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Thomas von Steinaecker

Schutzgebiet

Unsicherheitsfaktor Mensch

Thomas von Steinaecker mischt in seinem neuen Roman deutsche Kolonialgeschichte mit Franz Kafka und Jules Verne

Kritik
  Thomas von Steinaecker
Schutzgebiet
Roman
Frankfurter Verlagsanstalt 2009
383 Seiten, 17,90 Euro

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Es sind alles Gescheiterte, die sich da Anfang des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts in der fiktiven deutschen Kolonie Tola am westlichen Rand des afrikanischen Kontinents zusammenfinden. Henry Peters, wenn man so will die Zentralfigur des Romans, erleidet gleich zu Anfang Schiffbruch im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der Überfahrt zu seinem ganz speziellen „Platz an der Sonne“ verliert der Möchtegern-Stararchitekt, der um nichts in der Welt eine Dependance des New Yorker Immobilien-Büros seines Vaters in der Alten Welt betreiben möchte, nicht nur den Schiffsboden der „Brünn­hilde“ während eines Sturms unter seinen Füßen, sondern auch die ihm soeben angetraute Frau an das aufgewühlte Meer. In einem Einge­borenen­dorf an der Küste findet er sich wieder und versteht seine Situation so sehr als Neugeburt, dass er sich in der Festung Benesi, seinem Bestimmungs­ort, wenn er ihn endlich erreicht, unter dem Namen seines ebenfalls bei dem Unglück ums Leben gekommenen Arbeit­gebers, des Potsdamer Architekten Selwin, einführt.

Die Gesellschaft, die sich auf jenem un­wirt­lichen Posten fernab der europä­ischen Zivilisation eingerichtet hat, unterscheidet sich von dem Hochstapler, der hofft, unter neuem Namen endlich als Baumeister Anerkennung zu finden, nur graduell. Gerber, der Verwalter der Festung, ist ein bereits mehrfach gescheiterter Unternehmer aus dem süd­deutschen Raum, den nach all den Misserfolgen zu Hause niemand mehr ernst nimmt. Der Arzt Brückner, einst voller Wissensdrang und ernsthaft sozial engagiert, hat seinen guten Ruf in der Hamburger Gesellschaft durch Rausch­gift­affären ruiniert und ist aus schierer Lebens­verzweiflung einer Stellen­anzeige auf den Leim gegangen, die ihn nach Afrika lockte. Doch hier erwartete ihn keine Praxis voller dankbarer Patienten, sondern nur ein einsames Zimmer in der maroden Festung, in dem er sich permanent betäubt und die Nächte gele­gentlich mit Gerbers liebes­hungriger Schwester Käthe durchmacht. Und schließlich ist da noch der preußische Militär von Schirach, wahrlich ein Ritter von der traurigen Gestalt, der eine kleine Schwadron Eingeborener herum­scheucht – für ihn und die anderen selbst­verständlich „Neger“ –, die die Oase bei Bedarf gegen Angreifer schützen soll.

Und zu welchem Zweck hat sich das Häufchen von Versagern fernab aller Zivilisation versammelt? Um ein Utopia zu schaffen, eine Stadt der Zukunft inmitten karger Landschaft, einen paradiesischen Flecken Erde, umgeben von Wäldern, wie sie Afrika noch nie gesehen hat. Ganze Schiffsladungen von Setzlingen sollen unterwegs sein, abgeschickt im Auftrag der das Unternehmen vor­finanzierenden Bremer Kolonial­gesellschaft, die damit keinerlei Risiko eingeht, denn sie hat Gerber verpflichtet, auch im Falle des Scheiterns seiner Pläne sämtliche vorgestreckten Mittel zurückzuzahlen.

Doch Scheitern gehört nicht zu den Kategorien, in denen dieser Mann denkt. In absehbarer Zeit, so schwebt ihm stattdessen vor, wird der Wind hier durch die Bäume pfeifen. Tannen werden ihre Wipfel gen Himmel recken, Fichten, Birken, Buchen, Eichen, Eschen – kurz und gut: „Ein deutscher Wald auf afrikanischem Boden!“ Aufforstung im großen Stil mit Experten aus der Heimat, um deren Gesundheit und die ihrer mitgebrachten Familien sich Dr. Brückner kümmern und deren Sicherheit die kleine Schutztruppe unter Leitung von Schirachs garantieren soll. Für all die zukünftig Zuziehenden Wohnraum zu schaffen in einer sich in konzentrischen Kreisen um das Festungs­zentrum herumziehenden, klug ersonnenen Stadt, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, ist schließlich die Aufgabe des Neu­ankömmlings Henry Peters.

Aber der Schiffbruch, der den erst in die Position gebracht hat, Pläne für eine ins Zentrum dieses Neuen Atlantis zu bauende Ansiedlung zu entwerfen, markiert nur den Beginn einer Reihe von Katastrophen, von denen das Unternehmen nacheinander heimgesucht wird. An deren Ende steht der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und das Erscheinen einer franzö­sischen Einheit vor dem Fort, aus dem trotz allen eifrigen Bemühens noch immer keine stolze Stadt geworden ist. Was die ihren Wahn­vorstellungen lebenden Bewohner der Festung wohl zu verteidigen haben, fragt sich der Komman­dierende der Franzosen noch irritiert. Dann lässt er auf die seltsamen Utopisten feuern.

Schutzgebiet beginnt mit dieser Szene und der Roman schließt auch mit ihr, so dass der Leser von Anfang an im Bilde darüber ist, dass aus all den hoch­fliegenden Gedanken­projektionen und Gewinn ver­sprechenden Plänen am Ende nichts werden wird. Umso faszinierter folgt er den einzelnen Figuren in ihre Wahnwelten, nimmt teil an den Delirien, in die sie der zunehmende Realitäts­verlust stürzt, taucht ab in die – für mich zu den besten Passagen des Buches zählenden – Vorge­schichten der einzelnen Prota­gonisten, aus denen sich leicht ganz eigen­ständige Erzählungen hätten entwickeln lassen.

Anders als etwa Uwe Timm in seinem Kolonial­roman Morenga (1978) geht es Thomas von Steinaecker nicht in erster Linie um die Evokation eines deutschen Geschichtsabschnitts, der literarisch heute kaum mehr inter­es­siert. Er benutzt den mit Anklängen an die geschichtlichen Realitäten vor den beiden Weltkriegen ausgerüsteten fiktiven Schauplatz nur als exotische Kulisse für ein Spiel, wie es bis heute immer wieder gespielt wird – man denke nur an das Afgha­nistan­abenteuer, in das sich Deutsch­land gegen­wärtig mit wenig Aussicht auf Erfolg ver­stricken lässt, oder die weltweite Finanz­krise, verursacht von Leuten, die sämtliche Bodenhaftung verloren hatten und an die Machbarkeit des Unmach­baren glaubten. Diesen Hasar­deuren, denen gut­gläubige Menschen ins Netz gingen und dabei alles verloren, sind die Gerbers und von Schirachs und Brückners ähnlich. Luft­schloss­bauer wie Henry Peters waren es, die Schulden zum Ver­schwinden bringen konnten, indem sie eine weiter­verkauf­bare Ware aus ihnen machten.

Nicht zuletzt geht es in Schutzgebiet aber auch um Literatur. Fremde Texte haben in mannigfacher Form Einlass in den Roman gefunden. Schon das Motto stammt von Jules Verne, zahlreiche weitere Anspielungen auf den Vater der Science-Fiction-Literatur und einzelne seiner Werke finden sich im Text. Heßling – wie jener Diederich H., Hauptgestalt in Heinrich Manns Untertan – heißt eine Figur, die in den Salons, in denen Gerber in Frankreich verkehrt, gern das Lied vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen soll, anstimmt. Und wem fiele nicht Franz Kafka ein, wenn er liest, in welch undurch­dringlichen Nebel sich all die hüllen, von denen das Häuflein Verrückter auf seinem einsamen Vorposten Hilfe erwartet. Aber da ist niemand, der sich in der Verant­wortung sähe für das, was hier geschieht. Undurchdringlich die Bürokratie, unauffindbar ihre Vertreter. Und so müssen am Ende wieder einmal jene die Köpfe hinhalten, deren Idealismus sie blind macht für die Tatsache, dass sie die welt­geschichtliche Partie, welche sie souverän zu beherrschen glauben, gar nicht spielen.
Dietmar Jacobsen   24.09.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Dietmar Jacobsen