poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Judith Schalansky
Der Hals der Giraffe

„Wer den längeren Hals hat, lebt auch länger“

In Judith Schalanskys Roman Der Hals der Giraffe erfährt eine Biologielehrerin schmerzhaft, dass die darwinistische Entwicklungslehre wohl doch nicht alles ist

  Kritik
  Judith Schalansky
Der Hals der Giraffe
Bildungsroman
Berlin: Suhrkamp Verlag 2011
222 Seiten, 21,90 Euro

Das Buch bei Amazon  externer Link



Jetzt mal ganz ehrlich: Erinnern Sie sich noch an Ihren Biologielehrer bzw. sein weibliches Pendant? Nein, tun Sie nicht? Na, sehen Sie – mir geht es nämlich genauso. Ich glaube sogar, Biologie zählt zu den Fächern, die man nicht so richtig ernst nimmt. Mathematik – na klar. Englisch – aber hallo und am liebsten schon im Kindergarten. Aber Biologie? Im Grunde wartet man all die Jahre, die man mit Kreuz­blütlern, Wirbel­losen und Säuge­tieren verbringt, ja sowieso nur auf das eine Thema. Danach ist endgültig Schluss mit dem biologischen Interesse. Oder rennt einer von Ihnen heute noch in seiner Freizeit mit dem Schmetter­lings­netz durch den Wald und seziert Ochsen­augen, wenn ihm mal lang­weilig ist? Nein, beant­worten Sie die Frage nicht! Staunen Sie lieber mit mir darüber, dass die in Greifswald gebo­rene Judith Scha­lansky einen ganzen Roman über eine Bio­logie­lehrerin ge­schrie­ben hat. Die Frau macht einem zwar das Fach auch nicht sym­pathi­scher, aber wer verlangt das schon von einer literarischen Figur.

Der Hals der Giraffe heißt Schalanskys Roman übrigens. Es ist das Werk einer Autorin, die ihre Bücher auch selbst designt und dafür schon etliche Preise gewonnen hat. Nichts bleibt deshalb dem Zufall über­lassen. Der Band fasst sich an wie meine alte DDR-Ausgabe von John Reeds Zehn Tage, die die Welt er­schüt­terten (Dietz Verlag, Berlin 1988): grobes, graues Leinen, das die Finger nicht abrut­schen lässt und einen Schutz­umschlag über­flüssig macht, indem es den Ein­druck ver­mittelt, sich selbst hin­reichend schützen zu können. In zwei Schrift­typen sind die wesent­lichsten Infor­mationen aufgeprägt und dem auf dem Titel sich findenden Giraffenskelett fehlt der Kopf, was die Aufmerk­samkeit auf den Körperteil lenkt, der dem Buch seinen Titel gegeben hat.

Im Text selbst braucht es übrigens eine ganze Weile, bis man zum ersten Mal auf den Giraffen­hals stößt. Dann aber wird sofort klar, warum dieser Roman gar nicht anders heißen konnte. Denn Inge Lohmark, Bio­logie- und Sportlehrerin am Charles-Darwin-Gymnasium einer kleinen Stadt im „vorpommer­schen Hinter­land“, geht ganz auf in ihrem biolo­gistischen Weltbild. Dem­nach hat der Giraf­fen­hals es vormals geschafft, sich über Gene­rationen hin so zu strecken, dass das Tier auch in Dür­re­zeiten bequem an die höher hängenden Blätter heran­kommen konnte. „Und alle anderen, alle die, die sich nicht genug ange­strengt haben, die bleiben kurzhalsig und gehen jämmerlich zugrunde ... Das Leben ist ein Recken und Strecken. Für jeden Ein­zelnen von uns.“

Doch wenn Inge Lohmark sich umschaut in ihrer neunten Klasse, dann fällt ihr Blick auf lauter „Kurz­halsige“, um im Bild zu bleiben. Keinem der zwölf Letzten ihrer Art – der Landstrich entleert sich und das Darwin-Gymna­sium wird schließen, wenn dieser Jahrgang sein Abitur gemacht hat – traut sie zu, als Sieger aus den aktuellen Über­lebenskämpfen her­vor­zugehen. Nein, da sitzt nur „Nach­schub fürs Renten­system“, für den sie keinen „Hochverrat am Prädikat Sehr gut“ begehen wird. „Ganz ohne Tobsuchtsanfall und Schlüsselbundwerferei“ lässt sie jeden einzelnen der zwölf Schüler spüren, dass er ihr ausgeliefert ist. Ohne neu­modische „Kennen­lernspiele“ und die „Inte­grations­wut“ jener erst kürzlich von den Univer­si­täten gekommenen Lehrer zählen bei ihr allein Leis­tung, Pünkt­lich­keit, Sauber­keit und „das Prinzip der Auslese“. Nach­hilfe­stunden, Haus­besuche und psycho­logische Gutachten? „Es lohnte einfach nicht, die Schwachen mitzuschleifen. Sie waren nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behinderte.“

Man könnte seitenlang so weiter­zitieren. Und es macht – zugegeben – auch großen Spaß, dieser fast ins Groteske übertriebenen Figur bei ihren inneren Monologen, mit denen sie den Schulalltag über ein Jahr hin begleitet, zuzuhören. Denn sie ist durchaus eloquent, wenn auch auf eine Art, die einen schau­dern macht. Allein einen ganzen Roman mit den Sottisen dieser Frau zu füllen, die zu DDR-Zeiten auch hin und wieder einen „Bericht“ geschrie­ben hat und nichts mehr hasst als Nähe, Ver­ständnis und „Anbiede­rei“, weil die in ihrem darwinis­tischen Welt­ver­ständ­nis nichts zu suchen haben, ginge wohl schlecht an. Und so lässt Judth Schalansky eines Tages in dieser trockenen Predi­gerin der Natur­gesetz­lichkeiten ein Gefühl entstehen. Und stürzt sie damit unversehens in die Krise ihres Lebens.

Einen „Bildungs­roman“ hat die Autorin ihr Buch im Untertitel genannt. Und es schein­bar mit Bildung überfrachtet.“Naturhaushalte“, „Vererbungsvorgänge“ und „Ent­wicklungs­lehre“ heißen die drei großen Abschnitte, in die der Roman unter­teilt ist. Im Kopf jeder unge­raden Seite erfährt das Thema des jeweiligen Abschnitts dann noch einmal eine fach­spezi­fische Unter­gliederung. Und wie man das von einem Exkurs in biologische Grundfragen auch nicht anders erwartet, lockern Zeichnungen von Quallen, Seekühen, Pantoffeltierchen und anderen evo­lutionären Sensa­tionen den Text auf. Über all den Fakten und Zusammenhängen, die den Bil­dungs­horizont der Inge Lohmark abstecken, ist eine Art von Bildung ihr aber ganz offensichtlich abhanden gekommen – die Bildung des Herzens nämlich.

So trifft es sie mit Wucht, wenn sie plötzlich ent­deckt, dass ihr – bei aller pro­gramma­tischen Dis­tanz zu ihren zwölf Eleven – eine Schülerin wohl doch ein wenig mehr bedeutet als die anderen. „Das Heide­kraut“ hat sie diese Erika in ihren persönlichen Notizen am Anfang des Schuljahres getauft und qualifizierend fest­gehal­ten: „Gepflegte Traurig­keit in geneig­ter Haltung. Sommer­sprossen auf milchiger Haut. Abgekaute Finger­nägel. Strähniges, braunes Haar. Verrut­schtes Auge. Fester, schie­fer Blick. Müde und gleichzeitig wach.“ Die Art ist mit diesen trock­enen Sätzen gültig beschrieben. Dass das Mädchen sie als Indivi­duum selbst immer mehr anzieht, kann Judith Scha­lanskys Prota­gonistin dennoch nicht leugnen. Deshalb tut und denkt sie Dinge, derer sie sich nie für fähig hielt. Und übersieht zur gleichen Zeit, dass das Klima unter den ihr anver­trau­ten Jugendlichen sich auf gefähr­liche Weise zu verändern beginnt.

Eine Schlüsselszene zum Verständnis der Hauptfigur dieses bril­lanten kleinen Romans findet sich kurz vor dessen Schluss. Denn natür­lich steht Inge Lohmark nicht allein in der Welt. Sie hat einen Mann und eine Tochter. Während Wolfgang Lohmark sich ganz der Straußen­zucht widmet, die er sich als neue beruf­liche Per­spektive nach der Wende gewählt hat, lebt Claudia seit mehr als einem Jahrzehnt in den USA. Dass sie inzwischen ver­hei­ratet ist, hat eine kurze Mail vermeldet. Einst saß sie – schüchtern, schweig­sam und allein – im Bio­logie­unter­richt und hatte wohl das von ihren Klas­sen­kame­raden zu erdulden, was Lehrer­kinder in der Regel zu erdulden haben. Bis sie in einer ver­zwei­felten Aktion mitten in einer Schulstunde auf ihre Mutter zuging und um deren Schutz bat. Doch die Leh­rerin verweigerte, was allein der Mutter zuge­standen hätte, und stieß das Kind zurück und zu Boden: „Vor der ganzen Klasse. Natür­lich war sie ihre Mutter. Aber zualler­erst ihre Lehrerin … Niemand ging zu ihr. Niemand tröstete sie. Auch sie nicht. Es ging nicht. Vor der ganzen Klasse. Nicht möglich. Sie waren in der Schule. Es war Unter­richt. Sie war Frau Lohmark.“

Der Hals der Giraffe ist ein Buch, in dem mehr zwischen den Zeilen steht als in ihnen. Wem es gelingt, die star­re Maske seiner Hauptfigur lesend zu durch­dringen, der findet jemand, dem es immer schwerer fällt, mit sich und der Welt zurecht­zukommen. Inge Lohmark will ihre Gefühle ver­stecken und wird doch im selben Moment von ihnen heim­gesucht. Sie hängt an ihren Über­zeu­gungen und handelt gleich­zeitig gegen sie. Biolo­gische Mecha­nismen, denen sie ihr Leben unter­ordnete, werden von vitalen Regungen verdrängt. Inwie­weit sie denen in ihrem speziellen Fall nach­geben sollte, ist eine zweit­rangige Frage. Allein dass sie da sind, aus der Tiefe an die Ober­fläche drängen, lässt den Leser am Ende hinter einer funktio­nie­renden Maschine auch einen Blick auf den Menschen Inge Lohmark erhaschen. Auch wenn es da viel­leicht schon zu spät ist.
Dietmar Jacobsen   29.01.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Dietmar Jacobsen