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David Vann
Im Schatten des Vaters

„... nirgendwo sonst konnte man hin“

David Vanns Roman Im Schatten des Vaters erzählt von einer Tragödie in der Einsamkeit Alaskas.

  Kritik
  David Vann
Im Schaten des Vaters
Roman
Suhrkamp 2011
185 Seiten | 21,90 Euro

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Sie sind nicht gut vorbereitet auf ihr großes Abenteuer. Aber Jim Fenn, in zwei Partner­schaften gescheitert und auch in seinem Zahnarztberuf wenig erfolgreich, will es ein letztes Mal wissen. Auf der Insel Sukkwan in Südost-Alaska hat er ein Stück Land erworben samt der kleinen Hütte aus Zedernholz, die darauf steht. Weit weg von aller Zivilisation, voll­kommen auf sich gestellt und ganz den Elementen ausgeliefert, soll sein Leben hier endlich einen neuen Sinn bekommen. Und Roy, seinen dreizehnjährigen Sohn aus erster Ehe, nimmt er mit.

David Vanns Roman Im Schatten des Vaters, in den USA und Frankreich von der Kritik ge­feiert, beginnt wie eine Geschichte von Joseph Conrad, Jack London oder Ernest Hemingway. Aber deren Zeiten sind natürlich vorbei. Wer heute aufbricht in die Wildnis – sofern er über­haupt noch ein unbe­rührtes Fleck­chen Erde finden kann –, weiß, was ihn erwartet, und sorgt ent­sprechend vor. Und so hat man denn das Flugzeug, welches Vater und Sohn vor Ort bringt, auch richtig vollgeladen: Werkzeug und ein Schlauchboot samt Außenbordmotor, Funk­aus­rüstung, Waffen, Kleidung und Konserven. Auch Kisten mit Schulbüchern sind dabei, denn Jim hat sich entschlossen, seinen Sohn ein Jahr lang privat zu unterrichten. Dazu aber wird es gar nicht erst kommen.

Denn von Anfang an steckt der Wurm in dem Unter­nehmen, das aus der Ferne so viel­ver­sprechend aussah. Regen, Kälte und Schnee machen zu schaffen. Ein Schwarzbär bricht in die Hütte ein, verwüstet einen Großteil der Vorräte und beschädigt das Funkgerät. Nahrung für den Winter zu konser­vieren muss erst müh­sam erlernt werden und verbraucht Kräfte. Und auf einer Erkundungs­tour in das hinter der Küste aufragende Gebirge stürzt Jim von einem Felsvorsprung und verletzt sich schwer. Erst später erfährt der Leser, dass es sich bei diesem Unfall wohl um den bewusst herbei­geführten Versuch des Zahnarztes handelte, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Für Roy, der sich zunächst verpflichtet fühlte, seinen Vater – zu dem er in den letzten Jahren kaum noch Kontakt hatte – auf dessen Selbst­findungs­trip zu begleiten, steht schon nach wenigen Wochen fest, dass er besser daran getan hätte, zu Hause bei Mutter und Schwester zu bleiben. Denn abgesehen davon, dass Jim Fenn nicht in der Lage zu sein scheint, die jeweils richtigen Entscheidungen im tagtäglichen Kampf mit der gleichgültigen Natur zu treffen, kapselt er sich auch immer mehr in eine Wahnwelt ein, die seinem Sohn unheimlich ist. Jede Nacht hört der den Vater weinen und sich Vorwürfe bezüglich des mehrfachen Scheiterns in seinem Leben machen. Dem mehr und mehr Verzweifelnden zu helfen freilich vermag Roy nicht. Und so treibt man hilflos auf die Katastrophe zu.

Im Schatten des Vaters ist ein Buch, in das viele eigene Erfahrungen seines Autors einge­flossen sind. Nicht nur ist Vann in Alaska auf­gewachsen wie sein jugend­licher Held, sondern sein Vater – ebenfalls ein in seinen privaten Beziehungen ge­schei­terter Zahn­arzt wie Jim Fenn und zu Depres­sionen neigend – hat sich, genau als der Sohn 13 Jahre alt war, erschossen. Es ist dieses Trauma, welches den Jungen später zum Schreiben brachte, und die Vater-Sohn-Geschichte in seinem nunmehr dritten Buch, das mehr von einer klas­sischen Novelle hat als von einem Roman, darf gewiss als freie künstlerische Auseinander­setzung mit dem einst Erlebten verstanden werden.

Auch der Roman übrigens erfährt seine entscheidende Wendung durch einen Suizid. Nur eine seiner beiden Hauptpersonen verlässt Sukkwan-Island lebendig. Die andere stirbt von eigener Hand – erschöpft, überfordert, müde. Es ist ein Schockeffekt an zentraler Stelle, den David Vann hier einsetzt, etwas völlig Unerwartetes, das auch zu einem so radikalen Bruch der Erzählperspektive führt, wie man ihm selten in der Literatur begegnet. Der Überlebende freilich kommt nicht davon. Der letzte Buchteil dokumentiert sein Abdriften in den Wahnsinn, seinen Aktionismus, der aus Verdrängung entsteht, und schließlich den freiwilligen Gang ins eigene Verderben.

Ein Vater, der sich um die Liebe seines Sohnes müht – ohne zu ahnen, dass er sie längst besitzt. Ein Sohn, der mit sich selbst genug zu tun hat und mit den Problemen des Vaters hoffnungslos überfordert ist. Eine Natur, die alles überdauert und vor deren Ewigkeit das in ihr sich abspielende Drama zweier Menschen nicht mehr ist als eine unbedeutende kleine Episode am Rande. David Vann erzählt mit Im Schatten des Vaters eine fast biblische Geschichte – fesselnd bis zur letzten Seite und lange darüber hinaus.
Dietmar Jacobsen   24.03.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Dietmar Jacobsen