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Andrej Gelassimow
Durst

Sehnsucht nach Leben

Andrej Gelassimow erzählt in Durst von den Traumata der
Tschetschenien-Kriege

  Kritik
  Andrej Gelassimow
Durst
Aus dem Russischen von
Dorothea Trottenberg
Berlin: Suhrkamp Verlag 2011
115 Seiten, 12,00 Euro

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Kostja ist ein Tschetschenienveteran. Im ersten Krieg um die Unabhängigkeit der kleinen Kaukasusrepublik von der Moskauer Zentralregierung hat es ihn erwischt. Nahe Grosny geriet der Panzer, in dem er zusammen mit fünf anderen saß, in einen Hinterhalt. Und weil es so schien, als sei Kostja tot, hat ihn sein Kumpel Serjoga als Letzten aus dem brennenden Fahrzeug gezogen. Nun lebt er zwar noch, doch sein furchtbar entstelltes Gesicht macht es ihm schwer, zurück­zukehren zur Normalität des Daseins in einem Land, wo man sich generell schwertut mit den zwei Kriegen, die seit Mitte der 90er Jahre im Nord­kaukasus geführt wurden, und sich lieber abwendet von all dem Unheil, das sie über viele russische Familien gebracht haben.

Mit Durst – erstmals erschienen 2002 – ist dem 1965 in Irkutsk geborenen Andrej Gelassimow ein Text gelungen, der ihn auf Anhieb in die erste Reihe der russi­schen Gegen­warts­autoren katapultierte. In meister­hafter Ver­knappung, Szene an Szene reihend und die Bilder für sich sprechen lassend, erzählt er vom Krieg anhand der Spuren, mit denen er sich in die Phy­siog­nomie eines Überlebenden einge­graben hat. Denn wenn man Kostja Scharapow ins Gesicht schaut, wird man auf grauenhafte Weise konfron­tiert mit Dingen, vor denen man am liebsten die Augen verschlösse.

Doch Gelassimow bleibt nicht stehen bei der Beschwö­rung beschä­digter Biografien und den Schwierigkeiten trauma­tisierter Männer, sich in das alltägliche Leben ihres Landes wieder­einzu­gliedern. Der Durst, den der Titel seiner Erzählung beschwört, richtet sich nicht nur auf den bekannten Treibstoff des Vergessens, mit dem Kostja seinen Kühlschrank bis an den Rand gefüllt hat. Er gilt darüber­hinaus dem Leben, um das sich viele betrogen fühlen, denen die Rückkehr in ihr altes Dasein kaum gelingen will.

Auch Kostja kennt die Momente der Verzweiflung. Dann taucht er ab in die Delirien, die ihm der Wodka schenkt. Spielt für die Nachbarin das Schreckgespenst, damit die ihren Sohn am Abend ins Bett bekommt. Oder bringt ihr den Spiegel, in den er selbst nicht mehr zu blicken vermag. Aber es gibt auch lichte Momente in seinem Leben. Dann macht sich Kostja auf mit den früheren Kameraden, um den von der Bildfläche verschwun­denen Serjoga, ihren und seinen Lebens­retter, zu suchen. Dann kann er an keinem Blatt Papier vorübergehen, ohne den Bleistift zu zücken und ein Stück der Realität zu skizzieren, die allein in seinem Kopf existiert. Dann entdeckt er bei der vor­sichtigen An­nähe­rung an die neue Familie seines Vaters, mit dem er jahrelang zerstritten war, wie viel ihm Kinder bedeuten samt der Zukunft, die ihm aus deren neugierigen Augen entgegen­leuchtet.

Durst erzählt nicht zuletzt die Genese eines Künstlers samt den Tröstungen, die nur die Kunst dem Menschen zu geben vermag. In zahlreichen Abschnitten, die in die Kindheit und Jugend des Helden zurück­blicken, wird deutlich, wie da einer von früh auf sich müht, hinter den Dingen, die er sieht, mit seinem Zeichen­stift das Wirklich­keit werden zu lassen, was im Leben nur als Möglich­keit angelegt ist. Wie genau dieser Mann Realität im Bild erfassen kann, sie aber auch ganz bewusst über­schreitet in der Überzeugung, dass das, was ist, noch lange nicht genug ist. Und so malt er den Gefallenen des Krieges ein Leben aus, von dem der Tod sie für immer trennte, gibt ihnen auf dem Papier fiktive Familien an die Seite, lässt sie glücklich sein und wenigstens in seiner Kunst eine Perspektive haben.

Am Ende schließlich zeichnet Gelassimows Held sein eigenes Gesicht – so wie es war, bevor es vom Feuer ver­nichtet wurde – und findet in diesem Moment zurück zu sich selbst. Für den Leser, der ja kein Skizzen­buch sondern eine Erzählung vor sich hat, stellen die vielen kleinen Abschnitte, aus denen diese besteht, das Äquivalent zu den Zeich­nungen des Kostja Scharapow dar. Jeder einzelne Textteil ist eine Moment­aufnahme aus dessen Leben. Frühe familiäre Enttäu­schungen und die brutale Realität des Krieges stehen da neben­einander. Die Verheißungen der Kunst und die Enttäuschungen durch einen Vater, der die Familie früh verließ, werden lebendig. Eines gütigen Lehr­meisters wird gedacht und des von ihm erweckten Durstes nach Verwirk­lichung, der durch den Griff zur Flasche nicht gestillt werden kannn. Weil Leben einfach mehr braucht, um zu gelingen. Und nichts schlimmer ist, als wenn man sich durch die Umstände seelisch austrocknen lässt.
Dietmar Jacobsen   04.08.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Dietmar Jacobsen