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Guðmundur Óskarsson
Bankster

Rückfall in die Realität

In Guðmundur Óskarssons mit dem Isländischen Literatur­preis ausge­zeich­ne­tem Roman Bankster scheitert eine Liebe in Reykjavík vor dem Hinter­grund der globalen Finanzkrise

  Kritik
  Guðmundur Óskarsson
Bankster
Roman
Aus dem Isländischen von Anika Lüders
Frankfurter Verlagsanstalt 2011
254 Seiten, 22,90 Euro
ISBN 978-3-627-00177-3

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Markús und Harpa geht es gut. Das junge Paar hat teure Bilder an den Wänden hängen und leistet sich, wonach immer ihm der Sinn steht. Geld spielt keine Rolle. Schließlich arbeiten beide für eine bekannte islän­dische Bank und wissen, wie man Gold aus Stroh spinnt. Aber irgendwann ist Schluss mit der globalen Trickserei. Zusammen mit der ganzen Welt rauscht auch das kleine Island 2008 in die große Krise. In deren Verlauf lösen sich nicht nur die Inhalte von Tresoren über Nacht in Luft auf, sondern der gesamte westliche „Way of life“ steht auf dem Spiel.

Guðmundur Óskarssons Roman Bankster – in Island 2009 erschienen – ist der Roman zu den wirtschaft­lichen und finan­ziellen Turbu­lenzen unserer Tage. Angelegt ist er als Tage­buch eines Fortschrittsgläubigen. Markús hofft, alles werde nur halb so schlimm und über kurz oder lang wieder vorbei sein. Solange schreibt er auf den Rat eines Freundes hin fleißig auf, was ihm begegnet. Da zeigt sich dann schnell, wie tief die Ereig­nisse, die Island an den Rand der Staatspleite bringen, auch in das Leben jener Menschen eingreifen, deren naiver Optimismus sie glauben ließ, man könne inmitten eines wild tosenden Meeres die Insel der Seligen bewohnen.

Über Nacht nämlich verlieren Markús und Harpa ihre gut dotierten Jobs – und auf einmal muss gerechnet werden. Doch während er darauf vertraut, dass es nach einer kurzen Zeit der allge­meinen Besinnung so weitergehen wird wie bisher, schaut sie sich um und beginnt, als Aushilfslehrerin zu arbeiten. Denn sie hat schnell begriffen, dass man im Inneren einer Seifenblase lebte, die auf immer zerplatzt ist. Den mühsamen Weg zurück in die Realität vermag ihr Freund aller­dings nicht zu gehen. Er gleitet ab in Depressionen und Selbstmitleid, die er auf den Seiten seines Diariums dokumentiert.

Die Liebe zwischen Markús und Harpa hält dieser gespannten Situation auf Dauer nicht stand. Während die junge Frau eines Tages zurück zu ihren Eltern zieht, wird Markús immer phlegma­tischer und ist nicht einmal mehr in der Lage dazu, sich endlich arbeitslos zu melden und auf die Hilfe des Staats zurück­zu­greifen. Statt­dessen versucht er, über Hinter­türen wieder in die Welt zu gelangen, in der es ihm über Jahre hin so prächtig ging. Doch auch im Bankgeschäft hängen die Trauben inzwischen ein ganzes Stück höher. Und die Verachtung der Menschen von der Straße „Bankstern“ wie ihm gegen­über bekommt er bald am eigenen Leib zu spüren.

Guðmundur Óskarsson hat selbst in einer Bank gearbeitet, als die Wirtschafts- und Finanz­krise über Island hereinbrach. Was er in die Tage­buch­eintra­gungen seines Prota­gonis­ten einfließen lässt, dürfte also ziemlich authentisch sein. Die kurzen Briefe an Harpa, mit denen der Roman schließt, machen dennoch ein bisschen Hoffnung. Offensichtlich hat da einer durch das genaue Proto­kol­lieren seiner Befindlichkeiten nach dem Crash und die Erin­nerungen an die Zeiten davor nicht nur etwas über sich, sondern auch über seine Beziehung gelernt. Das hört sich dann zum Beispiel so an: „In letzter Zeit habe ich kaum etwas anderes getan, als mich selbst zu suchen, irgendwo auf der Grenze zwischen Realität und Dichtung, wo sich mein Leben in den letzten Jahren abgespielt hatte.“

Bankster ist kein spektakuläres Buch. Es ist das leise Protokoll einer – gesell­schaft­lichen wie privaten – Niederlage. Eine – zuweilen auch komische – Spuren­suche nach dem Menetekel, das man übersehen hat, als noch Zeit war umzu­kehren. Aber auch ein Roman über die blind machenden Ver­lockungen, denen man wie so viele andere einfach folgte, ohne den Verstand zu bemühen. Den Teufelskreis, in dem der Bank­ange­stellte Markús über Jahre gefan­gen war, hat er am Ende seiner Tage­buch­auf­zeich­nungen noch immer nicht durch­brochen. Sollte er freilich zurück­fallen in seine einstige Existenz, kann er die Liebe zu Harpa wohl für immer abschreiben.
Dietmar Jacobsen   21.10.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Dietmar Jacobsen