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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Hugo Dittberner
Einige Zusammenhänge
SIND NOCH SCHWALBEN DA?
Zwischen hier und dem roten
Nebeldach flitzt es

Kann jemand die Elster
aus der Baumkrone schießen?
Damit Frieden ist

Stimmen der Natur-
gedichte hört man so gern
von alten Zeugen

Schon tritt das Nebel-
kleid aus seinem Vers hierher
und nimmt die Birke

Die Lust auf Schönschrift
Hinter der Scheibe der Herbst
als buntes Füllsel

Das Wort „emsig“ tönt
im Ohr mir aus früheren
Zeiten und Fluren

Das Glück zu gehen
Im Studio ist alles
getan Oder nichts

Das Fell der Pferde
wächst im Gegenlicht Der Hauch
vor ihren Nüstern.
Einige Zusammenhänge

In den siebziger Jahren hatten mich, zuerst in Nach­barschaft zu den Studien für meine Erzählung „Der rechte Weg“ die Acht-und Vierzeiler der chine­sischen Dichter­weisen und die japanische Haiku-Dichtung angezogen, und ich begann eher beiläufig und gar nicht zielstrebig Drei- und Vierzeiler, vor allem aber Achtzeiler zu schreiben, die ich unter den Titeln „Der Tisch unter den Wolken“ (1986/94), „Die Wörter, der Wind“ (1988) und „Das letzte fliegende Weiß“ (1992/94) veröffentlichte. Es folgten die Sammlung mit Haiku „Vor den Pferdeweiden“ (1999) und, daran anknüpfend mit Haiku, Haiku-Ketten und Notat-Gedichten, „Morgenübungen“ (2000), sowie die Vier­zeiler-Zyklen „Heimat Nachkrieg“ (2004) und „Und die Alleebäume“ (2006).

In „Morgenübungen“ steht das abge­druckte Gedicht „Sind noch Schwal­ben da?“ Es ist gut zehn Jahre alt, und ich kann es vorzeigen, ohne daß mir allzu viele programmatische Vorstellungen vom Gedicht in die Quere kommen. Denn ich glaube, es ist poetologisch produktiver, zu sehen was sich in der Übung des eigenen Gedicht­schreibens als inspirierend heraus­stellt oder als Regel bewährt. Von wo aus also es weitergehen könnte.

In den sechziger und siebziger Jahren hatte ich, neben den über­wiegenden Tages- und Aufzeichnungs­gedichten in eigen­rhythmischer Zeilen­brechung, auch gereimt und Sonnette, Gedichte zu schreiben versucht wie ich sie auswendig gelernt hatte: von Goethe, Hölderlin, Storm, Rilke, Benn.

Brecht war eigentlich der erste Dichter, für den mir diese Form der Aneignung und Anverwandlung nicht ganz geeignet schien, er wollte nicht inhaliert – und dann wieder nach außen (auswendig) gebracht werden; sondern es gab diesen zusätzlichen, distanznehmenden Reiz der Formulierung, der das Gedicht dort, wo es zu lesen oder zu hören ist, läßt, um von dort das eine Wort, eine Wendung, eine Formel, ja die Pause hervorspringen oder einem nachgehen (gar nachtanzen) zu lassen. Und diese Eigenart der, ich nenne es einmal gewagt: poetischen Fluktuation (von Brecht aus könnte man es „studierendes Dichten“ nennen), die es leichter und lichter macht, in der Welt und mit der Welt zu sein, habe ich auch in den Übersetzungen der chinesischen und japanischen Dichtungen gefunden (sonderbarerweise nicht in den vermeintlich treueren gereimten des von mir sonst geschätzten Nachkriegs-Eich).

Die Spur des Wenigen vom poetischen Ort des Gedichts her, wie sie mich zuerst für die „Buckower Elegien“ eingenommen hat, fand ich besonders inspirierend im Denk-Gestus des Zeilenstils der chinesischen Achtzeiler wieder und in den winzigen Sinnesexplosionen der Haiku (und noch gesteigert, wenn diese in den Aufzeichnungen etwa der Reisebücher Bashôs auftauchen, also in einer Textgemeinschaft mit Prosa).

Hinzu kam und kommt immer noch der, für mich seit der Kindheit, magische Bezug zu Zahlen und Zählen: die Zeilen, die Silben in kalkulierte Spannung zu Wort und Satz zu setzen, zu tarieren, zu balancieren; das begrenzte Gelände der (Er)Zähleinheit Form ins Offene des Gedichts zu transformieren; das Glück der Findungen dabei, die das in Nachbarschaft zu Reflexion und Redewendung; zu Sprachschicht und Sprachgeschichte; zu Erbe, Aufklärung und Utopie ermöglichen, also einen Lebensort des Gedichts zwischen dir und mir erreichen, „stiften“, sage ich mit dem alten pathetischen Wort manchmal.

Den Einfluß von William Carlos Williams und Gregory Corso, der modernen „Gedicht­feld­theorie“ gleichsam, aus „meinen“ Siebzigern, den daran anschließenden wilden Ausflug von Ich und Wir, der nun darin mitwirkte, den ich aufgenommen und anverwandelt habe und schwer im Stich lassen kann, erlebte ich ambivalent in seinem narzistischen Gruppen­überschwang.

So spricht wohl die Generation mit. Deren Rebellion, Besser­wissen und Besser­sein­wollen, deren Erfah­rungen seit den teach-ins, mit Demonstra­tionen und Märschen (sogenannte noch durch sogenannte Institutionen, sprich allzuoft Karrieren mit „Frontwechsel“ und reicher Alt­männer­weisheit); deren (lustvoll begrenzte) Erfahrungen und (inflationäre) Appelle an eine verant­wortliche moralische Öffent­lichkeit also haben mich, gerade auch in der Distanzierung und Ablehnung, begleitet. Die Musik, die Filme (Italowestern als frühe Spät­vorstellung der groß­kalibrigen Waffen für die RAF), das Laute, Rohgestellte gerade der Intimität, der Hohn für Nuance und Gewissen, der dreiste pro­klama­torische Gestus also des Neuen (Revo­lu­tionären) ... Und wie er sich als Pionier gesell­schaft­lichen Selbst­bewußt­seins in den Gedicht­feldern der sogenannten Neuen Subjek­tivität und ihrer (für die Tendenz ihres Schreibens konstitutiven) teilbaren Erfahrung, jedenfalls Gruppen­erfahrung, Bahn brach.

Es war Sog und unerträglich zugleich dazuzugehören (ein Widerspruch wohl, der, wie oft in solch Dilemma, nur in Ekstase oder in fortwährender Beschleu­nigung gelebt werden kann, ein fragwürdiges Rettungs­angebot also) – und weiter den eigenen Weg, den eigenen Ort zu suchen, in Übung zu bleiben, um den Ort des Gedichts zu behaupten.

In Märkischer Schweiz?

Mit dem Kalauer Altbrecht
zum Gipfel gebracht
such ich Blumen und Wolken
im schön gehaltenen Ausblick

Das Ich ist noch da
und gedenkt der Expeditionen
mit großen Verwandten
Namen klirren im Off

Ein Leider nimmt Maß
das erbärmliche Telefon
Sofort kommt die Laune
ins Finale Schlägt sich zum Wind

Ich hätte abnehmen müssen
sagt wer Den Hörer und all das
In einer Welt ohne Geschwister
vertraut er Gewässern

Jetzt lockt Wiederholung
die Schönheit vom Steg.

(2008)

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Das Buch im Verlag   externer Link

Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Hugo Dittberner, *1944 in Gieboldehausen bei Göttingen, Studium der Germanistik, Ge­schich­te und Philo­sophie. Promotion über Heinrich Mann. Ver­fasser von Gedicht­bänden, Romanen und Erzäh­lungen. Er erhielt unter anderem den Nieder­sachsen­preis und den Berliner Literatur­preis. 2004 gab er die Anthologie Kurze Weile: Gedichte in wenigen Zeilen (Göttingen: Wallstein Verlag) heraus. Das Gedicht Sind noch Schwalben da? stammt aus Morgen­übungen (München: Lyrikedition 2000).

Hugo Dittberner  16.09.2009   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  

UMKREISUNGEN

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  Nachwort *
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Die Geometrie des Gedichts
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Einige Zusammenhänge
SIND NOCH SCHWALBEN DA?
Ein Gedicht und seine Geschichte
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wärme (Kapitel: Wirklichkeitsmorgen)
ich denke oft an pieroschka bierofka –
ein sattes grün in kleinen schritten
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Hochhäuser bestimmen
Selbstdiagnose
Im Steinbruch
Da Apfl
die stille fällt ins wort
Fragmente einer natur­wissen­schaft­lichen Poetologie
Belladonna
Bin wieder hier vorbeigekommen und habe diesen Text gesagt
L’ autre monde oder:
Von der Unmöglichkeit
Ins Leere
Mikroklima, Mikroflora, Mikrofauna
Nomaden
Das Pferd betreffend (Stücke)
Kraniche am Himmel –
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J. Kuhlbrodt: Vom Diskurs zur Freiheit