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Martín Kohan
Sittenlehre

„ ... sehen, ohne hinzusehen“

Der Argentinier Martín Kohan analysiert in seinem Roman Sittenlehre die menschlichen Verstrickungen in einer Diktatur

  Kritik
  Martín Kohan
Sittenlehre
Roman
Berlin: Suhrkamp Verlag 2010
247 Seiten | 19,90 Euro

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María Teresa ist Aufseherin. Vor allem während der Pausen am Colegio Nacional in Buenos Aires hat die junge Frau ihres Amtes zu walten. Und sie ist voller Eifer bei der Sache. Antreten und ausrichten lassen. Die Frisuren kontrollieren. Auf die korrekte Kleidung achten – die Socken müssen nicht nur blau, sondern auch aus Nylon sein. Denn Disziplin und Ordnung sind die Grund­pfeiler einer Gesell­schaft, in der die Zöglinge einer Anstalt mit großer Vergangenheit in nicht allzu ferner Zukunft tragende Rollen übernehmen sollen. Und die hier unter­rich­tenden Lehrer und Aufsichts­kräfte haben sich ganz in den Dienst eines Systems gestellt, dass dem Einzelnen grund­sätzlich mißtraut und ihn sich deshalb durch beständigen Drill zu Willen macht.

Martín Kohans Roman aus dem Jahr 2007 spielt ein Viertel­jahrhundert früher, im Mai 1982. Knapp drei Wochen sind es da noch bis zur Kapitulation Argentiniens im Falkland-Krieg am 14. Juni 1982. Ein Jahr später sollte in der wechsel­vollen Ge­schichte des Landes die Demo­kratie unter Raúl Alfonsín ihre nächste Chance bekommen. Nach dem Unter­gang der letzten Militär­junta gerieten die unheilvollen Jahre unter Diktatoren wie Jorge Videla und Leopoldo Galtieri allerdings nie in Ver­gessen­heit. Dafür sorgten nicht zuletzt die Verwandten jener mehr als 30.000 zwischen 1976 und 1978 „Verschwundenen“ deren sich die Militärs auf teils grausame Weise entledigt hatten. Was von den Müttern der hauptsächlich der Intel­lektuellen­schicht zuzählenden Opfer unter Einsatz des eigenen Lebens noch während der Diktatur mit Demonstrationen auf der Plaza de Mayo, dem zentralen Platz von Buenos Aires, begonnen wurde, hält bis heute an. Neben der Aufklärung der Schicksale jener Männer und Frauen und von deren überlebenden Kindern wird es inzwischen aber für fast genauso wichtig erachtet, den Bedingungen nachzufragen, die das dünne Eis einer demokratisch struktu­rierten Gesell­schaft splittern lassen und in die Abgründe der Willkürherrschaft führen. Martín Kohan (Jahrgang 1967) gehört zu jenen jüngeren argen­tinischen Autoren, die diese Frage auf die menschliche Verfasstheit beziehen und sich für jene Eigenschaften interes­sieren, die einfache Menschen zu gedankenlosen Mitläufern einer verbreche­rischen Junta werden lassen, die auf ihr eigenes Denken zunehmend verzichten.

Bei der jungen Schulaufseherin María hat man es mit genau diesem Typ zu tun. Wenig gebildet, autoritätshörig und stets bemüht, mehr zu leisten als das ohnehin ihr Abverlangte, funktioniert sie als eines jener Rädchen im System, die im Zusammen­spiel mit vielen anderen dem großen Ganzen erst seinen Schwung verleihen. Überall Verstöße gegen die Ordnung vermutend – da ein Fingerbreit Nackenhaar zu viel, dort die Andeutung eines die gesell­schaft­liche Hierarchie in Fage stellenden, anzüglichen Lächelns –, ist sie ein Seismograph des Unerlaubten, das, wenn man es frei gewähren ließe, die gottgewollte Ordnung der Dinge stürzen würde. Damit dies nicht geschieht, legt sich María Teresa auf die Lauer. Und weil sie im wahrsten Sinne des Wortes wittert, dass die Jungentoilette des Gymnasiums jener Ort ist, wo die Anarchie ihren Anfang nehmen könnte, überwindet sie voller Eifer ihre natürliche Scheu und verbringt immer mehr Zeit versteckt in einer der ver­schmutzten Kabinen, um Insubor­dina­tionen aufzudecken, die nur in ihrem Kopf existieren.

Sittenlehre ist ein kleines Meister­werk. Gerade weil es sich auf seine tumbe Heldin, ein gutes Dutzend der von ihr bewachten Schüler und eine Handvoll in der Schul­hierarchie über ihr stehende Personen beschränkt, sich kaum je den Blick hinaus gestattet auf die Straßen und Plätze der Haupt­stadt eines Landes, das gerade einen blutigen Krieg führt, den es nicht gewinnen kann, erzählt es mehr über den Zustand des Gemeinwesens, als dies ein breit angelegter Gesell­schafts­roman zu leisten in der Lage wäre. Doch vor allem erforscht es das Innenleben jener, die es braucht, damit solch ein Gebilde funktio­nieren kann – harmlose kleine Leute, die sich für "höhere" Zwecke einspannen lassen und nach einer Weile ganz selbstverständlich in diesen Zwecken aufgehen. Dass María Teresa, wenn sie – alle Geräusche, die sie verraten würden, unterdrückend – dem Verbotenen hinterher­schnüffelt, nur um Stück für Stück selbst in den Sog des Unerlaubten zu geraten, sich plötzlich ihrer an diesem Ort der intimsten Ver­richtungen des anderen Geschlechts immer drängender werdenden Sexualität ausgeliefert sieht, ohne je die Chance auf deren natürliche Befriedigung zu besitzen, nutzen schließlich andere aus, um sich nach dem Geist auch noch den Körper der jungen Frau anzueignen.

Und das Draußen? Die Welt hinter den dicken Mauern einer Einrichtung, in der die Kader für die unendliche Fort­setzung des gesell­schaft­lichen Status quo erzogen werden? Ganz allmählich nur sickert die Realität, der sich am Ende niemand mehr entziehen kann, in Martín Kohans Roman ein. Ganze 109 Seiten, also fast die Hälfte des Textes, vergehen, bis die Schüler zum ersten Mal mit einer Frage zur aktuellen politischen Situation ihres Landes, dessen Lob sie täglich singen und dessen Flagge allmorgendlich aufgezogen wird, konfrontiert werden. Bis dahin ist der Krieg vor allem ein theoretisches Problem, Thema für Hausarbeiten, zu inter­pretie­rendes Gemäldemotiv, Inhalt von Geschichtslektionen. Und auch María Teresa, wenn sie am Abend ihren Arbeitsplatz verlässt und nach Hause fährt, vermittelt den Eindruck, als befände sich zwischen ihr und der Lebens­wirklich­keit ihres dem Abgrund entgegentaumelnden Landes ein die Wahrnehmung verzerrender Schleier. Da ist die depressive Mutter. Da ist der verschwundene Vater. Da ist der Bruder Francisco, eingezogen zur argentinischen Armee und immer weiter in den Süden des Landes verlegt, kryptische Karten schreibend, die die fort­schreitende Auslöschung seiner Person symbolisieren. Und da ist nicht zuletzt Herr Biasutto, der Aufseher über die Aufseher des Gymnasiums, dessen legendäres Heldentum offensichtlich darin bestanden hat, dass er einst Listen von Systemgegnern zusammenstellte und damit verantwortlich für deren Verschwinden ist. Doch all das scheint die immer mehr in ihren Wahn abdriftende Frau gar nicht richtig zu erreichen, prallt an ihr ab, weil sie längst die Fähigkeit verloren hat, sich ihrer tat­sächlichen Lage bewusst zu sein.

Wie enden Diktaturen? Oftmals sehr unspektakulär. Ein System verschwindet und wird durch ein anderes ersetzt – man denke an 1989/ 90 und unser Land. Grandios deshalb die letzten drei Seiten dieses Romans. Nach der endgültigen Niederlage der Argentinier im Falkland-Krieg setzt der Unterricht am Colegio Nacional für drei Tage aus. Am vierten Tag öffnet das Institut wieder seine Pforten. Die gesamte Schulleitung ist neu. Studienleiter, Rektor und Oberaufseher wurden ersetzt. Sämtliche Amts­vorgänger „sind einfach nicht mehr da. Sie sind weg, sie kommen nicht zurück, im Colegio werden sie nie mehr zu sehen sein.“ Auch Konsequenzen haben sie offenbar nicht zu befürchten. Sie sind wie in einen bösen Schlaf gefallen. Abgetaucht, unter einer Ober­fläche verschwunden, die sich langsam eine neue Form gibt. Doch vielleicht warten sie auch nur auf eine günstige Gelegenheit. Verhalten sich still bis zum Tag X – und sind dann plötzlich wieder mitten unter uns, in Argentinien, in Europa, in der Welt. Romane wie Sittenlehre tragen auch – ob sie das explizit beabsichtigen oder nicht – dazu bei, dass dies nicht geschieht. Dass man besser begreift, wie verhängnis­voll es sein kann, sich ohne Not seiner Freiheit zu begeben. Dass man genauer hinsieht – auch in sich selbst hinein.

Dietmar Jacobsen   17.12.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Dietmar Jacobsen