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Rayk Wieland

Ich schlage vor, dass wir uns küssen

„Die DDR war nie mein Lieblingsfilm“

In Rayk Wielands Romansatire erlebt der Leser die Geburt eines Untergrunddichters wider Willen

Kritik
  Rayk Wieland
Ich schlage vor, dass wir uns küssen
Roman
München: Verlag Antje Kunstmann 2009
208 Seiten, 17.90 Euro

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Jahrelang haben die Feuilletons in den frühen 90ern nach dem ultimativen Wenderoman Ausschau gehalten, ohne ihn je zu bekommen. Dann hat sich ein gewichtiger Autor genau in der Mitte des ersten Jahrzehnts nach dem Beitritt an einem solchen versucht und ist gescheitert. Die Resümees, die anlässlich des Jahrtausendwechsels auch deutsch-deutsches Problemgut ins Auge fassten, fühlten sich der Bedeutung des Datums wegen meist veranlasst, ihre Klagen ins Globale auszuweiten oder, blieben sie im Nationalen, größere historische Zeiträume auszuloten als läppische zehn Jahre. Endlich – ein und ein halbes Jahrzehnt ohne Mauer waren inzwischen ins wiedervereinte Land gegangen – gelang es einem vielhundertseitigen Briefroman, alle Anforderungen, die man an ein Buch zur jüngsten deutschen Geschichte nur stellen konnte, zu erfüllen. Damit aber schien das Thema nun endgültig allen ernsthaft analysierenden Zugriffen entzogen und die Tragödien machten, wie das immer so ist, für die Farcen Platz.

Ich schlage vor, dass wir uns küssen ist so ein der Satire verpflichtetes Nachspiel und stammt von dem heute in Hamburg lebenden Autor und TV-Journalisten Rayk Wieland (Jahrgang 1965). Sein als W. firmierender Held – Achtung, Hilbig-Persiflage! – steigt nach der Wende völlig unerwartet zum zynischen, Zigarren rauchenden Untergrunddichter auf – Achtung, Heiner-Müller-Persiflage! – und muss erfahren, dass eine Handvoll seiner einst nicht so ganz ernst gemeinten Liebesgedichte an eine Münchner Flamme namens Liane von der Stasi – Achtung, wieder Hilbig-Persiflage! – aus der Post gefischt und einer erhellenden Lektüre unterzogen wurde. In deren Verlauf erkannte ein gewisser Oberleutnant Schnatz auf „negative Grundhaltungen zu Teilen der Gesellschaft“, Zweifel „am Sinn des Lebens im Sozialismus“ und – aufgrund von W.'s dichterischer Vorliebe für den Konjunktiv – „offenen Widerspruch zur wissenschaftlichen Weltanschauung“, weil die „wahr“ sei und sich infolgedessen stets im Indikativ offenbare. Fazit vor mehr als zwanzig Jahren: „Das Erscheinen von Schriften diffamierenden Charakters wie diesen in der DDR oder im NSA muß mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterbunden werden.“ Unter NSA verstand man in jenen weit zurückliegenden Tagen das „nichtsozialistische Ausland“.

Was wirklich dran ist an den in­kriminierten Geistes­produkten, die einst eine dicke Akte und einen opera­tiven Vorgang nach sich zogen, Wohnungs­durch­suchungen und andere „verdeckte“ Aktionen inklusive, darf der Leser überprüfen, indem ihm in einem Anhang zum Buch jene 20 Gedichte präsentiert werden, die in der Interpretation des Stasi-„Experten“ zu staats­gefährdend-negativer Konter­bande mutiert waren. Da liest man dann zum Beispiel: „Für dich ist dies Gedicht geschrieben./ Dafür sollst du mich einmal lieben./ Dafür sollst du mich einmal küssen./ Und nicht nur einmal, sollst du wissen./ Und nicht nur küssen, meine Liebe./ Ich denke auch an andre Triebe,/ Die, weißt du, weiter südlich liegen./ Ich dichte nur. Um dich zu kriegen.“ Und natürlich hat Exeget Schnatz in einer von vielen Fußnoten hier angefügt, es handele sich gegen Ende des lyrischen Ergusses um einen chiffrierten Hinweis seines Verfassers, womöglich in Bälde aus der mitteleuropäischen DDR ins kapitalistische Portugal zu verduften.

Wielands kleiner Roman schöpft sein Thema – den Sicherheitswahn eines Staats, der hinter jedem unzensierten Satz konterrevolutionäre Kräfte vermutete und mit höchstem Aufwand daranging, sich seine Opposition selbst zu erzeugen, auf dass den dann zuständigen Organen ihre Arbeit erhalten bliebe – voll aus. Seinem ahnungslosen Helden beschert er im Jahr 2009 die Einladung einer sich mit Untergrunddichtung beschäftigenden Organisation zu einem Symposium über „Dichter, Dramen, Diktatur“. Um sich an jene Zeit zurückzuerinnern, muss W. allerdings die Hilfe einer „Regressionsbegleiterin“ in Anspruch nehmen, die ihn ganz behutsam in die Vergangenheit eintauchen lässt. Da ist dann alles wieder da, was die DDR einst ausmachte, und der in Leipzig aufgewachsene Wieland hat inzwischen genug Abstand zum Damals, um es lachend in Frage zu stellen. Herrliche Szenen gelingen dadurch, am schönsten wohl die über mehrere Seiten sich hinziehende Beschreibung eines jener Wandgemälde, wie sie, häufig von Laienkünstlergruppen unter mehr oder weniger kundiger Anleitung in der Freizeit angefertigt, Schulflure, Betriebskantinen, Theaterfoyers und andere öffentlich zugängliche Orte schmückten.

Mit Liane übrigens, der dichterisch angeschwärmten Münchnerin, hat Rayk Wielands Protagonist schon lange nichts mehr am Hut, als seine Liebeselogen aus den Stasiakten auftauchen. Ideologische Differenzen haben die beiden schon kurz nach der Wende ins Beziehungsaus geführt. Und auch sein Auftritt als Verfasser „tickende(r) Lyrikbombe(n)“ geht gründlich daneben. Ganz nebenbei aber schickt er uns auf eine denkwürdige Reise durch die Abgründe, den Größenwahn und den Kleinmut eines untergegangenen Landes. Und selbst erlebt soll das Ganze auch noch sein. Ob allerdings auch jenen die Sache so spaßig erscheinen wird, denen das System wirklich übel mitspielte, nur weil sie etwas Besseres aus ihm machen wollten, soll leise bezweifelt sein. Zu verübeln wäre es ihnen nicht, fänden sie Rayk Wielands Roman dann doch ein bisschen zu einseitig.
Rayk Wieland wurde 1965 in Leipzig geboren und studierte Philosophie. Er war Zeitungs-, Funk- und Fernsehredakteur und lebt als Autor und TV-Journalist in der Nähe von Hamburg.
Dietmar Jacobsen     16.06.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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