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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Christine Langer
Kraniche am Himmel – oder wie ein Gedicht entsteht
Kraniche

Gesang ihres Flugs, Flügelrauschen, Vivaldis Violinen,
Streicher der Wolken, Volumen und Stille,
Stufen von Grau blauen Lilien, Linien,
Weithin, luftig, licht,
Striche, Silben, Scharen
Teilen die Sicht
Ein Gedicht, ein Stück
Geschichte, wiederbelebt,
Das Lüfte durchkämmt,
Takte, Blicke
Im Geäst hängen läßt


„Die ganze Landschaft ist ein Manuskript“ (John Montague)

Die Frage, wie ein Gedicht entsteht, wird häufig bei Lesungen gestellt. Was soll ich darauf antworten? Die Antworten fallen unterschiedlich aus, ich rede von poetischen Funken, von Wahrnehmungs­partikeln, die miteinander in Spannung treten, von entzündlichem geistigen Material, das Assoziationen auslöst und in mir so intensiv weiterwirkt, daß ich beginne, Worte miteinander zu komponieren, Motive auszu­leuchten und Gegenmotive zu erarbeiten, Perspektiven aufzustellen und sie wieder zu verwerfen, Bilder zu verknüpfen und neu zusammen­zusetzen, Dinge, Zeichen und Chiffren so sehr zu begehren, daß ich durch sie hindurchsehe und sie aus der Ferne umschreiben kann. Die Freiheit, etwas zu sagen, birgt ebenso die Freiheit, etwas nicht zu sagen, ein Wort kann das vorige Wort widerlegen, eine Zeile die folgende Zeile vorweg­nehmen, ein Leerzeichen, ein Zeilenbruch, ein Absatz die Drama­turgie variieren. Und ich reibe mich am Klang der Sprache – das Gedicht beginnt, sich zu tragen und gewinnt ein Eigenleben, es kann sich von (den Konsequenzen) der Andeutung und Aussparung leiten lassen, sie verweigern oder sie provozieren und den Keim für Widerspruch und Überein­stimmung herausfordern. Das Instru­mentarium ist groß, so groß, daß das nicht Greifbare, das Zerrinnende, das Unsagbare an Form gewinnt, daß es zwischen den Zeilen mitschwingt, leicht­händig, spielerisch, rhythmisch gar. Das Gespür für das poetische Detail ist auch eine unablässige Schulung im genauen Hin­sehen; das Gestalten einer Sprachwelt eine währende Such­bewegung nach dem richtigen Wort. Hugo Friedrich sprach einmal von Gedichten als „musikalischen Kraft­feldern“ – ein passender Begriff, vor allem weil er gedankliche Volten und das dynamische Mit­schwingen im Sprachtakt beinhaltet. Gedichte sind offene Gebilde, die im Raum stehen –


Die Strommasten

Strommasten unterm Schräghimmel,
Die Sonne steht im Geäst, hellerleuchtet
Halten Zweige die Verbindung zur Erde,
Die aufbricht unter meinem Blick

Ich sehe die Bäume fliehen,
Ockergelbe Stammflechten fingern nach jungem Gras,
Halme, steinfarben, wuchern in die Kronen,
Wo junge Sperlinge schreien

Mir schwindelt bei diesem Aufsteigen der Wipfel,
Bei diesem Eindringen der Vogelstimmen,
Das kurze Jahr wird von einer Kröte eingeholt,
Die fest dem Wetter glaubt

Gereihte Strommasten wie Tannen mit trauernden
Zweigen, Stahl, meterhoch, entzündet den Flug
Der Mücken, ein Pfauenauge im Gehölz
Als rostrotes Gespinst, entpuppt, geädert, geschuppt


Der Sturm

Töne in der Luft, ein bodenständiger Baß
Bläht sich auf und dehnt seinen Atem,
Läßt das Laub hüpfen, das Licht in den Pfützen,
Krähen kreischen, der schwerelose Wind
Formt Himmelsstriche die den Horizont dirigieren
Und neue Konturen entwerfen: ein Übermaß an Raum
Und hellsichtigen Wolken

Ich drehe mich unter Wipfeln wie ein Kreisel,
Umschließe einen Kiesel, einen Heiligenstein,
Der mit jedem Stöhnen von Stämmen
Hörbar wird, ein Omen, von Luftwirbeln getragen,
Die übergehn ins Braun der Zapfen am Boden


Die Nacht

Sternschnuppen bei Florenz
Und wandelnde Schatten der Pinien.
Ich liebe und schaue und schreite voran
Beim Liebeszirpen der Grillen, kein
Licht, nur der zitternde Mond zwischen
Olivenhainen und schwarzen Riesen.
Von fern der verläßliche Schein
Der Straßenlaternen, die das Stadt-
Land zusammenhalten, das Gelb
Eines schweren Siegels, das in den Himmel
Atmet, Gold, das beim Anblick
In dich übergeht wie ein flehendes
Wort

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Christine Langer, * 1966 in Ulm, arbeitet als freie Mitarbeiterin der Südwest Presse Ulm und ist Heraus­geberin der Konzepte-Zeitschrift für Literatur. Aus­zeichnungen: Förderpreis der Stadt Ulm, Förderpreis für Lyrik der Inter­nationalen Bodensee­konferenz, Stipendium der Villa Vigoni. Ihr Gedicht­band Lichtrisse (Tübingen: Klöpfer & Meyer Verlag 2007) wurde von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats gekürt.

Christine Langer  02.07.2010   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  

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