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Johann Lippet
Vom Hören vom Sehen vom Finden der Sprache

Mehr geht nicht, alles oder nichts

Johann Lippet: Vom Hören vom Sehen vom Finden der Sprache
Johann Lippet
Vom Hören vom Sehen
vom Finden der Sprache
Gedichte
Lyrik Edition 2000, 2006
Das Buch im Verlag
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Im Frühjahrsprogramm der Verlage sind in diesem Jahr zur Freude vieler einige Bücher über Literatur erschienen. Autoren widmen sich darin den „Fakten und Fiktionen in der Literatur“ wie Ruth Klüger in Gelesene Wirklichkeit. Aus sehr interessanten, wenn auch nicht immer aktuellen Gesprächen mit Schriftstellern zieht Hans-Jürgen Heinrichs die Quintessenz: Schreiben ist das bessere Leben. Meisterhaft und nachvollziehbar führt uns Peter von Matt Die Intrige in der Weltliteratur vor. Auch die Lyrik bleibt kein Stiefkind in diesem aufgeblätterten Fächer der Verlagsprogramme. Wohin geht das Gedicht, fragt Roman Bucheli in dem von ihm herausgegebenen Band, und Lyriker wie Marcel Bayer, Ulrike Draesner, Norbert Hummelt oder Brigitte Oleschinski versuchen Antworten zu geben. Soeben erschienen auch Ulla Hahns Essays und Kritiken Dichter in der Welt, wo sie neben ihrem eigenen Schreiben und Lesen Gedanken zur Lyrik und zu Lyrikern zusammenfasst.

Nicht zuletzt gibt es Autoren, die ihr Suchen und Finden direkt in lyrische Formen fließen lassen, wie Johann Lippet in seinem neuen Band Vom Hören vom Sehen vom Finden der Sprache. Nach Anrufung der Kindheit ist dies seine zweite von der Lyrik Edition 2000 betreute Veröffentlichung. Herta Müller benutzte Zeitungsschnippsel für ihre Collagen, Lippet hingegen jongliert mit Worten und feststehenden Begriffen wie mit Kopfbällen. Er ist einen Schritt weiter gegangen und sammelt seine Wortfetzen nicht mehr in Ordnern und Schubladen. Auf Spaziergängen und Wanderungen, die oft nichts anderes sind als zielloses Herumstreifen, bleibt sein Blick und Sinn an Gesehenem und Gehörtem hängen, greift es auf und spinnt den Faden weiter.

hören um zu verstehen, schauen um zu begreifen
war ich gegangen über die Felder kopflastig
Blastula, Morula

Blastula, Morula – ein bekanntes Schema, nicht nur für Lyriker. Man geht seinem Alltag nach und hat dabei Begriffe im Kopf, die sich wie ein Drehwurm ins Hirn schrauben. Aus irgendeinem Grund und von irgendwoher haben sie sich festgesetzt. Vielleicht gerade in der Zeitung gelesen oder im Radio gehört? Hören und schauen. Begreifen zuletzt, denn der Klang des gereimten Singsangs reicht aus, sie eine Weile mit sich zu tragen und den Schritt der Melodie anzupassen. Evolutionslogisch richtig müsste man die Reihenfolge umkehren. Morula, Blastula. Dann wäre es vielleicht keine Lyrik mehr sondern Biologiewissen, trocken angeordnet.

Folgen wir dem Autor durch achtzig Seiten und fast ebensoviele Gedichte. Fragen wir am Ende, worüber hat er nun geschrieben? Über soziales Leben, Natur, Gefühle, Erinnerungen, Zustände? Nein. Gedichte, sagt schon Ulla Hahn, schreiben nicht über ein Thema. Sie sind das Thema. Sie bedienen sich nicht der Sprache. Sie sind Sprache. Ob nun Lippet als verirrter Wanderer durch Nebelstreifen die Saatkrähen erahnt oder querfeldein wandernd ein Umspannwerk wimmern hört – oft fühlt er sich des Kippers Handwerk betreiben. Jener schlägt den Stein im Bruch, dieser ist „in hochhackigem Schuhwerk unterwegs in den Sätzen“, bis die Augen brennen und die „Tschinellen vibrieren im Kopf“.

Johann Lippets neuer Lyrikband zeigt uns beeindruckend vor allem eines: dass Gedichte nicht nur Orte sind, an denen Erfahrung, Erleben und Erleiden zu Sprache und Ausdruck verschmelzen. Auf scheinbar spielerische Art und Weise lässt er uns vorher schon mitschauen, am Prozess des Gedichtwerdens teilnehmen. Sein Inneres legt er vor dem Leser aus. Zweifel, missglückte Versuche, wie im Gedicht:

Totreife

Es wäre zum Totlachen wär's nicht zum Totärgern
an diesem Morgen mir zurechtgelegt das Wortmaterial
hat sich totgelaufen bin auf dem toten Gleis
am toten Punkt angelangt sollte ich ein Totschweigen verhängen
über dieses totgeborene Gedicht den toten Mann machen…

Experimentieren mit Sprichwörtern (Zerronnen wie gewonnen natürlich das), Alliterationen (Zeit sichtbar gemacht, zurechtgezurrt im Umfang / des Zifferblatts erstarrtes Zeichenauge, gepunktet) gehören genauso wie klassischer Innenreim (kamen die Hunde rissen die Wunde… / flohen die Sonnen hinter den Wolken geronnen) und poetische Syntax (Möge dem neuen Zaun die Zeit gnädig sein / Indessen auf dem Friedhof steht der Stein) zu den Werkzeugen, die der Wortkipper zum Meißeln braucht.

Und das Ergebnis? Wie so oft, ist der Weg das Ziel. Nicht das Finden, die Suche ist es, die Spannung erzeugt, das Spiel mit den Wörtern, das Zusammensetzen zu Worten, zu neuen Zusammenhängen. Dies sei die Freude und der Lohn des Schreibenden wie des Lesenden auch. Wie Oskar Pastior staunend unser bisher gefestigtes Wissen über das Gedicht ins Wanken brachte, als er dessen Existenz allgemein verneinte (das gedicht gibt es nicht…), so ähnlich kommt Lippet zu dem Schluss:

Was ist ein Gedicht?
Ich weiß es nicht.

Johann Lippet im Poetenladen

© 29.05.2006  Dorothea Gilde            Print

Dorothea Gilde
Interview