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Letzte Tinte am Bildschirm
Was über den Dichter Günter Grass gesagt werden muss


Zur Diskussion über das Gedicht Was gesagt werden muss
Kolumne

Das Gedicht im Wortlaut   externer Link

Man kann Gedichte zweckentfremden oder Empfindungen und Einsichten durch mangelnde Sprachkunst in schiere Trivialität verwandeln. Oder man kann Gedanken, die wenig Originelles bieten, durch Zeilenumbrüche den Anschein von Bedeutung geben. Beinahe all das gelingt Günter Grass mit seinem Gedicht Was gesagt werden muss, das als Welt­nachricht in mehreren Zeitungen erschien und von vielen als Pamphlet gegen Israel empfunden wird.
 Gleich beim ersten Lesen stellt sich die Frage, ob wir es überhaupt mit einem Gedicht zu tun haben. Sicher lässt sich nicht im Detail klären, was ein Gedicht aus­macht, doch wäre fest­zuhalten, dass dem Text signi­fikante kompo­sito­rische Ver­fah­rens­weisen auf dem Stand heuti­ger Dichtung fehlen. Dass es ein Gedicht sei, wird von Grass behauptet, und so kann man nur sagen: Ein Gedicht ist ein Gedicht, wenn der Autor sagt, es sei ein Gedicht.

Das Gutgemeinte in der Kunst sei immer schon das Schlechte. So wunderbar-apo­diktisch konnte Adorno formu­lieren. Bereits die Simultanpublikation des Gedichts in München, Paris und Rom weist darauf hin, dass das Gemeinte, sei es nun gut oder schlecht, im Vordergrund steht. Dieses Gedicht, das in keinem Gedichtband und keiner Anthologie seinen Platz sucht, entzieht sich der poetischen Reflexion und dem gesamt-evolutionären Dichtprozess. Es erscheint gleichsam als Brandsatz, ein spektakulär in den Medienhimmel gefeuerter Text, dessen Autor mit dem Ausruf verblüfft: Achtung, ein Gedicht.
  Dieser Autor bezieht seine größte Repu­tation daraus, dass er als Dichter spricht. Ruf und Popula­rität werden eingesetzt, um dort mit dem Begriff Gedicht zu operieren, wo wir es tatsäch­lich nur mit Intention zu tun haben, fern einer auf Kunst zielenden Anstrengung, vergleichbar einer Agit­prop-Dichtung, der allerdings im Zweifelsfall mehr poetischer Reiz zu unter­stellen wäre.

Der Duktus des Gedichts – oder des Prosa­gedichts, wie manche Zeitungen es nennen –, ist tat­säch­lich pro­saisch bis hölzern, so dass es stellen­weise wie Verlautbarung und Manifest klingt. Dieser Manifestton wird kaum je durch lyrische Sprach­arbeit in poetischen Klang und dichte­risches Changieren überführt. Vieles klingt nach schlechtem Journalismus und nicht nach lyrischem Sprechen. Kein Bild, keine atem­beraubende Metapher, kein Sprachwitz, keine erkennbare Formung, kein Groove, weder Berührung mit der Avantgarde noch ein dünnes Fädchen Tradition. Und selbst wenn der nackte Verlaut­barungston dichte­risch inten­diert wäre, bliebe er doch ermüdend.
  Ganz konkret sprechen gegen den Texte Aller­welts­wendun­gen und Floskeln, Schein­originelles, das bei politischen Reden durchgehen mag, aber im Gedicht flach anmutet („Flinke Lippe“, „brüchiger Weltfriede“). Störender noch Wort­hülsen wie „das allgemeine Verschwei­gen dieses Tat­bestandes“ oder das „Recht auf den Erst­schlag, der das von einem Maulhelden ...“

Neben vielen Dürftigkeiten bietet Grass auch Kitsch: „Warum sage ich jetzt erst, / gealtert und mit letzter Tinte: ...“ Beschworen wird das Bild eines Gealterten, eines Weisen, der mit letzter Tinte spricht, ein Bild, dem im Übrigen die Ver­führung des Meta­phori­schen abgeht, so dass die stil­blüten­hafte Aussage bleibt, dass jemand etwas mit Tinte „sagt“. Mag sein, dass Günter Grass seine Texte mit Tinte schreibt (oder sagt?) und mit dem Federkiel vorm Tintenfässchen hockt. Fragt sich, wie viel Zeit seine Tinte benötigt, um digitalisiert zu werden, per Mail an die New York Times zu gehen und weltweit abrufbar ins Netz zu gelangen? Was sagt die Tinte von Günter Grass auf unseren Bildschirmen?

Das Desaster dieses Gedichts ist in Wahrheit ein poeti­sches und in dessen Folge erst ein politi­sches. Denn wäre das Gedicht ein Gedicht, könnte es nicht auf bloße Aussagen hin abgeklopft werden, nicht als Addi­tion richtiger oder falscher Behaup­tungen gelesen werden. Dichtung löst in ihren gelun­genen Momenten aus Denk­mustern und einge­schlif­fener Logik und öffnet eine Dimen­sion poeti­scher Einsicht.
  Es geht aber nicht allein um den Hinweis, dass das Gedicht keinen poetischen Gehalt hat und damit, gleich was es inhaltlich transportiert, ohne Substanz ist. Mir scheint vielmehr, dass wir an einen Punkt gelangt sind, wo Dichtung Gefahr läuft, zum beliebigen Requisit für große und kleine Auftritte zu verkommen. Ich sehe jenes obsolete Fort­bewegungs­mittel, das man zu touris­tischen Stadt­rund­fahrten etwa in Wien nutzt oder zu Brauch­tümern, deren Ursprung weit zurück­reicht. In diesem Sinne miss­braucht Grass die Lyrik für sein Anliegen als poeti­sches Vehikel, das er dem stau­nenden Publikum mit erborgtem Dichter­ethos vorführt.

Vielleicht hatte Günter Grass am Ende auch nur demonstrieren wollen, dass Marcel Reich-Ranickis These von der Doppelbegabung falsch ist. Einst hatte der Kritiker erklärt, dass es so gut wie keinen Autor gäbe, der gleichermaßen Gedichte wie Romane schreiben könne. Als Ausnahme hatte er Günter Grass genannt. Ein Irrtum, offenbar, zumindest in diesem Fall.

 

Andreas Heidtmann    05.04.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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