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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Matthias Buth
Nomaden
Meine Mutter

Der Rücken
Zwei Wirbel gebrochen von Osteoporose
Morgen die OP
Dem Arzt erklärt sie die Brüche
Aus 78 Jahren

Die Hände befahren Arme und Decke
Während sie unentwegt das Zimmer
Mit Worten füllt
Das auffliegt
Zum grünen Tal unter dem Fenster

Dorthin wo ihr Vater
Aus der Kriegsgefangenschaft kam
40 Kilogramm Haut
Eingelagert ins eigene Bett
Mit unsichtbaren Gebeten

Dorthin noch einmal
Wo Flieder in ihrem Arm erblühte

Sich noch einmal
Mit dem Anfang verbünden und
Eins sein mit dem Flug


1999/2001
Nomaden

Ach, ist denn nicht schon alles gesagt über Gedichte?
  Soll sich der Autor nicht besser an die Texte halten, die er als Gedichte bezeichnet, und es anderen überlassen, seine Lyrik einzumessen in Ko­ordi­naten der Literatur und der anderen Künste, vielleicht auch auf der Landkarte von Geschichte und Politik und es beobachten, ob seine Verse benach­bart werden von anderen Kunst-Formen, welche die Gegen­stände der Welt er­fas­sen und ob der Abdruck der Gegen­wart in seinen Gedichten zu erkennen ist?
  Über eindeutige Antworten verfüge ich nicht, finde manchmal Erklä­rungen wie runde Kiesel­steine, die gut in der Hand liegen und dennoch nicht den ganzen Fluss bezeichnen. Also werde ich ein paar Steine aneinan­der reihen:

I.

Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen.
  Eine Zeile aus den „Kinder­totenliedern“ von Friedrich Rückert. Dieser innig­traurige Vers fällt mir ein, wenn ich darüber nachdenke, warum ich Gedichte schreibe. Ein Verlust an Welt: Ist nicht das der Beweg­grund, mit Gedichten diesem hinterher zu schreiben, ihn zu erfassen und zu wissen, dass es nicht gelingt, dass es ein papierener und somit untauglicher Versuch bleiben wird und dennoch unver­zicht­bar ist, um mein innerstes Selbst zu behaupten?
  Ich bin der Welt abhanden gekommen. Die so moderne Zeile spricht auch von mir. Gustav Mahler war dieser Lyrik verwandt – deshalb vertonte er Rückert. Das Abhanden-Gedicht habe ich seit Jahren bei mir, in meinem Portemonnaie gefaltet: wegen des Anfangsverses und wegen des Schlusses, wo Rückert das Ruhen „in einem stillen Gebiet“ dort auslaufen und im Reim aufgehen lässt, wo gerne auch meines wäre: „in meinem Lied“.

II.

Die Erscheinungen der Gegenwart im Kompetenz­gefilde meiner Beobach­tungen und Erfah­rungen mit Worten nicht nur zu erfassen, sondern deren innere Welt freizulegen, das versuche ich seit 1973. Die Wirklich­keit auf­zubohren und die Realität dahinter zu erfassen, das ist der Schreibimpuls. Die Metapher ist eine Sonde, die dies ermöglichen kann. Wenn ein Bild aufgeht, in sich stimmig ist, also aufhellt und nicht verdunkelt, ist dies eine Offerte an den Leser, dann kann dieser seine Vorstellungen und Erfahrungen entzünden und den Text – quasi als zweiter Autor – lesen. Sprache ist Welt­erfassung, Definition, die erst durch die Fantasie ausgeweitet wird – durch die des Autors und die des Lesers.
  Oft ist die Metapher klüger als ihr Verfasser, wusste Lichtenberg. Diese Erkenntnis nimmt einen an die Hand oder besser: führt die Hand. Und so kann die Sprache eine Vertraute, fast eine Geliebte werden. Oder die eigentliche Heimat, die mitzieht und nicht enttäuscht.

III.

Der rhetorische Gestus ist selten. Lieber lasse ich die Gegenstände sprechen. Ich setze sie in Bewegung, lasse sie agieren nach den Gesetz­mäßig­keiten, die ich ihnen zuspreche. Ironismen, Disso­nanzen, die Koordination von hellen und dunklen Vokalen, Alliteration, das Zusammen­fügen von heterogenen Begriffen, Anspie­lung und Zitat sowie das Erzeugen eines bestimm­ten Klanges oder Klang­motivs sollen sich ineinander fügen. Form ist höchster Inhalt, schreibt Gryphius. Das gilt immer. Auch heute, wo die lyrischen Aus­drucks­formen offener und nicht sogleich erkennbar sind. Ein Gedicht ist ein Text in besonderer Schreib­weise, stellt Conrady in seiner meister­haften Antho­logie fest; so allgemein ist das ebenso unanfecht­bar wie spröde. Was macht das Gedicht zum Kunstwerk und lässt es von Prosa unter­scheiden?
  Oder ist die Frage unerheblich? Der Autor lyrischer Texte ist dafür nicht der beste Ratgeber. Das Gedichte­schreiben ist aber eine bewusste Ent­scheidung, denn im Gedicht will der Lyriker (Dichter wäre wohl ein zu beladenes Wort) die Welt in den Finger­hut nehmen, sie zur Ruhe kommen lassen und sich zuweilen auf­stützen auf den lyrischen Text. Nur selten ist dieser Schlag­stock gegen die Verhältnisse.

IV.

Und wann schreibe ich? Wenn man ein paar Jahr­zehnte mit Gedichten unterwegs ist, hat sich ein Sensorium ausgebildet, das immer online ist. Manchmal merkt man nicht, was man sich merkt, was sich im Unter­bewusst­sein ablagert. Es kommt dann nach oben, wenn die Eigen­gesetz­lich­keiten der Worte, Bilder und Klänge und das Gefühl, das sie transportieren, greifen und dann die Vorstellungen hervorrufen, die sich vor längerem in mir abgelagert hatten und von denen ich noch wenig wusste. Also schreibt mich die Sprache? Das wohl nicht, das wäre ein wenig zu romantisch. Denn Schreiben mit künstle­rischem Impetus ist Arbeit, ist mühsam und nicht immer erfolgreich. Die Hauptarbeit ist, die Streichungen gut zu setzen, von einem Text also abzustreichen, was quer, unklar, meta­phorisch nicht plausibel, ihn eben nicht leicht und luftig werden lässt. Er sollte aus sich selbst sprechen und darf keine Meinungen transportieren, sondern sollte Gegenentwurf zum Heute sein. Der lyrische Text ist insofern eine Inszenierung von Welt.

V.

Mit Gedichten bin ich dort, wo ich nicht bin. Und so überfliege ich Polen, Israel, Zypern und den Irak, Moskau und Sankt Petersburg, bin im Winter, wenn der Sommer drückt, schreibe mich ohne Gegenüber in ein anderes. Erfinde, wie mich die Worte finden. Die Gedichte gehen mir voraus. Und so ist mir Rumänien eine poetische Fläche geworden. Von dort komme ich nicht und doch kann ich mich den Landschaften anverwandeln, den Menschen, die fremd sind und wohl deshalb so nah. „Rumänien hinter den Lidern“, der zweite deutsch-rumänische Band ist 2009 in Bukarest erschienen. Und so wird ein Land poetisch skizziert, das Rumänien ist, im Kern aber ein vorgestelltes, ein Land der geschlossenen Augen, bleiben wird. Denn schreiben ist Vorstellung.
  Siebenbürgen und Banat werden von fernen Koordinaten auf der Landkarte Europas gezeichnet, sind mir aber vertraut, weil ich mich, nein: weil meine Gedichte dort Partner finden – Spiegel, die Halt geben für eine Weile.

VI.

Lyriker spüren, dass die Sprache nicht reicht, dass ihnen die bildende Kunst und vor allem die Musik überlegen sind. Deshalb suchen sie Anlehnung bei diesen Künsten. Bildersprache und Sprachklänge sind Stilmittel wie Reim und Rhythmus, um möglichst viel hineinzuholen in den Vers, der dennoch begrenzt ist durch sich selbst – wie alle Sprache, die es eben nicht erreicht, den anderen und die Gegenstände von Gegenwart und Vergangenheit, von Politik und Geschichte, wirklich zu erfassen. Aber die Sehnsucht danach bleibt.
  Deshalb schreibe ich Gedichte. Sie sind Nomaden, denen ich vertraue.

VII.

PC

Nomadenpfade lautbewachsen
Die sich ducken bei jeder Bewegung
Sie springen nicht auf sondern gleiten
Durchs fingerige Rechteck
Sie trauen keinem Wort und sind deshalb
Unermüdlich im Reservat der Zeichen
Das sie immer wieder verlassen wollen
Um feenfüßig und partisanenverschwiegen
Ein neues zu erfinden auf der Unterseite
Waldwarmer Fingerkuppen

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Das Buch im Verlag   externer Link

Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Matthias Buth, *1951 in Wuppertal-Elberfeld, studierte Rechts­wissen­schaften in Köln. Promotion. Seit 1973 veröffentlicht er Gedichte, Rezensionen und Essays. Mehrere Gedichtbände. Literatur­förderpreis NRW und Auslands­stipendium der Stif­tung Deutsch- Nie­der­ländischer Kultur­austausch. Zuletzt: Der Rhein zieht eine Serenade (Weilerswist: Ralf Liebe 2009). Das Gedicht Meine Mutter stammt aus Zwischen mir und vorbei (Ralf Liebe 2007).

Matthias Buth  17.08.2010   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  

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