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americana@poetenladen

Eine Reihe zur US-amerikanischen Lyrik
Herausgegeben von Annette Kühn & Christian Lux

Billy Collins
Taking Off Emily Dickinson's Clothes

First, her tippet made of tulle,
easily lifted off her shoulders and laid
on the back of a wooden chair.

And her bonnet,
the bow undone with a light forward pull.

Then the long white dress, a more
complicated matter with mother-of-pearl
buttons down the back,
so tiny and numerous that it takes forever
before my hands can part the fabric,
like a swimmer's dividing water,
and slip inside.

You will want to know
that she was standing
by an open window in an upstairs bedroom,
motionless, a little wide-eyed,
looking out at the orchard below,
the white dress puddled at her feet
on the wide-board, hardwood floor.

The complexity of women's undergarments
in nineteenth-century America
is not to be waved off,
and I proceeded like a polar explorer
through clips, clasps, and moorings,
catches, straps, and whalebone stays,
sailing toward the iceberg of her nakedness.

Later, I wrote in a notebook
it was like riding a swan into the night,
but, of course, I cannot tell you everything -
the way she closed her eyes to the orchard,
how her hair tumbled free of its pins,
how there were sudden dashes
whenever we spoke.

What I can tell you is
it was terribly quiet in Amherst
that Sabbath afternoon,
nothing but a carriage passing the house,
a fly buzzing in a windowpane.

So I could plainly hear her inhale
when I undid the very top
hook-and-eye fastener of her corset

and I could hear her sigh when finally it was unloosed,
the way some readers sigh when they realize
that Hope has feathers,
that reason is a plank,
that life is a loaded gun
that looks right at you with a yellow eye.

Emily Dickinsons Kleidung ablegen

Zuerst ihr Cape aus Tüll
rasch über ihre Schultern gestreift und
auf die Lehne des Holzstuhls gelegt.

Dann ihre Haube,
die Schleife gelöst durch ein leichtes Ziehen nach vorn.

Danach das wallende weiße Kleid, eine verzwicktere
Angelegenheit mit all den Perlmuttknöpfen
entlang des Rückens,
so klein und zahlreich, dass es ewig dauert,
bis meine Hände den Stoff auseinander haben
wie ein Schwimmer, der das Wasser teilt
um hineinzuschlüpfen.

Du wirst wissen wollen,
dass sie am offenen Fenster stand,
in einem Schlafzimmer oben im Haus,
und reglos und mit großen Augen
in den Garten schaute,
zu ihren Füßen das weiße Kleid eine Pfütze
auf den breiten Bohlen des Dielenbodens.

Die Komplexität der Unterwäsche von Frauen
in Amerika des 19. Jahrhunderts
ist nicht von der Hand zu weisen,
und ich fuhr fort wie ein Polarforscher,
dem Eisberg ihrer Nacktheit durch Klemmen,
Schnallen und Schlaufen, Trossen, Verschlüsse
und Knöpfe aus Walbein entgegenzusegeln.

Später notierte ich in ein Heft,
dass es war, wie einen Schwan in die Nacht zu reiten,
aber ich kann dir natürlich nicht alles erzählen -
wie ihre Augen den Garten vergaßen,
oder das Haar fiel, frei von seinen Spangen,
wie plötzlich Gedankenstriche entstanden,
wann immer wir sprachen.

Ich kann dir nur sagen,
dass es furchtbar still war in Amherst
an diesem Sabbatnachmittag,
nichts als eine Luftfracht quer durchs Haus,
eine Fliege, die in ein Fenster flog.

So konnte ich sie beim Lösen
der obersten Haken-und-Ösen-Bindung
ihres Korsetts tief einatmen hören

und ich hörte sie seufzen, als es endlich geöffnet war,
so etwa, wie einige Leser seufzen, wenn ihnen klar wird,
Hoffnung hat Federn,
Vernunft ist eine Planke
Und das Leben ein geladnes Gewehr,
das dich anschaut mit einem gelben Auge.

Übersetzung von Ron Winkler

© Billy Collins. Aus: Billy Collins: Schneeschaufeln mit Buddha. Ausgewählte Gedichte.
Edition Erata, 2006. Mit freundlicher Genehmigung des Leipziger Literaturverlags.

Billy Collins


Foto: Barth Reed


Der 1941 in New York City geborene Billy Collins studierte an der University of California und lehrt heute am Lehman College in der Bronx. Collins Gedicht­bände sind in den USA Bestseller.

Seine Bände verkaufen sich in hohen fünfstelligen Auflagenzahlen, sie werden begeistert gelesen und auf Youtube mit kleinen Animations­filmen aufbereitet hundert­tausendfach herunter­geladen.

So unter­schiedliche Lyriker wie Lyn Hejinian, Robert Hass, Rita Dove, Robert Bly, John Hollander, James Tate, Louise Glück und Charles Simic haben Collins-Gedichte für die jährlich erscheinenden Anthologie The Best American Poetry ausgewählt.

Der Streit, der sich aus der Popularität seiner Schreibweise ergeben hat, ist nicht der seine. Seine Gedichte seien nicht »accessible« (eingängig, populär), so Collins, sondern »hospitable«, also einladend, bewohnbar.

Collins erhielt für seine Arbeit Stipendien von der New York Foundation for the Arts sowie von der Guggenheim Foundation. 2001 und 2002 wurde er zum Poet Laureate der USA ernannt.

Lyrik

Pokerface, 1977 – Video Poems, 1980 – The Apple That Astonished Paris, 1988 – Questions About Angels, 1991 – The Art of Drowning, 1995 – Picnic, Lightning, 1998 – Taking Off Emily Dickinson's Clothes, 2000 – Sailing Alone Around the Room: New and Selected Poems, 2001 – Nine Horses, 2002 – Trouble with Poetry and Other Poems, 2005 – Ballistics, 2009

Als Übersetzungen

Schnee schaufeln mit Buddha. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Ron Winkler. Edition Erata, Leipzig, 2006

Gedichtverfilmungen

Forgetfulness  externer Link
Now and Then  externer Link

Lesung

Billy Collins – Litany  externer Link

 

Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      06.07.2010

 

 
 
AMERICANA
  Billy Collins
    Einleitung
1   John Ashbery
  2   Rae Armantrout
  3   Rachel Zucker
  4   Peter Gizzi
5   Jack Spicer
6   Bob Perelman
7   Laura Kasischke
8   Kevin Prufer
9   Frank O'Hara
10   Forrest Gander
11   Matthea Harvey
12   Matthew Zapruder
13   Robert E. Hayden
14   Kenneth Koch
15   Billy Collins
16   Meghan O’Rourke
17   John Berryman
18   Bernadette Mayer
19   Albert Goldbarth
20   Dan Chiasson
21   Charles Olson