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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Jürgen Nendza
Aus dem Zyklus „ … sagen die Luftwurzeln“

I

Vielleicht
ist es das Erzittern,
mit dem wir beginnen und enden,
während die Augen am Himmel saugen
im Rhythmus einer Sprache
ohne persönliche Besitzanzeige:
Kupfer, Zimt, ein türkisfarbenes
Fliegengewicht, sagen die Luftwurzeln,
und wir zerstäuben im Lichtfächer
des Kolibris, im Nonstoppflug, Jetlag:
drei Gramm Flugtöne und -rausch,
Variationen in Kalliopes Stimme.
So bleiben wir stehen
in der Luft, in einer Schleife
ohne toten Umkehrpunkt, während
unter uns die Landschaft
weiterzieht.

Nein, hin­reichend zu rekonstruieren, wie ein Gedicht, wie dieses Gedicht zustande gekommen ist, halte ich für unmöglich. Vielleicht war das auch gar nicht die Frage, aber ich habe darüber nachgedacht. Mir würde der archimedische Punkt fehlen, um im Nachhinein eine hinreichende Aussage treffen zu können über Detailschritte und Abläufe, über die weiten Felder zwischen Zustimmung und Widerruf, die das Verfahren des Gedichte­schreibens beglei­ten und steuern. So wenig ich über einen Bauplan für eine gelungene, gar kühne Metapher verfüge, so wenig verfüge ich über ein Verfahren, dass dem Gedicht voraus­geht und es womöglich an die Leine nimmt. Das Silben­zählen ist für mich kein Verfahren, und das Gedicht selbst ist bekanntlich mehr als die Summe seiner Worte.
      Ich denke, die Landschaft zieht einfach weiter, das heißt: jedes Gedicht ist sein eigenes Verfahren. Was sich in der poetischen Text­bewegung des Schreibens zeigt, ist für mich ein unvorher­sehbares Zusammen­spiel von Konstruktion und Über­raschung, Kalkül und Entdeckung, Handwerk und Rätsel. Was nicht heißt, man solle das poetische Schreiben nicht reflektieren. Im Gegenteil. Diese Reflexion kann selbst zu einem wesentlichen Moment des poetischen Sprechens werden, und sie sollte es wohl auch.
      Offenkundig scheinen mir eher die Anlässe, die mein poetisches Sprechen in Gang bringen. Ich gestehe meine Vorliebe für das Unscheinbare, Un­spekta­kuläre, vermeint­lich Unver­traute und Periphere. Nicht selten entspringt dem Rand­ständigen eine Art poetischer Impuls, ein besonderer Reiz. Etwas, das an unge­wohnter Stelle sein Anrecht auf Wahrnehmung behauptet, im unge­wohnten Licht einen Bogen schlägt zu etwas anderem: zu einer Erin­nerung, einer Imagination, einem Gefühl, einem Bild, einem Geräusch. Der Tief­schlaf all­täglicher Semantik ist dann erst einmal beendet.
      Eine poetologische Grundhaltung? Vielleicht in Ansätzen, vielleicht in Sätzen, denen man begegnet, die zu Hauptsätzen werden und eine Art Credo fest­schreiben. Mag sein vorüber­gehend, mag sein über eine weite Zeitstrecke. Zwei Beispiele. Vom jungen Peter Handke stammt der Satz (ich glaube aus seinem Roman „Die Stunde der wahren Empfindung“): „Erst als ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurück­erobert werden“. Und der französische Dichter Pierre Garnier formulierte in einem seiner Lang­gedichte: „Um ein Gedicht zu schreiben, muß man eine / kreisförmige Haltung einnehmen wie der schlafende / Girlitz, wie die sich drehende Erde, / wie das Himmels­gewölbe / wie die Kuh, die ihr Kalb ableckt.“ Eine großartige, poetische Engführung von theoretischem Postulat mit Bildern unter­schied­licher Naturbereiche, die unter dem Aspekt einer gemeinsamen Geometrie ihre gegenseitige Lesbarkeit bezeugen. Eine kreisförmige Haltung also. Und zwischen Vertrautem und Unver­trautem ein Bogenschlag, ein Flügelschlag.

Ein Bogenschlag. Der Kolibri ist der farben­präch­tigste Vogel der Erde. Sein Schwirr­flug erzeugt Flugtöne, Vibrationstöne. Der wissen­schaftliche Name „stellula calliope“ für die Gattung der nord­ameri­kanischen „Sternelfen“ (im Eng­lischen: „Calliope Hummingbird“, im Nieder­ländischen „Calliope-kolibrie“) weist den Wohlklang dieser Flug­töne namentlich aus.
      Der kleine Flugakrobat kann eine Schlag­frequenz von bis zu 80 Flügel­schlägen in der Sekunde erreichen (im Balzflug bis zu 200) und dabei in der Luft „verharren“. Ein Kolibri vermag in eine winter­schlaf­ähnliche Kälte­starre zu verfallen, er ist ein torpides Wesen. Nachts, in den Hochlagen der Anden zum Beispiel, wenn es sich heftig abkühlt, stellt er die Atmung ein und hängt kopfüber starr an Höhlen­decken oder Bäumen. Es heißt, Indianer­frauen, die einen erstarr­ten Kolibri entdecken, erwärmen ihn an ihrer Brust und lassen ihn dann fliegen. Bei der Christia­nisierung Süd­amerikas sind solche Beispiele als Darstellung für die Wieder­auf­erstehung Christi verwendet worden. Im india­nischen Volks­glauben galt und gilt der Kolibri als Symbol der Erotik und der Liebe. Pulve­risierte Kolibris verab­reichte man als Potenz­mittel und Amulette, der Besitz getrock­neter Kolibri­mumien sollte die ero­tische Aus­strah­lung steigern. Der Kolibri als Zeichen, Medium und Beschwö­rung für die Wieder­kehr, den Neu­beginn von Erotik und Liebe.
      Und noch etwas. Der kleine Zauberer vollzieht eine Flug­bewegung wie kein anderer Vogel. Sein Flügelschlag beschreibt nämlich kein Auf und Ab, kein Vor und Zurück. Seine Flügel rotieren wie eine liegende Acht. Quasi eine Unend­lichkeits­schleife an Bewegung, denn an keiner Stelle dieses Bewe­gungs­ab­laufs entsteht ein toter Umkehr­punkt.
      Naheliegend, dass einem Europäer der Aufenthalt in der Karibik viele Gelegenheiten bietet, die Sinne neu auszurichten, das ihm Vertraute fremd werden zu lassen und seine Grenzen auszuloten: Flora, Fauna, Geschichte, Kultur, Alltag, Licht, der Rhythmus der Körper, Musik, Singsang und Gramma­tik der Fremd-Sprache und nicht zuletzt: das Vokabular, die metaphern­reichen Bezeich­nungen.
      Als ich auf Tobago erstmals einem Kolibri in natura begegnete, war mir von all den auf­geführten biologischen und kultur­geschicht­lichen Verweisen kaum etwas bekannt. Ich war überwältigt von der Begeg­nung mit diesem kleinen Flug­wesen, von diesem Faszi­nosum an Behän­digkeit und Be­schleu­nigung und seiner zau­brischen Akrobatik: filigrane Bewegungen, die eine permanente Zerbrech­lichkeit (Vergäng­lichkeit) in ebenso feinen wie rasanten, mit bloßem Auge kaum wahrnehmbaren Rotationen der Flügel und Federn andeuteten und gleichzeitig einen in der Luft ruhenden Körper aufscheinen ließen – wie ein Prinzip der Beständigkeit. Das Licht auf seinem Flugkörper changierte und schien teilweise gebrochen durch die Fein­struktur seiner Federn. Mein Beobachten, nein, mein Blick stand ganz im Bann dieser Bewegung, die so etwas wie eine Zeit aufhebende Magie ver­körperte.
      Diese Begegnung hatte etwas in mir ausgelöst, verändert und hinterließ ein feder­leichtes Bild, das Vergäng­lichkeit und Dauer, Melancholie und Be­geis­terung, Leben und Tod mit jedem Flügel­schlag beinahe zyklisch in sich einschrieb: Eine liegende Acht, eine kreisförmige Haltung. Und irgendwann stellte ich fest, dass der Kolibri selbst zu einem Ausdruck für das Gedicht und seine Übergänglichkeit geworden war. Für ein Gedicht, das für einen Moment auffliegt und die Zeit anhält, indem die Lektüre des Atems es erwärmt, seine Worte aus torpider Wartehaltung entlässt und zu einer Geborgenheit ins Offene einlädt.

VIII

Vielleicht
wird uns einmal gefallen
die Art, wie Ameisen
aus unserem Schatten treten.
Einmal, wenn deine Haut
nicht mehr durchblutet ist,
wird sie weiß sein
wie das Papier, auf dem ich
schreibe, auf dem du
liest, weiß und still:
Ein abgelegtes Hochzeitskleid
wird sie sein, immer schon
mit dir beschrieben,
und wenn der Umkehrpunkt
gestorben ist, das Laken
in letzter Umdrehung verharrt
unter einer Landschaft
aus Träumen,
die über uns hinwegzieht,
dann frag ich dich:
wieviel Belichtungszeit
braucht das Glück, bevor
die Augen uns schließen.


Gedichte aus: Die Rotation des Kolibris (Weilerswist: Landpresse 2008).

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Jürgen Nendza,, *1957 in Essen, schreibt Lyrik, Prosa, Hörspiele, Features und ist als Herausgeber tätig. Er studierte Germanistik und Philosophie und promovierte. Neben dem Lyrikpreis Meran erhielt er das Literaturstipendium der Kunststiftung NRW und das Amsterdamstipendium. Zuletzt erschienen Gedichte auf Deutsch und Englisch: Die Gelegenheit der Wiese (Weilerswist: Landpresse 2009). Die wiedergegebenen Gedichte stammen aus: Die Rotation des Kolibris (Weilerswist: Landpresse 2008).

Jürgen Nendza  24.10.2009   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  

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