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Max Frisch
Mit der Ordnung des Schreibens wider die Unordnung der Welt

Am 15. Mai jährte sich zum hundersten Mal der Geburtstag von Max Frisch –
Neues und Altes von und über einen modernen Klassiker

  Kritik
  Max Frisch
Die Schwierigen oder J'adore ce qui me brûle
Roman
Mit einem Nachwort von Lukas Bärfuss
München: Nagel & Kimche 2010
283 Seiten, 19,90 Euro

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1.

Von einem modernen Klassiker zu reden, dürfte im Falle des Schweizers Max Frisch (1911 – 1991) nicht falsch sein. Zusammen mit seinem Landsmann Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990) dominierte er über Jahr­zehnte hinweg das Bild, welches man sich in der Welt von der deutschsprachigen Literatur des Alpenlandes machte. Seine Werke sind rund um den Globus in zahlreichen Übersetzungen greifbar. Einige wurden erfolgreich verfilmt. Natürlich ist Frisch auch seit Langem Schul­stoff – mit allen Vor- und Nachteilen, die solcherart Kano­nisierung mit sich bringt. Die Sekundärliteratur zu seinen Dramen, Erzähl­texten und den berühmten Tage­büchern füllt ganze Biblio­theken.

Und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es heute, zwei Jahr­zehnte nach Max Frischs Tod, ziemlich ruhig geworden ist um den Autor des Stiller. Nur noch selten nehmen sich die Bühnen seiner Stücke an. Figuren wie Bin oder Graf Öderland, die unsere Gegenwart wohl zu provo­zieren vermöchten, sind halb schon vergessen. Im Großen und Ganzen gilt wohl auch für den Klassiker Frisch, was der Klassiker G. E. Lessing einst in Bezug auf seinen Zeit­genossen Klopstock rekla­mierte: „Wer wird nicht einen Klopstock loben?/ Doch wird ihn jeder lesen? – Nein./ Wir wollen weniger erhoben,/ Und fleißiger gelesen sein.“

Aber zum Glück gibt es ja Klassikerjubiläen. Runde Ehrentage, an denen das Moos von den Denkmälern gekratzt und der Staub von den Ausgaben letzter Hand geblasen wird. An denen fleißige Menschen zum Ruhme des Jubilars in die Archive hinuntersteigen, um seltene Schätze zu heben. Und Zeitgenossen mit Enthüllungen aufwarten, die in der Regel mehr über sie selbst als über den Geehrten aussagen.

Gleich zwei von diesen Tagen vereinte Frisch im laufenden Jahr auf sich. Am 15. Mai vor ein­hundert Jahren wurde er in Zürich geboren. Am 4. April vor 20 Jahren ist er daselbst gestorben. Grund genug für die Verlage, Altes und Neues von und über den Weltautor aus der kleinen Schweiz auf den Markt zu werfen. Schauen wir im Fol­genden zuerst auf die Neuedition eines frühen Frisch-Romans und ein spätes Tagebuch­projekt, das unterm Strich nicht ganz so sensa­tionell ist wie ange­kündigt. Danach sollen zwei Bände empfohlen sein, die sich aus literatur­wissenschaft­licher Sicht mit dem Mann und seinem Werk aus­einander­setzen, ehe uns abschließend noch einmal die Frage umtreibt, was Max Frisch den heute Lebenden eigentlich noch zu sagen hat.


2.

Die Künstlerexistenz erscheint in Die Schwierigen oder J'adore ce qui me brûle der des Bürgers diametral entgegengesetzt. In Ton und Komposition mehr dem 19. Jahr­hundert als seiner eigenen Zeit verpflichtet, verarbeitet Frisch zu Beginn der 40er Jahre in seinem zweiten Roman die Problematik, mit der sich bereits Gottfried Keller, Thomas Mann, Hermann Hesse und nicht zuletzt auch der von Frisch zu einer Art literarischem Hausgott verklärte Albin Zollinger (1895 – 1941) herum­schlugen. Es ist zugleich das eigene Lebensdilemma, das er künstlerisch zu bannen sucht: auf der einen Seite das Bohemienhafte des nach immer neuen Erfahrungen Ausschau haltenden jungen Schriftstellers und Journalisten, auf der anderen die Sehnsucht nach einem festen Platz im Dasein, einer sicheren Position im Leben mit allem, was dazugehört. Für Jürg Reinhart, Frischs Helden, der in Die Schwierigen bereits seinen zweiten Auftritt absolviert – er war die Haupt- und Titelfigur in Frischs Roman­debüt von 1934 –, ist beides zusammen nicht zu haben. Ja, schlimmer noch: Anders als sein Erfinder scheitert der Maler Reinhart im Leben und in der Kunst.

Der junge Autor, frisch verheiratet und auf dem Sprung in eine Archi­tekten­karriere, mit der sich die langsam wachsende Familie sicher ernähren lässt, baut um seinen Helden herum ein Figuren­feld auf, mit dem er den Konflikt „bürgerliche Tüchtigkeit versus Freiheit des Künstler­tums“ in Handlung umsetzen kann. Frauen kommt dabei die Rolle des Brand­beschleu­nigers zu. In zwei verliebt sich Reinhart. Beide Beziehungen scheitern. Yvonne verliert er an den Unternehmer Hauswirt, Hortense an den Architekten (!) Ammann. Diese Nieder­lagen im Privaten durch künstle­ri­schen Ruhm und die damit verbundene öffent­liche Anerken­nung aufzu­wiegen, gelingt ihm nicht. Im letzten Roman­teil findet er sich als Gärtner in Ammanns Haus wieder. Unwill­kürlich denkt man an den von Goethe stam­menden Poesie­albums­spruch „Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes// Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.“ Doch für Reinhart ist diese menschliche Beschei­dung auf Dauer nicht durch­zuhalten. Er endet im Suizid.

Das „Leseaben­teuer Frisch“ mit den Schwierigen zu beginnen, ist jungen, neu­gieri­gen Lesern nicht zu empfehlen. Der Roman fällt in mehr als einer Beziehung aus der Zeit. Ärgerlich ist vor allem sein Frauen­bild. Das fängt schon damit an, dass alle auftre­ten­den männ­lichen Prota­gonisten mit ihren Nachnamen firmieren, während die weibli­chen Heldinnen scheinbar nur einen Vor­namen besitzen – eine häufig bei Frisch sich findende Eigentüm­lich­keit. Zu ihrer (bürger­lichen) Identität finden diese Frauen dann nur, indem sie sich der Sicher­heit verbürgenden Existenz eines in jeder Beziehung potenten Mannes zuaddieren, sprich: sich ihm bedin­gungs­los unterordnen.

Für Frisch­kenner verbergen sich in dem Roman von 1943 aller­dings eine Reihe von Motiven, die ihnen merk­würdig bekannt vorkommen dürften. Sie werden von den Schwierigen eingeladen, die Quelle zu studieren, auf die sich sowohl die großen Romane wie auch die Dramen Frischs letzten Endes zurück­führen lassen. Bis ein Homo faber erscheinen konnte oder ein Mein Name sei Gantenbein, ein Biographie: Ein Spiel oder ein Tryptichon erhielt diese Quelle allerdings noch eine Menge Zufluss durch biografisch-lebensweltliche Erfahrungen und wachsende schriftstellerische Professionalität.

  Max Frisch
Entwürfe zu einem dritten Tagebuch
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter von Matt
Berlin: Suhrkamp Verlag 2010
213 Seiten, 17,80 Euro

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3.

Als Sensation waren sie 2010 angekündigt worden – Frischs Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Der Titel stammt übrigens nicht vom Autor selbst. Auch die Ver­öffent­lichung der Notate hatte Max Frisch zu Lebzeiten nicht legitimiert. Im Gegenteil: Aus der Tatsache, dass er eines der beiden existie­renden Typoskripte der Auf­zeichnungen aus den Jahren 1982 und 1983 wohl eigen­händig vernichtete und bezüglich des zweiten, das sich in den Händen seiner langjährigen Sekre­tärin befand, keinerlei Verfü­gungen traf, darf man mit einiger Sicherheit schließen, dass er einer Ver­öffent­lichung des Materials in der vorliegenden Form nicht zugestimmt hätte. Dass das Büchlein dank des – allerdings nicht ein­stimmigen – Votums des Stiftungs­rats der Züricher Max-Frisch-Stiftung schließlich doch in Druck ging, verur­sachte denn auch erst einmal einen kleinen Skandal.

Den ausgelösten hohen Erwartungen wird der Text selbst leider nicht gerecht. An die beiden Tagebuch­klassiker Frischs – das Tagebuch 1946-1949 (1950) und das Tagebuch 1966 – 1971 (1972) – reicht er nicht im Mindesten heran. Und das liegt keineswegs allein an der offen­sichtlich fehlenden Über­arbeitung letzter Hand – Frisch hatte die Aufzeich­nungen einfach abge­brochen, als seine Beziehung mit der Amerikanerin Alice Locke-Carey in die Brüche ging. Wenig Neues erfährt der mit Autor und Werk vertraute Leser zum Beispiel auch in Bezug auf das Leben des homo politicus Max Frisch. Und was die formelle Innovation der fast so etwas wie einen Subtyp des Genres „Tagebuch“ begründenden Texte von 1950 und 1972 betrifft – in den Entwürfen vermisst man sie fast gänzlich.

Dennoch haben die Notate auch ihre interes­santen Seiten. Die finden sich vor allem da, wo ein Autor, der über lange Zeit die „Öffent­lichkeit als Partner“ sah und sein Schreiben als eine Möglichkeit, an der Verbes­serung von Welt und Gesell­schaft aktiv teilzunehmen, fast resigniert bekennen muss: Kunst ist Kunst und ein Buch noch lange keine Barrikade. Mit Worten Verände­rungen bewirken, gar erzwingen? Eine schöne Illusion. Dafür sorgen, dass die nächsten Gene­rationen die Fehler ihrer Vorfahren erkennen und daraus lernen? „Schreiben ist ein anderes Unternehmen geworden ... der Auftrag des Schrift­stellers, seinen Kindes­kindern etwas mit­zuteilen von seiner Zeit, wird illusorisch. Vor vierzig Jahren hat Brecht noch an die Nachgeborenen geredet.“

Von berührender Schönheit und Intensität – und für mich die Publikation des kleinen Bändchens nahezu allein recht­fertigend – sind schließlich jene Passagen, in denen Max Frisch Blick und Vor­stel­lungs­kraft über sein begrenztes irdisches Leben hinausschweifen lässt. In sein „Lebens­abendhaus“, natürlich aus Holz und von Birken und Erlen umrauscht, lädt er eine Gesellschaft ein, in der sein älterer Bruder Franz und die Mutter, der Freund Peter Noll und Anton Tschechow Plätze neben­einander finden, eine multi­nationale, über­zeit­liche Familie von Geistern, mit denen es sich in der Ewigkeit aushalten lässt.

  Beatrice von Matt
Mein Name ist Frisch
Begegnungen mit dem Autor
und seinem Werk
München: Nagel & Kimche 2011
159 Seiten, 15,90 Euro

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4.

Beatrice von Matt kannte Frisch seit 1964. Als die junge, eben promovierte Germanistin im Musiksaal des Züricher Stadt­hauses damals einen Vortrag hielt, saß der bereits arri­vierte Autor in der letzten Reihe und hörte gespannt zu. Schließlich ging es mit Albin Zollinger auch um jenen Autor, den Frisch in den 30er/ 40er Jahren über alles verehrt hatte. Von diesem Moment an ließen sich der Schrift­steller und die Germanistin / Kritikerin gegen­seitig nicht mehr aus den Augen. Mit ein Grund dafür, dass von Matts Geburts­tags­geschenk zu Frischs Hun­dertstem zwar schlank ausfällt, aber von Herzen kommt, sprich: kenntnis­reich, brillant formuliert und als Resultat jahrzehnte­langer Aus­einander­setzung mit den Lebens­themen Frischs außer­ordentlich authentisch ist.

Insgesant 12 Einzel­studien vereint der Band Mein Name ist Frisch. Begeg­nungen mit dem Autor und seinem Werk. Das thematische Spektrum ist breit gefächert und reicht von Betrach­tungen zum Motiv des Meers in Frischs Texten über pointierte Werkanalysen bis hin zur Ein­ordnung des Autors in welt­literarische Zusam­men­hänge.

Dass Luigi Pirandello, Sören Kierkegaard und Montaigne von Frisch eifrig gelesen wurden, wusste man. Nun nimmt von Matt ihre Leser mit an jene Orte, wo sich das „unendliche Gespräch“ zwischen Autoren unter­schied­licher Sprachen und Epochen, als das sie die Welt­lite­ratur begreift, konkret vollzog.

Besonders auf­schluss­reich für Leser, die am literatur­wissen­schaft­lichen Disput eher weniger interessiert sind, dürften jene zahlreichen Passagen sein, in denen das Bändchen von privaten Begegnungen der Autorin mit dem Schrift­steller erzählt. Besonders der erste – und längste – Beitrag des Bandes ist in dieser Hinsicht sehr aufschluss­reich. Er zeigt zum Beispiel, wie tief die Frustration Frischs ging, als im Laufe der späten 80er Jahre herauskam, dass der Schweizer Staat auch ihn seit fast 40 Jahren systematisch bespitzelt hatte und die Ergebnisse seiner Über­wachungs­tätigkeit auf so genannten Fichen (das sind Karteikarten) nachlesbar waren. Über einen eigenen Beitrag zur pompös geplanten 700-Jahrfeier der Eid­genossenschaft im Jahre 1991 dachte Frisch spätestens nach der Fichenaffäre nicht mehr nach. Er zog sich aus der Öffentlichkeit weitgehend zurück, ging allerdings mit seinem Vater­land in dem vermächtnis­haften Pamphlet Schweiz ohne Armee? (1989), welches in dramatisierter Form im Oktober 1989 auch auf die Bühne des Zürcher Schauspielhauses kam, noch einmal hart ins Gericht.

Beatrice von Matt gehörte übrigens auch zu jenen Personen, die der an Leberkrebs leidende Autor auf einen letzten Aperitif an sein Kranken­lager einlud. Am 8. März 1991 spricht man unter vier Augen über Frischs bevor­stehenden 80. Geburtstag – den zu erleben ihm nicht mehr vergönnt war – und den Tod, über den er schon lange intensiv nachdachte: „Ich fragte ihn, ob ihn der Gedanke, tot zu sein, nicht ängstige. Nein, keine Sekunde in seinem Leben habe er sich vor dem Tod gefürch­tet. Über den Tod habe er zeit seines Lebens nachgedacht, ihn bei allem immer in Rechnung gestellt. Ihn ängstige nur ›die Sterberei‹, wie er sich ausdrückte.“

  Julian Schütt
Max Frisch
Biographie eines Aufstiegs 1911 – 1954
Berlin: Suhrkamp Verlag 2011
592 Seiten, 24,90 Euro,

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5.

Ganz tief in die Quellen versenkt hat sich Julian Schütt. Seine umfangreiche Arbeit konzentriert sich auf die schriftstellerischen Anfänge Max Frischs. Sie endet da, wo für andere dieser Autor erst interessant zu werden beginnt: beim Stiller. Um die Zeit zwischen 1911 und 1954 abzuarbeiten, benötigt Schütt fast 600 Seiten. Die lesen sich gut und eröffnen Einblicke, wie man sie bis dato noch nicht hatte.

Letzteres liegt vor allem an der akribischen Arbeit mit der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglichem Material. Was der ausgewie­sene Frisch-Kenner Schütt hier zutage fördert, macht nicht nur neugierig, sondern lässt gelegentlich auch inter­preta­torische Gewiss­heiten schwinden. Näher als ohnehin erwartet erweist sich dabei die Verbindung zwischen Biografie und Werk, Erlebtem und Erfundenem.

Die Biographie eines Aufstiegs, wie Schütts Studie im Untertitel heißt, rehabilitiert eine ganze Reihe von Werken, denen gegenüber sich nicht nur die Literatur­wissen­schaft, sondern gelegent­lich auch der gereifte Verfasser selbst ausge­sprochen stiefmütter­lich verhielten. Zudem macht sie deutlich, dass ein erheblicher Teil dessen, was der Autor in seinen ersten vier Lebens­jahr­zehnten schrieb – sieht man einmal ganz von den eigenhändig vernich­teten Manuskripten ab, deren Umfang man sich wohl auch größer vorstellen muss als bisher ange­nommen –, noch einer genaueren Sichtung harrt. So galt bisher das Tagebuch 1946 – 1949 als Keimzelle all jener Ideen, aus denen sich später die Prosatexte und Bühnen­stücke Frischs bis in die sechziger Jahre hinein entwickelten. Mit Schütt gelangt man jetzt noch eine Schicht weiter nach unten und stößt dort auf die „blauen Heftlein“ der Notizbücher, von denen rund 130 zwischen 1943 und 1952 vollgeschrieben wurden. Für den Biografen stellen sie Frischs „Anrichte“ dar: „ ... hier rüstete er erste Einfälle zu, schälte passende Begriffe heraus, verarbeitete einzelne Gedanken ...“

Es war wohl der frühe Tod des Vaters, der Max Frisch den Weg ein­schlagen ließ, auf dem er später zu Weltruhm gelangte. Mit seinen journalis­tischen Arbeiten hielt er die Familie über Wasser. Und dass er nahezu mühelos Eingang fand ins Feuil­leton der „Neuen Zürcher Zeitung“ und in andere namhafte Blätter, beweist die Qualität seiner ersten Arbeiten. Mit dem Vater und dessen Lebens­idealen war er dennoch erst wirklich fertig, nachdem er sich noch auf dessen ureigenem Gebiet, der Architektur, mit ihm gemessen hatte. Architektur­studium sowie abhängige und freie Arbeit als Architekt als „Abwege“ vom einmal einge­schlagenen Pfad des Künstlertums zu verstehen, greift deshalb zu kurz.

Zahlreich sind die Porträts von Zeitgenossen, die Julian Schütt in sein Buch eingearbeitet hat. Da ist der Jugend­freund Werner Coninx, der Frisch das Studium finanzierte und mit dessen späteren Ruhm nicht zurecht­kam. Da sind die Germa­nistik­profess­soren der ETH: Emil Staiger, mit dem Frisch knappe 30 Jahre später, anläss­lich des so genannten Zürcher Literatur­streits 1966/67, hart ins Gericht gehen sollte, der einfluss­reiche und im Grenz­bereich zwischen Gelehrtem und Dichter verankerte Robert Faesi, Emil Ermatinger mit seinem idealis­tisch-aristo­krati­schen Literatur­begriff und der noch junge Walter Muschg, von dem Frisch begeistert bekundet: „Er springt aus sich heraus, über den Unter­richts­ange­stell­ten hinaus, wagt sich bis zum Menschen, der sich seines Herzens nicht schämt ... O, wären es doch alle, welche diesen Titel tragen: Profess­soren, das heißt: Bekenner! Er ist es! Wir haben ihn gern.“ Da sind die Kollegen und Gegner aus den Feuilletons von mehr als einem halben Dutzend Zeitungen, allen voran Eduard Korrodi und Edwin Arnet. Und da sind schließlich all jene Frauen, die Frisch vor und während seiner ersten Ehe, die ihn gesell­schaftlich ganz nach oben katapultierte, wie Trophäen sammelte und die die unter­schiedlichsten Spuren in seinen Werken hinterließen.

Am dürftigsten ausgefallen ist übrigens der Bildteil der Biografie. 22 Abbil­dungen für vier Lebens­jahr­zehnte? Das reicht dem neugierigen Leser nicht hinten und nicht vorn – zumal im Text gelegentlich auf Bilder ange­spielt wird, die man dann vergeblich sucht. Doch Frischs und Schütts Verlag hat da für Abhilfe gesorgt. Zeitgleich mit der Biografie erschien nämlich der Band Max Frisch. Sein Leben in Bildern und Texten, heraus­gegeben von Volker Hage. Und da kann man dann so richtig schwelgen in fast 300 Fotos und einer ganzen Reihe erst­veröffent­lichter Dokumente, von denen die Gespräche zwischen Frisch und Herausgeber Hage nicht nur informativ, sondern auch ausge­sprochen launig daher­kommen.

   Max Frisch
Sein Leben in Bildern und Texten
Herausgegeben von Volker Hage
Berlin: Suhrkamp Verlag 2011
257 Seiten, 24,90 Euro

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6.

Was bedeutet uns Max Frisch heute noch? Iris Radisch hat in der ZEIT aus gegebenem Anlass darauf hingewiesen, dass, je älter die Gemeinde seiner treuen Leser wird, der Autor selbst umso jünger erscheint. Nun haben einige der frühen Texte gewiss schon Patina angesetzt. Die Erzählung Antwort aus der Stille etwa, zu der sich Frisch selbst später nicht mehr bekannte. Oder seine ersten beiden Romane mit ihrem vormodernen Erzähl­gestus, dem ganzen Adjektivgeflitter und den pathetischen Landschaftsbildern, in denen sich die Seelenqualen heftig mit sich ringender Figuren spiegeln. Ganz zu schweigen von einem Frauenbild, das als antiquiert zu empfinden man wahrlich kein Feminist sein muss.

Aber ist das der ganze Frisch? Keineswegs. Wie im Stiller gilt: Du sollst dir kein Bildnis machen! Denn wer das tut, verbaut sich den Zugang zum Unerwarteten, Über­raschenden. Letztlich steckt in den meisten Werken Frischs mehr Sehnsucht nach dem Anderen, nach dem, was nicht ist, als dass man den Schweizer Autor einfach so ad acta legen könnte. Nein, Max Frisch ist nicht nur ein Klasssiker – er ist ein höchst aktueller Klassiker. Also, fangen Sie an! Mit dem Gantenbein, der für mich fast das Modernste darstellt, was ein deutschsprachiger Roman in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewagt hat. Mit dem Tagebuch 1966 – 1971, in dem Frisch einen Formenreichtum entwickelt wie in keinem anderen seiner Werke. Mit Der Mensch erscheint im Holozän,wo auf bestürzende Weise deutlich wird, wie klein der Mensch und wie groß die Natur ist. Mit Montauk, in dem Max Frisch sich selbst erzählt, so wahr wie erfunden. Fangen Sie einfach an! Gleich heute noch. Denn es lohnt sich – versprochen!
Dietmar Jacobsen   17.06.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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