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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Jan Kuhlbrodt
Epiphanie

Ein Junge war und zog sich
In einen Satz zurück
Ein Schneckensatz. Der Aufbau
Filigran und auf dem Wandschrank
         eine Sonne. Buchenholz

Die Augenklappe
War verrutscht, er konnte also
Tiefe sehn. Und mußte es.

Und zog
In bunt bedruckten Leinenhosen seinen Weg.

Du dachtest
Es sei Gott,
Doch nur
Ganz kurz.

Die Bilderfetzen.

Da er so ging, und trampelte.
Und lose Blätter
         zwischen Rosenstöcken
                wirkten frisch.
Der Versuch dich
Zu erinnern
Dieses Mal
        die Sprachverweigerung.

Dein Dudenwissen plötzlich
Steht es ohne Grund
        am Himmel.

Chaostheorie, sagst du.
Fraktale.
Und du kennst das schon
Und gehst.

In Gründerzeit
Ganz sorgsam über
Abgeschliffne Dielen
Durch eine lange Unzufriedenheit.

Ins Leere

Für Bach und Augustinus, für Petrarca und Michelangelo war es selbst­verständlich, dass Kunst ein Teil des Gottesdienstes und Ausdruck höchster Verehrung des Höchsten sei, Verehrung dessen, der noch über der Liebe schwebt, weil er es ist, von dem alle Liebe ausgeht, weil wir als Liebende sein Abglanz sind, ein Umstand, der mit der Moderne mehr und mehr aus dem Bewusstsein gerät.
      Auto­nomisierung, scheint mir, ist eine wachsende Illusion, die Mensch und Werk als unabhängig neben­einander stellt und damit deren Produkt­charakter verdeckt, und so eben auch den Produktcharakter des Menschen selbst. Gleich wer da geschöpft hat, meinen wir, das Geschöpf habe zwar Kindheit, Alter und Tod, doch sonst sei es ganz es selbst. Und das Wort Geschöpf wird synonym für Lebewesen gebraucht, aber nur im Mitleid, das das Wörtchen mitschleppt, im armen Geschöpf, blinkt auf, woher es einmal kam. Ob es doch eher eine Maschine meint?
      Weil sich das Schöne vom Guten trennte, weil das Schöne seinen Zwilling sucht und nur noch ab und an mit Gutem in Beziehung tritt, im Modus One-Night-Stand und nicht im Versuch eine neue Verwandtschaft zu begründen, wobei hier mit Gut das moralisch Gute gemeint ist, das Gute im besten Sinne; und plötzlich taucht jene Verneigung in einem Australischen Gedichtband wieder auf. Als Widmung. To the Glory of God.
      Und sie erscheint mir unerwartet, wie mir australische Dichtung überhaupt unerwartet erscheint. Australische Dichtung, ich höre dieser Bezeichnung nach, als sei es ein Widersinn. Und ich frage mich, woher das kommt, neben all dem, was mir zu Australien in den Sinn kommt, Paul zum Beispiel, der Freund meines Schwiegervaters, und seine japanische Frau Chieko, die eigentlich in Perth leben und ein Viertel des Jahres am Fuße der Alpen verbringen, und uns, wenn wir die Schwiegereltern besuchen, mit Sushi verwöhnen (und mir fallen vor allem Tiere ein, Beuteltiere, Schnabeltiere, Huntsman die Spinne) und da ist Les Murrey, und Les Murrey ist einer, der preist. Er dichtet zur Ehre Gottes und diese Widmung zielt unmittelbar auf den Höchsten, sie geht nicht wie üblich an Mary, Steffen oder T. K.
      Als habe sich das geistige Vermächtnis des Abendlandes in den Wüsten Australiens als feiner Staub niedergeschlagen. Als wüsste man nur in der Trockenheit, wovon Johannes in der Apokalypse spricht, wenn er von Wasser spricht. Sediment. Und die Marssonde funkt Bilder zur Erde, auf denen im Marssand eine weiße Substanz zu sehen ist. Wenn diese unter der Sonne verschwände, dann wäre es Eis gewesen.
      Für Nichtchristen wie mich sollte ein solches Verhalten im Grunde unverständlich bleiben, aber es leuchtet mir wider Erwarten unmittelbar ein, es ist mir als Geste näher als all die Verweise auf Ehefrauen, Mütter, Kinder und Freunde, die Widmungsempfänger, die ich nicht kenne, mit denen ich also auch nichts verbinde, deren Existenz ich aber nicht im Geringsten bezweifele. Letzteres ist vielleicht ein Fehler.
      Als kennte ich (einen) Gott. Umgeben von einem undurchschaubaren Dickicht. Umgeben von Leben. Nennen wir es Komplexität. Und es geht gar nicht darum, darin einen Platz zu finden, im Dasein, dessen einziges Attribut es ist, dass es eben da ist.
      Kann man glauben, ohne zu glauben, oder wie glaubt man, ohne zu glauben? Oder glaubt es sich selbst? Was sind die Schöpfungs­szenarien? Haben die verschiedenen Erzählungen einen gemeinsamen Grund? Sind sie Ensemble? Religionstheoretische Schriften bringen mich da nicht weiter und Religionskritik auch nicht, fügen sie doch den Erzählungen nur weitere Erzählungen hinzu.
      Der Papst, der den Petersdom in Auftrag gegeben hat, sei ein korruptes Arschloch gewesen und sein Nachfolger ein Familienmensch im Sinne dessen, was man heute Mafia nennt. Und jetzt stell dich hin, und sag das auf vor der Pieta des Michelangelo. Diese Gedanken werden von der Glasscheibe davor genauso zurückgeworfen wie die Fotoblitze dieser nervenden japanischen Touristen und versickern in der kühlen Luft ohne Rest. Und vor allem ohne Spur.
      Ich will preisen. Auch ich will mein Axion Esti formulieren. Will danken und beten.
      Ich glaube nicht an Gott, aber ich fürchte, dass ich, wenn ich preise, eben jenen Gott bejubele, den auch Les Murray bejubelt und dem Augustinus gedankt hat. Irgendetwas ist da. Irgendetwas sitzt tiefer. Kirschen ins Lichtmuster gestickt, wie Elytis schreibt. Oder Bloch: Etwas atmet. Aber es ist nicht zu fassen.
      Dieses Etwas, das atmet, wie es schneit oder regnet. Eine impersonelle Leerstelle, sagt Bloch. Das Einfache, das Unverständliche. Das Wunder. Verdammt! Es gibt also eine Leerstelle, um die unser aller Denken kreist. Das Wunder, die unüberschaubare Vielfalt des Seienden, deren Schönheit ich preisen will. Indem ich den Rasen hinter dem Haus küsse, wie Päpste die Landebahnen in fernen Ländern.



Gedicht aus: Verzeichnis (Lyrikedition 2000, 2006)

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Das Buch im Verlag   externer Link

Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Jan Kuhlbrodt, *1966 in Karl-Marx-Stadt / Chemnitz. In Leipzig studierte er politische Ökonomie, in Frankfurt am Main Philosophie und von 1997 bis 2001 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er lebt als Autor, Philosoph und EDIT-Redakteur in Leipzig. Zuletzt erschien der Roman Schneckenparadies (Leipzig: Plöttner Verlag 2008). Das wieder­ge­gebene Gedicht stammt aus Verzeichnis (Lyrikedition 2000, 2006).

Jan Kuhlbrodt  16.10.2009   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  

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