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Michael G. Fritz
Tante Laura

Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte nicht

Michael G. Fritz zeigt erneut, wie schmal die Kluft zwischen Gegenwart
und Vergangenheit ist

Michael G. Fritz | Tante Laura
Michael G. Fritz
Tante Laura
Roman
Mitteldeutscher Verlag 2008

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Seit Jahren verbringt die Familie Henny – er, Martin, einst Architekt, nun Einfamilien­haus­verkäufer, sie, Katja, selbstständige Zahn­technikerin, zwei Söhne, Robert und Florian – ihre Sommerferien an der Ostsee. Dort lebt man zurückgezogen unter dem Dach des alten Jeske, mit dem Martin tagsüber zum Fischen hinausfährt, radelt zum Strand und hält sich fern vom üblichen Massentourismus. Ein Idyll – passend zur Landschaft zwischen Bodden und Meer, die Michael G. Fritz in seinem neuen Roman so eindrucksvoll wie symbolisch aufgeladen zu beschreiben weiß.

Doch hinter einem Spalier weißer Laken auf dem Nachbargrundstück bereitet sich eines Tages das Ende des ungetrübten Urlaubs­glücks vor. Wie ein noch zugezogener Bühnenvorhang wirkt diese plötzlich den Blick stoppende Barriere. Das Schauspiel beginnt erst in zehn Minuten, aber erste Töne klingen bereits leise zu den Zuschauerreihen herüber – Rock'n'Roll aus den 50ern. Man freut sich, dass es endlich anfängt, nicht ohne gleichzeitig ein wenig Furcht zu empfinden. Bangigkeit und Erwartung – Martin Henny fühlt beides, als ihm langsam klar wird, dass das Drama, das unausweichlich auf seine Familie zukommt, mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun hat. Und wenn sich dann die Szene belebt und Tante Laura erscheint, ist das ein Auftritt, wie man ihn selten erlebt in der neueren deutschen Literatur.

Mit seiner Titelfigur ist Michael G. Fritz eine literarische Gestalt gelungen, die im Gedächtnis bleiben wird. Freigeist und Furie zugleich, Richterin wie Racheengel, Verführerin und Verrückte, Täterin und Opfer – den ganzen ersten Teil des Buches hindurch wird nie so richtig klar, was diese von Geheimnissen umgebene Frau eigentlich motiviert und umtreibt. Will sie den Neffen vernichten oder lediglich für sich zurückgewinnen? Ist es die immer noch schöne und anziehende Endfünfzigerin, die seinem Sohn den Stoß versetzt, der ihn ins abgründige Hafenbecken befördert ? Und zu welchem Zweck umwirbt sie seine Frau, nimmt sie auf Tanzveranstaltungen mit und verwickelt sie in nächtelange Diskussionen?

Erklärungen böten sich viele an, aber erst nach der von Laura ausgelösten, die Familie zerstörenden Katastrophe am Ende des ersten Romanteils gewinnt Martin die Freiheit, sich dem Abschnitt seines Lebens, der ihn an die jüngere Schwester seiner Mutter fesselte, rückhaltlos zu stellen. Eine DDR-Geschichte kommt damit wieder hoch – und doch geht sie in gewisser Weise über das längst versunkene Land zwischen Oder und Elbe hinaus, indem sie von Menschen berichtet, die unachtsam miteinander umgehen. Die die Nöte des anderen übersehen, ihn in Entscheidungssituationen allein lassen und ihm gerade dann den Rücken kehren, wenn er ihrer Hilfe am dringendsten bedürfte.

Natürlich spielt die allgegenwärtige Staatssicherheit eine Rolle und die Illusion, dass man am schnellsten aus dieser karg-weltabgewandten Gegend wegkäme, wenn man sich mit deren allmächtigen Wächtern gut verstünde. Gleichzeitig erzählt der Roman auch die Geschichte einer Jugend im Schatten der Mauer, die nicht dicht genug war, um die Musik von Chicago, Ten Years After und Deep Purple auszuschließen, aber allemal ausreichte, um verzweifelten Gedanken, vielerlei Sehnsüchten und waghalsigen Entschlüssen eine Projektionsfläche zu bieten. Hauptsächlich aber geht es um eine erotische Obsession, um das Sich-aneinander-Klammern zweier unterschiedlich alter Menschen, die, der eine mehr, der andere weniger bewusst, einen Ausweg suchen aus ihrem unbefriedigenden Heute.

Martins Tante ist die erste Liebe des Gymnasiasten. Wenig hat der unerfahrene junge Mann ihrem Zauber und der sie umgebenden Aura entgegenzusetzen. Vieles an ihr versteht er nicht. Anderes will er gar nicht wissen. Doch als sich die Familie von ihrem enfant terrible schließlich abwendet, legt er keinen Widerspruch ein, rebelliert nicht, sondern fügt sich ins scheinbar nicht zu Verhindernde. Und damit ihm das schon bald Verdrängte nicht immerzu schmerzhaft unter die Haut brennt, benutzt er die im Hause stapelweise vorhandene NIVEA-Creme, der hier eine ähnlich leitmotivische Rolle zuwächst, wie sie für den Protagonisten des Vorgängerromans Die Rivalen jene vielen über die Wende geretteten Seifenstücke der Marke Lilienmilch innehatten. Doch wie heißt es zu Beginn des zweiten Romanteils: „Wer sich erinnert, weiß, wer er ist und woher er kommt. Er kann auch immmer wieder einen Weg finden, auf dem er zurückkehrt.“

Der Autor versteht es, so packend zu erzählen, dass man sein Buch – gegen alle Vernunft, denn es enthält viele Passagen, die bei mehrmaligem Lesen beständig an Glanz gewinnen – nur ungern zwischendurch beiseitelegt. Selbst die leise Sorge, es könnte die Spannung, die von der ersten Seite an da ist, irgendwann nachlassen oder gar kippen, erweist sich am Ende als völlig unberechtigt. Denn hier hat einer alles im Griff – sein novellistisches Erzählen kennt kein Zuviel und kein Zuwenig. Er trifft die Töne, seine Bilder sind stimmig, die Dialoge pointiert. Erzählerische Ökonomie und Logik walten wie von selbst, vollständig anstrengungslos scheint das auf's Blatt gebracht worden zu sein.

Was sich in seinen vorangegangenen Büchern bereits andeutete – am eindrucksvollsten bis dato wohl in den Rivalen (2007) –, findet damit Bestätigung: Michael G. Fritz gehört zu den interessantesten, anregendsten und stilsichersten Schreibern seiner Generation, auch wenn er momentan kaum mehr als ein Geheimtipp für Eingeweihte zu sein scheint und eine wirklich breite Rezeption seiner Werke leider noch aussteht. Aber haben es die Besten nicht zu allen Zeiten schwer gehabt?
Michael G. Fritz, geboren 1953 in Dresden, lebt heute in Dresden und Berlin. Er veröffentlichte den Erzählband Vor dem Winter (1987), den Roman Das Haus (1994) die Prosasammlung Der Geruch des Westens (1999) sowie Texte zur bildenden Kunst und literaturkritische Arbeiten. Mit seinen Romanen Rosa oder die Liebe zu den Fischen (Reclam Leipzig 2002) und Die Rivalen (Mitteldeutsche Verlag 2007) schrieb Michael G. Fritz seine bislang reifsten Werke als Erzähler.
Rezension zu: Die Rivalen
Dietmar Jacobsen     31.08.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Dietmar Jacobsen