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Theo Breuer

Marginalie zum Gedicht in drei Schritten

Zeitgenössische Lyrik im deutschen Sprachraum 2010

Essay


Ron Winkler
Frenetische Stille

Axel Kutsch (Hg.)
Versnetze_3

Jean Krier
Herzens Lust Spiele


Erster Schritt
Admission Free and Daily Open to the Public
Wie ein Gedicht auch entstehen kann

I hear the spirits often in the garden
Diane Glancy


Freitag, 4. Juni 2010. Wenn ich nicht draußen im Garten bin, lese ich Richard Powers' Roman The Time of Our Singing: Augustine said he knew what time was so long as he didn't think about it. But the minute he thought about it, he did not know. Tagsüber verbringe ich nach diesem langen, strengen, schneereichen Winter, dessen Kälte hier auf der Höhe von 554 Metern noch bis Ende Mai sehr spürbar bleibt, wieder die meiste Zeit bei den Bäumen, Blumen und Vögeln, er/lebe hautnah die Vergänglichkeit. Was schon wieder alles verblüht ist, wo doch, meine ich, erst gestern der letzte Schnee taute. Und jetzt soll der Sommer schon bereitstehen, ungeduldig mit den Hufen scharrend? Na, im Augenblick herrscht Nebel, und ich kann (mir) keinen Reim auf Leben, Wetter und Sein machen: Aber es gibt noch Leben zu leben / jenseits der Wörter. (Karl Otto Conrady) Ich säge an einem Birkenstumpf herum, auf den ich ein Körbchen mit Semper Vivum im Kieselbett stellen werde, und die Gedanken mäandern durch die Strömung der Zeit/en.

ä kasdonienkugel aufmachn
und sei freid droo hoom
dass aa werkli
ä kasdonie drin is
des senn genau däi kleinichkeidn
wou es lehm ausmachn

miä hamms längsd välernd
obbä durch diich
lernä mäs widdä

Fitzgerald Kusz ·
Der Vollmond über Nämberch · 2009


Am Abend des 13. Mai 2007 fegt ein Tornado über Sistig/Eifel und zieht auch unseren Garten in der Neustraße arg in Mitleidenschaft. Einen Monat später, im Juni 2007, erlebe ich meinen inneren Tornado, gebe den Brotberuf und damit einhergehend das Pendlerdasein auf und beginne das neue Leben zunächst damit, den Garten aufzuräumen (lebe von Juni bis September bei Wind und Wetter fast aus­schließ­lich draußen) und im Laufe der nächsten drei Jahre bis Juni 2010 neu zu gestalten. Von den einst 75 bis zu 14 Meter hohen Bäumen stehen heute noch gut 30: Regen und Sonne können nun wieder ungehindert Eingang finden in den Garten und so den Blumen ermög­lichen, intensiver denn je zu blühen. Ich lege Beet um Beet an, suche und finde Wild­pflanzen in Wiese, Feld und Wald, suche regelmäßig die umliegenden Gärtnereien heim, erhalte von Bekannten, Freunden, Nachbarn und Ver­wandten Ableger, Pflänzchen, Samen, Steine und/oder gute Gedanken und siedle auf diese Weise in den vergangenen drei Jahren immer mehr Blumen- und Pflanzen­arten im Garten an: Augen­trost und Bergenie, Elfenblume und Wiesen­kerbel, Gemswurz und Gilb­weiderich, Kuh­schelle, Knaben- und Mutterkraut, Storchen­schnabel, Margerite und Wiesen­flocken­blume, Moos­stein­brech, Nachtkerze, Sumpf­dotter­blume, Herbstzeit­lose – »usw.« ...

Die Neugestaltung ist nun, nach ziemlich genau drei Jahren, abgeschlossen, nachdem ich in den vergangenen Tagen noch etliche Kübel, Schalen und Töpfe bepflanzte, die an den verschiedensten Stellen des Gartens ihren guten Platz einnehmen – gleichsam lauter i-Pünktchen im großen vielfarbigen Ganzen.

Jetzt sitze ich wieder oft am Westfenster (einmal bis die Amseln den / neuen Tag aufbellten / In ihren schwarzen Augen / Platz für alle / Aktentaschen / dieser Welt (Michael Arenz) und sehe, wie farbenprächtig und üppig Baum, Busch und Blume mit- und neben­ein­ander gedeihen, blühen und verblühen, sehe die vielen großen und kleinen Steine, aus den benachbarten Feldern und Wäldern zu­sam­men­getragen, die, zu Steinhügeln, Steinbeeten und Steingängen gefügt, der Flora mit ihren verschiedenen Funktionen helfen, in Form zu bleiben. Daß immer mehr Vögel hier ihr Zuhause finden, setzt dem Ganzen eine ton­tech­nische Krone auf, an die ich ursprünglich gar nicht gedacht hatte. In den beiden Nistkästen brüten Kohl- und Blau­meisen einträchtig neben­einander, und die Elstern, die seit vielen Jahren schon in der mittler­weile 15 Meter hohen Kiefer leben, machen den andern Vögeln, Amsel, Distelfink, Dompfaff, Garten­rotschwanz, Spottdrossel (»usw.«) den Raum erstaun­licher­weise nicht streitig, stolzieren gele­gent­lich in ihrer unnachahmlichen Art über die Wiese, werfen auch mir stets einen ihrer stechenden Blicke zu, das war's. Dieser Tage saß eine Goldammer (war's etwa die, die mich 2008 zum Gedicht auf der straße beflügelte?) im Nußbaum, ein wunder­sames Bild, und heute morgen spaziert eine Bachstelze unter der Holzbank her.

Wo stünde ich heute ohne den Garten? Seit Mitte Januar 2010 erlebte ich zum erstenmal, seit ich im Herbst 1983 literarisch zu schreiben begann, eine ungewollte (von gelegentlichen E-Mails und diesem Text abgesehene) Abstinenz vom Schreiben, deren Ende mir in diesen Tagen, obwohl ich in diesem Augenblick den Anschlag der Buchstaben auf dem Keyboard an den Fingerbeeren spüre, nicht absehbar erscheint – zumal mich seit einiger Zeit fortwährend das Gefühl beschleicht, das literarische Terrain, das mich schreibend interessiert, mehr oder weniger vollständig beackert zu haben. Der Literaturbetrieb, der mich als solcher nie interes­siert hat, ist (von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen) weit, weit weg von mir. Ich vermisse ihn nicht. Daß ich mich immer danach sehne, Menschen Gedichte, egal auf welche Art und Weise, nahe­zubringen, steht auf einem anderen Blatt, genauso wie die Tatsache, daß ich ohne Lektüre nicht leben kann: Unser tägliches Buch gib uns heute. Vielleicht habe ich fertig mit dem Schreiben, vielleicht kommt noch einmal etwas Neues, von dem ich heute nichts ahne – was ich mir naturgemäß wünsche, dann fliegen die Wortfetzen durch das Tal / und unten, an der Biegung des Flusses / da könnte es sein / daß sie, wie von selbst / zu einem Akkordeon zusammenfinden, wie ich in Thomas Schweisthals Gedicht Wortfindungsstörungen und Waldschrate lese.
Wir werden sehen, wie es weitergeht. Es geht ja immer weiter. Außer es geht nicht mehr weiter. So wanke ich, mit Glenn Goulds Goldbergvariationen im Ohr, auf dem Drahtseil, hier fixiert von Karl Otto Conradys Doch sprachlos zu werden, / für Stunden, für Tage, / auf einer Lebensinsel mitten im Heute / müßte Befreiung bedeuten / vielleicht sogar Glück, dort von Joseph Brodskys Jemand, der ein Gedicht schreibt, tut dies vor allem, weil das Schreiben von Gedichten den Geist, das Denken und das Erfassen des Universums auf außerordentliche Weise beschleunigt. Wer diese Beschleunigung einmal am eigenen Leib erlebt hat, ist nicht länger in der Lage, auf die Chance einer Wieder­holung dieses Erlebnisses zu verzichten: Er wird abhängig von diesem Schaffens­prozess, so wie andere abhängig werden von Drogen oder Alkohol. Wer in dieser Weise abhängig wird von der Sprache, ist das, was man einen Dichter zu nennen pflegt.

Ich zähle admission free (das von August bis November 2009 entstand) zu den sieben wesentlichen Gedichten, die ich geschrieben habe. Jedenfalls finden die beiden mein Leben immer wieder in unent­flecht­barem Miteinander bestimmen­den Leidenschaften Literatur und Natur in diesen sieben Strophen auf eine Weise zusammen, wie ich sie wohl nicht wiederholen kann:

I hear the spirits often in the garden
Diane Glancy


admission free and daily open to the public

der drollige distelfink pickt in der wiesenflockenblume / die wacholderdrossel fliegt in den windtropfenden bergahorn [leer lädiert der trotzig leuchtende vogelbeerbaum] und

das hausrotschwanzpärchen (von keckernder elster beäugelt) hüpft durchs famose gras schwänzelt augenblicklich im hexenglückspilzring hopst auf im nebel vom kaller wackerberg nach sistig geschleppte runderote riesenkiesel und

die amsel hockt (wie jeden jeden jeden tag) auf der schwarzen leitung die unser haus mit dem unbesetzten [grau verschalten] nachbarhaus verkuppelt [no man is an island john donne] und singt und singt gegen die ein paar gärten weiter rurumorende motorsäge an

von der die schaffige wühlmaus die (klitzefeingekrümelt) erdreich ans tageslicht befördert [und in wenigen tagen am blauen kampfgas eingehn wird] sich wenig bloß erschreckn läßt / ich seh den natterkopf aus dem pfennigkraut eine aster aus dem pfefferkorn ragen seh klatschmohn schon wieder ein blatt verliern / der blick baumelt am gilbweiderich

schwingt rüber zu akelei kamille margerite kuckuckslichtnelke immortelle schlangenknöterich teufelskralle rittersporn eisen + fingerhut bleibt letztlich an den einst so weißen glockenblumen hängen – – – im zehnzwanzigdreißigminutentakt verbellen bellen bellen schmelzers verwegenewilde rüden die wald­spazier­gänger / la lirica está muerta lese ich in einem gedicht von ezequiel zaidenwerg

baumlärm
bei jutta dornheim und diane glancy vermerkt this world is at a loss and I am part of it migrating

daily



Marion Poschmann
Geistersehen

Arnold Leifert
Die Gewissheit
der Walnüsse

Andreas Noga
Lücken im Lärm

Zweiter Schritt
Unter Ausschluß der Öffentlichkeit
Die eine oder andere Mutmaßung über das zeitgenössische Gedicht

And I'm sure there will be a genuine adept
who strides into our midst in five or ten years.
Nicholson Baker · The Anthologist


Sonntag, 6. Juni 2010. Flüchtige Mutmaßungen über zeit­genös­sische Lyrik. Leser, die hier oder anderswo den einen Begriff und die eine Fest­legung zum zeit­genös­sischen Gedicht lesen wollen, suchen ver­geblich. Wir leben in Zeiten plura­listi­scher Formen-, Themen- und Stilvielfalt, die Scharen von Stimmen ertönen in und aus so unter­schied­lichen Hoch- und Tieflagen, daß an mein geistiges Ohr, wenn ich an Lyrik im deutschen Sprach­raum als Gestalt denke, ein herr­lich aus Jung- und Alt­stimmen gemischter, polyphon-kakophon tönender Chor dringt, der ohne Punkt und Komma in einem fort nonstop erklingt – beim Öffnen von Buch oder Zeit­schrift, beim Anklicken von E-Mail oder Website (durch die Deltas dieser die Lyrik in Fluß hal­tenden Seiten mäandre ich mal mehr, mal weniger regel­mäßig, durch manche täglich, durch andere gele­gent­lich – je nach den aus den Metro­polen gesen­deten, überm Hinter­land auf­steigenden Rauch­zeichen, die mich auf diesen oder jenen Text auf­merk­sam machen wollen: fixpoetry.com · forum-der-13.de · lyrikline.org · lyrikmail.de · lyrikwelt.de · lyrikzeitung.de · matthiaskehle.blogspot.com · poetenladen.de · titel-magazin.de): Überall ist Wunderland. / Über­all ist Leben. / Bei meiner Tante im Strumpfen­band / Wie irgendwo daneben. (Joachim Ringelnatz)

Blumenstraße

die ohrenlosen Marder und Autogummivertilger, durchs bunte
Papier fitzenden Schleichratten zu Füßen der Kassiererinnen

in ihren blauen, hellaufklingenden Stahlkassetten klemmte das
unter Achseln getragene, aus Lumpen zusammengebackene
Wunschgeld

im Traum sagten wir Panama, Fisch im Überfluß, morgens
brüllten die Diesel aus Blech und die frühen Aluminiumfahnen
grüßten Lidl Lidl

Hans Thill · Museum der Ungeduld


In der Lyrik nach 2000, der forschen Fort­schreibung der Poesie der 1990er Jahre, die sich u.a. dank der Gedichte von Marcel Beyer, Durs Grünbein, Thomas Kling, Bert Papenfuß und Raoul Schrott so kraftvoll wieder in höhere Höhen schraubte, finden sich weiterhin die verschiedensten vorstellbaren dichterischen Farben, lyrischen Formen und poetischen Schattie­rungen: hier Andreas Altmann, dort Urs Allemann, hier Jürgen Becker, dort Leander Beil (Benjamin der Lyriksippschaft), hier Hans Bender (Nestor der Lyrikwelt), dort Beat Brechbühl, hier Werner Bucher, dort Hans Georg Bulla, hier Zehra Çirak, dort Ann Cotten, hier Crauss, dort Franz Josef Czernin, hier Daniela Danz, dort Richard Dove, hier Ulrike Draesner, dort Alex Dreppec, hier Oswald Egger, dort Hans Magnus Enzens­berger, hier Peter Ettl, dort Gerald Fiebig, hier Swen Friedel, dort Mara Genschel, hier Florian Günther, dort Aldona Gustas, hier Klaus Hensel, dort Norbert Hummelt, hier Jayn-Ann Igel, dort Felix Philipp Ingold, hier Gerhard Jaschke, dort Adrian Kasnitz, hier Matthias Kehle, dort Ursula Krechel, hier Björn Kuhligk, dort Axel Kutsch, hier Norbert Lange (der zu den Autoren nach 2000 gehört, zu deren selbst­verständ­lichem Repertoire über das Verfassen von Gedichten hinaus auch das Schreiben über Gedichte gehört, nachzulesen in: Das Geschriebene mit der Schreibhand, Aufsätze zur Lyrik, Reinecke & Voß, Leipzig 2010), dort Christoph Leisten, hier Swantje Lichtenstein (die in Entlang der lebendigen Linie Wörter wie Blut­blasenfüße, Schlangen­geißeln und Wortknochen auftafelt), dort Werner Lutz (Markus Bundi hat 2010 in der Edition Isele den vorzüglich edierten Band Von Ort zu Ort verschieden nachdenklich sein mit Beiträgen von 30 Autoren zu ausgewählten Gedichten von Werner Lutz heraus­gegeben, der nicht bloß Lust auf Lyrik von Lutz macht), hier Kurt Marti, dort Christoph Meckel, hier Steffen Mensching, dort Erwin Messmer, hier Frank Milautzcki, dort Franz Mon, hier Stefan Monhardt, dort Herta Müller, hier Andreas Noga, dort Hellmuth Opitz, hier Markus Peters, dort Tom Pohlmann, hier Marion Poschmann, dort Lothar Quinken­stein, hier Francisca Ricinski, dort Arne Rautenberg, hier Jan Röhnert, dort Horst Samson, hier Walle Sayer, dort Dieter Schlesak, hier Robert Schindel, dort Kathrin Schmidt, hier Peer Schröder, dort Thomas Schweisthal, hier Armin Senser, dort Gerd Sonntag, hier Ludwig Steinherr, dort Ulf Stolterfoht, hier Hans-Ulrich Treichel, dort Christian Uetz, hier Günter Vallaster, dort A. J. Weigoni, hier Ron Winkler, dort Uljana Wolf, hier Maximilian Zander, dort Henning Ziebritzki – »usw.« In Literatur­magazinen wie floppy myriapoda (Berlin), Das Gedicht (Weßling), Matrix (Ludwigsburg), Der Mongole wartet (Bochum), orte (CH-Oberegg), Perspektive (Wien), Poet (Leipzig), Signum (Dresden), Trompete (Hamburg) oder Volltext (Wien) erlebe ich hetero­genste Schreibansätze unterschiedlichster Autorinnen und Autoren, die in den gelun­genen Gedichten ambro­sische Asso­zia­tionen und ekstatische Erlebnisse bewirken.

bronchiale stunts
                                 für Thomas Kling

dass du nicht länger bleibst, scheint abgemacht.
                                                die harzigen
gerinnsel, die vom leibe gehen, sind giftig und gallig.
                                                      das bittre
stört nicht. trägst du leinen?, stört die frage, schon,
den gang der dinge, lauf der sterne, und
                               im handumdrehen,
feucht und zitternd, liegst du da: zum end, beatmet.


in deine bronchien, wo inzwischen kaskadeure nisten
und zwischen stunts ein stelldichein riskieren, strömt
kaltluft ein und frostet kapillaren, das blut steht still
und steif und rührt sich nicht, und wo dein herz war,
hängt ein muskelsack, und deine augen wolln mit mir
                                         nicht sprechen.


ein perlmuttfarbenes haustier ist der tod, sein schildplatt
tarnt ihn. die narkotika am wege, tabak und petunien,
blühn noch nicht, und was mein halfter war, in dem
ich mich bewegte, zählt nicht mehr.

Kathrin Schmidt · Blinde Bienen

Einzeltitel, Sammel­bände und Zeitschriften werden tagtäglich in so extrem dichter Folge herausgebracht, daß es schier aussichtslos für den einzelnen Leser ist, all die Editionen, die in den vielen hundert größeren und kleineren Literaturverlagen, Handpressen und Redaktionen alljährlich erscheinen, auch nur an­nähernd überblicken, geschweige denn lesen zu wollen (von den guten, vielgestaltigen Literaturportalen im Internet ganz zu schweigen). Zwingende Folge ist das Fiasko, daß von einzelnem Buch zu einzelnem Buch die Zahl der Leser seit einigen Jahren auf breiter Front autodramatisch abnimmt, wovon auch die Fachgemeinschaft der Autoren betroffen zu sein scheint. Diskurs- und qualitätsfördernd muß das nicht unbedingt sein. Vielleicht ist zudem ein Sättigungs­grad selbst bei eingefleischten Bücherwürmern erreicht, die sich angesichts der vermeintlichen Berechenbarkeit vieler grundsätzlich ansprechender, geglückter, lesenswerter Neuerscheinungen (total berauschende Entladungen wie Paulus Böhmers Kaddish, Oswald Eggers Die ganze Zeit und Gerhard Falkners Gegensprechstadtground zero sind, wie immer schon, unikale Ausnahmeerscheinungen auch in diesen Zeiten), prall gefüllter Regale, weniger prall gefüllter Geldbeutel sowie des (über?)mächtigen Konkurrenten Internet längst nicht mehr jeden neuen Lyrikband anschaffen, sondern offenbar von Mal zu Mal wählerischer werden. Die Dichter müssen lernen, / Schluss zu machen. Wann / wenn nicht jetzt? (Hendrik Rost)

herbst

höchsde zeid
zwischä die zeiln
vonnerm gedichd
ä boä bläddä
zu väschdeckn:
dä gliggliche findä
derfs behaldn

Fitzgerald Kusz


Hans Benders augen­zwinkern­flottes Gedichtbuch Wie es kommen wird. Meine Vierzeiler (Hanser, München 2009) stellt mit bislang rund tausend verkauften Exemplaren eine der wenigen erfreulichen Ausnahmen dar: Viele Lyrikbücher selbst bekannterer (jedenfalls vielfach preis­gekrönter) Autorinnen und Autoren finden oft kaum mehr als fünfzig, hundert oder zweihundert Leser. Ab dreihundert wird bereits gejubelt, als habe man eine Auflagenschallmauer durchbrochen. Bei einem für 2011 prognostizierten Schnitt von 135,4 Leserinnen und Lesern pro Buch müssen wir knallhart konstatieren: Die Mehrzahl der Veröffentlichungen findet praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt, zumal mehr und mehr books nur noch on demand gedruckt werden, also de facto gar nicht. Was bleibt, sind Buchtitel und ISBN. Immerhin, wird mancher mehr oder weniger unbekannte Autor frohlocken, immerhin.

Nachdem die Lyrik im deutschen Sprachraum in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg naturgemäß einen enormen Nachholbedarf hatte – so wurden das Experimentelle, Kritische, Politische und Surreale im deutschen Gedicht ja grundsätzlich erst nach 1945 wieder möglich – und mehrere Wellentäler durchwaten mußte, in denen zwar viel, aber nur vereinzelt eindrucksvoll Nachhal­tiges geschrieben und die engagierte Beschäftigung mit Poesie und Sprache von den Wenigsten ernsthaft betrieben wurde (Hans Magnus Enzensberger, Walter Helmut Fritz und Peter Rühmkorf benenne ich, pars pro toto, als Autoren, deren Gedichten die Zeitläufte wenig anhaben konnten), sieht das in den zehn Jahren nach 2000 zum Glück ganz anders aus: Die tausend und mehr ernstzunehmenden zeit­genössischen Lyrike­rinnen und Lyriker im deutschen Sprachraum mit Königin Friederike Mayröcker, deren dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif das überragende Gedicht­buch nach 2000 ist, an der Spitze (friederike-mayroecker.htm), verwenden den Gedichtraum selten für laberndes oder larmoyantes, will­kürlich in Zeilen gebro­chenes bedeu­tungs­schwan­geres Geschwätz: Schreiben hat nichts mit Bedeuten zu tun, sondern mit Land­vermessung und Kartografieren, betonen die französischen Rhizom-Philosophen Gilles Deleuze und Pierre-Félix Guattari. (Diesen Kernspruch las ich in Wieland Grommes' höchst bemerkens- und sehr, sehr lesens­wertem Essay­band Vermessungen, Vermessenheiten. Kartografische Fragmente (Verlag im Waldgut, CH-Frauenfeld 2010).

Ich meine, Lyrik, oder jede Art von Literatur, auch Prosa, oder was immer, kann nur entstehen gegen den Hintergrund oder auf der Basis von aller bisherigen Literatur oder Lyrik. Da ein Weniges ein wenig anders gemacht zu haben, als es schon war, ist ziemlich alles, was man erreichen kann. Ein Weniges ein wenig anders machen. Ganz kleine Verschiebungen. Sich vorzustellen, man könnte nun alles ganz anders machen, das würde etwas ergeben, was nicht mehr als Gedicht oder nicht mehr als Prosa erkennbar sein kann. Wie ja auch eine Plastik immer noch eine Plastik bleibt, auch wenn sie ganz anders gemacht wurde als je eine zuvor. Und die Künstler, sie finden sich alle in den gleichen Musentempeln ein – ob das Beuys ist, Rühm, Schwitters, Artmann oder Webern. Alle in den gleichen Musentempeln, wo die Jahrhunderte und die Jahrtau­sende schon gespeichert sind.

Ernst Jandl


Das Gros der Autorinnen und Autoren setzt sich lesend auseinander mit dem Gedicht und seiner Geschichte (obwohl in der Lesedisziplin doch noch ein wenig Luft nach oben zu sein scheint, wie die Absatzzahlen zeigen, schließe ich mich, eingedenk der vielen guten Beispiele, Walter Fabian Schmid an: Ob aus kritischen oder ironischen Perspektiven, ob als technisch ange­schrägtes Naturgedicht oder als Hölderlin-Fragmentation, auch auf die Lyrikgeschichte blickt das derzeitige Gedicht mit seinen tausenderlei Augen), arbeitet sich am spezifischen Thema ab, ist handwerklich gut ausgebildet, wobei ich manchen freilich zurufen möchte, sie mögen immer schön locker bleiben. Die als drittes Auge in die Stirn gerundete Webcam ist allezeit eingeschaltet, um wie Ror Wolf oben unten […] vorne hinten, kurzum: Überall jedes Staubkorn, jeden Dorn im Auge aufzustöbern und dem Großhirn als lyrisch zu bear­beitende Phänomene zu hinterbringen. Little brother is watching the world.

Immer wieder sprang so ein Wort heraus.
Herta Müller

Andreas Altmanns Das zweite Meer, Gerhard Falkners Kanne Blumma, Michael Krügers Ins Reine, Kathrin Schmidts Blinde Bienen, Hendrik Rosts Der Pilot in der Libelle, Hans Thills Museum der Ungeduld sowie Ron Winklers Frenetische Stille benenne ich als Gedicht­bücher des Jahrgangs 2010, die mit ganz verschieden­artig beherzten Schreib­tempera­menten und ausgeprägtem Sound in diesem erneut auffällig lebendigen Lyrikjahr mit zahl­reichen Gedichtbänden, denen ich mich in der Mehrzahl der Fälle (sehr) gern lesend gewidmet habe beim stetigen Spüren nach dem einen Wort, dem einen Vers, dem einen Gedicht, den merk­lichsten Eindruck hinterlassen, mich mit zahlreichen starken Gedichten begeistern und mich mit einer auch für Über­raschungen guten Gesamtkomposition für sich gewinnen. Als ungeheures lyrisch­prosaisches Monumental­sprach­kunst­werk steht Oswald Eggers Die ganze Zeit auf einem anderen Blatt.

In dem einen oder anderen sehr homogen kompo­nierten Gedichtbuch, ich benenne exemplarisch Nadja Küchen­meisters schönen Lyrikband Alle Lichter, dessen Gedichte mich im ersten Teil ansprechen, anregen und meinen Beifall finden, wünsche ich mir, virtuos montiert wie etwa der regelmäßig anzu­treffende Binnenreim bzw. Gleichklang (der ohnehin eine gewichtige, gute Rolle spielt im zeitge­nössischen Gedicht), dann und wann waghalsig-wilde, wellen­schlagende Wörter bzw. das Sprach­gebälk krachen lassende Kollokations­knäuel oder Lautverschiebungen an Stelle des durchweg gleichartig tönenden formalen, sprachlichen, struktu­rellen Grund­musters, dem noch nicht die meisterhaft schwingende Sprachqualität eigen ist, per se dafür zu sorgen, daß auch bei fortschreitender Lektüre in der zweiten Hälfte die Lyriklampen weiterleuchten.

Ich denke in diesem Zusammenhang auch an die nach­drückliche Ver­schlankung von relativ umfangreichen Lyrikbänden (nicht nur) des Jahrgangs 2010 um, beispielsweise, ein Drittel der nicht an die Höhe der besten Gedichte des Buches heran­reichenden Gedichte. Alle Lichter hätte in dem Falle nicht den letzten, nicht mehr ganz so guten Gesamteindruck hinterlassen, der bei meiner Lektüre von Gedichtbüchern (ganz im Gegensatz zum eigentlichen Leben) der prägende ist – wovon das einzelne Gedicht, um das es eigentlich immer bloß geht und auf das wir womöglich ein Lyrikleben lang zuschreiben, naturgemäß unberührt bleibt.

Auf dieses Gedicht sehe ich Kathrin Schmidt mit Sieben­meilenstiefeln zuschreiten: Blinde Bienen sind gelungene, von Alpha bis Omega superb klingende Gedichte, die ich mit größter Empfindung und Lust lese. Im Zusammenspiel mit Elision und Lautmalerei, Stab- und Vokal-, End- und reichem Reim sorgt der ebenso bedachtsam eingebettete Binnenreim (eher als phonetischer Gleichklang denn als semantischer Reim, wenn wir Oskar Loerkes Definition von der unerläßlichen funktionalen Verwandt­schaft der Reimwörter zugrunde legen) für die musikalische Summgrundstimmung, die die Verse auch da schwingen lassen, wo es, auf anderen Ebenen notwendigerweise alles andere als geschmeidig zugeht. She'll be riding six white horses when she comes heißt es in dem Song, der mir in diesem Moment, wo ich ihn als Metapher benötige, wie aus dem Nichts zufällt, um das Lyriklesewunder zu verbildlichen, simultan mehrere geistige Akte gleichzeitig bewältigen zu können, ohne daß mir jeder einzelne zwingend ex aequo bewußt sein muß: Im sinnlich dominierten Un(ter)bewußten erlebe ich ihn um so intensiver. Das ist das Puls­schlag in höchste Höhen treibende lyrisch-feurige Leseabenteuer, das ich stündlich suche und in gelungenen Gedichtbüchern wie Blinde Bienen fortgesetzt finde: mit Hummeln im Hintern wie Oswald von Wolkenstein parallel auf diversen Rossen durch wuchernde waghalsig-wilde wellenschlagende Wörter wetzen und Sprachgebälk krachen lassende Kollokationsknäuel galoppieren – mit dem geilen Gefühl, es sei ein einzigartiges. And there are times when, by means of a single word, a single rhyme, the writer of a poem manages to find himself where no one has ever been before him, further, perhaps, than he himself would have wished for. (Joseph Brodsky)

Auch eingedenk Ezra Pounds' gutem Wort Poetry is news that stays news bleibt Jürgen Nendzas Hinterland aus Haut und Serpentine von 2004 das beeindruckendste, beziehungsreichste, erschütterndste, gelungenste, intensivste einzelne Gedicht, das ich in den Jahren 2000 bis 2010 in einem Gedichtband gelesen habe – daran ändern der aufregende Aufenthalt bei Michael Lentz und Michael Opitz in deren windschiefem Lyrikhaus In diesem Land. Gedichte 1990 – 2010 (In Lyrik­getwitter, der Vorstellung dreier 2010 erschienener Anthologien (lyrikgetwitter), heißt es abschließend: »In diesem Land ist ein windschiefes Lyrikhaus mit löchrigen Wänden und einer Reihe fehlender Ecksteine, die den ganzen Bau auf riskante Art und Weise in Umsturzgefahr bringen. Aber – in einem solchen Haus, in dem ich so manches Erwartete nicht vorfinde und in dem der Boden unter den Füßen nachgibt, halte ich mich immer wieder gern auf, no risk, no fun, lobe den Hausherrn über den grünen Tee und führe entflammte Gespräche. Gell, Edith?«) und das phasenweise euphorische Wahrnehmen des von Michael Braun und Hans Thill komponierten Lied aus reinem Nichts. Deutsch­sprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts nichts.

Lied aus reinem Nichts beginnt am total vernebelten 17. Oktober 2010 als der gewünschte ungestüme Parforce­ritt ins Offene, als Herta Müllerscher Irrlauf im Kopf durch die zerklüftete Lyrik­landschaft im deutschen Sprachraum, die in den Jahren 2000 bis 2010 eine so exorbitante Entfaltung zu verzeichnen hat, daß mir beim Lesen immer wieder Hören und Sehen vergeht: Volker Braun, Felix Philipp Ingold, Steffen Popp, Nico Bleutge, Raoul Schrott, Ulf Stolterfoht, Hans Thill sorgen für einen furiosen, sehr viel versprechenden Auftakt nach Maß. Ich verstehe die Auswahl (über das Dutzend der ganz und gar unverzicht­baren Dichter hinaus) als exempla­rische Stimmen des großen Chors der originellsten fünfhundert reimenden Rhapsoden, sezierenden Sänger und trüffelsuchenden Troubadore, die in diesen Zeiten und in diesem Land – in Metropole und Hinterland – von lyrischem Furor beseelte Autoren sind, deren Gedichte seit Jahren bis hin zur Aufnahme in den Großen Conrady nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. (Hans Magnus Enzensberger faßt es ironisch zusammen: Auch dieses Gedicht steht natürlich / nur an der Stelle des richtigen, / das noch auf sich warten läßt.) Auf meinem Ritt beginne ich (gegen meine ausdrückliche Absicht, ausschließlich zu gewahren, was da ist, nicht nach Lücken zu suchen, ich erwarte weder pluralistischen Sammelfleiß noch enzyklopädische Voll­ständigkeit) nolens volens zu erkennen, daß ganze Städte, Landstriche, Straßen- und Höhenzüge links liegen gelassen werden. Ein kolossales Gemälde kann ich in keinen kleinen Rahmen zwängen: Abzüglich der Leerseiten und Nachworte sowie des Anhangs bleiben netto 149 Seiten für Gedichte: viel zu wenig, um diese dicht besiedelte, von exotischen Gewächsen nur so strotzende Lyrik­landschaft treffend abzubilden – zumal eine ganze Reihe von Gedichten, in denen ich vergeblich fesselnde Wörter oder Verse aufzuspüren suche, bei weitem nicht die ästhetisch wage­mutigsten Schreib­verfahren und substantiellsten und eindringlichsten Versuche lyrischen Sprechens der jeweiligen Autoren sichtbar macht. Desungeachtet, birgt dieses möglicherweise (einschließlich aller Risiken und Nebenwirkungen) vorsätzlich auf diese ausdrücklich fragmentarische Art komponierte, viele Fragen offen lassende Lied aus reinem Nichts (nach Punktzeit und Das verlorene Alphabet die dritte von Michael Braun und Hans Thill edierte Jahrzehnt-Anthologie) einiges sehr Bemerkens­werte an eindrucksvollem, ereignisreichem Lesestoff:

die stimme

die stimme kommt von oben
ich fühle mich erhoben

die stimme dröhnt enorm
ich fühle mich in form

die stimme rührt mich an
ich bebe wo ich kann

die stimme hüllt mich ein
ich mag geborgen sein

die stimme wird zur glut
gefärbt von meinem blut

die stimme braust nach oben
der rest wird abgeschoben

Ernst Jandl


Fragiles Fragment · Sentenz vom Gedicht

Das Spektrum des zwischen Hinterland- und Groß­stadt­straßen­fluchten schwin­genden, einsilbig oder kakophon, fest- oder freimetrisch, al­lite­rierend oder assonant, (binnen-)gereimt oder prosanah, karg oder simultan­kaskadisch, luftig, licht und klar oder geheimnisvoll, mysteriös und rätselhaft, hochpoetisch klingend oder antilyrisch gebrochen, überhitzt oder unterkühlt, synästhetisch oder katachresisch, standardisiert, wort­spielerisch oder dialektal, leichtfüßig oder verschleppt, schlicht oder krass, rotzig oder erhaben, jambisch (trochäisch) oder daktylisch (anapästisch), erdig oder intellektuell, ernst, finster, trocken oder ironisch, sarkastisch, zynisch, schwärmerisch oder nüchtern, herb oder sanft, heiter oder hypochondrisch, lässig oder forciert (»usw.«) ge|form(ulier)ten, jedes banale und bedeutende Ding des Mikro- oder Makro-Daseins als ECU oder aus der Totalen in den Blick nehmenden, vielfach konterkarierende Gedicht in diesen Zeiten der nur noch ganz kleinen Ver­schiebungen reicht vom eingewurzelten Strophengedicht zur experi­men­tellen Collage und visuellen Bricolage, vom Anagramm übers Leipogramm zur para­grammatischen Verballhornung, vom Kreuzgereimten zum Alltagsparlando, vom Haiku übers Akrostichon zu Ode, Sestine, Sonett und Terzine, vom Aphorismus übers Epigramm zum Sprichwort, vom Einwortgedicht über den Vierzeiler zum Erzähl- oder Langgedicht, vom feurigen Stimmungsbild zum wasserumwallten Wortschwall, von politisch grun­dierten, mit suggestiven Botschaften garnierten Versen zur privaten Poesie für öffent­liche Ohren, vom hermetisch übers doppelbödig zum offen strukturierten Gedicht, vom Block- zum Flattersatz, von der assoziativ verketteten, über­bordenden paradox-skurillen Phantasmagorie zur (Realität ver­fremdenden) lakonischen Inventur, vom Beat- über Pop- zum ätherischen Gedicht, vom unge­legenen Vers zum Gelegen­heits­gedicht, von Sonnenstrahl über Thunder­storm zu Schnee­gestöber, von der innovativen Sprachschöpfung zur kon­genialen Nach­empfindung, vom mit der universalen Lyrik aller Länder und Zeiten ringenden Gedicht des poeta doctus zum naiven Notat des Art-Brut-Dichters, von der chiffrierten zur inter­textuellen Ver­flechtung, von der notgeborenen Attacke zur müßigen Besinnung, von Allegorie über Metonymie, Metapher und Emblem zum Symbol zur bewußt davon befreiten Lyrik, vom grotesken Oxymoron zum skurrilen Paradoxon, vom farben­frohen Nonsens zum schwarzweißen Tiefsinn, von reiner Lyrik über Metalyrik (Gedicht­gedichte) zum didaktischen Lehr­gedicht, vom stillen und kurzen, um eine einzige Metapher rankenden Gedicht zur hektischen, übers ganze Blatt und darüber hinaus sich windenden Montage oder Endloszeile, vom Stakkato zum Geschmeidigen, vom surrealen Purzelbaum über Dissonanz und Lautpoesie zur Volks­lied­strophe, von der urbanen Häuser­zeile zur rustikalen, zeitgemäß fragmentierten bzw. verfremdeten Sumpfdotterblume

Der Wille, gut, originell, präzise zu schreiben (mit überreichlich forcierten Laborgedichten, vergleichsweise spärlich nur anzutreffenden Gelegenheitsgedichten – fehlen Gelegenheit und Geduld?), ist in Berlin (wo in allen Ecken, Nischen und Winkeln Herr Mainstream und Frau Subkultur – Tag und Nacht, in Massen oder vereinzelt – dermaßen abrocken, als gäbe es bloß diesen einen lyrikmachenden Ort), Bozen, Luxemburg, St. Vith, Wien, Zürich und den unzähligen anderen kleinen und großen Orten des deutschen Lyrik­sprachraums durchweg spürbar (im Überblick regelmäßig nachzulesen im von Christoph Buchwald herausgegebenen Jahrbuch der Lyrik, in Versnetze, dem von Axel Kutsch ebenfalls seit 1983 nahezu jährlich edierten Sammelband, sowie – als fulminantes Finale der Vorstellung der Lyrik im deutschen Sprachraum seit dem Mittelalter – in Der Große Conrady von 2008), und Kerstin Preiwuß spitzt dieses betont bedachte Bewußtsein so zu: Ein Gedicht ist grausam, es hört nur sich, es aufzuschreiben, erfolgt aus der Hilflosigkeit, nicht anders zu können, aber das, was man kann, ist ihm noch zu wenig.

Das war, beispiels­weise, in der Zeit nach 1968 ganz anders. Es gehörte nicht nur in studentischen Kreisen zum guten Ton, neben dem täglichen Joint in sorglos unbeschwerter Weise sein (Befindlich­keits-)Gedicht zu schreiben. Immer mehr wurde geschrieben, Lyrik­bücher erreich­ten Auflagen, von denen wir im deutschen Sprach­raum nach 2000 träumen. Das las sich locker-flockig (wenn's auch oft traurig war), man gehörte dazu, der Begriff Qualität wurde als spießbürgerliches Kriterium verhöhnt, zu reimen war verpönt. Die profes­sionel­len Autoren jener Zeit, deren Gedichte wir noch heute mit Gewinn lesen, beteiligten sich weniger an dieser sympa­thischen dilet­tantischen Massen­veranstaltung. Rolf Dieter Brinkmann wandte sich bewußt davon ab.


Dritter Schritt
Glasscheiben – Glasscherben
Ars combinatoria

Trenne die flachen Wörter auf mit einem Stichel
Hans Thill · Museum der Ungeduld



Dienstag, 8. Juni 2010. Der Tücke, Ana­chronis­tisches zu verfassen, versuche ich mit andauernder Konfrontation und im beständigen Bewußtsein zu begegnen, daß an allen Fronten die Feinde (eitle Hybris, sorglose Flüchtigkeit) lauern, die das Gedicht unbarmherzig in den Abgrund stoßen wollen. Diese Gefahr wird mit jedem weiteren gedruckten Gedichtbuch größer. Ich muß – ähnlich Vorbildern wie Charles Baudelaire, Gottfried Benn, Rolf Dieter Brinkmann, Paul Celan, T. S. Eliot, Stefan George, Friedrich Hölderlin, Ernst Jandl, Thomas Kling, Wladimir Majakowski, Stéphane Mallarmé, Friederike Mayröcker, Oswald von Wolkenstein, Arthur Rimbaud, Ezra Pound (dem ich in der heutigen Lektüre, einem von Bernd Völkle und Klaus Theweleit prall mit Kunst und guten, immer wieder lyrisch angehauchten Gedanken gefüllten Regal (modo Verlag, Freiburg im Breisgau 2010), so: L'art 1919 // Green arsenic smeared on an egg-white cloth. / Crushed strawberries! Come, let us feast our eyes), Walt Whitman oder William Carlos Williams – immer und immer daran arbeiten, "absolument moderne" zu sein. Das Fortschreiben von Traditionen ist gut und schön. Wir brauchen und wollen aber immer mehr. Die Ergebnisse erlebt jeder Leser von Gedichtfall zu Gedichtfall selbst. Ist, beispielsweise, töter ein Gedicht, das den eben benannten Kriterien standhält? Die Entstehung der Verse habe ich im Tagebuch so festgehalten:

Zeuge seiner selbst zu sein,
immer in eigener Gesellschaft
nie unbeschwert alleingelassen
sich immer zuhören zu müssen
bei jedem physischen chemischen
geistigen Ereignis, das ist die große Prüfung
die Buße, das Übel.
Patrizia Cavalli


Sonntag, der 13. Dezember 2009, ist ein winterlich weißer Tag mit Temperaturen um den Gefrierpunkt. Warum weinen die Fensterscheiben hier im Souterrain bei diesen Graden immer? Kälte schneidet beim kurzen Gang zur gelben Tonne das Gesicht in schmale Streifen. Die Stunden drinnen, weiche Stunden, verbringe ich, nach Frühstück gegen neun, lesend – Bei Dao, Das Buch der Niederlage (in einem Gedicht stoße ich auf Wörter sind Köder), Patricia Cavalli, Diese schönen Tage, Juan Goytisolo, Quarantäne –, zu Mittag essend, schlafend, Tee trinkend (dazu ein bißchen Gebäck), selten sprechend, im lyrischen Internet surfend, ein paar Mails schreibend, zwischendurch Fußballergebnisse verfolgend. Schade, immer noch gärt der gestrige Groll, der Rede doch eigentlich nicht mehr wert, wie auch Joachim Ringelnatz betont:

Happy Christmas, dear old Un!
Will Dir wer was Böses thun,
Drücke kalten Blutes
Beide Augen zu.
Tu dann dafür doppelt Gutes
Deinem Kuttel Daddeldu.



Das Schreiben eines Textes setzt ein feines Geflecht von Beziehungen voraus, die seine verschiedenen Knotenpunkte miteinander verbinden. Alles fließt ein: Erlebnisse anderer, eigene Erfahrungen, Stimmungen, Reisen, Zufälligkeiten, auf aleatorische Weise verquickt mit Lektüren, Bildern und Eingebildetem, kraft einer Ars combinatoria aus Kreuzungen, Korrespondenzen, Assoziationen der Erinnerung, plötzlichen Erleuchtungen, Wechsel­strömen, setzt Juan Goytisolas denkwürdige, merkwürdige Erzählung Quarantäne reflektierend ein, und ich setze den Gedanken unmittelbar in Beziehung zu einem fesselnden Gedicht Bei Daos, das ich einige Zeit später (ich lausche Schumanns Kinderszenen) mit hochgradigster Konzentration lese:

Kreationen
All die Kreationen Generation für Generation beunruhigen mich
Zum Beispiel die Nächte, die gesetzlich Reißaus nehmen
Dahinter steckt stets ein Grund
Ein Hund bellt Dunst und Nebel an
Schiffe navigieren auf Kurzwellen
Der Leuchtturm, den ich vergaß
gleicht einem Zahn, der, gezogen, nicht mehr schmerzt
Bücher, im Winde blätternd, verstören die Landschaft
Die Sonne geht dank Rettung auf
All die Leute stampfen vor Einsamkeit in einer Schlange mit den Füßen auf
Eine Glocke schmiedet Verse für sie

Was bleibt, abgesehen von all diesem?
Sonnenstrahlen lachen lauthals auf Glasscheiben
Der Fahrstuhl fährt in die Tiefe, aber da ist keine Hölle
Jemand, dem das Vaterland gekündigt hat
geht durch einen betäubend heißen Mittagsschlaf

und an der Küste geht er auf Grund


Statt Glasscheiben lese ich zunächst Glasscherben – ein unfreiwillig erzeugtes Paragramm. Ich frage mich, hätte sich Bei Dao als deutschsprachiger Dichter, ähnlich assoziierend, statt Glasscheiben schließlich für Glasscherben entschieden? Ich verwechsle einen ameisenhaft winzigen Buchstabenbruchteil im deutschen Wort, und die Scheiben liegen in tausend Stücken, Splittern da. Ist das nun – Wahnsinn? In Georg Friedrich Daumers titellosem Gedicht, heute im Lyrikkalender, lese ich, daß ich mich der Nüchternheit enthalten solle, daß ich so auf der rechten Bahn sei, denn daß der Rausch zur Seligkeit unnütz sei, das sei ein Wahn. Erneut denke ich: Wahnsinn. Endlich jemand, der mich auf die rechte Bahn bringt. Auf die Wahnbahn. Nun überschlagen sich die Ereignisse, der Stuttgarter Torhüter Jens Lehmann fliegt in Mainz vom Platz, der anschließende Elfmeter führt zum Ausgleich. Aus, aus, das Spiel ist aus, Dortmund führt in Wolfsburg nach wenigen Minuten mit zwei zu null Toren. Und innerhalb von fünfundvierzig Minuten mache ich (entsteht?) dieses Gedicht, das zwölfte und letzte für 2009, an dem ich auch heute, ein halbes Jahr später, nichts mehr ändern will:

töter

glasscherben
aufgelesen – s/c/h/e/r/b/e/n

verderben glasscherben
die unversehrte häuslerzeile

sp / litter nach dem gewitter
die blinden scheiben schreien

kinderszene: schwarzer schmetter
schlag (scheiben schweigen)

[gasschergen] schreiben
wörter sind [köter]



Lyrik 2010 · Exemplarische Rundschau von A bis Z

Die vollständige Liste aller 2010 gelesenen Lyrikbände des Jahrgangs 2010 – Einzeltitel · Sammelbände · Zeitschriften – ist demnächst im Poetenladen nachzulesen in einem etwas längeren Essay, der sich mit Lyrik und Prosa befaßt: Im Jahr des Buches 2010. Es kribbelt und wibbelt weiter.

Das Gedicht geht gelesen eher ein. Der Aufnehmende nimmt von vornherein eine andere Stellung zu dem Gedicht ein, wenn er sieht, wie lang es ist und wie die Strophen gebaut sind. Ein modernes Gedicht verlangt den Druck auf Papier und verlangt das Lesen, verlangt die schwarze Letter, es wird plastischer durch den Blick auf seine äußere Struktur, und es wird innerlicher, wenn sich einer schweigend darüberbeugt.
Gottfried Benn

Einzeltitel

  • Andreas Altmann, Das zweite Meer, 96 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Poetenladen, Leipzig 2010.
  • Michael Arenz, Die Vulgarität der davongeschwommenen Felle. Poeme, 40 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Michael Basse, skype connected. Ein Liebesbrevier, 67 Seiten, Hardcover, Landpresse, Weilerswist 2010.
  • Rudolph Bauer · Lothar Bührmann, Schutzschirmsprache. Politische Lyrik und Cartoons, 112 Seiten, Broschur, Format 21 x 21 cm, Sujet Verlag, Bremen 2010.
  • Wolf Biermann, Dein freches Lächeln küsse ich so gern. Die schönsten Liebesgedichte, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Andreas Öhler, 128 Seiten, Hardcover, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.
  • Wolfgang Bittner, Der schmale Grat, 104 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000 · Allitera Verlag, München 2010.
  • Paulus Böhmer, Am Meer. An Land. Bei mir. Trilogie, 148 Seiten, Broschur, Verlag Peter Engstler, Ostheim an der Rhön 2010.
  • Rolf Dieter Brinkmann, Vorstellung meiner Hände. Frühe Gedichte, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Maleen Brinkmann, Essay von Michael Töteberg, 96 Seiten, Hardcover, Lesebändchen, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010.
  • Oswald Egger, Die ganze Zeit, 741 Seiten, Leinen, Lesebändchen, Suhrkamp, Berlin 2010.

    Halb stemmt eine dritte Figur auf ihren himmelhin erhobenen Sohlen im Korb eine Maulbeere herauf, die Frucht vom Strauch der Raupe, in deren Puppe sich kein Leib verhüllt: bis er zur unsichtbaren Insassin der Schemen mehr innehat als ihren Schatten. Der Kirschkernbeißer, ein Unholdvogel, als hornbeschnäbelter Zerschrotter dürrster Samen und durch die heftig ankeifenden Spuckkerne seines Lockrufs: Zick, zick, zieh! bringt Ingrimm und Stimmen in Syzygie.

  • Manfred Enzensperger, Endlich Boppard, 87 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Horlemann, Bad Honnef 2010.
  • Gerhard Falkner, Kanne Blumma, fränkisch – deutsch, 200 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, ars vivendi verlag, Cadolzburg 2010.

    Affärän anschbachä

    voddä whelld
    hadder niggs gesehng
    vom Lehm
    hadder niggs ghabbd
    voddä dsaid
    hadder niggs gmerggd
    voddä khunsd
    hadder niggs väschdanna
    obbä sayn gaddn
    hadder gmechd
    say schuldn
    hadder dsoald
    und say wodd
    hadder ghaldn

  • Karin Fellner, hangab zur kehle, 98 Seiten, Broschur, yedermann, Riemerling bei München 2010.
  • Bernd HARLEM Fischle, Das Lied der Straße, 32 Seiten, geheftete Klappbroschur, Maro, Augsburg 2010.
  • Nora Gomringer, Nachrichten aus der Luft, 80 Seiten, Hardcover, mit Audio-CD, Verlag Voland & Quist, Dresden 2010.
  • Hadayatullah Hübsch, Marock'n'Roll. Beatgedichte, 59 Seiten, Broschur, Gonzoverlag, Mainz 2010.
  • Jean Krier, Herzens Lust Spiele, 85 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Poetenladen, Leipzig 2010.

    Aubade

    Herzkammermusik: wer da haust. Das gilt es
    zu lernen jetzt, jeden Morgen diese Vollendung,
    während die ersten Vögel u Abschied endgültig
    wieder ein Stück näher. Wäre der Fehltritt dann
    spurlos. Doch nicht genug Zeit vertan, denn
    geliebt u gehofft, Bäume gepflanzt - Unsinn.
    Hättest liegen sollen still, ruhig die Lerche lassen,
    Wächter u Horn. Nichts im Kühlschrank, so
    keiner, der denken könnte. Ja, Feinsliebchen,
    ich sterb ab, leise und heiter den Bach runter mit
    Licht. Sag mich bitte doch endlich tot. Non,
    je n'en voudrais plus. Der Asche kein Ort.
    Die Kinder sollen sie im hof in den Müll. Alles
    wieder wüst u leer. Nix Phoenix, alle für nix
    u wieder nix. Alle Eingriffe verboten.

  • Michael Krüger, Ins Reine, 120 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Suhrkamp, Berlin 2010.
  • Nadja Küchenmeister, Alle Lichter, 101 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010.
  • Christine Langer, Findelgesichter, 112 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Klöpfer und Meyer, Tübingen 2010.
  • Arnold Leifert, Die Gewissheit der Walnüsse, 107 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000 · Allitera Verlag, München 2010.
  • Christoph Leisten, bis zur schwerelosigkeit, 64 Seiten, Broschur, Rimbaud, Aachen 2010.

    UNTER DER DÄMMERUNG schneiden störche
    ihr schwingen in den himmel, bis der horizont
    verläuft ins blut einer orange, wovon

    du trinkst. dieses bild ist zu schön;
    eine kalligraphie, die sich nicht lesen lässt.
    am nebentisch faltet jemand das land

    zusammen. es ist alles gesehen, die wüste
    abgegrast, die rückkunft gebucht. man muss
    einmal da gewesen sein. aber das land

    sträubt sich, schon verschwinden die legenden
    unter der falz. du drehst mit einer handbewegung
    deine frage in den wind. wir wissen zu viel,

    zu wenig, zum beispiel: dass die orange nur geborgt,
    eine verborgene etymologie, beinah wie jede rückkunft,
    aus den nestern der störche über dem zerfallenen palast.

    Marrakesch, Café Palais el Badi

  • Michael Lentz, Offene Unruh. 100 Liebesgedichte, 175 Seiten, Hardcover, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2010.
  • Swantje Lichtenstein, Entlang der lebendigen Linie. Sexophismen. Ein lyrischer Zyklus, 79 Seiten, Passagen Verlag, Wien 2010.
  • Joanna Lisiak, B. Lyrik mit Paul Klee, 94 Seiten, Broschur, Littera Autoren Verlag, Zürich 2010.
  • Ulrich Marzahn, luftschlosserei, 88 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000 · Allitera Verlag, München 2010.
  • Jörg Neugebauer, Die Stille bricht aus den Wolken, 36 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Andreas Noga, Lücken im Lärm, 36 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.

    negativ

    leser wissen das was
    und wie

    doch nie
    was gestrichen wurde

    und warum –
    lesen macht dumm

  • Marion Poschmann, Geistersehen, 126 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.
  • Hendrik Rost, Der Pilot in der Libelle, 112 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Wallstein Verlag, Göttingen 2010.
  • Horst Samson, Und wenn du willst, vergiss, Gedichte aus den Jahren 1981 bis 1994, Nachwort von Andreas Saurer, 130 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2010.

    Die den Stuhl töten

    Die den Stuhl töten
    Wohnen in gefräßigen Wolken
    Im Volke der Schneeflocken.
    Sie spielen am Rande
    Der Lippen,
    Sie spielen mit Tieren
    Aus schneidigem Wind
    Zwischen Nachrichten und Hinrichten
    Schlägt ihr Puls.
    Sie wittern den Tod und
    Sie ruhen nicht, bis das Sägemehl
    Aus den Holzadern tropft.

  • Bernhard Saupe, Viersäftelehre, 104 Seiten, Klappbroschur, Klever Verlag, Wien 2010.
  • Dieter Schlesak, Der Tod ist nicht bei Trost. Liebes- und Todesgedichte, 160 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000 · Allitera Verlag, München 2010.

    Dann wird es Nacht

    Durchs Fenster Sonnenuntergang.
    Der klare Raum. Die Röte. Dunkelheit
    zeigt diesen großen Stern. Die Ferne ist
    ein Punkt im Hirn.

    Die Totenstille weckt was nicht mehr ist.
    Die Wunder spinnen. Außerhalb der Welt
    ist keine Wartezeit.

    Nur Mut von jetzt ab out
    zu sein.
    Ganz einsam und
    einsiedlerfrei.
    Und ohne Zeit.

  • Kathrin Schmidt, Blinde Bienen, 90 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.
  • Lutz Seiler, im felderlatein, 102 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.

    herbst

    st stille & gebrauch.
    der herbst ist harke, holz, ist milde
    kühle auf den augen &

    eine zufallsgänsehaut. ist auch
    das gute alte kampfgefühl, leise, heimlich, schädelstill
    altern die entwürfe. das laub verbrannt, der sand

    noch warm unter der asche, du
    spürst es jetzt an deiner hand: etwas
    will weg & etwas nie verreisen. so

    geht man einfach ganz
    nach hinten, hinters haus. man fällt
    ins gras & schaut:

    globenbeleuchtung, erdumdrehung
    auf den nachbarterrassen. einmal
    heimat & zurück

    glänzt es von den hundeketten. "gott
    was sind die kiefernspitzen
    plötzlich oben rot!" & unter der erde

    liegen die toten
    & halten die enden der wurzeln im mund

  • Sylvia Steiner, eine andere geografie, 76 Seiten, Hardcover, Edition Isele, Eggingen 2010.
  • Hans Thill, Museum der Ungeduld, 94 Seiten, Broschur, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010.
  • Jan Wagner, Australien, 106 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Berlin Verlag, Berlin 2010.
  • Christoph Wenzel, tagebrüche, 107 Seiten, Broschur, yedermann, Riemerling bei München 2010.
  • Ron Winkler, Frenetische Stille, 95 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Berlin Verlag, Berlin 2010.

    Georg Trakl

    schwarze Engel, in die schwarzer Regen fällt,
    zyklopisches Laub
    und Fieber. noch
    aber ist gelb der Pan, der Milch
    und Sterne trinkt.

  • Maximilian Zander, Brief von Carl, 35 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.

    Gedicht Was vom täglichen Leben und Lesen
    in die Falten des Großhirns
    sickert. Was mir zum Halse
    rauskommt oder ständig im Ohr lag.
    Auch dieses Konglomerat
    aus Herbst und Algebra,
    das sich beharrlich »ich« nennt,
    manchmal »Ihr sehr ergebener …«
    In stets sorgsam gekämmter Sprache.
    Wofür ich (warum?)
    noch den Schlußakkord suche,
    um endlich zum Ende zu kommen,
    und hinaus in den Garten.



Sammelbände


  • Michael Braun (Hg.), Deutschlandfunk Lyrikkalender 2011. Für jeden Tag ein Gedicht, 365 Gedichte von rund 240 Autorinnen und Autoren von den Anfängen bis zur Gegenwart, darunter Achim von Arnim, Rainer Brambach, Rolf Dieter Brinkmann, Adelbert von Chamisso, Friedrich Christian Delius, Elke Erb, Heinz Erhard, Erich Fried, Stefan George, Heinrich Heine, Irischer Mönch des 9. Jahrhunderts, Ernst Jandl, Matthias Kehle, Christine Lavant, Friederike Mayröcker, Detlev Meyer, Helga M. Novak, Hellmuth Opitz, Heinz Piontek, Gerhard Rühm, Thomas Rosenlöcher, Kurt Schwitters, Ludwig Tieck, Unbekannter Dichter, Georg von der Vring, Robert Walser, Philipp von Zesen, Gerald Zschorsch u.v.a., 740 Seiten, Broschur zum Stellen oder Hängen, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010.

    Fragen eines lesenden Maulwurfs

    Wo ist die Weisheit mit dem Silberbart?
    Wo sind die Köpfe, wo Vernunft sich paart
    Mit Unverstand, mit toter Ironie?
    Wo ist die krause, liebe, grüne Industrie?
    ...

    Rolf Bossert


  • Michael Braun · Hans Thill (Hg.), Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts, Kurt Aebli über Urs Allemann, Hans Carl Artmann, Wolfgang Bächler, Jürgen Becker, Nora Bossong, Paulus Böhmer, Franz Josef Czernin, Daniela Danz, Michael Donhauser, Elke Erb, Daniel Falb, Walter Helmut Fritz, Claudia Gabler, Sylvia Geist, Elfriede Gerstl, Heinz G. Hahs, Wolfgang Hilbig, Felix Philipp Ingold, Hendrik Jackson, Thomas Kling, Jean Krier, Gregor Laschen, Johann Lippet, Rainer Malkowski, Jürgen Nendza, Brigitte Oleschinski, Oskar Pastior, Marion Poschmann, Arne Rautenberg, Christa Reinig, Michael Roes, Ulrike Almut Sandig, Kathrin Schmidt, Johann P. Tammen, Jürgen Theobaldy, Sandra Trojan, Raphael Urweider, Jan Wagner, Peter Waterhouse, Ernest Wichner, Ror Wolf bis Martin Zingg, Nachworte der Herausgeber, 246 Seiten, Hardcover, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010.
  • Werner Bucher · Jolanda Fäh · Virgilio Masciadri (Hg.), Poesie-Agenda 2011, mit Gedichten von 150 Autorinnen und Autoren vieler Länder und Zeiten, darunter Hans Bender, Erika Burkart, Catarina Carsten, Radka Donnell, Manfred Enzensperger, Jolanda Fäh, Brigitte Fuchs, Hand Gysi, Franz Hohler, Alfred Ilk, Fred Kurer, Werner Lutz, Erwin Messmer, Andreas Noga, Monique Obertin, Paul Pfeffer, Lutz Rathenow, Christian Saalberg, Gabriele Trinckler, Clemens Umbricht, Jürgen Völkert-Marten, Rainer Wedler und Maximilian Zander, 256 Seiten, Broschur, CH-Oberegg 2010.

    so ist das eben
    im herbst
    dein leben du kerbst
    und sterbst

    im frühjahr drauf
    du wieder schnauf
    ein neues auto dir kauf

    so ist das eben
    im leben

    Karl Riha


  • Axel Kutsch (Hg.), Versnetze_drei. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart von 211 Autorinnen und Autoren, darunter Michael Arenz, Werner Bucher, Uwe Claus, Jutta Dornheim, Manfred Enzensperger, Brigitte Fuchs, Florian Günther, Manfred Peter Hein, Hans Josef Jungheim, Rainer Komers, Fitzgerald Kusz, Vesna Lubina, Dieter P. Meier-Lenz, Andreas Noga, Danilo Pockrandt, Francisca Ricinski, Walle Sayer, Ralf Thenior, Beate Ünver, Olaf Velte, Mario Wirz und Ulrich Zimmermann, Vorwort des Herausgebers, 317 Seiten, Broschur, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2010. lyrikgetwitter

    vom zeugspiel

    geohrt geäugt genäst gemündet gezähnt
    gezüngt gewangt gelippt geschultert
    gehaart gehalst gekehlt genervt gehaut
    gedrüst geädert geport genagelt
    gewirbelt gesäult gebaucht gerümpft
    geherzt gelüngt gelebert gemilzt
    gemagerlt gedärmt geniert gebläst
    gebeint gefußt geferst gezeht
    gesicht geschlecht geschädelt gerippt

    geburt gebahrt

    Günter Vallaster


  • Michael Lentz · Michael Opitz (Hg.), In diesem Land. Gedichte aus den Jahren 1990–2010, von 101 Autorinnen und Autoren, darunter Marcel Beyer, Nico Bleutge, Mirko Bonné, Thomas Brasch, Ulrike Draesner, Anne Duden, Hans Magnus Enzensberger, Hartmut Geerken, Eberhard Häfner, Ulla Hahn, Wolfgang Hilbig, Rainer Kirsch, Wulf Kirsten, Karin Kiwus, Uwe Kolbe, Christine Koschel, Michael Krüger, Richard Leising, Kito Lorenc, Christoph Meckel, Franz Mon, Herta Müller, Monika Rinck, Tom Schulz und Paul Wühr, 637 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2010. lyrikgetwitter
  • Shafiq Naz (Hg.), Der deutsche Lyrikkalender 2011. Jeder Tag ein Gedicht, 365 Gedichte von 300 Autorinnen und Autoren von den Anfängen bis zur Gegenwart, darunter Peter Altenberg, Ingeborg Bachmann, Gottfried Benn, Johannes Bobrowski, Paul Boldt, Claus Bremer, Joseph Buhl, Manfred Chobot, Klaus Peter Dencker, Carl-Christian Elze, Adolf Endler, Theodor Fontane, Walter Helmut Fritz, Claudia Gabler, Marjana Gaponenko, Sylvia Geist, Harald Gröhler, Dorothea Grünzweig, Peter Handke, Caroline Hartge, Harald Hartung, Simone Heembrock, Martina Hefter, Hans-Jürgen Heise, Guy Helminger, Nico Helminger, Henning Heske, Stefan Heuer, Andrea Heuser, Friedrich Hölderlin, Walter Höllerer, Arno Holz, Markus Manfred Jung, Daniel Ketteler, Sarah Kirsch, Barbara Maria Kloos, Jürgen Kross, Jan Kuhlbrodt, Günter Kunert, Axel Kutsch, Stan Lafleur, Norbert Lange, Christian Lehnert, Oskar Loerke, Sabina Lorenz, Marie T. Martin, Virgilio Masciadri, Hartwig Mauritz, Franz Mon, Stefan Monhardt, Heiner Müller, Andreas Neeser, René Oberholzer, Jutta Over, Silke Peters, Dirk von Petersdorff, Holdger Platta, Steffen Popp, Said, Joachim Sartorius, Robert Schindel, André Schinkel, Clemens Schittko, Christian Schloyer, Ferdinand Schmatz, Nathalie Schmid, Frank Schmitter, Raoul Schrott, Werner Söllner, Armin Steigenberger, Lutz Steinbrück, Suleman Taufiq, Volker von Törne, Thien Tran, Ludwig Uhland, Jürgen Völkert-Marten, Achim Wagner, Richard Wagner, Frank Wedekind, A. J. Weigoni, Norbert Weiß, Lino Wirag, Michael Wüstefeld, Gerrit Wustmann, Annemarie Zornack, Carl Zuckmayer u.v.a., 450 Seiten, Tischkalender mit Spiralbindung, Alhambra Publishing, B-Bertem 2010.

    joggen im vondelpark

    feinmalerei: januarmorgen mit sprühregen
    aquarien die schuhe, licht-brüche, radlerinnen
    blühen (sehn so vermeer-mädchen aus?), ein gelb
    dem 17. jahrhundert geschuldet, spezieller grünton
    der die hautpartien bestimmt, und das aus lapislazuli gewonnene
    teure ultramarin, sein luxurierender gebrauch, da war noch der
    einigermaßen unbeholfne schal, ihr auftritt
    auf meiner persönlichen altmeister-auktion blieb
    unzugeschlagen, durchsichtig die völlig entlaubten bäume

    Michael Speier


  • Elisabeth K. Paefgen · Peter Geist (Hg.), Echtermeyer. Deutsche Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, mit Gedichten von rund 260 Autorinnen und Autoren, darunter Annette von Droste-Hülshoff, Hans Arp, Hugo Ball, Rudolf Borchardt, Paul Celan, Catharina Regina von Greiffenberg, Simon Dach, Der von Kürenberg, Joseph von Eichendorff, Günter Eich, Paul Fleming, Günter Bruno Fuchs, Johann Wolfgang Goethe, Andreas Gryphius, Hartmann von Aue, Helmut Heißenbüttel, Jakob van Hoddis, Ernst Jandl, Karoline von Günderode, Erich Kästner, Thomas Kunst, Else Lasker-Schüler, Wilhelm Lehmann, Friederike Mayröcker, Ernst Meister, Friedrich Nietzsche, Novalis, Martin Opitz, Oswald von Wolkenstein, August von Platen, Reinhard Priessnitz, Reinmar, Rainer Maria Rilke, Nelly Sachs, Theodor Storm, Georg Trakl, Kurt Tucholsky, Ludwig Uhland, Ulrich von Hutten, Volkslieder, Johann Heinrich Voß, Walther von der Vogelweide, Frank Wedekind, Paul Zech und Ulrich Zieger, 942 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, Cornelsen, Berlin 2010.
  • Günter Vallaster (Hg.), Ein Alphabet der visuellen Poesie, mit Arbeiten von Josef Bauer, Brandstifter, Marietta Böning, Gabriele Buch, Gerhild Ebel, Christian Futscher, Heinz Gappmayr, Christine Huber, Gerhard Jaschke, Angelika Kaufmann, Ilse Kilic, Erika Kronawitter, Axel Kutsch, Kerstin Lichtblau, Jürgen O. Olbrich, Valeri Scherstjanoi, Hartmut Sörgel, Lisa Spalt, Fritz Widhalm, Ottfried Zielke u.v.a., 75 Seiten, Broschur, edition ch, Wien 2010.

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Gerald Kurdoglu Nitsche

Theo Breuer    20.11.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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