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Christiane Körner (Hg.).
Das schönste Proletariat der Welt. Junge Erzähler aus Russland.

Generation „Debüt“

Der Sammelband Das schönste Proletariat der Welt präsentiert sechs junge Autorinnen und Autoren aus Russland

  Kritik
  Das schönste Proletariat der Welt
Junge Erzähler aus Russland
Herausgegeben und übersetzt von Christiane Körner
Mit einem Vorwort von Olga Slawnikowa.
Suhrkamp Verlag 2011, 12,00 Euro

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Pokolenie (deutsch: Generation) nennt sich eine gemeinnützige Stiftung, die seit dem Jahr 2000 einen aus­schließlich für junge Autoren gedachten Literatur­preis aus­schreibt. Im Laufe des ersten Jahrzehnts des 21. Jahr­hunderts ist dieses einzige Stiftungs­projekt auf kultu­rellem Gebiet in Russland zu einer Institution herangewachsen. Jahr für Jahr erreichen die Juroren des Debüt-Preises zwischen 30.000 und 50.000 Manuskripte. Wie die für die Aus­schreibung und Verleihung des Preises verantwortliche Journalistin und Autorin Olga Slawnikowa in ihrer informativen Einführung in den vorlie­genden Sammelband betont, hat sich der Preis damit zu einem der wichtigsten Kataly­satoren des literarischen Lebens im heutigen Russland entwickelt. Und sicher ist es auch nicht falsch, in diesem gewaltigen Zustrom von Kräften eine Art „anthropologische Antwort auf die schwierige Lage von Kultur und Literatur in Russland“ zu sehen. Die sechs Autoren jedenfalls, die die Frankfurter Slawistin, Übersetzerin und Lektorin Christiane Körner in Zusammen­arbeit mit Olga Slawnikowa für Das schönste Prole­tariat der Welt ausgewählt hat, überraschen durch litera­rische Eigenständigkeit, poetische Originalität und einen unver­stellten Blick auf das Leben in Russland nach dem Zusammen­bruch des Sowjet­reiches.

Da die Bewerber, wenn sie ihre Manuskripte einreichen – der Preis wird jährlich in den Sparten Kurz­prosa, große Prosaform, Lyrik, Essay und Drama verliehen –, nicht älter als 25 Jahre sein dürfen, spiegeln sich in ihren Texten haupt­sächlich die Probleme einer Generation, die mit dem Erbe der Sowjetunion nicht mehr allzu­viel zu tun hat. Alexej Lukjanow, 1976 geboren und damit ältester der dem deutschen Lesepublikum erstmals mit diesem Band vorge­stellten Autoren, war, als der Viel­völkerstaat zerbrach, knapp 15 Jahre alt, vier seiner Mitautorinnen und -autoren noch keine zehn. Verständlich deshalb, dass ihr Schreiben nicht von Sehnsucht nach dem Gestern geprägt wird. Ist doch die Gegenwart verwir­rend genug, um vor ihrem Hintergrund junge Helden auf die Suche nach einer persön­lichen Perspektive zu schicken, die zugleich natürlich auch gesell­schaft­lich bedeut­same Fragen aufwirft.

Unterwegssein ist bei dieser Interessenlage ein Leitmotiv aller sechs Texte. Das muss freilich nicht unbedingt bedeuten, dass die Helden, denen wir begegnen, große Strecken zurück­legen. Am weites­ten schafft es noch jene Hand­werker­brigade aus dem Ural, die in Alexej Lukjanows satirischer Erzählung Hochdruck den krisen­haften Verhält­nissen in ihrer Heimat Richtung Westeuropa zu entkommen sucht. Aber spätestens in Moskau merken die findigen Proleten, dass sich halb Russland auf dem Trip nach Westen befindet, und kehren um. Und siehe da: Kaum wieder auf heimat­lichem Boden ange­kommen, spürt man, dass man hierher gehört und nirgendwo anders hin. Lukjanow hat seine Geschichte der nationalen Iden­titäts­findung des neuen Russlands zwischen Europa und Asien mit urkomischen Dialogen, irrwitzigen Einfällen und genau dem Quäntchen Realität ange­reichert, das dafür sorgt, dass der Witz nicht die Bodenhaftung verliert.

Bitterer wird das Lachen schon, wenn man in Waleri Petschejkins ICQ zusammen mit einem ganz der Tradition verschrie­benen russischen Mütterchen eines der vielen Internet-Cafés betritt, wie sie heute in Russland an jeder Ecke zu finden sind. Maria Andrejewna kennt sich mit den Tücken des World Wide Web nicht aus. Sie glaubt nur zu wissen, dass man mit seiner Hilfe jede Person auf der Welt finden und ihr blitz­schnell eine Nachricht übermitteln kann. Also bittet sie Timur, den „Sysadmin“, ihr beim Absenden eines Briefes an ihre Schwester Natalja behilflich zu sein. Alte, hilflose Frauen, Kriegswitwen, zu unter­stützen, hatte sich schon jener Timur aufs Panier geschrieben, der durch den Sowjetklassiker „Timur und sein Trupp“ (1940) von Arkadi Gaidar berühmt und zum Vorbild vieler junger Menschen nicht nur in der Sowjetunion wurde. Sein später Namens­vetter steht ihm an Hilfs­bereit­schaft in nichts nach. Eine halbe Nacht lang gibt er in ein E-Mail-Formular Maria Andrejewnas ellen­langen Lebensbericht ein. Doch natürlich verziert er die Nachrichten von furchtbaren Schicksalsschlägen, die die Frau zu übersenden wünscht, mit ganzen Heerscharen jener in der heutigen elektro­nischen Kommuni­kation üblichen Akronyme und Emoticons von „lol“ bis „;-(“. Als er schließlich merkt, dass ihm die Dame weder mit E-Mail-Adresse noch Wohnan­schrift ihrer Schwester dienen kann, schickt er sie kurzerhand in den absurden Dialog mit einem jener seelenlosen Programme, die jede Anfrage per vorformulierter Antwort kontern. Verlust der menschlichen Komponente in der modernen Informations- und Kommuni­kations­gesellschaft – Petschejkins kleiner Text findet dafür ein nur auf den ersten Blick heiteres Szenario.

Auch Salam, Dalgat! von Alissa Ganijewa setzt seine Titelfigur einer Welt im Umbruch aus. Einen Tag lang begleitet der Leser den Helden Ganijewas durch die dagestanische Haupt­stadt Machatschkala. Es ist ein Labyrinth ohne Zentrum, durch das der sensible Bursche sich hindurch­finden muss. Und die Signale, die ihn unentwegt erreichen, könnten unterschiedlicher nicht sein und verwirren ihn am Ende ganz und gar. Die Autorin arbeitet die aktuelle Orientierungslosigkeit vor allem sprachlich heraus. Da stoßen nicht nur die unter­schied­lichsten Idiome der Einheimi­schen – in der nordkaukasischen Republik leben ca. 100 Völker auf engstem Raum – aufeinander, sondern auch Jugendslang, aus dem Arabischen übernommene Begriff­lichkeiten und das glatte Kauderwelsch prowestlicher Moder­ni­sierer sorgen dafür, dass niemand mehr den anderen versteht. Dass diese Situation latent gefährlich ist, zeigt die Autorin, indem sie ganz alltägliche Situationen immer wieder in Gewalt­ausbrü­chen kulminieren lässt, denen meist gerade unschuldig Bei­seite­stehende zum Opfer fallen.

Ob die Helden gesellschaftlich Geächtete und Ausge­stoßene sind wie in den Geschichten von Polina Kljukina, die die aktuelle Situation in ihrer Heimat von allen sechs versammelten Autoren sicher am düs­tersten sieht, oder ob sie sich in märchenhafte Poesie flüchten, wie sie zuweilen in den kaleidoskopartigen Erzähl­splittern eines Denis Osokin anklingt: Neue Wege suchen sie alle. Interes­sant ist dabei, dass als Ausgangs­station für ihre Aufbrüche ins Unbekannte nicht mehr die Hauptstadt Moskau dient, sondern dass man das Neue heute an den Rändern des Riesen­reichs, in der Provinz entdeckt. Auf jeden Fall aber liefert das kleine Bändchen mit seinen sechs Texten den Beweis, dass die unge­heure Kraft, die seit Jahrhun­derten von der russischen Literatur ausgeht, keineswegs am Versiegen ist. Wo solche Talente, wie die hier vorgestellten, zu Hause sind, existiert eine Zukunft auch für das Schreiben. Deutsche Leser sollten die Chance bekommen, noch mehr als bisher durch gute Über­setzungen an dieser Entwicklung teilzuhaben.
Dietmar Jacobsen   14.05.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Dietmar Jacobsen