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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Andreas Altmann
Ein Gedicht und seine Geschichte
das gerufene

die nächtlichen worte des regens ziehen sich über
die straßen der vorstadt. und spiegeln ihr schweigen.

die gebäude sehen den bäumen ähnlich, die mit
ihrer kalten haut die augen berühren. tausende stämme

liegen gestapelt auf dem platz hinter dem sägewerk
mit aufgeschnittenen jahresringen. nur das grün

der kiefern, die das waldstück umranden, hält das licht
in der schwebe. die zeiger auf der bahnhofsuhr

sind liegengeblieben. ein förderband, das an der lade
rampe steht, schaufelt die luft. der zug scheint immer

häufiger zu halten. die bäume gestikulieren nervös.
drahnsdorf, uckro, waldrehna und prösen werden

die orte gerufen. worte, die ihre anker gelichtet haben.
und die zeit ihnen hinterhertreibt. das wartehäuschen

haben sie mit geleerten papierkörben aus beton voll
gestellt. dreiarmige räder verdrehen dem wind die köpfe.

mehr sind es geworden. auf der falschen seite des zuges
bin ich ausgestiegen, als würde es etwas ändern.

Ein Gedicht und seine Geschichte

Seit mein Vater gestorben ist, besuche ich meine Mutter regelmäßiger. Auch sie wurde aus Oberschlesien vertrieben und wohnt seit fast 60 Jahren in Hainichen, wo ich fast ein Drittel meines Lebens verbracht haben werde, vorausgesetzt, ich erreiche annähernd das Durchschnittsalter.
      Die Bahn macht es mir mittlerweile schwer, nach Mittweida zu kommen, von wo ich dann in der Regel mit dem Bus das Ziel erreiche. So muss ich, je nach Tageszeit, oft unterschiedliche Routen nehmen. Ich fahre kein Auto.
      Es ist März, früher Vormittag. Der Zug ist vom Berliner Hauptbahnhof nach Elsterwerda unterwegs. Die Vorstadt ist fast menschenleer. Dass es sich um jene von Berlin handelt, ist ihr nicht anzusehen. So bin ich schnell in einer anonymen Landschaft, der ich meine Worte geben kann. Ich fahre in eine Stadt, die ich verlassen habe, weil ich die Enge unerträglich fand, in der sich die Dinge in ihren radikalen Wiederholungen nach einer Zeit selbst im Weg standen. Ich stand mir selbst im Weg. Im Laufe der Jahre habe ich mit dem Ort meinen Frieden geschlossen. Und da ich weiß, dass meine Aufenthalte nur temporär sind und ich den Verlust meines Vaters in meinen Alltag gebettet habe, hat die Zeit dort etwas Leichtes. Es regnet.
      In den neuen Waggons der Regional­züge sitze ich unbequem. Ich denke an die älteren Züge als ich den Kopf gegen die Scheibe lehnen konnte ohne das Gefühl haben zu müssen, meinem Körper unnatürliche Bewegungen zuzumuten und die Landschaft durch meine Augen fuhr. Aber auch das mag eine von jenen Erinnerungen sein, die sich mit der Zeit verklären.
      Und ich denke an den Zug 5.53 Uhr von Hainichen nach Frankenberg, in dem so gut wie alle Plätze besetzt waren und der die Leute zur Arbeit brachte. Die meisten von ihnen hatten ihre Stammplätze und manchmal sind mein Freund und ich etwas eher gekommen und haben uns auf die Sitze der vier Skatspieler gesetzt. Wir waren noch jung. Wir hatten Angst, so zu werden wie sie.
      Die Bahnhöfe, an denen ich vorüberfahre – und oft hält der Zug auch in ihnen –, sehen mich mit ihren leblosen Augen an. Meistens verlässt niemand die Waggons oder steigt ein. Ich lese die Ortsnamen und sage sie auf, ohne dass sie die Nähe meines Körpers verlassen. Als Text-Körper, der sich mit den lesenden Augen und den Augen der Zeit verändert. Es sind ganz unter­schiedliche Klänge und die Orte sind nur wenige Kilo­meter von­einander entfernt.
      Der Regen ist stärker geworden, fällt in dünnen eng­maschigen Vor­hängen. Die Menschen sind in den Zimmern. Es ist bald Mittagszeit. Sie gehen selten aus dem Haus. Den Dörfern sind die Orte abhanden gekommen, wo sich die Leute treffen. Ich denke mir einen Bahnhofsvorsteher, der die Namen der Orte ruft als der Zug hält. In Uniform steht er am Bahnsteig und reißt die Kelle mit dem Arm in den Himmel. Sein Gesicht ist ein bisschen zu ernst. Dann pfeift es grell und halblang und der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Auch Erinnerungen, die wir nicht hatten, gehören zum Leben.
      Nach einer, durch die vielen leeren Haltepunkte, zerstückelten Fahrt erreicht die Regionalbahn Elsterwerda. Dort muss ich eine Dreiviertelstunde warten. Den Bahnsteig, der von beiden Seiten von haltenden Zügen immer enger wird, verlasse ich. Im Bahnhofsgebäude gibt es einen Zeitungsladen, der auch Getränke und Süßwaren anbietet. Dort trinken drei Männer an einem Stehtisch Bier. Ich nehme ein paar Gesprächsfetzen mit und verlasse auch diesen Raum. Davor gibt es einen Busplatz. Nur schwer vorstellbar, dass auch hier Busse mit Menschen ankommen und wegfahren. Zwei Männer treten aus dem Bahnhof und rauchen. Der eine fragt den anderen, was er dafür bekommt, sich den Vollbart abnehmen zu lassen. Drei Bier, sagt er. Seine Augen tränen im Wind, der hier den Regen schon hinter oder noch vor sich hat.
      Als ich im Zug nach Döbeln sitze, wo ich mir ein Taxi nehmen werde, lese ich das Geschriebene, an dem ich nur noch wenig ändern muss. Ich vertraue diesem Gedicht. Wenn die Worte einen Rhythmus aufgenommen haben, der durch das Gesehene bestimmt wird, und sich der Ton durch die Geschichte einfärbt und alles vom Klang des Gefühlten gedeckt ist, sind das Momente hoher Konzentration beim Schreiben, wie ein Gang auf den Seilen, die zwischen den Räumen gespannt sind, die eigentlich keinen Halt haben. Und doch halten sie das Gedicht. Es vertraut mir.

Gedichte aus: Das zweite Meer (Leipzig: poetenladen 2010).

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Andreas Altmann, *1963 in Hainichen (Sachsen) geboren. Sozial­pädagogisches Studium und Arbeit mit Schwerstbehinderten. Mehrere Gedichtbände. Auszeichnungen u.a. Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis, Christine Lavant Lyrikpreis und Erwin-Strittmatter-Preis. Heute lebt er als Autor in Berlin. Im Januar 2010 erscheint der Gedichtband Das zweite Meer (Leipzig: poetenladen), der das abgedruckte Gedicht enthält.

Andreas Altmann  30.10.2009   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  

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Die Geometrie des Gedichts
dannmals, baldhin, dadorthier
Einige Zusammenhänge
SIND NOCH SCHWALBEN DA?
Ein Gedicht und seine Geschichte
Drei Gedichte – Zyklisches Schreiben
wärme (Kapitel: Wirklichkeitsmorgen)
ich denke oft an pieroschka bierofka –
ein sattes grün in kleinen schritten
Luftwurzeln
Hochhäuser bestimmen
Selbstdiagnose
Im Steinbruch
Da Apfl
die stille fällt ins wort
Fragmente einer natur­wissen­schaft­lichen Poetologie
Belladonna
Bin wieder hier vorbeigekommen und habe diesen Text gesagt
L’ autre monde oder:
Von der Unmöglichkeit
Ins Leere
Mikroklima, Mikroflora, Mikrofauna
Nomaden
Das Pferd betreffend (Stücke)
Kraniche am Himmel –
oder wie ein Gedicht entsteht
J. Kuhlbrodt: Vom Diskurs zur Freiheit