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Gisela Trahms

Vollendung einer Kathedrale

Vor 80 Jahren erschien Prousts Die wiedergefundene Zeit
Marcel Proust
Marcel Proust  (1871 – 1922)
Achtzig Jahre, ein Menschenalter. Welche Bücher überleben diese Spanne? Nicht viele, wie es scheint, und doch genug, um ein Menschenleben mit ihrer Lektüre hinzubringen. Leicht verzagt schauen wir von 2007 aus zurück auf die Wortgebirge des frühen 20. Jahrhunderts, auf Ulysses, Das Schloss, Der Zauberberg, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, um nur einige zu nennen. Umgeben vom Gestrüpp der Sekundärliteratur, verrammelt von Verständnisbarrieren, die angeblich bezwungen werden müssen, scheinen sie sich der Lektüre eher zu entziehen als anzubieten. Eingeschüchtert fragt sich der Leser, ob er sich trotzdem daran wagen soll.

Was Proust betrifft, ist das ein Unternehmen, dessen schiere Zeiterfordernis atemberaubend ist. Der Abschlussband Die wiedergefundene Zeit, der 1927 aus dem Nachlass erschien, bildet den Schlussstein für eine Art Endlosschleife: Mit ihm ist die Suche nach der verlorenen Zeit beendet, der Erzähler, dessen Namen wir nie erfahren (aber es hat sich eingebürgert, ihn Marcel zu nennen), weiß nun, welchen Sinn Leben, Lesen und Schreiben im Vergehen der Zeit entfalten, und er verlässt die Matinée bei den Guermantes, um endlich den monumentalen Roman zu schreiben, dessen Lektüre wir gerade beendet haben. Erst jetzt ist also die retrospektive Deutung möglich, und mit dem angesammelten Wissen müssten wir wieder auf Seite eins zu lesen beginnen. Denn das wahre Vergnügen an den Einzelepisoden stellt sich natürlich erst ein, wenn man das Ganze überblickt, also schon weiß, was eine Person 450 oder 700 Seiten später tun oder denken wird. Wer meint, er könne den Inhalt von mehreren tausend Seiten nicht im Kopf behalten, erkundige sich bei seinen Harry Potter lesenden Kindern, wie man das macht: Es ist leicht, wenn man sich nur darauf einlässt.

Marcel Proust: Le temps retrouvé
Die wiedergefundene Zeit erschien postum 1927
Also anfangen. Sich an die mäandernden Sätze gewöhnen, die wuchernden Attribute und Einschübe. Der erste Teil des ersten Bandes heißt Combray und besteht wiederum aus Teil I und II. Combray I, siebzig Seiten lang, ist nicht gerade handlungsintensiv, man ächzt – um dann, wenn man vielleicht schon aufgeben will, mit Combray II in die erste jener Einzelgeschichten zu gleiten, die das Suchtpotential der Recherche ausmachen: eine Kindheits- und Feriengeschichte in einem gleichsam ewigen Sommer. Jedes Jahr reist das Kind Marcel mit den Eltern aufs Land, nach Combray, wo Großtante Leonie ein Haus besitzt, in dem sich auch die Großeltern und die Schwestern der Großmutter einfinden, alle betreut von Françoise, der ergebenen Dienerin und vorzüglichen Köchin. Man isst gut, geht spazieren und wartet abends auf die Besuche von Monsieur Swann, der leider, leider eine Frau geheiratet hat, die man nicht empfängt. Tag um Tag vergeht im sommerlichen Nichtstun, und zwischen all den Verwandten, Freunden und Fremden bewegt sich das schauende und lesende Kind, das, als Erzähler, gleichzeitig ein Erwachsener ist. Wer Frankreich liebt, wer ihm quasi in seiner Essenz begegnen will, dem offenbart es sich in diesem Buch. Die Kleinstadt Combray entpuppt sich als Mikrokosmos, aus dem der Makrokosmos der französischen Gesellschaft entspringt, der in den folgenden Bänden der Recherche bis ins einzelne ziseliert wird. Aus Combray stammen die adligen Guermantes, die bürgerliche Familie Marcels, der unglückliche Komponist Vinteuil, um nur einige zu nennen, und wer da nicht wohnt, kommt zu Besuch. In Combray sind sie alle beisammen, in einer lichterfüllten Landschaft, und so warmherzig, so nachsichtig geschildert in all ihrer Komik und Beschränktheit wie später nie mehr.

Die Zeit ist das ausgehende 19. Jahrhundert, gemalt wird eine Welt, die schon in Die wiedergefundene Zeit versunken ist. Still ist es dort, idyllisch. Die Vivonne fließt dahin zwischen Wiesen, die von Umweltschäden noch nichts wissen. Aber die Menschen und ihre Beziehungen befinden sich keineswegs im Zustand der Unschuld. Auch in Combray gibt es Grausamkeit, Hysterie, soziale Hinrichtungen. Der Grundton allerdings ist der einer unsentimentalen Zärtlichkeit. Die Großmutter, die den Enkel an die frische Luft schickt, um ihn abzuhärten, Tante Leonie, die ihr Leben im Bett verbringt, aber sich verzehrt vor Neugier auf das Leben der Nachbarn, Swann, die Eleganz in Person, über den die Provinz die Nase rümpft – nicht lange, und wir kennen sie besser als die eigene Verwandtschaft, lachen über sie und lieben sie doch.

Durch Combray zu spazieren ist ein reiner Genuss, für manchen vielleicht auch eine Art Wunscherfüllung. Eine so liebevolle Mutter beispielsweise hätte wohl jeder gern. In Jean Santeuil, dem Vorläufer der Recherche, ist die Mutter manchmal zornig oder gefühllos. Für die Recherche hat Proust sie gleichsam von allen Launen gereinigt, damit er es über viele, viele Seiten mit ihr aushalten kann. Combray macht glücklich, auch den Leser, der sich die „Kathedrale“ des Gesamtwerks (so bezeichnete Proust selbst die Recherche) nicht zumuten will. Freilich wird er dann nie erfahren, warum der sonst so eifersüchtige Swann seine Frau für lange Wochen der Obhut des Barons de Charlus anvertraut, warum er diese Frau überhaupt geheiratet hat, warum... Nun gut. Man kann sich auch bescheiden mit dem Roman im Roman, vor allem, wenn er so dicht ist, so viele unvergessliche Szenen und Bilder enthält wie Combray. Vielleicht packt einen schließlich doch der Furor des Weiterlesens, Seite um Seite, Band um Band, bis zur Wiedergefundenen Zeit...

Erst einmal gilt: Nicht einschüchtern lassen. Anfangen. Der Anfang ist wunderbar. Die Tasse Tee wartet und die berühmte Madeleine, das buttergelbe Gebäck, das in den Tee getaucht wird und dessen Geschmack, kaum auf der Zunge, die Erinnerungsschleusen öffnet. Schon erkennen wir den zerstreuten Monsieur Legrandin mit dem flatternden Halstuch, die alte Eulalie auf dem Weg zu Tante Leonie, das schwangere Küchenmädchen, das von Françoise schikaniert wird. In Combray hat jeder Mensch und jedes Ereignis seinen ihm zustehenden Platz in einem Koordinatensystem, welches die Bewohner für ewig halten. Natürlich zerbricht es. Nebenbei gesagt, zerbricht auch das übliche Koordinatensystem des Erzählens, aber genau das versetzt ja den Leser in einen betörenden Rausch. Hier, zu Beginn der Recherche, können wir ihn noch ungefährdet genießen. Spüren wir also dem Duft des Weißdorns nach, wandern wir mit Marcel und seiner Familie nach Méséglise oder Guermantes. Gewinnen wir die verlorene Zeit zurück, indem wir uns mit Proust auf die Suche machen.

Gisela Trahms   15.11.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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