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Daniel Glattauer
Alle sieben Wellen

Gefühlsschrank und Berührungspunkt
Daniel Glattauer: Alle sieben Wellen
Daniel Glattauer
Alle sieben Wellen
Roman
Verlag Deuticke, Wien 2009
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Was wäre wenn… Shakespeare eine Home­page gehabt hätte? Nun, dann hätte Ephraim Kishon* vielleicht keine Fortsetzung mehr schreiben müssen. Sie wissen schon, Romeo und Julia. Weil Shakespeare sie, getrieben vom inter-netten Drängen der edlen Damen, selbst geschrieben hätte? Daniel Glattauer jedenfalls hat es getan. In seinem neuen Buch Alle sieben Wellen spinnt er die virtuelle Liebesgeschichte von Emmi und Leo aus Gut gegen Nordwind weiter.

Vielleicht ist das ein Grund für die kritischen Stimmen am zweiten Emmi-Leo-Buch. Ein Autor, der nicht die eigene Pein von der Seele, sondern seinen Lesern zum Gefallen schreibt, ist nicht selten dem Misstrauen der öffentlich-literarischen Meinung ausgesetzt. Wie groß war aber die Versuchung des Autors, sich dem Wunsch der Leserschaft zu beugen? Einer dies­bezüglichen Entscheidung gehen fast immer mehrere Möglichkeiten voraus.

Auch Glattauer hatte sie. Er hätte erstens Emmi und Leo der Phantasie der Leser endgültig überlassen können und sollen. Er hat sich zweitens dafür entschieden, deren breit gestreuten Einfallsreichtum zu bündeln und auf Kurs zu bringen. Nämlich seinen, der schon im ersten Buch Gut gegen Nordwind erfolgreich war.

Den Wenigen, die noch nichts von Emmi und Leo gelesen oder gehört haben, sei an dieser Stelle der Klappentext empfohlen: eine „ungewöhnliche Liebesgeschichte, in der sich zwei Menschen, die einander nie gesehen haben, per E-Mail rettungslos verlieben.“ Und weiter: „In diesem Buch erfahren Sie alles: von Leos Rückkehr aus Boston, von Emmis Eheproblemen und von der siebenten Welle, die immer für Überraschungen gut ist.“

Warum wohl ließen die Leser das offene Ende der ersten Story nicht gelten? Vielleicht, weil auch Erwachsene Märchen lieben. Eine Liebes­geschichte, so romantisch wie die von Emmi und Leo, braucht ein gutes Ende. Es lädt dann zwar nicht mehr zum Weiterspinnen ein, denn das Schicksal der beiden ist besiegelt: „und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Es bedient dafür die aus Kindheitstagen herübergerettete Sehnsucht nach dem Glück.

Ein glückliches Ende also, das keine Wünsche mehr offen lässt. Für Emmi und Leo jedenfalls. Sie sind dank Glattauers flinker und wohlwollender Feder am Ziel. Der Traum aber ist nicht ausgeträumt. Nicht für jene Leser, die ihn einforderten, um über eigene Enttäuschungen und Wunden hinweg, ein paar heitere Stunden unbeschwerter Lektüre verbringen zu können. Das sei ihnen vergönnt.

Falls das negativ klingt, hier gleich eine Entwarnung. Alle sieben Wellen ist spannend geschrieben. Das Tempo ist flott, das Auge fliegt über die Seiten und ist schneller als der Atem. Anmerkungen zu Stunden oder Sekunden, die zwischen zwei E-Mails liegen, werden bald überlesen.

Eine Leerzeile – und schon sind sechs Monate so schnell verstrichen wie sechs Minuten. Was in der Zeitlücke dazwischen geschehen ist, steht selten in den hunderten von elektronischen Nachrichten, die Emmi und Leo sich schreiben. Sie tun es, und sie tun es gut. Wie schon im ersten Teil – mal witzig, mal ironisch, meist geistreich und fast immer schlagfertig. Eigentlich schreiben sie nicht, sie reden.

Was in die Tastatur getippt wird, ist spontan bei Emmi – egal ob Gedanken, Zweifel, Hoffnungen, Überlegungen oder Wünsche. Und gut verstaut bei Leo im Gefühlsschrank, oder konzentriert in einem Berührungspunkt seiner Handfläche. Dazu ein Laptop als virtueller Tennisplatz zweier Spieler. Die Botschaften fliegen wie Bälle hin und her und der Kopf des Lesers pendelt mit. Hoffentlich bleibt er schwindelfrei.

Denn die Fort­setzung birgt das Dilemma. Man wünscht sich, dass die beiden sich treffen und ist enttäuscht, wenn irgendwelche Gründe eine Begegnung vereiteln. Aber langsam schwant einem, dass es Kalkül ist. Nicht von Emmi oder Leo, sondern vom Autor selbst. Sinn dieser Verzögerungen? Das virtuelle Match am Laufen zu halten. Es ist nämlich zu Ende, sobald die beiden Schreibenden ihre Tastaturen verlassen. Der Plot würde sich selbst den Boden entziehen, denn Alltag, Realität sind im Roman nicht vorgesehen.

Dem vielstimmigen Chor der süchtigen Leserschaft hat der Autor nach­gegeben. Sein neues Buch bietet eine Geschichte, die nicht mehr sein kann als unterhaltend. Dass sie nicht mehr sein will, betonte Glattauer selbst in einem Interview: „Mir ist es ein Bedürfnis, Lesenden aus der Seele zu schreiben, sie zu unterhalten und in Spannung zu versetzen, sie zum Lachen und zum Weinen …“
Er kann und darf zufrieden sein. Der Leser ist es auch.

* Es war die Lerche ist eine humorvoll-satirische Fortsetzung der Geschichte von Romeo und Julia.

Dorothea Gilde     09.03.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Dorothea Gilde
Interview