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Elke Erbs
Poetics  13


Lok

Es ist ja freilich nicht nur das Dichten Kreation, sondern auch das Lesen. Also: auch das Lesen von Gedichten ist Dichten. Erfinden, Ansetzen, Bauen. Erfinden:
  Sie/er erfindet etwas von sich aus. Nummer 1 erfindet im/zum Tänzchen Ge­dicht etwas von sich. Nr. 2 holt & holt, Biene, Honig aus sich (und Ihrem) und aus dem Gedicht – holt dazu auch ihre Erfindung einer Nummer 1. (1 & 2 sind hier nicht Rangfolge. Die Erste ist der Herkunft nach die Letzte. Usf. (Und sofort die Erste)).

Im Präfix er ist bei erfinden und überall seine perfigierende Kraft kaum noch erkennbar. „Ich konnte das nicht mehr ermachen“, hörte ich aber auf dem Land. Da hatte ich das er noch mit dem Perfekt-Point: machen, machen – und dann ist es fertig. So geht es nicht bei finden allerdings: finden, finden & da: erfunden. Hopsa! Da kommt Plus zu Plus, zu Plus an Plus, ein Überplus, hopp!

Ich setze neu an: Kafkas Tagebücher (1909-1923) fanden sich. Wurden ediert: Eine Auswahl von Max Brod 19378 in Prag. Vollständig, von ihm, 1951, bei Fischer, Frankfurt. Werkausgabenkritisch und optimal original sowie kommentiert hggb. von H.-G. Koch, M. Müller, M. Pasley Frankfurt 1990.

Unter 20 VIII 11, da ist er 28, steht eine Notiz, die das Lesen als Kreation mit einer so umfassenden Energie und Präzision erfaßt, daß ich sogleich dem Impuls folge, sie hier herauszuschreiben und auszustellen:

Ist es so schwer und kann es ein Außenstehender begreifen, daß man eine Ge­schich­te von ihrem Anfang in sich erlebt vom fernen Punkt bis zu der heran­führenden Loko­motive aus Stahl, Kohle und Dampf, sie aber auch jetzt noch nicht verläßt sondern von ihr gejagt sein will und Zeit dazu hat, also von ihr gejagt wird und aus eigenem Schwung vor ihr läuft wohin sie nur stößt und wohin man sie lockt.

So könnte man von einem Gedicht wohl nicht sprechen, erwäge ich flüchtig, aber ausreichend, nebenher. Hier muß es sich um einen Roman handeln, Roman-Unternehmen, Roman-Werk. Warum sage ich, er spricht von einem Lesen? Weil er das Werk von außen sieht. Und weil das Lesen so sein könnte, wünschenswert so, und wie unbeobachtbar oft auch wirklich so ist!
  Das Hin und Her wirkt auf mich: daß vom fernen Punkt erst folgt auf von ihrem Anfang, dann die prächtige Lok, volle Fahrt, Vollführen, dann: auch jetzt noch nicht und gejagt sein will und das zurückgreifende und Zeit dazu hat – und dann noch der "eigene Schwung" und als Parallelen (!) wohin sie nur stößt und wohin man sie lockt. Perfekt.

Nach einem Schlußstrich folgt ein überaus wahrliches Überplus:

Ich kann nicht verstehn und nicht einmal glauben. Ich lebe nur hie und da in einem kleinen Wort, in dessen Umlaut (oben „stößt“) ich z.B. auf einen Augenblick meinen unnützen Kopf verliere. Erster und letzter Buchstabe sind Anfang und Ende meines fischartigen Gefühls.
Elke Erb   29.07.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Elke Erb
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