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Gisela Trahms

Im Verborgenen ein Feuer

Zum 50. Todestag von Umberto Saba
Umberto Saba
Umberto Saba
09.03.1883 – 25.08.1957
Umberto Saba, der Lyriker: so einfach. Vokabular der Alltagssprache, leicht zu deutende Bilder, schlichte Formen. Umgeben von den Bücherstapeln seines Antiquariats, verbrachte er nahezu sein ganzes Leben in Triest, seiner Geburtsstadt. Verheiratet war er, hatte eine Tochter...

Umberto Saba, il grande Saba: so kompliziert, Texte wie Leben, dass man nur einige durchlaufende Fäden des krausen Gewebes aufzählen kann. Zunächst die Herkunft: Ein italienischer Vater, der die jüdische Mutter noch vor der Geburt des Sohnes verließ. Saba hat ihn erst als Erwachsener kennen gelernt und wollte als Dichter seinen Namen nicht tragen, er wählte das Pseudonym Saba, das hebräische Wort für Brot. Das Stigma des Außenseiters, von klein auf: „Es gab, nicht gern gesehen im Ort, einen Jungen...“ Ein Versager in der Schule, auch die Kaufmannslehre bricht er ab. Früh veröffentlicht er Verse, die keine Resonanz finden, kauft das Antiquariat, das ihm kümmerlich zu leben gibt. Nach der Verkündung der Rassengesetze aus Triest geflohen, von Freunden beschützt und unter steter Lebensgefahr durch die Kriegszeit gebracht, dann wieder Triest. Und Triest: Das ist keine beliebige Stadt. Triest passt nirgendwohin. Als Saba geboren wird, gehört es zu Österreich. Slowenien, Kroatien sitzen ihm sozusagen im Nacken. Es gibt die griechische Gemeinde, die armenische, die türkische und natürlich die jüdische. Saba erlebt, wie die Stadt nach dem ersten Weltkrieg von Italien „heimgeholt“ wird, aber vom Stadtbild her glaubt man sich noch heute eher in Wien. „Trieste non è l'Italia“, sagte mir einmal ein Florentiner, achselzuckend. Triest, zu Sabas Lebzeiten, bedeutet: Sonderexistenz, schwankende Identität. Also Schmerz. Also Literatur.

Auch eine eigene Sprache. Zwar schreiben Saba und sein zwanzig Jahre älterer Mitbürger Italo Svevo italienisch, aber das literarische Italien stößt sich an den eingestreuten Wörtern aus dem Triestinischen, findet die Werke der beiden provinziell. Svevo hat gerade noch das Glück, seinen wachsenden Ruhm zu erleben, den er der Fürsprache von Joyce verdankt. Saba bleibt ein „armer, streunender Hund“, wie er in einem seiner letzten Gedichte schreibt, die fehlende Anerkennung verdüstert sein Leben.

Nach seinem Tod wird er gelesen, in ganz Italien. Und da seine Sprache so klar ist, kann jeder, der ein wenig Italienisch versteht, die Texte nachvollziehen, wenn auf der anderen Seite die Übersetzung hilft, wie es bei den deutschen Auswahlbänden der Fall ist. Canzoniere lautet der Titel, unter dem Saba seine Gedichte sammelte. Darin entfaltet sich ein Lebenspanorama, von dem der berühmte Triestiner Germanist und Autor Claudio Magris sagt: „Vielleicht gibt es in unserem ganzen Jahrhundert keinen zweiten Gedichtband, in dem wir wie in Sabas Canzoniere unser eigenes Leben wiederfinden.“

L'Alba

È l'alba. La giornata che si annuncia
sarà per me come uno strazio. Pure
io la vivrò, ritroverò la fresca
sera, la pace coi nemici vinti
anche in mi stesso. La mia vita è tutta
cosi; cosi me la dipingo, e lieto
per l'aperta finestra guardo l'ora
– come dentro una bolla di sapone –
ricreare gli alberi le case.

Morgendämmerung

Morgendämmerung. Der Tag, der sich ankündigt,
wird für mich eine Zerreißprobe sein. Trotzdem
werd ich ihn leben, werde den frischen
Abend wiederfinden, den Frieden mit den Feinden,
die ich überwand, auch in mir selbst. Mein Leben ist ganz
so, so male ich es mir, und voller Freude
sehe ich durchs offene Fenster die Stunde
– wie hinter einer Seifenblase –
Bäume, Häuser neu erschaffen.

Schlicht, wird mancher denken. Kein Spiel der Reime, nur der typische italienische Elfsilber, die alltägliche Situation, ein eher müder Vergleich. Aber man sieht etwas: Den erst seufzenden, dann zuversichtlichen Sprecher am Fenster, die Häuser und Bäume, die allmählich Farbe gewinnen. Der Sprecher scheint sicher, dass er Frieden finden wird. Doch dann: Dieses Friedensbild ist nur gemalt (aber nein: Mein Leben ist so, sagt er doch), und im Bild der Seifenblase ist schon ihr Zerplatzen mitgedacht (aber wieso denn, es handelt sich doch nur um das Farbigwerden dessen, was vor Augen liegt). Ja, was denn nun: Frohe Gewissheit oder Alles nicht wahr? Schau aus dem Fenster, Leser, bedenke deine Zerreißproben, die Feinde, den Frieden, und gib dir selbst die Antwort. Schlicht?

Ganz ähnlich eröffnet Saba zwei Prosaminiaturen: „Nun, da ich alt bin, würde ich gern in ruhiger Unschuld die wunderbare Welt malen.“ Die erste handelt von Gabriele d'Annunzio, dem berühmten Dichter. Saba erinnert sich: Wie er dem Gott seiner Jugend begegnete, eine unvergesslich gut schmeckende Pasta in seinem Hause aß, und wie ihm in den nächsten Jahren, als d'Annunzio sich dem Faschismus zuwandte, der Gott abhanden kam, so sehr, dass er nicht einmal mehr ein Wort mit ihm wechseln wollte. Die „ruhige Unschuld“ ist die des Opfers. Die zweite Geschichte handelt von dem Antiquariat, jener dunklen Höhle in der via San Nicolò, in der Saba sein Leben verbrachte, mit alten Büchern, die er zunächst ins Meer werfen wollte, die ihn aber davor bewahrten, den zeitgenössischen Schund verkaufen zu müssen. Svevo besuchte ihn dort und viele andere Schriftsteller und Intellektuelle, die Triest stets im Überfluss besaß, denn es war, nach der schönen Formulierung von Claudio Magris, die „Stadt aus Papier“.

Der bewegendste Text ist zweifellos Das Huhn, eine komische und todtraurige Episode aus Sabas Jugend, die zeigt, was zwei Menschen sich in aller Harmlosigkeit antun können und wie unmöglich es ist, einander zu verstehen. Saba exzelliert in der kleinen Form, besonders in den von ihm so genannten „Abkürzungen“, die Einsichten und Erfahrungen festhalten. Nirgendwo Eitelkeit oder rhetorischer Prunk, sondern ein Ich, das geradeheraus und doch kunstvoll spricht und sprechen muss, um nicht zu ersticken. Sein äußerlich so einförmiges Leben ist eines der Krisen und Zusammenbrüche, auch der Leidenschaften, wie sein nachgelassenes Romanfragment Ernesto zeigt, das eine homosexuelle Erfahrung verarbeitet.

Fern vom literarischen Betrieb, eine „Randfigur“, ist Saba immer er selbst, dickköpfig, hoch empfindlich, aufrichtig bis zur Brutalität und quer zu Moden und Strömungen, die er wahrnimmt, aber nicht mitmacht. Trotz aller umiltà (Demut – dieses Etikett drückte man ihm früh auf) weiß er um seinen Wert und scheut sich nicht, in nüchterner Würde davon zu sprechen: „La vita ti racconto una e che tutto / in lei si tiene.“ Das Leben erzähle ich dir, eines, und das alles / in sich fasst.
Umberto Saba, eigentlich Umberto Poli, wurde am 9. März 1883 in Triest geboren und starb am 25. August 1957 in Gorizia. Seine Mutter war Jüdin, so dass er nach jüdischem Recht auch selbst Jude war. Nach dem Erlass der Rassengesetze im Jahr 1938 lebte er in Paris, Florenz, Rom und Mailand. Erst 1947 kehrte er in seine Heimatstadt zurück.

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Gisela Trahms   09.07.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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