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Münchner Reden zur Poesie
Herausgegeben von Holger Pils und Frieder von Ammon
Publikationen im Lyrik Kabinett München
Redaktion im poetenladen: Walter Fabian Schmid

Uwe Kolbe
Dämon und Muse – Temperamente der Poesie


Walter Fabian Schmid zu Uwe Kolbes Poesierede

Uwe Kolbe macht sich in seiner Rede vom 07.02.2017 auf die Suche nach dem Antrieb und dem inhärenten Wesen der Poesie. Keine leichte Aufgabe. Für ihn liegt beides in den nicht ganz überraschenden Inkarnationen von Dämon und Muse. Kolbe sagt zwar, dass er nichts Neues bringt, aber da täuscht er sich selbst. Denn mit Dämon meint er weder die christliche Verteufelung noch die schauerromantische Aufladung. Beides dient nur zur Reflexion. Kolbe dagegen hält die Begriffe lieber entschlackt und setzt ein ganz einfaches Motto über die Rede: „Das Gedicht ist tot, wenn der Dämon es nicht lebendig macht.“

Sein Dämon ist nämlich das Wesensbedürfnis nach Poesie, der beseelte Drang gegen das kühle Handwerk, wo allein Konzepte Motivation werden können. Statt der Oben-Unten-Dichotomie von Muse und Dämon als Streitkräfte arbeiten sie bei Kolbe zusammen – von innen und aussen. Der Dämon als interner Geist, die Muse als externe Inspiration, gemessen an Intensität und ausgedrückt in sprachlicher Exaltation. Das ist das Neue: Beides sind Sprachantriebe und sprachliche Ausdrücke zugleich:

Beide treffen bei nur einer Gelegenheit mit Sterblichen zusammen: bei der Entstehung von Kunst, für unseren Fall beim Dichten (...) Einer der Namen des Dämons soll lauten: Er ist der Geist der Sprache, der jede und jeden Sprechenden überfällt, wenn für sie oder für ihn etwas wie Pfingsten ist. Das kann sein vom Lallen des ersten Versuchs bis zum Lallen des letzten.

Transparent und kausal arbeitet Uwe Kolbe die Klischees auf, konstruiert aber für die Dichtung eine andere Parallelwelt mit der Sprache als Medium der Entfremdung. Sie geht auf Abstand zum Dasein und der Welt. Vielleicht verschuldet das aber auch der etwas schicksalhafte Einfluss des Dämons. Dabei spricht Kolbe unverblümt über genau diese Welten bei Michail Lermantow, Ted Hughes, Friedrich Hölderlin, Novalis, Ezra Pound oder García Lorca. Persönlich wird Uwe Kolbe dann, wenn er über die Scham spricht. Die Scham, die er bei Rilke empfindet.

Es ist ganz sicher und alltäglich die Scham vor der Fallhöhe zwischen der Macht der Sprache und der Ohnmacht ihres Trägers. Dichter, meine Damen und Herren, sind das Gespött aller Zeiten. Das ist eine Kulturgeschichte der Verachtung. Albern, daraus ein Geheimnis zu machen. Aber es ist noch etwas anderes, es geht tiefer. Es ist die Scham angesichts des Verlusts, den die Sprache selbst darum erleidet, Tag für Tag. (...) Das Gedicht ist der Ort, an dem Sprache bei sich ist. Wo sie sich wehrt. Unsterblich ist das Wort nur im Gedicht. Ich schäme mich nicht, das bei dieser seltenen Gelegenheit zu sagen. Aber das bleibt nur so, wenn es von jeder neuen Generation Atem und Stimme bekommt.

Mit seiner stringenten und lockeren Rede legt Uwe Kolbe letztlich das dar, was Poesie im Innersten für ihn ausmacht. Hören Sie rein.



 


Uwe Kolbe

„Ich bin versucht, ein kleines Motto vor die Rede zu stellen, gefunden in Augustinus' Bekenntnissen. Er zitiert seinen großen Lehrer Ambrosius mit dem einfachen Satz: Der Buchstabe tötet, der Geist ist's, der lebendig macht. ...“



mp3-Audiodatei (Download)

 


  Münchner Reden
Uwe Kolbe
Dämon und Muse
Temperamente der Poesie
Münchner Reden zur Poesie
Herausgegeben von Holger Pils u. Frieder von Ammon

Lyrik Kabinett, Februar 2017
ISBN 978-3938776445
Zur Reihe im Lyrik Kabinett  externer Link



Uwe Kolbe, geboren 1957 in Berlin(Ost), übersiedelte 1988 nach Hamburg und lebt heute, nach Jahren in Tübingen, wieder als freier Schriftsteller in Berlin. Seit 2007 mehrfach als poet in residence in den USA. Für seine Arbeit wurde er u. a. mit dem Stipendium der Villa Massimo, dem Hölderlin-Preis, dem Preis der Literaturhäuser sowie mit dem Heinrich-Mann-Preis und dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet.


 

Poetenladen    28.02.2017