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Sjón
Schattenfuchs

Jäger, beutelos

Sjón | Schattenfuchs
Sjón
Schattenfuchs
Roman
S. Fischer 2007

Das Buch bei Amazon

Im Norden Europas geht man sparsam um mit dem Wort, das wissen wir aus den Filmen von Aki Kaurismäki. Die Isländer stehen den Finnen darin nicht nach. Sigurjón B. Sigurdsson verkürzte seinen Namen zu ‚Sjón‘, sein Büchlein Schattenfuchs bringt es auf knappe 120 Seiten. Die einzelnen Kapitel geben sich ebenfalls konzentriert: »Die Nacht war kalt und nahm kein Ende.« Fertig.

Viel weißer Raum also um das Schwarz der Sätze, und so fällt es uns leicht, Seite für Seite der erdschwarzen Füchsin durch den Schnee zu folgen, zusammen mit Pfarrer Baldur, einem fanatischen Jäger. Im Dorf wird er Skugga-Baldur (= Schatten-Baldur, so der Originaltitel des Buches) genannt. Als er schließlich schießt, löst er eine Lawine aus. Keine metaphorische, eine echte: Winter, Hochland, Tauwetter. Wer wissen will, wie man in talwärts donnernden Schneemassen einen klaren Kopf behält, kann hier lesend einen ziemlich eindrucksvollen Probedurchlauf absolvieren.

Die Geschichte spielt im Januar 1883. Der Pfarrer jagt die Füchsin, weil ihr Fell gutes Geld bringt. Gierig, wie er ist, lässt er sich auch von einem Schneesturm nicht aufhalten. Und bedenkt nicht, wer ihn auf die Füchsin aufmerksam machte und ins eisige Verderben schickte. Fridrik war es, der den Pfarrer hasst. Fridrik hat Kummer: Sein Pflegling Abba, eine junge Frau mit Down-Syndrom, die er vor Jahren aus grässlichen Lebensumständen befreite und zu sich nahm, ist gestorben. Pflichtgemäß hat der Pfarrer den Sarg beerdigt, bevor er zur Jagd aufbrach – aber Abba war nicht darin...

Handelt es sich um einen Kriminalroman? Nein. Um Abbas Leben, Leiden und Sterben? Nur begrenzt. Um eine Verfolgungsjagd mit symbolischem Charakter? Schon eher. »Dunkles Geheimnis«, munkelt der Schutzumschlag. Das lockt. Nur: Worauf zielt die Geschichte ab, was sollen wir eigentlich fühlen? Mitleid mit Abba, klar. Aber wir begegnen ihr so selten. Trauer mit Fridrik, auch klar, aber so sehr traurig scheint er gar nicht zu sein. Abscheu gegenüber dem Pfarrer? Dass er ein Bösewicht ist, erfahren wir erst spät, da haben wir schon mit ihm gejagt und gefroren. Was wir im Kopf behalten, gleicht einer Sammlung von film-stills: Abba, angekettet wie ein Tier / Die zusammengerollte Füchsin, wachsam schlafend / Der Pfarrer, nackt im Schnee usw. Sehr effektvolle Bilder, zweifellos. Und so isländisch.

Sjón hat an Dancer in the Dark von Lars von Trier mitgearbeitet, er schrieb die Songtexte für Björk. Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände, außerdem Stücke und Erzählungen. ‚Sjón' ist das isländische Wort für Vision. Nun, darum handelt es sich hier nicht. Sondern um ein Stück Prosa, das aus sehr disparaten Elementen gemixt wurde. Dokumentarisches, Mythisches, Phantastisches, Historisches, Lokalkolorit, alles drin. Der liebe Gott kommt vor, die Elektrizität und Mallarmé. Zusammengehalten wird das durch einen gewissen lakonischen Ton:
»So sah er aus, der Mann in der Schneewehe.«
Ja, sah er wohl. Dazwischen Pathos:
»Es ist der Frühling vor der Ankunft des Menschen.«

Na schön. Was fehlt, ist das Gefühl, dass sich der Autor wirklich der Geschichte annimmt, die er da erzählt. Dass er nicht nur Bravourstückchen abliefern will. Nicht nur Puzzleteile »aus kostbarem Treibholz« wie jene schwarzen Stäbe, die Abba ihr kurzes Leben lang mit sich schleppt und die, zusammengefügt, einen Sarg ergeben, den ein Ovid-Zitat schmückt. Ovid! Hier lässt man das Buch sinken und sehnt sich nach ein wenig Wahrheit. Zu viele Worte, Sjón. Und die falschen.
Sjón (Sigurjón B. Sigurdsson), geboren 1962 in Reykjavík, schreibt Gedichte, Songtexte, Romane und Drehbücher (seine Texte für Lars von Triers Film Dancer in the Dark wurden für den Oscar nominiert). Für Schattenfuchs erhielt den Literaturpreis des Nordischen Rates 2005.

Gisela Trahms     16.05.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Gisela Trahms
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