent „als Experte der Euphorie“ auf und erzählt aus der eigenen Erfah­rung heraus vom Un­ver­ständlichen. Auf seine leichte und amüsante Art gibt Stolterfoht seine eigene Initia­tion preis, die er bei Oskar Pastior erfahren hat. Ähnlich einer Trans­zendenz­erfah­rung in der Musik tat sich für den Dichter ein ganz neuer Horizont auf: Das Nicht-Verstehen von schwie­rigen Gedichten. Und damit meint Stolterfoht in seiner Rede keines­wegs herme­tische Gedichte.

Denn Unverständlichkeit ist etwas ganz anderes als Schwer­verständ­lich­keit: Das schwer ver­ständliche, herme­tische Gedicht fordert mich als Leser zu herme­neuti­schen Best­leis­tungen auf, es ist klüger als ich und hält etwas von mir verborgen, aber ich, wenn ich nur intel­ligent genug, belesen genug und dazu noch beharr­lich bin, kann mir Einlass verschaffen in die geheimen Kammern der Schwer­ver­ständ­lich­keit. Wenn das schwer ver­ständliche Gedicht das aristo­krati­sche, elitäre und hier­archi­sche Gedicht ist, denn genau so hatte ich diese Gedichte im Deutsch­unterricht erlebt – der neben­bei ein sehr guter war –, dann waren diese Gedichte demo­kratisch und un­hier­archisch. Dass ich sie tatsächlich auch für nicht elitär halte, genau darum geht es ja in dieser Rede.

So spricht Stolterfoht dem Unverständ­lichen eine grosse Befreiung zu – eine Befreiung vom Zwang des Ver­stehens und somit auch eine Befreiung des Denkens. Erst so stellt sich für den Dichter Euphorie ein, die nur schwer vom Gefühl der Freiheit zu trennen ist. Oder wie er selbst ex negativo formuliert: „Plan-und Pflicht­erfül­lung sind schlechte Eupho­rie­produ­zen­ten“. Damit meint Stolter­foht aber keines­wegs aus­schließ­lich anarchi­sche Schreib­weisen, die ganz offensichtlich auf das Unver­ständ­liche setzen oder mit einer leeren, „her­unter­ge­kom­menen Sprache“ kommuni­zie­ren, wie Ernst Jandl das bezeich­nen würde. Ulf Stolter­foht inter­es­siert sich vielmehr für das komplex Arran­gierte, die hoch­gradig konzi­pierten Struk­turen und Formen, welche das Ver­ständnis er­kennt­nis­kri­tisch über­steigen. Des­wegen ist auch Oulipo und ihre auf den ersten Blick strenge, regel­geleitete Schreib­weise für ihn eine Befreiung.

Mit einem Kriterium wie „Qualität“ kann Stolterfoht in seinem ent­hier­archi­sierten Zugang natür­lich nicht viel anfangen, und man könnte noch weiter­fragen, ob sich solche Schreib­weisen nicht per se dieser Kate­gorie ent­ziehen. Stolter­foht geht lieber in wenig beach­tete Nischen hinein und wid­met sich unter dieser Prämis­se auch Dieter Roth, Dominik Steiger, Gunter Falk oder Ernst Herbeck – einer jener Künst­ler, die in der psychia­tri­schen Anstalt Maria Gugging von Leo Navratil zur soge­nannten „zu­stands­gebun­denen Kunst“ ange­halten wurden. Auch bei dessen Gedicht „Die Wüste“ stellt sich für den Redner eine Eupho­rie­erfah­rung ein: „Und als ich es zum ersten Mal gelesen hatte, und völlig fas­sungs­los war, und mir wünschte, ich könnte auch solche Gedichte schreiben, über diese an­scheinend gren­zen­lose Freiheit ver­fügen, die sich doch der größt­mög­lichen Un­frei­heit ver­dankte, da wurde aus der eupho­rischen Fas­sungs­losigkeit grosse Rat­losig­keit.“

Mit seinem ganz und gar egalitären Zugang liefert Ulf Stolterfoht eine optimale Einfüh­rung in die Poetik des Un­ver­ständ­lichen, die un­miss­ver­ständ­lich jeder ka­piert und auch noch Spass macht. Seine Kern­aus­sage ist, dass das schwie­rige Gedicht schlicht­weg Freude bereitet – ver­ursacht durch die Freiheit des Denkens, das Glück des Mög­lichen oder die Über­ra­schung des Unge­wis­sen. Und auf ge­lun­gene riskante Texte dürfen wir uns auf­grund des weiter­hin stei­genden Pro­fes­sio­nali­sie­rungs­grads sowie der breiten und inter­natio­nali­sier­ten Zugangs­mög­lich­keiten zur Lyrik noch mehr freuen.

Hören Sie rein!



 


Ulf Stolterfoht

„Vielen Dank, Frieder von Ammon, vielleicht hätten diese 10 Thesen auch schon gereicht, oder? (lacht) ... Sehr geehrte Damen udn Herren, ich freue mich wirklich sehr darüber, heute Abend für Sie die 15. Rede zur Münchner Poesie halten zu können.“



mp3-Audiodatei (Download)

 


  Münchner Reden 14
Ulf Stolterfoht
Wurlitzer Jukebox Lyric FL über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte
Münchner Reden zur Poesie
32 S., Broschur
Herausgegeben von Holger Pils und Frieder von Ammon

Lyrik Kabinett, November 2015
ISBN I 978-3-938776-40-7, 12,00 EUR

Zur Reihe im Lyrik Kabinett  externer Link



Ulf Stolterfoht, geboren 1963 in Stuttgart, lebt in Berlin. Studium der Ger­manistik und Allgemeinen Sprach­wissen­schaft in Tübingen und Bochum. Gedicht­bände u.a. im Verlag Urs Engeler und bei kookbooks, so zuletzt: neu-jerusalem. Preise unter anderen: Peter-Huchel-Preis 2008, Anna-Seghers-Preis, Christine La­vant Ly­rik-Preis. Grün­dete 2015 den Verlag Brüterich Press.



Poesiefestival Berlin, Ulf
Stolterfoht, von Kritzolina


 

Poetenladen    28.11.2015

 

 
 
Münchner Reden
zur Poesie

    Ulf Stolterfoht
    Einleitung
    Martin Mosebach
1   Ernst Osterkamp
2   Marcel Beyer
3   Friedhelm Kemp
4   Anja Utler
  5   Christoph Meckel
  6   Lucian Hölscher
  7   Heinrich Detering
8   Uljana Wolf
9   Kurt Flasch * ausstehend
10   Harald Hartung
11   Jan Wagner
12   Péter Esterházy
13   Michael Krüger
14   Ulrike Draesner
15   Ulf Stolterfoht
16   Ilma Rakusa
17   Uwe Kolbe