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Theo Breuer

Werden Sie ruhig ein bißchen wahnsinnig …

Von Theo Breuer
 
Vom Lesen in Versnetze_fünf
  Versnetze_fünf
Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart
Hrsg. von Axel Kutsch
Landpresse 2012
352 Seiten | 22 Euro
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Unbeugsam scheint der Überlesenswille des urigen Lyrikvölkchens im bild­wild zer­klüfteten deutschen Sprach­raum ange­sichts der weiterhin ansteigenden Buchflut zu sein, in der sich Millionen Versfüße tummeln. Ach Gott, schon wieder Gedichte, hör ich Peer Quer, den feinen kleinen Freund, Mrs Columbo ins Öhrchen flüstern, als er Versnetze_fünf auf dem Tisch liegen sieht. Aber, aber, meine Dame, mein Herr: ›Gedicht‹ und ›Gott‹, das geht doch, glaube ich, immer schon ganz gut zusammen, oder – etwa – nicht: ogottogott, wußte schon Ernst Jandl mit drama­tischen Pfunden zu schummeln.
  Und, schwups, lese ich bei Lutz Rathenow: Darf Gott göttlich sein? Tja, ich weiß nicht, was, Gott, hilf mir, soll es bedeuten, wer lacht hier / hat gelacht? Jedenfalls habe ich Lunte gerochen und folge, heiß auf Erkenntnis, schwind­lings der Schweiß­spur, that is blowing in the wind (bin nicht bloß Lyrik-, nein, auch Kriminaltango-Fan), und lese, die Nase milli­meter­nah am Blatt (was, in erster Linie, wohl mit der sieben Jahre alten – keines­wegs rosa­roten – Brille zu tun hat) weiter und stol­pre, mich flott bei Caroline Hartge einhakend, über verdammt gott­ver­lassene straßen, wo irgendwo ein erwogenes gottes geschenk – einfach so (oder ›so‹) etwa? – herum­liegt.
  Sieh da, sieh da, gerad erst hab ich mich, von der launischen Stimmung des Augen­blicks bezirzt (»Eigent­lich könnte jedes Gedicht / den Titel ›Augenblick‹ tragen« · Wislawa Szymbors­ka), auf die ›gött­liche‹ Wort­spiel­span­nung einge­lassen, schon werd ich von Versen weiter gegängelt, treff nochmals auf das Wörtchen ›gottverlassen‹ – bei Christoph Leisten ist es dieser eine gott­verlassene clochard, der sich, kommt durchaus un/gelegen, verwegen in den Kontext schlängelt, und folglich alles bestens mithin.
  Schaun wir, wie es vorwärts – Stückwerk? weltwärts? (Halt!) – geht, ach, seht, dort steht schon bald Marianne Ullmann hilfs­bereit am Wegrand (winkend): Vom Himmel aus Landschafts­textur / als Les­art von Gott – ja, Menschen, die Gedichte schreiben, sind stets und immer Alter­egoisten, lassen drum die Leser nie bedröppelt klamm im Regen stehn: Gott sei Dank – schreibt jeden­falls Gisela Noy.
  Was hör ich? Gott redet mit dir dauernd im Park (Francisca Ricinski), und ist das nun gottes gnaden­willkür, wie Karl Rovers in den Raum stellt? (Mit gottes­dienst­licher er­neuerung hat es jedenfalls rein gar nix zu tun, wie ein paar Verse weiter zu lesen ist.) Ich laß die letzte/n Frage/n hier einfach mal: offen, rufe, mit Scarda­nelli: Komm! ins Offene, Freund!
  Jetzt aber, du lieber mein Gott noch: darf es ein wenig / ohne Gott sein, wirft Elke Böhm, ziemlich hinter­forschig, ein, was mich ein bißchen doch verstört (oder hab ich mich – verhört?), hatte mich doch gerade so gut ›einge­richtet‹ im Versnetze-Leben, nix scheint einem heut­zutag vergönnt, was sind das, o Gott, für Zeiten, sprecht! (»Keine hört mich, alles stille. Also ist es Götter­wille«, hör ich Papa­geno jammern.) Also weiter, immer weiter, ach, um gottes­willen, schnapp ich bei Wolfgang Haenle auf, denn das Gott­vertrauen, das noch immer ent­zifferbar ist (Fritz Deppert) in diesen Versen, führt mich schnur und stracks zu Richard Dove, der mir zeigt, wo Gott hockt: Südlich der Stadt, / wo Gott einst studierte.
  Wer hätte das gedacht, aber so sind's halt, die Gedichte, immer für die eine und auch schon mal die andere Über­ra­schung gut (in einem las ich vor ein paar Jahren, wie nicht die Titanic, nein, nein, der Eisberg unter­ging, und wenn das nun keine gott­gewollte Fügung ist, dann glaub ich, wohl wahr, an gar nichts mehr), jedenfalls: Keiner weiß nie, wie sie denn wo aus- oder untergehn, und so sind auch die Lyrik-Sammel­bände fabel­volle FlunderWunder­Zunder­tüten – knall-prall­voll mit Götterduft und Nabel­schau (liegt hier ein Spötter in der Luft?), die Seit um Seite, Blatt um Blatt … am besten, Sie lesen selbst.
  Joseph Buhl aus Gott­mannshofen besingt den Abend des Goldtons, was, bei rechtem Lichte betrach­tet, unvergleichlich göttlich klingt, wann wird man je verstehn? Hoppla, du hast einen gott / übersprungen, neckt Hartwig Mauritz (sein Wort in Gottes Ohr?), ich blätt­re zurück, finde: nichts, ist das eine lyrische Finte? (Steck ich in der Tinte?) Will Autor mich auf Reimspur locken? Geht das nicht: ›Gedichte rocken‹? Kann auch als Leser ich mich ver­zocken?
  Ich laß das mal, um Gottes Himmels willen, dahingestellt sein (einmal muß es vorbei sein), werd jetzt, überhitzt, auf Wieder­sehn rufend, einfach ein bißchen chillen gehn – in Maxi­milian Zanders Licht­spiel­theater (Sperr­sitz zwischen Jim Carrey und Morgan Freeman):

Nur ein bißchen Kino

Die meisten Esser lassen ihren Nachtisch stehen.
Die älteren Männer sehen entschlossen aus,
aber nicht zuversichtlich.
Die Hände der Frauen streichen jetzt ständig
über Kinderscheitel. Plötzlich gibt es
mehr Kinderscheitel in der Stadt als je zuvor.
Die Physiker rechnen mit allem.
Kommissionen werden gebildet.
(Wo kommen die Schlangen her?)
Komisch, es gibt keine Staus.

Man ist auf Vermutungen angewiesen.

Beispiel: Gruppen von Achtklässlern,
ausgerüstet mit nanobots,
klingeln an Haustüren;
danach sind alle Abfalltonnen voll;
vieles sieht seltsam aus. Indizien.

Ja, hätte man rechtzeitig die privatrechtlichen ...
und die share holder ... singt der Chorführer.
Zu spät, antwortet der Chor.

Jeder wird sich bei jedem einklinken,
Mensch und Maschine werden verschmelzen ...*

Das ist das Mindeste –

Werden Sie ruhig ein bißchen wahnsinnig,
sagt der Doktor, nützen wird es nichts.


* Zitiert nach einem Interview (1999) mit Ray Kurzweil, Erfinder, Wissenschaftler und Unt­ernehmer.

*

Axel Kutsch (Hg.), Versnetze_fünf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart von 213 Autoren, darunter Andreas Altmann · Konstantin Ames · Melanie Arzen­heimer · Michael Augustin · Jürgen Becker · Hans Bender · Werner Bucher · Safiye Can · Uwe Claus · Crauss · Klaus Peter Dencker · Hugo Dittberner · Jutta Dorn­heim · Ulrike Draesner · Gabriele Eckart · Hans Eichhorn · Manfred En­zens­perger · Jolanda Fäh · Marcell Feld­berg · Ingrid Fichtner · Claudia Gabler · Sylvia Geist · Florian Günther · Manfred Peter Hein · Franz Hodjak · Michael Hüttenberger · Gerhard Jaschke · Christine Kappe · Ilse Kilic · Kornelia Koepsell · Günter Kunert · Monika Littau · Friedhelm Lövenich · Marie T. Martin · Virgilio Masciadri · Friederike Mayröcker · Erwin Messmer · Jürgen Nendza · Andreas Noga · Hans Nogaj · Irmhild Oberthür · Markus Peters · Silke Peters · Kai Pohl · Arne Rautenberg · Bertram Reinecke · Walle Sayer · Vera Schindler-Wunderlich · Nathalie Schmid · Ralf Thenior · Charlotte Ueckert · Marianne Ullmann · Beate Ünver · Olaf Velte · Mikael Vogel · Jürgen Völkert-Marten · Rainer Wedler · A. J. Weigoni · Fritz Widhalm · Barbara Zeizinger · Rose­marie Zens · Anne­marie Zornack, Vorwort des Heraus­gebers, 352 Seiten, Broschur, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2012.


* * *


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Theo Breuer     31.12.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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