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Uwe Tellkamp
Der Turm

Schleppnetze aus Erinnerungen

Uwe Tellkamp legt den bisher gewichtigsten Roman über die letzten Jahre
der DDR vor

Uwe Tellkamp | Der Turm
Uwe Tellkamp
Der Turm
Roman
Suhrkamp 2008

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Eine Woche hat er die SPIEGEL-Best­sellerliste angeführt. All die Ildikos und Paulos, Stephenies und Muriels, Noahs und Charlottes konnten Uwe Tellkamp nicht das Wasser reichen. Nein, der gebürtige Dresd­ner, Jahrgang 1968, Arzt und Schriftsteller, stand plötzlich ganz allein und weithin sichtbar auf Platz 1. Und kaum befand er sich da oben, rief man seinen Roman schon zum Volksbuch aus, was ein bisschen nach Pflichtlektüre für jeden Deutschen! klang. Und für manch einen löste Der Turm gar ein, was in den letzten zwanzig Jahren schon häufig zum (literarischen) Gebot der Stunde erklärt wurde: Endlich Wende und Wieder­vereinigung ästhetisch gültigen Aus­druck zu verschaffen.

Dabei endet Tellkamps Roman mit dem 9. November 1989. All die vielen Uhren, die in ihm schlagen, ticken, läuten und – nach surrealistischem Vorbild – zerfließen, laufen auf dieses Datum zu. Kein Wort verliert das Buch über die Zeit danach. Ein Wende­roman im strengen Sinne kann es also gar nicht sein. Und ein Volksbuch – mit Verlaub – sieht auch anders aus (Man schaue sich, aus demselben Verlag, den neuen Text von Volker Braun an, dann weiß man, was ich meine.). Den Turm zu lesen macht jedenfalls nicht weniger Mühe, als eines seiner Pendants in der Realität zu besteigen. Puste braucht man für die 976 Seiten, viel Puste und manchmal auch ein bisschen guten Willen, dem Impuls umzukehren, auszusteigen aus der tour de force, nicht nachzugeben.

Allein wer die Anstrengung nicht scheut, wer nach hundert grandiosen Bildern über dem hundert­und­ersten, das ein bisschen in den Seilen hängt, den Spaß nicht verliert, wer das Lyrische transzendierende Natur­beschreibungen, wie kostbare Perlen eingelassen in den Prosastrom, schätzt und nicht von jeder Episode verlangt, dass sie ihm eine vergangene Wirklichkeit fotor­ealistisch nahebringt, dem zahlt Der Turm sein Bemühen mit enorm hohen Zinsen zurück. Der wird in ihm tatsächlich einen Roman entdecken, wie ihn die deutsche Literatur der letzten Jahrzehnte nicht hatte, genialisch ausufernd, die ganze Bandbreite vorhandener Erzählmittel nutzend, voller Humor und Melancholie, Wut und Sentimentalität, Spott und Ernsthaftigkeit.

Geschichte aus einem versunkenen Land, wie der Untertitel verspricht, wird transparent gemacht durch die Geschichten, die seinen Bürgern passieren, in die sie sich selbst verstricken oder in die sie verstrickt werden. Und Tellkamp bietet, um die sieben letzten Jahre dieser Weltgegend zu erzählen, nicht wenig Personal auf, konzentriert sein Interesse andererseits aber auch auf eine einzige Familie, die Hoffmanns / Rohdes. An ihre Leben in den letzten Jahren der DDR branden all die anderen Leben an. Über ihre sozialen und beruflichen Kontakte findet man sich in ein riesiges Netz verwickelt, ein Geflecht von Biografien, ausgespannt über ein fiktives Dresden und reichend bis in die letzten Winkel des vor des Lesers Augen allmählich zerfallenden Arbeiter- und Bauernstaats.

Und an was wird man nicht alles erinnert. Urlaubsreisen über marode Autobahnen, Willi Schwabes Rumpelkammer, Annemarie Brodhagen und die Hausbücher, in die alle längeren Besuche, die man erhielt, akribisch ein­getragen wurden. Allein eine halbe Druckseite verwendet Tellkamp auf die Beschreibung eines DDR-Groschens und vergisst dabei auch nicht, wie gerne Kinder die Prägung der Münze auf ein Blatt durchrieben und auf diese Weise zu ihrem Spielgeld kamen. Bitter stößt einem inzwischen Verges­senes auf: Ja, die Note der Diplomarbeit durfte – in welchem Fach man sich auch immer Spezialwissen erwarb – tatsächlich nur um einen Grad besser sein als jene im Allerwelts- und Wald- und Wiesenfach Marxismus-Leninismus. Und eine Lada-Anmeldung aus dem Jahr 1980 – zu DDR-Zeiten umso wertvoller, je näher der Auslieferungstermin heranrückte – besitzt Rezensent noch heute.

Die DDR-Welt, in die Der Turm zurückführt, ist aus Kleinigkeiten gemacht. Zu einem (n-)ostalgischen Panorama setzen die sich allerdings nicht zusammen. Tellkamp verweigert von vornherein, bei aller Detailgenauigkeit des Blicks – und es ist frappierend, wie punktgenau dieses Sehen zu sein vermag –, den verklärenden Gestus. Und während viele seiner Figuren ihren Fluchtpunkt in der Vergangenheit haben – „... in die Vergangenheit ging ihre Zukunft ...“, heißt es einmal –, lässt er nie einen Zweifel daran aufkommen, wie marode die Gegenwart ist, durch die sie sich bewegen. Es wimmelt geradezu von Verfallsmetaphern. Dresdens Häuser sind „brandig geschwärzt, wie Muskelfleisch im Zustand der Verwesung“. „Häßliche Magistralen, zugige Plattenbaugebiete, ... eingerammt in die berühmte, jetzt lückenhafte Canaletto-Silhouette“ bekommt zu sehen, wer von oben herabschaut auf diese Stadt, deren alles überstrahlende Vergangenheit für immer versunken ist.

Von oben herab, das ist das Stichwort. Denn sowohl die Mitglieder der Familie Hoffmann als auch die Rohdes, Ärzte, Lektoren, Betriebsdirektoren mit ihren Frauen und Kindern, wohnen in einem Villenviertel über dem Elbtal, das nach einer seiner Hauptstraßen „Turmviertel“ genannt wird – als Vorbild diente Tellkamp hier der Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch. Dort hinauf wird man zu Beginn des ersten Teils des Romans mitgenommen von Christian, einem Gymnasiasten, der heimkehrt aus dem Internat, um den fünfzigsten Geburtstag seines Vaters, des Unfallchirurgen Richard Hoffmann, im Kreise der erweiterten Familie zu begehen. Und von dort oben wird man zu Beginn des zweiten Romanteils – bezeichnenderweise ist der mit „Die Schwerkraft“ überschrieben – wieder heruntergeholt, muss der gepriesenen „Päda­gogi­schen Provinz“ den Rücken kehren, die nur scheinbar Zuflucht bot vor den Zumutungen des Real­sozialismus. Als Angehöriger der Nationalen Volks­armee bekommt Christian am Ende des Romans dann sehr deutlich zu spüren, wie illusionär er und die Seinen dachten, als sie sich in ihrer bildungs­bürgerlichen Nischengesellschaft geschützt glaubten vor dem frustrierenden Alltag in einem Land, dem sie, sooft es möglich war, in Kunst und Schöngeisterei entflohen.

Tellkamps Roman birst vor Episoden, in denen der arge Weg der Erkenntnis seiner Hauptfiguren beschrieben wird. Großartig die Kapitel, in denen sich die Seelennöte der Protagonisten angesichts von Lebenssituationen, die sie nicht mehr in der Lage sind, zu beherrschen, offenbaren. Da wird der Chirurg Hoffmann von der Staatssicherheit erpresst, weil die Bescheid weiß über sein Doppelleben mit einer anderen Frau, die eine Tochter von ihm hat und vergeblich darauf wartet, dass er sich aus seiner ersten Ehe löst. Da führt ein spontaner Protest des Panzerkommandanten Christian – dem der Vater sogar Schauspielunterricht geben ließ, damit er sich durch Ehrlichkeit nicht das Studium und die spätere Karriere als Arzt verscherzt – vor den Militärrichter und in die Hölle der Militärstrafvollzugsanstalt Schwedt. Da wird die exklusive Gesellschaft der Türmer nach und nach zersetzt durch zuziehende Kampfgruppenkommandanten und Pionierleiterinnen, ja endet selbst die Tochter des Bezirksparteichefs Barsano nach verschiedenen Fluchtversuchen in der Psychiatrie.

Um das alles vor seinen Lesern auszubreiten, bedient sich Uwe Tellkamp eines enormen Arsenals von literarischen Mitteln. Reflektiert über eingelassene Tage­buchnotizen des Lektors Meno Rohde immer wieder das eigene Schreiben. Lässt reine Dialog­passagen sich mit Briefen abwechseln. Beleuchtet ein und dieselbe Handlung aus unterschiedlichen Perspektiven. Webt unvergess­liche Landschafts­beschreibungen ein und strapaziert den sächsischen Dialekt, wie er im Elbtal gesprochen wird. Deutet manches nur an und führt anderes breit aus, immer um Wechsel der Ton- und Stimmungs­lagen bemüht, Humor, Groteske, Tragik miteinander ver­schmelzend zu einem Welt- und Gesellschaftsbild, wie man es in der deutschen Gegenwartsliteratur Jahrzehnte nicht hatte.

Und schön auch die Anspielungen am Rande, die die Glasperlenspiele der Kenner und jener, die gern Kenner wären, mit Stoff versorgen. Die versteckten Zitate, die Hommagen, die Schlüsselszenen, die Doppel­deutigkeiten, aus denen große Literatur halt auch besteht, weil sie sich fraglos mitten hinein in den Kosmos all der schon geschriebenen Texte begibt und mit ihnen zu interagieren, ja zu spielen beginnt. Da sind Goethe und Proust, Jandl und Thomas Mann, Fühmann und Hacks, Reich-Ranicki und Jürgen Kuczynski, um nur einige zu nennen. Thomas Rosenlöcher ist vertreten mit seiner Dresdner Kunstausübung und auch Wolfgang Hilbig hat Asyl gefunden in diesem Mammutwerk. Als Dichter, der „als Abräumer in einer Ausflugs­gaststätte tätig“ war, taucht er auf, und viele der sinistren Metaphern, mit denen das Vergehen einer Welt in Bilder verwandelt wird, scheinen von ihm inspiriert zu sein.

Dies alles ist so reich und vielgestalt- und schichtig, so aufs Ganze zielend mit einem über alle Bedenken sich hinwegsetzenden Kunstwollen, mit so viel Vertrauen in die Kraft der Literatur, des Imaginierens von Vergangenem, dass die kleinen Ungenauig­keiten, Überspannt­heiten, kompositorischen Brüche schnell in Vergessenheit geraten.Und es wird bleiben, dessen bin ich mir gewiss.
Dietmar Jacobsen     07.11.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Dietmar Jacobsen