poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Serhij Zhadan
Mesopotamien

Niemand hat die Absicht, sich zu ergeben

In 9 Erzählungen und einem 30-teiligen Gedichtzyklus nähert sich Serhij Zhadans neues Buch Mesopotamien auf poetische Weise der ostukrainischen Stadt Charkiw

  Kritik
  Serhij Zhadan
Mesopotamien
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr
Berlin: Suhrkamp Verlag 2015
365 Seiten, 22,95
ISBN 978-3-518-42504-6

Das Buch bei Amazon  externer Link

Weitere Kritiken von Dietmar Jacobsen
zu Serhij Zhadan:
Die Erfindung des Jazz im Donbass  externer Link
Hymne der demokratischen Jugend  externer Link



Schon die Form, die der in Charkiw lebende 41-jährige ukraini­sche Schrift­steller Serhij Zhadan für sein neues Buch, Meso­potamien, gewählt hat, ist ungewöhnlich. In neun Erzählungen – alle tragen den Vornamen ihrer jeweiligen Hauptfigur im Titel –, locker mit­einander verbunden durch das in ihnen auf­tretende Personal und den Handlungs­ort, Zhadans ost­ukrai­nische Heimat­stadt, und 30 unter der Über­schrift „Erläute­rungen und Ver­all­ge­meine­rungen“ sub­sum­mierten Gedichten ver­sucht der Autor ein poeti­sches Porträt der zweit­größten Stadt der Ukraine. Ge­le­gen an zwei Flüs­sen – daher der Buchtitel „Meso­pota­mien“ – über­schneiden sich hier nicht nur die mensch­lichen Schicksale der kleinen Helden, von denen uns bereits andere Bücher des Autors voller Witz und Phanta­sie erzählten, sondern auch Gestern und Heute, Geschichte und Gegen­wart, Zuver­sicht und Ver­zweif­lung, Liebe und Hass.
  Zhadan nimmt seine Leser mit auf die Straßen und Gassen der Stadt, öffnet ihnen die Türen zu bau­fälligen Häusern, leeren Fabrik­gebäuden und stillen, mit Apri­ko­sen­bäumen bepflanzten Höfen. Er macht uns mit Helden bekannt, die es alles andere als leicht haben in ihrem Leben. Boxer und Klein­krimi­nelle sind darunter, Stu­denten und Prosti­tuierte, in den Tag hinein­lebende Bohe­miens, Dich­ter und Ge­schäfts­leute voller ver­rück­ter Ideen. Und allen ergeht es wie dem gerade in die Stadt Einzug haltenden Romeo. Sie fühlen sich ange­nommen und auf­gehoben, ge­tragen und in ihren Plänen geför­dert von einem zauber­haften Ort, den man nur lieben kann: „Das ist gut, dachte ich, eine Stadt am Fluss ist ge­schützter und ruhiger, in so einer Stadt hält das Leben sich im Rahmen und folgt einer Ord­nung. Später fand ich heraus, dass es noch einen zweiten Fluss gab. Dazwischen lag die Stadt auf Hügeln, wie auf einer Insel, und leuchtete mit ihren weißen und roten Häusern, die von warmem Maien­grün um­schlos­sen waren. Hoppla, sagte ich, als ich meinen Fuß auf die Brücke setzte, hier komme ich.“
  Aber die Stadt macht es den meisten Gestalten, die uns aus der Ich-Per­spektive Einblicke in den Lauf ihrer Tage geben, auch nicht leicht. Man muss kämp­fen, um in Charkiw zu über­leben. Das Glück zwingen und bereit sein, auch Nieder­lagen hinzu­nehmen, aber nie aufzugeben. Romeo, der seinem Namen gerne alle Ehre machen würde, müht sich um die Liebe seiner Vermie­terin, schafft es aber trotzdem nicht, bei ihr zu landen. Jura, den Geschäfts­mann, führt die Flucht vor seinen Gläu­bigern auf die Tuber­kulose­station des Kranken­hauses, wo er sich paradoxer­weise wohl und sicher fühlen darf. Und Sonja schläft am Tage ihrer Hoch­zeit mit einem Exfreund, was in eine Massen­schlä­gerei ausartet. Eröff­net wird der Reigen all der Liebenden und Ver­zweifelten mit einer Totenwache für den Boxer Marat. Und in der neunten und abschlie­ßenden Erzäh­lung feiert der an Kehl­kopf­krebs erkrankte Luka seinen letzten Geburts­tag unter Freunden.
  Ganz genau sieht Serhij Zhadan seinen Figuren auf die Finger und Füße, verfolgt ihre Wege und ihr Tun. Dass er als Lyriker begann, merkt man an fast jedem Satz. Bildern, die sich einprägen, folgen halb­seiten­lange Auf­zählungen von Gerüchen und Sinnes­eindrücken. Und immer wieder kippen seine kleinen Erzäh­lungen um ins Wunderbare, Surreale. So zum Beispiel wenn bei der Totenfeier für den auf den Weg zum Tabak­kiosk erschos­senen Marat plötz­lich die unwahr­schein­lichs­ten Erin­nerungen an diesen Mann aufblühen, ihm eine Vita ange­dichtet wird, die das harte Leben, welches er führte, plötzlich in ganz anderem Licht er­strahlen lässt.
  Nicht ganz zu funktionieren scheint mir unterm Strich, was dem Autor bei der Konzeption seines Buches sicherlich überaus wichtig war: die Ver­schmel­zung von Poesie und Prosa. Während die neun Erzäh­lungen auf un­auffäl­lig-ge­schickte Weise mit­einander verbunden wurden, Gegenwart einfangen, indem sie ganz genau benennen und noch den kleinsten, ephe­mersten Dingen im Kosmos der Stadt Charkiw ihren Platz im Text geben, die Stadt damit zur heimlichen Haupt­figur des ganzen Buches machend, bewegen sich etliche der Gedichte auf einem Abstraktionsniveau, welches das Herstellen von konkreten Verbin­dungen zum Prosateil zumindest erschwert.
  Und die Politik? Serhij Zhadan, Lyriker, Roman­autor, Journalist und Mu­siker / Rapper möchte sie am liebsten aus seinen Texten ver­ban­nen. Und doch werden, wie er in einem Inter­view betonte, seine Bücher immer wieder von der Reali­tät seiner Heimat ein­geholt. Deshalb findet, wer genau liest, auch in Meso­pota­mien Spuren der aktuellen ost­ukrai­nischen Wirk­lichkeit – etwa da, wo es am Ende der „Romeo“-Erzäh­lung heißt: „Sie erzählte, wie das Wasser im Frühjahr die Funda­mente der alten Sana­torien unter­spülte, die Flüsse rot wurden und nach Medi­ka­menten rochen [...] Außer­dem sagte sie, dass auf der Straße wieder ge­schossen werde, dass der Krieg weiter­gehe und nie­mand die Absicht habe, sich zu er­geben.“
Dietmar Jacobsen   09.01.2016    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
Dietmar Jacobsen