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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Norbert Lange
Das Pferd betreffend (Stücke)
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VERRÜCKTER HUND EREIGNISSE

Krähen Indianer


1. Benimm dich wie ein Verrückter Hund. Trage Schärpen und andere feine Kleider, nimm eine Rassel und nachdem alle schlafen gegangen sind, hopse Verrückter Hund-Lieder singend umher.
2. Rede quer. Sage das Gegenteil von dem, was du meinst und bring andere dazu, von dem, was sie meinen das Gegenteil zu sagen
3. Kämpfe wie ein Trottel indem du zum Feind rennst und ihm anbietest getötet zu werden. Buddel in der Nähe eines Feindes ein Loch und wenn der Feind dich einkreist spring heraus um ihn zurückzudrängen.
4. Mal dich weiss an, steig auf ein weisses Pferd, leg ihm die Hände auf die Augen und bring es dazu, einen steilen und felsigen Hang hin­unter­zuspringen bis ihr beide zerschmettert seid.

(nach Jerome Rothenberg)


In seinem Kommentar zu den Crazy Dog Events unterstreicht Jerome Rothenberg die Nähe der „Ereignisse“ zu Dada-Aktivitäten und den politischen Happenings der 60er Jahre. Die Crazy Dogs bilden innerhalb der Stammesgemeinschaft eine Gruppe, deren Mitglieder in clown­haften bis hals­brecherischen Aktionen die Geschichte und die Bräuche des Stammes hinterfragen. Voraussetzung in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, sei ein Gefühl für das Verstreichen der Zeit und für die Sinnlosig­keit von Ambitionen und gesell­schaft­lichen Konven­tionen, so Rothenberg. Ironi­scher­weise belege der Crazy Dog mit seinem Bewusstsein für das Absurde eine Planstelle: Indem er allgemeine Wider­sprüche auslebe und dem Stamm vor Augen führe, stelle er ein Gleichgewicht her, garantiere die Integrität der Stammeskultur.

Gerade Punkt 4 wirkt über den Stammes­kontext hinaus, als könne man dort poetologisch einhaken. Hier soll das Pferd geritten werden, bis Ross und Reiter zuschanden kommen. Mit und vom Pferd leben, das hiesse in einem zweckfreien aber nicht sinnlosen Spiel alles riskieren: blutiger Humor. Besonders in der Dichtung.

**

Phol ende Uuôdan uuoron zi holza.
dû uuart demo Balderes uolon sîn uuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era suister,
thû biguol en Frîia, Uolla era suister,
thû biguol en Uuôdan, sô hê uuola conda:
sôse bênrenkî, sôse bluotrenkî, sôse lidirenkî,
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelimida sîn!

(Merseburger Zauberspruch 2)


Allem Anschein nach. Über Riten und Wortformeln beeinflussten sie die Welt, hielten sich an die Wirkungsmacht von Zeichen, wie jeder Normalo-Naturwissenschaftler heute an physikalische und chemische Gesetze. Im willkürlichen Muster geworfener Runenstäbe entdeckten Zeichendeuter Fingerzeige der Götter, stellten Zusammenhänge her und rückten damit die Welt in ein anderes Licht. Denn dahinter musste es eine verborgene zweite Welt geben, die das Gesicht der wirklichen Welt präkonfiguriert. Das wahrgenommene Muster war also nur scheinbar willkürlich. Und ebenso, wie die Magie das wahre Bild der Welt dem Deuter vor Augen führte, indem sie Zusammenhänge herstellen liess, durfte die Veränderung der Zeichen gleichfalls den mit ihnen verbundenen Zusammenhang ändern. So wurde gezaubert. Nutze das starke, magisch aufgeladene Wort. Ändere die Konfiguration in der Geisterwelt und die dir erscheinende Welt verändert ihre Funktion. Vermutlich wird das der geistige Hintergrund für die Praxis von Schamanen und Zauberern gewesen sein, bevor der Glaube an Magie und Zauberei Forschungsgegenstand wurde und in den Archiven verschwand. Talismane oder Münzen, auf denen mythologische Szenen festgehalten worden sind und schriftliche Überlieferungen dokumentieren den heute kaum nachvollziehbaren Glauben an die buchstäbliche Kraft der Worte. Die einem Wort zugeschriebene Magie stiftete Identität, stellte einen Urzustand wieder her oder veredelte denjenigen, der von ihr beeinflusst wurde. Andererseits konnten überirdische Mächte dem Menschen schaden, beispielsweise ihn verblenden oder mit Flüchen belegen. Jeder Zauber wurde ergänzt von einem Gegenzauber. So zumindest die Prämissen.

An überlieferten Dokumenten lässt sich zeigen, dass das assoziative Weltverständnis früherer Zeiten mehr gewesen sein dürfte als bloßer Budenzauber. Beispielsweise in den Merseburger Zaubersprüchen. Im Zauberspruch 2, worin es um die Heilung eines Pferds geht, zeigt sich die sprachliche Verfasstheit der magisch gedachten Welt. Beide Zauber schöpfen ihre Macht aus der Analogie, wonach etwas geschehen soll, das in einem mythologischen Zusammenhang schon einmal geschehen ist. Doch anders als im ersten Zauberspruch, wo „hera muoder“ (ehrwürdige Mütter, Schicksalsgöttinen) angerufen werden, um den nach Beistand Bittenden vor Heimtücke und Falschheit zu retten, wird im Zauberspruch 2 der oberste der germanischen Götter angerufen. Zunächst scheinbar in derselben einfachen Analogie: Wie Du mit dem Wort das Pferd heiltest, so lass auch mich das Pferd mit dem Wort heilen. Der Zauberspruch richtet sich an Wodan, dem die Weisheit, die Magie und die Dichtung unterstehen und der die Menschen mit diesen Qualitäten ausstattet je nach Belieben. Und genau darum geht es, dem Beschwörer die Kräfte zu verleihen, die dem Gott zugeschrieben werden. Der beschwörende Charakter geht meiner Meinung nach also noch weiter, denn der Zauber soll über die Analogie des Geschehens hinaus zur Identifikation mit dem Paten des Spruchs führen. Wird die Analogie aber soweit getrieben, der Sprecher wodansgleich, dann dürfte die Beschwörung mehr leisten, als eine Situation wieder herzustellen (die Einrenkung des Knöchels), sie versetzt ihn über die Zuschreibung der göttlichen Kräfte in die Lage mit Worten die gesamte Welt zu verändern. Vielleicht wäre die hinter dem konkreten Gegenstand des Merseburger Zauberspruchs verborgene Funktion von Magie also eine allgemeinere, vielleicht geht es darum, Sprache über die blosse Mitteilungsfunktion hinaus zu öffnen, um mit ihr Welt sowohl zu schauen, als auch zu machen. In „Idee der Prosa“ von Giorgio Agamben finde ich eine Stelle, die mich auf diese Idee bringt: „Das Pferd auf dem der Dichter reitet, ist, einer alten Auslegungstradition der Apokalypse des Johannes zufolge, das klangliche und stimmliche Element der Sprache. In seinem Kommentar zu Offb. 19,11, wo der Logos als ‚treuer und wahrhaftiger’ Ritter bezeichnet wird, der auf einem weißen Pferd einherkommt, erklärt Origenes, daß das Pferd die Stimme sei, die Verlautbarung des Wortes, die ‚kräftiger und geschwinder als ein Streitroß laufe’ und nur durch den Logos deutlich und verständlich werde.“

Mit der Deutung bei Agamben gelesen, wird der Merseburger Zauberspruch zu einem autopoetischen Text, der über seine erzählte Begebenheit hinaus der Stimme des Sprechers heilige Kräfte zuschreibt. Solange zumindest, wie man der inhaltlichen Prämisse, dass hier Zauberei gewirkt werden kann, folgt. Dasjenige, was das Pferd heilen soll, das wäre mit Origenes die Formel von der Stimme getragen, die ihre signifikatorische Funktion soweit auflädt, dass mit ihr die Welt verwandelt werden kann, wie oben schon gesagt. Nur ginge mit Origenes die Deutung des Zauberspruchs mit der Identifikation von Pferd und Stimme darüber hinaus. Das Pferd (die Stimme) wird von der Stimme geheilt. Obwohl dieser Kurzschluss vom einen Text zum anderen problematisch erscheint, bestärken mich andere zeitnahe Zusammenhänge in dieser Ineinssetzung, am gewichtigsten im „Lied aus reinem Nichts“ Wilhelm von Aquitaniens, in dem das Pferd der Ort ist, wo dem Dichter das Lied sprichwörtlich einfällt. Als Schleife gedacht wird der Text unendlich; davon ausgehend eine allgemeine Beschreibung für Gedichte formulierend, könnte man sagen, dass sie ab einem unbestimmbaren Zeitpunkt da sind, als hätte es sie schon immer gegeben, und weiterarbeiten ohne Zutun, Perpetua Mobilia. Vielleicht wäre das schon die Utopie, dass aus Nichts Etwas entsteht; und das kraft der Stimme, ihrer Möglichkeit Laute zu formen, um paradoxerweise ein grosses Anderes, einen Ort zu erschaffen, an dem wer spricht erst entsteht. Als wäre er vom Himmel gefallen, der Sinn auf der Stimme, aus dem Himmel, von der Vorsehung ins Wort, also aufs Pferd gesetzt und der auf der Stimme reitet – ist das etwa die Poesie? Das Pferd jedenfalls böte sich als Wappentier an. Louis Zukofskys „A-7“ handelt die ganze Zeit davon: „Spoke: words, words, we are words, horses, manes, words“ – „human imagination… a kind of uncontrolled horse itself.”

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Das Buch im Verlag   externer Link

Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      11.09.2010

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