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Laudatio. Für Elke Erb

Von Anton Thuswaldner
 Preis der Literaturhäuser 2011 (Laudatio II)

    


Was geht in einem Menschen vor, dass er meint, das Angebot, das ihm zur Verfügung gestellt wird durch Zeit und Gesellschaft, reicht ihm nicht aus. Es muss etwas anderes geben, etwas, das abseits liegt, das verdrängt und weggeschoben, marginalisiert und klein geredet, verboten und verbannt, schamhaft versteckt und gewaltvoll weggesperrt wird. Die meisten finden sich ab damit. Es wird seine Gründe haben, meinen sie, dass wir nicht alles sehen und hören dürfen. Wer weiß, auf welche Gedanken wir sonst noch kommen würden. Stimmt! Wenn wir uns zuwenden all jenen Dingen, die für uns nicht bestimmt sind, dann kommt ein schöner Schlamassel raus. So jemand wie Elke Erb ist dafür rasch zu begeistern. All das, was nicht von vornherein zugänglich ist, sondern erst erarbeitet werden oder man sich rauben muss, erregt ihre Aufmerksamkeit. Sie erhofft sich keine Schätze, pfeift auf materiellen Reichtum, aber in ihren literarischen Anfängen ahnte sie, jetzt weiß sie es, dass in unserer Sprache ein Reser­voir zur Durch­dringung unserer Welt steckt, von der der gemeine Hausverstand nicht einmal zu träumen wagt. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die sieht man nicht, man hört sie nicht, und dennoch sind sie da, fliegen uns an, erheischen unsere Wahr­nehmungs­gier. Es stecken Gedanken in den Wörtern, die sie im abgenützten Gebrauch nie zu zeigen gewillt sind. Wörter sind nämlich mit einer unan­genehmen Eigenschaft ausgestattet.

Wer sich zufrieden gibt, Bot­schaften und Befehle weiterzugeben, dem entziehen sie sich. Nie wird solch ein Alltagssprecher vermuten, dass Wörter zu etwas anderem als handfester Verständigung gut sind. Wer aber die Wörter ernst nimmt, sieht, dass sie alle über ihre eigene Geschichte und Herkunft verfügen und dass sie mehr wissen als uns das Wörterbuch verrät, wenn wir in ihm nachschlagen. Was also geht vor in einem Menschen, der meint, dass ihm der spärliche Alltags­gebrauch der Sprache nicht ausreicht, weil sein Leben, Denken und Fühlen um so vieles reicher sind, dass damit der handelsübliche Sprachgebrauch nicht mithalten kann. Elke Erb gehört jener Spezies von Menschen an, die den Kampf gegen unsere Ohnmacht, aus unserem Ich-Käfig nicht heraus zu können, mit List und Tücke, warum nicht auch mit Heimtücke, aufnimmt. Voraussetzung ist, dass sie ein Gegenüber findet, das einsteigt auf ihr Angebot, ihren eigenen Denkwindungen zu folgen auf die Gefahr hin, dass wir uns bisweilen heillos verirren. Macht nichts, dann steigen wir aus aus einem ihrer Gedichte, schütteln uns betäubt von der Fremdheit dieser Wort­verbindungen. Dann unternehmen wir einen neuen Versuch und dann sind wir gefangen, machen diese unerwarteten Wortverbindungen zu unseren eigenen und vergessen darauf, den reinen Sinn daraus zu ziehen. Ein Sinn, der sich nämlich ohne Verlust in die Prosa des gemeinen deutsch sprechenden Bürgers übertragen lässt, hat mit Poesie nichts zu schaffen. Zur Poesie gehört die Form, in der ebenso viel Aussage steckt wie in der reinen Information. Gedichte, wie sie Elke Erb schreibt, sind Individuen, so sperrig, so schön, so überraschend und unberechenbar wie jeder einzelne Mensch auch. Bei ihrer Lektüre wird man um den Verstand gebracht, wenn man sich nicht lösen will von der Schwerkraft eines eindeutigen Sinns und einer zweifels­freien Bedeutung. Der Zweifel schreibt immer mit in dieser Lyrik, der Zweifel an der Tragfähigkeit überlieferten Gedankenguts. Was überliefert ist, ist gut und schön, das Wahre für Elke Erb aber keineswegs.

Das alles widerspricht den Ansprüchen der Nachkriegslyrik, die ehrenwert Moral unters Volk zu bringen gedachte. Ab 1968 erschienen die ersten eigenständigen Veröffentlichungen der Autorin in der DDR und in Westdeutschland. Sie war zwölf Jahre alt, als sie 1950 mit ihrer Familie nach Halle in der DDR übersiedelte. Nichts wies darauf hin, dass sie auf dem Weg der Literatur zur Abweichlerin werden würde. Sie legte die unauffällige Musterbiografie einer aufrechten sozialistischen Kämpferin hin. Sie studierte russisch und deutsch, ließ sich zur Pädagogin ausbilden, arbeitete als Lektorin im Mitteldeutschen Verlag, verfasste Gutachten und Kritiken, alles im Sinn der Ordnung. Sie pflegte Kontakte zu Karl Mickel, Sarah Kirsch und Erich Arendt, heiratete Adolf Endler. In diesem Umfeld waren Konflikte mit staatlichen Autori­täten nicht zu vermeiden. Unerhört, wie sich hier eine das Ich zur letzten Instanz kürt und sich verstärkt in Spracharbeit verkriecht. So sieht eine unzuverlässige Genossin aus, die der Fortschritt der Gesellschaft wenig be­küm&mert. Ach, wenn es nur so wäre. Es ist ja ein Fehler zu meinen, dass einer, der sein Ich gegen die Gesellschaft in Stellung bringt, sich von dieser absentiert. Vielleicht kann er sich einfach eine andere Gesellschaft vorstellen, eine, in der der Freiheit des Denkens Raum eingeräumt wird. Gut vorstellbar, dass so jemand auf solche Gedanken überhaupt kommt, weil er durch die intensive Beschäftigung mit Sprache auf Wirklichkeiten stößt, die in der Praxis nicht vorgesehen sind. Das soll dieser Elke Erb dann erst einmal jemand erklären, dass ihre poetischen Unternehmungen ästhetischer Selbst­zweck seien, wo sie doch drauf und dran ist, die Welt kraft ihrer Imagination neu zu erfinden.

Ihre Gedichte bestehen aus Sprache wie alle anderen Gedichte auch, aber diese wissen um ihre Herkunft aus dem Reich der Wörter. Dennoch sind sie voll mit Nachrichten aus der gelebten Wirklichkeit. Hier ist eine Sprachartistin am Werk, der es nicht genügt, ein paar Kunststücke vorzuführen, um sich alsbald mit ein paar Verbeugungen in die Unsichtbarkeit ihrer Umkleidekabine zurückzuziehen. Sie bleibt ständig präsent als die Macherin der Lyrik. Ihr Alltag zieht ein ins Gedicht, unspekta­kuläre Szenen stellen sich ein, die erst durch den Verwandlungs­prozess der Sprache etwas rätselhaft Denkwürdiges abbekommen. Elke Erb liest, sie macht sich ihre Gedanken darüber, sie setzt sich mit den Gedanken der anderen auseinander, setzt sie fort, hakt ein, um zu widersprechen. Leben, lesen, schreiben, denken, das ist der Alltag einer Dichterin, der zu Buche schlägt.

Elke Erb ist eine sprachmagische Denkerin. Magisches Denken ist in Verruf gekommen. Wir gestehen es unseren Vorfahren zu, die weit entfernt von der Systematik der Wissenschaften Erklä­rungen für ihr Dasein suchten. Wir bemerken es bei Kindern, die die Dingwelt beleben, und weil wir Kinder mögen, freuen wir uns mit ihnen über ihre heiter-sinnliche, rundum turbulente, freihändig erfundene Wirklichkeit. Sprachmagisches Denken aber ist eine komplexe, erwachsene Angelegenheit. Es berührt die Reflexion ebenso wie das Unbewusste, hier geben sich Vernunft und Unvernunft ein vergnügtes Stell­dichein. Es ist keineswegs ausgemacht, wer hier die Oberhand behält. Die Sprache ist ja ein System, das strengen Regeln gehorcht, die Grammatik ist ihr Normprinzip. Das ist schön gedacht und klug gemeistert, aber gegen die Grammatik wird häufig verstoßen. Von Anfängern aus Unkenntnis und von den Dichtern aus Vorsatz und aus Gründen der Renitenz. Wörter geben sich gefügig. Sie ordnen sich ein in das Modell und halten still. Wörter allein verfügen über kein Leben, aber kommt eine Dichterin vom Schlage der Elke Erb, erwachen sie aus ihrer unter­geord­neten Schlafmützigkeit und zeigen Zähne. Ein Sprechen, das die Bahnen der Konvention verlässt, wird politisch. Es stößt ja vor in Bereiche, in denen Kontroll­systeme versagen. So kommt etwas zur Sprache, was vorher noch nicht gedacht war. Was vorerst nur Idee ist, kann gefährlich werden. Das weiß ein Beobachter mit dem Über­wachungs­tick, deshalb hält er Abweichungen für bedrohlich.

Einmal stolpert Elke Erb über die Literatur von Adalbert Stifter. Er verkörpert etwas grundsätzlich anderes als sie selbst, das macht ihn spannend für sie. Sie sieht ihn als einen, dem das Wort als etwas Heiliges gilt. Das mag jemanden, der dir Literatur für eine profane Sache nimmt, schon irritieren. „Profan“, fragt sie im Gedicht „An Stifter gedacht (Adagio)“, „Profan (ach, hatte er das Wort im Wortschatz?)“ Man merkt, wie fremd ihr diese Haltung ist, Wörter zu heiligen, sie als Widerschein eines göttlichen Prinzips zu akzeptieren. Erb selbst geht auf Konfron­tations­kurs mit den Wörtern, inszeniert Kollisionen von Wörtern, dass die Funken eines neuen Sinns, eines Gegensinns womöglich, aus ihnen springen mögen. Aber so weit sind Stifter und Erb dann gar nicht voneinander entfernt. Beide nehmen die Wörter ernst, trauen ihnen eine Menge zu. Sie gehen aber von miteinander nicht zu vereinbarenden Voraussetzungen aus. Stifter bindet seine Literatur an eine höhere Wirklichkeit, gegen die er nicht an kann, die er allenfalls wider­zuspiegeln imstande ist. In dieser Wider­spiege­lung verbirgt sich eine Ordnung, auf die Verlass ist. Auf nichts ist Verlass, sagt Erb. Ordnungen sind Erfindungen der Menschen, jeder­zeit sind sie durch eine andere ersetzbar. Ihre Literatur betreibt nichts anderes, als dass sie Gedicht für Gedicht eine neue Ordnung auf Zeit schafft. Wir betreten eine Welt, die gültig ist, solange wir uns in ihr aufhalten. Wenn wir Glück haben, greift diese literarisierte Ordnung auf das Denken und Fühlen in unserer gelebten Welt über, dann wird uns die gelebte, die gesell­schaftliche Ordnung, der wir Folge leisten, suspekt.

Elke Erb ist prägend geworden für eine jüngere Gene­ration von Autorinnen und Autoren, die Orientierung suchen im Meer der Traditionen. Und sie ist selbst brennend interessiert daran, wie es mit der Lyrik weitergeht. Sie liest ihre jüngeren Kolleginnen und Kollegen, schafft Aufmerk­samkeit für sie, lässt sich herausfordern durch sie mindestens so wie durch die Lektüre von Stifter. Das kommt ihrer eigenen Lyrik zugute, die sich ständig auf dem Sprung befindet nach neuen Einsichten, um einmal Erreichtes umzu­schreiben, neu zu deuten.

Elke Erb erhält den Preis der Literaturhäuser nicht nur für ein beein­druckendes Werk, das sich im Lauf der Jahrzehnte mächtig und unüberhörbar aufgebaut hat, sondern auch für ihren Vortrag. Das werden Sie jetzt zu hören bekommen. Deshalb ist auch Ihnen zu gratulieren, weil Sie das Glück haben, einer echten Dichterin zuhören zu dürfen.



  Elke Erb
Meins
Hrsg. von Christian Filips
roughbook 006; 2010
11 EUR

Elke Erb
Deins. 31 Reaktionen auf Elke Erb
Hrsg. von Urs Engeler u. Christian Filips
roughbook 013; 2011
10 Euro
Anton Thuswaldner   08.04.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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