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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Lars Reyer
Selbstdiagnose
Diagnose

Der Großvater, väterlicherseits, in weißem
Kittel, eine Totenkopfattrappe
neben ihm auf dem OP-Tisch: dies
Foto mit gezacktem Rand, leicht ins Braune
stechend, um 1925.  
  Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten
wäre er gern geworden, es reichte
nur zur Hilfskraft („Die Biopsie
ins Labor, Reyer, und waschen
Sie’s Besteck!“). & dennoch
dieser Stil; der gescheitelte Kopf,
die Brille & der Blick –  
Unter den Nachbarn
& Kneipenbekannten (Bahnhofssiedlung: die Kinder
rannten bis spät in den Herbst
barfuß durch die Hinterhausgärten) galt er
als Kapazität auf allen Gebieten der Heilung. & er
rammte sich, zur Unterhaltung,
eine Sicherheitsnadel durchs Wangenfleisch & trank
für den Rest des Abends umsonst. Den Krebs
lachte er aus, die Bestrahlung & vielleicht
schaute er sogar zu wie ihm
die Geschwüre weggeschnitten wurden (seine Nierensteine
z.B. bewahrte er auf
in einer Teedose: Indian Darjeeling).  
  Er hatte schon
drei Tage gelegen, vor seinem Bett, Schlag-
anfall, 83-jährig. Kürschners Handlexikon
für alle Wissensgebiete aufgeschlagen,
die Nachttischlampe brannte, als sein Sohn
(dein Vater) das Fenster zum Schlafzimmer  
  aufbrach.

Selbstdiagnose

Mein Großvater väterlicherseits kam jeden Sonntag zu uns zum Mittagessen. Er fuhr die gut sieben Kilometer von seiner Wohnung bis zu unserer mit dem Fahrrad. Und er fuhr sie auch wieder zurück, obwohl er zu der Zeit, in die meine Erinnerung aktiv zurückgreift, schon Achtzig und darüber war.
  Heute kommt es mir so vor, als habe es damals nur zwei mög­liche Sonntagsgerichte gegeben. Entweder gab es Rouladen mit Grünen Klößen, oder es gab Karpfen mit Grünen Klößen. Wobei die Vorstellung, allein in Anbetracht des Karpfens, für den es nur eine kurze Saison gab, nicht stimmen kann. Allerdings kann ich mich auch an kein anderes Sonntagsgericht erinnern. Und wenn ich heute entweder Rouladen esse, was häufig vorkommt, oder Karpfen, was sehr selten vorkommt, muss ich an meinen Großvater väter­licherseits denken.
  Das Gedicht ist für mich eine besondere Form des Denkens: Andenken, Erinnerung.
  Ich stelle mir vor, dass alle Unterhaltungen der Erwachsenen, die ich als Kind, unter dem großen Esstisch hockend, belauscht habe, die Reden und das Gerede im angetrunkenen Zustand auf den zahlreichen Familienfesten, eingegangen sind in den Fundus an Sprache und Themen, auf den ich beim Schreiben eines Gedichtes zurückgreife.
  Es kann sein – und dies ist wohl die plausibelste Vermutung –, dass das zu Anfang darin beschriebene Foto den Schreibimpuls für das Gedicht „Diagnose“ ausgelöst hat. Ich kann dafür meine Hand aber nicht ins Feuer legen. Doch wiewohl das Foto kein Verdacht ist, denn ich habe es im Detail vor Augen, wenn auch nicht griffbereit, so zweifle ich dennoch gewissermaßen an seiner Authentizität.
  Das Foto verschweigt etwas. Nicht eine vergrabene Geschichte, ein furchtbares Geheimnis über meinen Großvater; es verschweigt ganz einfach die Tatsache, dass mein Großvater nur einer von vielen ist. So funktionieren Gedichte: Sie brechen ein kleines Stück aus einem unzumutbar großen Ganzen heraus und stellen es als etwas Einzelnes hin. Ganz ohne Scheu, ohne Absichten beharren sie auf dem Gedanken, dass das Einzelne (und der Einzelne) es wert sei, hervorgehoben zu werden. Andererseits funktionieren Gedichte überhaupt nicht so. Denn sie handeln nicht vom Menschen und von den Dingen. Sie sind kein Leben. Sie handeln immer nur von den Wahrnehmungen, die über Menschen und Dinge gemacht werden können. Noch dazu existieren sie nur in der Sprache.
  Beides, Wahrnehmung und Sprache, kommt bei mir aus der Familie. Vermutlich ist das nichts besonderes. Aber es fällt mir auf. Darum erwähne ich es. Jedes Gedicht, das ich schreibe, ist eine kleine Bohrung im Familiengebein und damit auch in der eigenen Geschichte. Die Welt, die ich erlebe, vermischt sich mit der Welt, die ich aus Berichten und Erzählungen kenne, aus dem Mund meiner Eltern und dem Gedächtnis der Großfamilie. Sie ist bereits eine verformte (und vorgeformte) Welt, bevor sie von mir nochmals im Gedicht verformt wird.
  Daher kann ich auch nicht mit Bestimmtheit sagen, von wann das Foto, das meinen Großvater in besagtem Labor zeigt, datiert; um 1925, das ist alles, was mir zugetragen wurde. Und selbstverständlich kommt mir die Person auf dem Foto mehr wie ein Fremder als wie mein Großvater vor. Ich kenne meinen Großvater nur als zwar vitalen, aber seltsam ausgezehrten, grauhaarigen Mann. Der Mann auf dem Foto hingegen schaut mich mit seinen knapp über zwanzig Jahren wie aus einer anderen Welt an. Ein bisschen auch, als wolle er mir, dem Enkel, von dem er zum Zeitpunkt des Fotoschusses noch gar nichts wissen konnte, sagen: Denk dran, was aus dir werden wird.
  Neben den sonntäglichen Mittagessen besteht die stärkste Erinnerung an meinen Großvater in den Geschenken, die er mir Woche für Woche mitbrachte. Als Rentner durfte er ein paar Mal im Jahr in den Westen reisen, und auf seinen Reisen deckte er sich ein mit verschiedenen Dingen, um die ihn die Familie vermutlich gebeten. Ich hatte ihn nie um etwas gebeten, aber er brachte mir immer Süßigkeiten mit. Jedes Wochenende bekam ich einen kleinen Teil seiner angehäuften Schätze. Am besten gefielen mir die Kugelkaugummis, die in Form einer Stange abgepackt und nochmals einzeln in Papier gehüllt waren. Die Innenseite des Papiers barg jeweils ein Comicbild. Ich besaß eine ganze Zigarrenkiste voll mit diesen Bildern.
  Diese Erinnerungen sind aber nicht in das Gedicht eingegangen. Vielleicht, weil sie zu sehr meine bloß persönlichen Erinnerungen sind. Vielleicht, weil ich immer erst, bevor ich einen Zustand in das Gedicht hineinnehmen kann, das Gedächtnis der Sippe befragen muss, um dessen Haltbarkeit festzustellen.
  Beinahe alles, was in dem Gedicht steht, wurde mir „nur“ erzählt. Ohne die Erzählung allerdings hätten alle diese Dinge keine Relevanz für mich.
  Der Endpunkt, auf den das Gedicht zusteuert, der Tod meines Großvaters, ist eine übertragene und gleichsam sehr persönliche Erinnerung. Bis vor wenigen Monaten – und vor allem, als ich das Gedicht schrieb – glaubte ich, dass sich alles so abgespielt hatte, wie es dort aufgeschrieben ist. Ich selbst war nicht dabei, als mein Vater seinen Vater auf dem Fußboden vor dessen Bett fand, nachdem dieser das Wochenende über dort gelegen hatte. Mir ist es heute unbegreiflich, wie es überhaupt dazu hatte kommen können, dass der Großvater dort auf dem Linoleum lag. Denn spätestens am Sonntag hätte sein Fehlen auffallen müssen. Mir war es sicherlich aufgefallen, nur erinnere ich mich nicht daran, ich erinnere mich nicht an diesen speziellen Sonntag oder den Tag danach. Ich erinnere mich nur an das, was mein Vater mir erzählte, an das, was sich im Gedicht wiederfindet und wovon ich bisher dachte, dass es sich – zumindest teilweise – auch um meine authentische Erinnerung handelt.
  Ob all die Erzählungen über meinen Großvater stimmen, werde ich nie mit Sicherheit sagen können. Ich könnte meine Eltern bedrängen, mir alles noch einmal zu bestätigen oder, gegebenenfalls, meine falschen Annahmen und Bilder zu korrigieren. Mir fehlt indes der Mut dazu, andererseits könnte keine Korrektur je so lebendig werden wie die Bilder, die ich seit Kindesbeinen an mit mir herumtrage und die, mögen sie auch objektiv falsch sein, für mich vollkommen richtig sind.
  Warum mein Vater mir, als wir seinen siebzigsten Geburtstag feierten, noch einmal von meinem Großvater erzählte, kann ich nur erahnen. Kann sein, dass er sich vom allgemeinen Thema der Unterhaltungen, das wie immer die Familie war, forttragen ließ, kann sein, dass ihm die Sache schon lange in der Brust brannte. Jedenfalls erzählte er mir noch einmal von dem Tag, an dem er seinen Vater gefunden hatte, von den Umständen, die ich felsenfest kenne. Und es ging auch alles so, wie ich es gewohnt war zu sehen. Kalt sei der Großvater schon gewesen, als er ihn auf dem Fußboden gefunden habe. Kalt, aber nicht tot. Das war neu für mich. Er habe noch versucht zu sprechen, weil er meinen Vater womöglich sogar erkannt habe. Es seien aber nur unerklärliche Laute aus seinem Mund gekommen. Und dann habe er ihn, sagte mein Vater, ins Krankenhaus gefahren, wo er noch eine Woche lag, ab und an Wörter sagte, die niemand verstehen konnte, und starb.
  Mein Vater steht nicht unter dem Verdacht, ein großer Liebhaber der Literatur zu sein. Ich weiß nicht einmal, ob er weiß, dass ich ein Gedicht geschrieben habe, welches von seinem Vater und dessen Tod handelt. Es muss ihm einfach ein Bedürfnis gewesen sein, mich in meiner Sicht der Dinge, von denen er nicht glaubt, wie wichtig sie mir sind, zu korrigieren. Seltsam ist bloß, dass ich mich nicht an die neue Variante der Familiengeschichte gewöhnen kann. Ich kann mir meinen Großvater nicht als jemanden vorstellen, der im Krankenhaus, an Drähte und Schläuche gekoppelt, unfähig, sich mitzuteilen, gestorben ist. Ich werde ihn mir auch in Zukunft als die Person vorstellen, die er in meinem Gedicht ist. Und immer wenn ich Rouladen esse mit Grünen Klößen, werde ich an ihn denken.

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Lars Reyer, *1977 in Werdau, studierte Philosophie, Anglistik und ­Ethnologie in Münster und anschließend am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er veröffentlichte Lyrik und Prosa im Jahrbuch der Lyrik, in EDIT und BELLA triste. Heute lebt er als freier Autor in Leipzig. Zuletzt erschien sein Lyrikband Der lange Fußmarsch durch die Stadt bei Nacht (Lyrik Edition 2000, 2006).

Lars Reyer  12.11.2009   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  

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