poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Siegfried Lenz
Die Maske

„Das Schicksal ... begnügt sich damit, zuzuschlagen“

Fünf neue Erzählungen von Siegfried Lenz erkunden, wie viel Fantasie die Realität verträgt

  Kritik
  Siegfried Lenz
Die Maske
Erzählungen
Hoffmann und Campe Verlag 2011
123 Seiten, 17,99 Euro
ISBN 978-3-455-40098-4

Das Buch bei Amazon  externer Link



Der heute 85-jährige Siegfried Lenz hat sein umfangreiches Prosawerk einst mit Erzählungen begonnen. Texte wie Die Nacht im Hotel (1949), Mein verdrossenes Gesicht (1950) oder Der Läufer (1951) waren bereits Proben auf die Exempel seiner Romane von Es waren Habichte in der Luft (1951) über Deutschstunde (1968) und Heimatmuseum (1978) bis hin zu Fundbüro (2003). Und doch hat der Romancier, der das große, geschichtsträchtige Gesellschaftsbild so gut beherrscht wie kaum ein zweiter deutsch­sprachiger Schriftsteller unserer Zeit, nie aufgehört, auch kürzere Texte zu schreiben. Wer sich etwa den umfang­reichen Sammelband Die Erzählungen aus dem Jahr 2006 vornimmt, staunt nicht nur über die Vielzahl litera­rischer Einfälle auf der einen und das Arsenal immer wieder­kehrender Bilder und Motive auf der anderen Seite, sondern auch über die traum­hafte Sicherheit, mit der Lenz sein poetisches Hand­werks­zeug beherrscht.

Dass aus dem ange­kün­digten Roman Die Maske nun ein Erzäh­lungs­band gewor­den ist, sollte deshalb niemanden ent­täuschen. Vielleicht ist es sogar ein Glücks­fall, dass Kraft und Geduld für einen Viel­hundert­seiter nicht mehr reichten und stattdessen, gleich einem filigranen Rahmen um das Hauptwerk, ein formeller Bogen geschlagen wurde zu den erzäh­lerischen Anfängen des Autors. Die fünf Texte jedenfalls, die Die Maske auf knapp 120 Seiten vereint, lassen kaum Schwächen erkennen. Mit ihren nord­deutschen Szenerien, den boden­ständigen Figuren und dem nicht nach­lassenden Interesse des Autors an Schick­salen, in denen sich mehr spiegelt als Indi­vi­dualität, sind sie bester Lenz.

Zu Letzterem gehört natürlich die raue Natur des Meeres und der Menschen, die mit den Launen der See aufgewachsen sind. Die Titelgeschichte konfrontiert ihre Leser vom ersten Satz an mit diesen Gegebenheiten. Ein Sturm ist soeben abgeflaut und den Bewohnern einer kleinen Insel wird von den Naturgewalten ein Container mit chinesischen Tiermasken an die Küste geschwemmt. Gewohnt, dass Strandgut in den Besitz seines Finders übergeht, bemächtigt man sich der an das Hamburger Museum für Völker­kunde adres­sierten Ladung und erlebt in den nächsten Stunden Wundersames. Das eigene Gesicht versteckt hinter einer fremden Maske, will plötzlich gelingen, wozu man von Angesicht zu Angesicht nicht fähig war: Alte Feinde fallen sich in die Arme und eine Liebes­geschichte nimmt ihren Anfang. Die Masken verändern ihre Träger, bringen sie einander nahe - doch nur so lange, bis sie sich ihrer wieder entledigen müssen und ihre wahre Identität die Oberhand gewinnt.

Aber nicht nur hinter einer Maske kann ein Mensch verschwinden und plötzlich ein anderer werden, sondern auch hinter einer Geschichte. Wie jener Kapitän Karsten Klockner in der Erzählung Die Sitz­verteilung. Fünf Jahre hat der den Holzschoner „Britta“ durch Nord- und Ostsee gesteuert - bis zu jenem verhäng­nis­vollen Tag, an dem er das Schiff wider besseres Wissen direkt in ein Sturmgebiet hineinlaufen ließ. Weil er als Einziger bis zuletzt auf der Brücke ausharrte, soll er nun von seiner Reederei ausgezeichnet werden. Doch Klockner weiß um seine Schuld und die Erzählung enthüllt sie Seite für Seite, bis es ihrem Prota­gonisten nicht mehr möglich ist, die Ehrung anzunehmen.

Poetische Nachrichten aus einem anderen Leben bekommt der Ich-Erzähler in dem Text Der Entwurf zu hören. Direkt von der Kreuzung weg, auf der er mit seinem kleinen Fiat soeben einen Unfall hatte, wird er in ein Hospital am Hamburger Elbufer gebracht. Unversehens landet er dort in einem Zimmer, in dem schon ein offenbar bekannter Schrift­steller seiner Gene­sung ent­gegen­sieht. Als jener Besuch von seiner Frau bekommt und ihrem Wunsch, aus seinem Schreib­heft vorzulesen, Folge leistet, wird Lenz' Erzähler unfreiwillig Zeuge einer rüh­renden Geschichte. Sie handelt von dem Sohn des Ehepaars, beschreibt episodisch dessen Heran­wachsen zu einem tat­kräf­tigen jungen Mann – aben­teuer­lustig, intel­ligent, mit­fühlend und immer für andere da – und endet mit dessen tragischem Tod bei einer Schiffs­kolli­sion auf dem Elbstrom. Aber Siegfried Lenz wäre nicht Siegfried Lenz, wenn er dieser Beschrei­bung eines viel zu früh zu Ende gegan­genen Lebens, mit der sich zwei Menschen über den Tod ihres Kindes hinweg­zutrösten versuchen, nicht noch eine über­raschende Pointe aufsetzte. Sie hier zu verraten, würde das Lese­ver­gnügen an diesem kleinen, schul­buch­reifen Meister­werk sicher um einiges schmälern. Für diejenigen, die es dennoch nicht erwarten können: Sie findet sich auf Seite 104.

Leben und Kunst, Fantasie und Realität, Erlebtes und Erfun­denes – zwischen diesen Polen pendeln alle fünf Erzählungen des Bandes Die Maske. Sein Autor plädiert dafür, dass nichts davon das jeweils andere aus­schließt. Denn was wäre denn ein Leben ohne Kunst, die triste Realität ohne die sie über­höhende Fantasie? Und mischt sich Erlebtes, wenn man es rekapituliert, nicht immer auch mit Erfun­denem? Der Schrift­steller Fred Haller aus Der Entwurf weiß nur zu gut, was er bewirkt, wenn er seinem Sohn ein Leben erfindet, wie der es nie gehabt hat. Und die Rührung seiner Frau bestätigt ihn und seine Kunst. Doch ist er sich zugleich bewusst, wie vorläufig alles ist, was er zu Papier bringt: „Es ist noch nicht fertig, nur zur Sicherheit hinge­schrieben, damit uns einiges nicht abhan­den kommt; wir verlie­ren so viel, unver­sehens“, lauten seine zentralen Worte. Sie könnten auch ein Credo für den Schöpfer­willen seines Erfinders sein. Und ein Ver­sprechen, dass auch der noch lange nicht an sein Ende gekommen ist.

Weitere Kritiken von Dietmar Jacobsen zu Siegfried Lenz:
Schweigeminute  externer Link  |  Landesbühne  externer Link

Dietmar Jacobsen   10.01.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Dietmar Jacobsen