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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Walle Sayer
Ein Fenster zur Hauptstraße, sein verzogener Rahmen. Von hier aus, eingekeilt zwischen Himmelsausschnitt und Erde, der Blick hängt an den Wolkenzipfeln, streicht dann hinweg übers Dächermassiv. Zufriedene Rohrspatzen hocken auf dem gegenüberliegenden First. Darunter steht den ganzen Morgen schon ein Viehanhänger, eine scharrende Kuh darin mit schwarzen Augenklappen. Der Wetterhahn des Kirchturms kräht nicht dazu, seit den Herbststürmen schräggeknickt, hat sich alles verschoben unter ihm. Auf den Briefträger warte ich, der die postalischen Irrläufer zustellt. Die am Haus vorbeigehen, sie kennen etwas von mir, das sie zur Fensterbank herauf mit einem stummen Nicken grüßen läßt. Wovon lebst du, ist immer die erste Frage. Nie will jemand wissen, wofür. Es geht, sage ich, und verschweige wohin ...

Zeilen aus dem Jahr 1994. Eine kleine Standortbestimmung. Der Versuch, den schwebenden Zustand zu skizzieren, zu umfassen, der dem Gedicht vorausgeht, durch den Gedichte entstehen, der ein Gedicht erst ausmacht. Um ein paar Jahre später dann Gestalt anzunehmen, Form:
Irrläufer

Werter Freund,
die Adventskränze nadeln bereits
und die Zeit tut so als verginge sie
vom Abreißen der Kalenderblätter,
das Kind sticht Luftlöcher in einen Schuhkarton,
die Meinen sagen: bleib so wie du gerne wärst,
und leichthin unterschriebene Kaufverträge
kommen allmählich Geständnissen gleich,
es hapert nur an allen Ecken und Endlosigkeiten,
was man einsehen soll, hört sich so ausleuchtend an,
und für ein Leben als Einsiedler, da müßte
unsereiner in die allernächste Weltstadt ziehen,
nur ein grobes Flickwerk aus Momenten
die seitherigen Wochen, nur ein paar Zeilen
wie falschabgeschrieben von der Wirklichkeit,
und vorm Fenster zählt nun Abendwind schon wieder
die niedergelegenen Grashalme nach,
das Sein ist also an das Dasein angepflockt
und was wir haben, nur abgezwackt
von dem, was uns noch immer fehlt,
bis dannmals, baldhin, dadorthier: Ich
verbleib derweil im Gehen, mich einreihend
in den Blindensturz (Bruegel, 1569) überm Schreibtisch,
lege dem Letzten meine Hand auf die Schulter
und blicke zuversichtlich
in Richtung Ferne.

Nichts, nur

Nichts, nur der Vollmond, der sich spiegelt im ruhigen Wasser, ein an den See entrichteter Obolus der Nacht. Nichts, nur ein paar Raben, Funktionäre der Farbe Schwarz, hocken im Geäst, zerkrächzen die Sicht. Nichts, nur die Runde am Nebentisch, Schaumkronen setzen sie sich auf, erlassen ihre Edikte, danken ab. Nichts, nur: diese Tonfolge. Als begänne damit ein jeder Anfang. Als finge damit jeder Anbeginn an.

Sequenz

Nichts, nur die Bäume
hinter ihren Silhouetten versteckt,
nur die Gestalt des Jagdpächters,
wie er es zog aus dem Straßengraben,
das überfahrene Reh,
nur dessen verdrehter Hals,
nur der Nieselregen, nur
das Blinken der Warnleuchte
im Rückspiegel
als Lichtpuls
der Nacht.

Passus

Wie die Orte verwinzigen, je weiter man sich entfernt, von sich oder von ihnen: ein Fleck, ein Punkt, eine Einstichstelle. Wenn Tabak­krümel und Hunde­haare in einer Kutterschaufel, Wasser­tropfen, die auf einer Herdplatte verzischen, dann schon zu einer Vorahnung gehören, die man erst hinterher hat. Nachdem man mit einem leeren Pappschild in der Hand an Auffahrten gestanden ist, ein Glücksgefühl hatte, das sich nicht abwimmeln ließ, und über einen Flohmarkt schlendernd die Kisten übersah, voll mit einge­schweißten Reiseführern für Länder, die’s schon nicht mehr gab. Hinterher, wenn man das dämmernde Diagramm der Häuserdächer, Türme und Giebel dann zu deuten versucht. Und die Erinnerung, die man anschnorren muß um ein Bild, um einen Ton, einem nur vorhält, wieviel Jahre es braucht, allein für die Rekonstruktion einer Sekunde.

Zimmerarrest

Ichquarantäne, Zeigefingerrichtungen,
am Himmel aufgeflogene Lehrerhäkchen.

Von nahfern ziehen Schiedsrichterpfiffe
akustische Striche durch den Nachmittag.

Daliegen, an einen Nesthalm nur geklammert,
nichts werden wollen: die größte Ambition.

Das Zimmer paßt in ein Setzkastenfach,
im Sand der Sanduhr lebt ein Wüstenfloh.

Odyssee

Wochenlang, erzählt sie am Vorabend ihrer goldenen Hochzeit, sei sie durchs Haus gegeistert, habe jede Ritze, jeden Spalt, jedes Eck abgesucht, jedes Möbelstück zehnmal verschoben, zum heiligen Antonius gebetet, den heiligen Antonius verflucht, habe selbst in einem Elsternnest nachgesehen, sei heulend, ob des schlechten Omens, vor heruntergebrannten Kerzen gehockt und noch magerer geworden als sie es nach der zweiten Schwangerschaft ohnehin schon war: ihr Ehering blieb verschwunden. Dann, nach einem Jahr, ein windiger Oktobernachmittag, auf dem Feld beim Kartoffelauflesen, hält sie ihn urplötzlich mit einem Erdbollen zusammen in der Hand, kann es nicht glauben, reibt ihn ab, der Himmel reißt auf, sie wird von einem Weinkrampf geschüttelt, und begreift, als hätte er sie gefunden, seine Odyssee: daß er sich beim Futtern vom Finger gelöst hatte, in die Krippe gefallen war, von dort durch sieben Mägen gewandert, unverdaut ausgeschieden wurde und mit dem Kuhmist aufs Feld ausgebracht, wo ihn die Erde verschluckte, bis sie diese dann abrieb, von ihm, nach einem Jahr, an einem windigen Oktobernachmittag.

Szene

Die Augen
auswischen mit
einem dämmrigen Tuch,

eine Krümmungslinie
erblicke ich,

dich, kniend auf dem Boden,
da du einen Staubbeutel aufreißt,
darin suchst nach einem Ring,

wo sind wir,
möchte ich fragen,

damit du sagen könntest: dort,
wo wir wissen wollen,
wo wir sind.



Gedichte aus: Den Tag zu den Tagen (Klöpfer & Meyer 2006)
und Kerngehäuse (Klöpfer & Meyer 2009).

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Das Buch im Verlag   externer Link

Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Walle Sayer, *1960 in Bierlingen, Kreis Tübingen. Verschiedene Tätigkeiten (Deutsch­kurse, Arbeit in einer Kultur­gaststätte). Veröffent­licht seit 1984 und lebt heute als freier Autor in Horb-Dettingen. Auszeich­nungen unter anderem: Thaddäus-Troll-Preis, Förder­preis der Hermann-Lenz-Stiftung, Amsterdam­stipendium. Die abgedruckten Gedichte stammen aus Den Tag zu den Tagen (Tübingen: Klöpfer & Meyer 2006) und Kerngehäuse (Klöpfer & Meyer 2009).

Walle Sayer  09.10.2009   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  

UMKREISUNGEN

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   Walle Sayer
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  Bertram Reinecke *
  Lars Reyer *
  Walle Sayer *
  Ludwig Steinherr *
  André Schinkel *
  Mathias Traxler *
  Nachwort *
Jürgen Brôcan: Einige Vorsätze
Die Geometrie des Gedichts
dannmals, baldhin, dadorthier
Einige Zusammenhänge
SIND NOCH SCHWALBEN DA?
Ein Gedicht und seine Geschichte
Drei Gedichte – Zyklisches Schreiben
wärme (Kapitel: Wirklichkeitsmorgen)
ich denke oft an pieroschka bierofka –
ein sattes grün in kleinen schritten
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Hochhäuser bestimmen
Selbstdiagnose
Im Steinbruch
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Fragmente einer natur­wissen­schaft­lichen Poetologie
Belladonna
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L’ autre monde oder:
Von der Unmöglichkeit
Ins Leere
Mikroklima, Mikroflora, Mikrofauna
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Kraniche am Himmel –
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J. Kuhlbrodt: Vom Diskurs zur Freiheit